28.10.1985

SCHACHRisse im Netz

Nächste Woche endet die Weltmeisterschaft in Moskau. Mit zwei weiteren Titelkämpfen zwischen Karpow und Kasparow ist für 1986 und 1987 zu rechnen. Insgesamt spielen sie dann 120 Partien. *
In ihr Bett wünscht sich Brigitta Cimarolli den Schachweltmeister Anatolij Karpow. Brigitta, österreichisches Photomodell für Schuhe, Strümpfe und Wäsche sowie dreifache Salzburger Schachmeisterin, Anfang Mai in einem "Zeit"-Interview: "Mein Gott, wenn ich einmal mit ihm schlafen könnte!"
Immerhin ans Brett bekam sie Karpow bei einer Simultanveranstaltung der Münchner "Spaten"-Brauerei im Juni, und ihr gelang ein Remis.
Im Dritten Fernsehen tippte Brigitta auf den "sanften Tolja" Karpow als Sieger im derzeitigen Titelkampf um die Weltmeisterschaft gegen den Herausforderer Garri Kasparow.
Die österreichische Schöne zählte zu den ersten, Bundespräsident Richard von Weizsäcker gehört nächste Woche zu den letzten Gästen einer Sendereihe "Schach dem Weltmeister", in der Schachprofi Helmut Pfleger jeweils mit einem Amateur eine Partie des Moskauer Matchs kommentiert und die Chancen der beiden Titelkämpfer erörtert.
Spätestens am Donnerstag oder Sonnabend nächster Woche wird die Schach-WM enden. Ein erstes Match war im Februar nach 48 Partien abgebrochen, das zweite Match für September beim Stande von null zu null neu angesetzt und auf 24 Partien begrenzt worden.
Die ersten Zeitungen stimmten Anfang voriger Woche ihre Leser auf einen Sieg Kasparows ein. Letzten Montag zum Beispiel, als er nach drei Siegen, zwei Niederlagen und zwölf Remispartien knapp mit 9:8 Punkten führte und noch sieben Partien zu spielen waren, rechnete das "Hamburger Abendblatt" auf Seite eins: "Noch 35 Stunden Konzentration, und er ist Weltmeister."
Die Londoner "Financial Times" porträtierte den Herausforderer zur gleichen Zeit als hohen Favoriten. Der Reporter entdeckte sogar an einer Moskauer Wand ein Zeichen der Wende: Aus dem Zentralen Schachklub sei ein Photo entfernt worden, das den Weltmeister Karpow mit dem einstigen KP-Chef Breschnew gezeigt habe.
Schon wird das Privatleben des jüdisch-armenischen Schachstars Kasparow ausgeleuchtet, der in Baku, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Aserbaidschan, lebt. Vorige Woche wurde in einem englischen Blatt zum erstenmal die russische Filmdiva Marina Nejolowa als die Frau an seiner Seite öffentlich genannt.
Am Donnerstag voriger Woche floß viel Wodka in Moskau und Baku, als die 19. Partie in einer eindeutigen Gewinnstellung für Kasparow abgebrochen wurde. Für Weltmeister Karpow hatte es keinen Sinn, am nächsten Tag auch nur noch einen einzigen Zug zu machen. Mit zwei Punkten Vorsprung schien Kasparow der Titel schon am Donnerstag sicher zu sein. Aber ganz gleich ob er Weltmeister wird oder Karpow es wider Erwarten bleibt - ein Superlativ ist dem Sieger sicher.
Entweder wird Kasparow mit 22 Jahren der jüngste Weltmeister der Schachgeschichte; der 21jährige Amerikaner Paul Morphy galt zwar vor 150 Jahren als weltbester Spieler, aber damals gab es noch keine offiziellen Titelkämpfe.
Oder Karpow schafft es, seinen Titel zum drittenmal zu verteidigen, wie schon 1978 in Baguio City auf den Philippinen und 1981 im Südtiroler Meran, beide Male gegen den Exilrussen Wiktor Kortschnoi. Das gelang keinem seiner neun Vorgänger in diesem Jahrhundert.
Nur der Deutsche Emanuel Lasker, Weltmeister von 1894 bis 1921, blieb sogar gegen sechs Herausforderer nacheinander erfolgreich. Er hatte sich allerdings seine Gegner aussuchen können und mit Bedacht nur solche akzeptiert, die er für zu alt oder von vornherein für zu schwach hielt, als daß sie ihm gefährlich werden konnten.
Obwohl Karpow und Kasparow beide nicht nur Sowjet-Bürger, sondern auch KP-Mitglieder sind, gibt es zwischen ihnen soviel Haß und Verachtung, als kämen sie aus verschiedenen Welten.
Der amerikanische Schachprofi Jonathan Tisdall, schon bei mehreren Weltmeisterschaften vor Ort, glaubt "noch
nie eine solche feindselige Atmosphäre erlebt zu haben wie diesmal. Sie ist sogar brisanter als beim Kampf Karpows gegen den abtrünnigen Kortschnoi".
Die beiden Kämpfer begrüßen sich vor jeder Partie stumm mit Handschlag, und sie haben in den bislang acht Wochen des Kampfes noch kein Wort gewechselt. Nach den Partien entfernen sie sich sogleich, ohne die Züge zu analysieren, wie es unter Profis üblich ist und wie sie es bei dem ersten Match auch getan hatten.
Und es gibt darüber hinaus einen Psycho-Krieg. Karpow jedenfalls ist überzeugt (wie er dem deutschen Schachpsychologen Reinhard Munzert offenbarte), daß Kasparow ihn während der Partien mit Mienen und Gesten irrezuführen und abzulenken versuche. Insbesondere täusche er manchmal Nervosität gerade dann vor, wenn er sich seiner Sache besonders sicher sei.
Beide Spieler haben ihre Cliquen im Saal. Den Herausforderer umjubeln zu Beginn und bei jedem Erfolg insbesondere Landsleute aus Aserbaidschan, den Titelverteidiger vor allem Rotarmisten, weil der Zivilist Karpow für den Schachklub der Armee spielt.
Die Feindschaft zwischen den beiden weltbesten Schachspielern wurde von Florencio Campomanes, dem Präsidenten des Weltschachbundes (Fide), verursacht. Campomanes nennt Karpow seinen "Freund" und versucht wider Recht und Moral, ihn vor dem Verlust seines Titels zu bewahren.
Ohne den Eingriff seines Freundes Campomanes wäre Karpow wahrscheinlich schon seit Februar nicht mehr Weltmeister. Campomanes brach den Wettkampf ab, als Kasparow nach anfänglichem Rückstand von 0:5 gegen den sichtlich angeschlagenen Weltmeister ("Bild": "Karpow k. o.") die 47. und 48. Partie gewann und auf 3:5 verkürzte. Dem Präsidenten assistierten dabei der Deutsche Alfred Kinzel, der den nicht immer in Moskau anwesenden Campomanes des öfteren als "oberstes Organ der WM" (Kinzel) vertrat, und der jugoslawische Schiedsrichter Gligoric.
Würden die Fide-Regeln eingehalten und würde Sportsgeist herrschen, so dürfte von den vier wichtigsten Funktionären, die das zweite WM-Match leiten, kein einziger amtieren.
Campomanes und Kinzel haben sich nicht nur durch den Abbruch des ersten Matchs disqualifiziert. Unparteiische können sie auch deshalb nicht sein, weil sie private Geschäfte Karpows besorgen. Als seine Bevollmächtigten forschen sie nach dem Verbleib von einer Million Mark, die der langjährige Karpow-Vertraute Helmut Jungwirth, ein deutscher Fernsehredakteur, veruntreut haben soll (SPIEGEL 40/1985).
Kinzel organisiert und begleitet überdies seit Jahren alle Reisen Karpows in der Bundesrepublik. Insbesondere kassiert er hierzulande für Karpow die jeweils fünfstelligen Honorare. Den Gedanken, er verwalte das Geld des Weltmeisters auch nach dessen Reisen, erklärt Kinzel allerdings für "Unsinn".
Auch die beiden von Campomanes ernannten Schiedsrichter, der Bulgare Maltscheff und der Sowjet-Litauer Mikenas, gehören nicht auf die Bühne des Tschaikowski-Konzertsaals. Nach den Fide-Paragraphen darf nur derjenige als Schiedsrichter eingesetzt werden, der auf einer Vorschlagsliste von beiden Spielern angekreuzt wird. Aber Karpow war nicht mit Mikenas, Kasparow nicht mit Maltscheff einverstanden. Den Bamberger Großmeister und Karl-May-Verleger Lothar Schmid, den beide akzeptiert hätten, berief Campomanes nicht.
Er setzte Moskau als Spielort fest, obwohl Karpow dort wohnt und Kasparow aus dem 2000 Kilometer entfernten Baku anreisen mußte. Dessen Vorschlag, in Leningrad zu spielen, wurde überhaupt nicht erörtert.
Campomanes entschied überdies, daß bei Gleichstand von 12:12 Punkten Karpow seinen Titel behält. Kasparow hatte eine Verlängerung um sechs Partien vorgeschlagen.
Damit nicht genug der Privilegien des derzeitigen Weltmeisters. Campomanes sorgte auch noch für eine Lex Karpow. Verliert sein Freund das Match, so hat er das Recht auf eine Revanche im nächsten Jahr.
Dieses Recht war nach dem Krieg dem ersten sowjetischen Weltmeister Michail Botwinnik gewährt worden. Aber die Regelung galt auch damals als unsportlich und war vor einem Vierteljahrhundert wieder abgeschafft worden.
Weil die Fide künftig Schachweltmeisterschaften nicht mehr alle drei, sondern alle zwei Jahre ansetzt, kann es mithin durchaus geschehen, daß Karpow und Kasparow schon 1986 und 1987 die nächsten Titelkämpfe austragen.
Dann würden sie es innerhalb von drei Jahren auf 120 Partien bringen. Eine absurde Vorstellung: Sie würden von Ende 1984 bis Ende 1987 etwa 50 Wochen für ihre Matchs brauchen und müßten sich in der übrigen Zeit entweder darauf vorbereiten oder davon erholen.
Daß sich für die 1987er WM ein anderer Schachspieler als Herausforderer qualifiziert, ist kaum zu erwarten. Zu groß ist der Abstand zwischen den beiden Titelkämpfern und den anderen Spielern der Weltspitze. Das zeigten fast alle Turniere und Zweikämpfe der letzten Jahre. Auch bei dem Kandidatenturnier, an dem derzeit im südfranzösischen Montpellier 16 Profis teilnehmen, hat sich bislang keiner vom Felde absetzen
können und damit als Spieler von der Stärke Kasparows und Karpows erwiesen.
Wie der Hamburger Schachprofi und SPIEGEL-Mitarbeiter Gisbert Jacoby dürften auch die meisten anderen Experten nach der Analyse der ersten 18 von 24 Partien des jetzigen Matchs beide Spieler "auf absehbare Zeit für gleich stark" halten.
Allerdings zeigte Karpow in der 11. und in der 16. Partie größere Schwächen als Kasparow in seinen Verlustpartien (der 4. und 5.). Die 11. verlor der Weltmeister, weil er einen "Fehler wie ein Kreisklassenspieler" machte ("Stuttgarter Zeitung"). Und die 16. verlor er, "nicht weil Kasparow in diesem oder jenem Zug, sondern weil der Herausforderer Zug für Zug besser war und den Weltmeister so brillant überspielte, daß Karpow sich deklassiert fühlen mußte" (Jacoby). Aber Karpow bewies Stehvermögen, verzichtete auf das Recht, die nächste Partie zu vertagen, versuchte sie zu gewinnen und gab sich erst nach scharfem Kampf mit einem Remis zufrieden.
Jacoby hatte die Spieler schon für gleich stark erklärt, als Kasparow im ersten Match scheinbar aussichtslos zurücklag (SPIEGEL 1/1985). Nach seiner Analyse von 18 Partien des zweiten Matchs ist er überzeugt, daß beide besser spielten. Kasparow unterliefen keine groben Fehler, er überraschte mit neuen Eröffnungszügen und verbesserte seinen populären Kampfstil. Karpow zeigte sich erheblich mutiger und flexibler als früher.
Der Weltmeister hat wegen der Kabalen um seinen Titel erheblich an Ansehen verloren. Wie die meisten Schachfans über den Ausgang des Kampfes urteilen werden, läßt sich unschwer voraussehen:
Gewinnt Kasparow, so gewinnt er trotz Campomanes, gewinnt Karpow, so gewinnt er dank Campomanes.
Wie jetzt schon an Prestige, wird Karpow auch noch an Macht verlieren, wenn Kasparow neuer Weltmeister wird.
Derzeit sind im Sowjetischen Schachverband und in der sowjetischen Schachpresse alle wichtigen Posten mit Karpow-Leuten besetzt, und sie verhalten sich, "als gehörten sie zu seiner Familie". So sagt es Kasparow, und einer seiner Vertrauten vergleicht Karpow mit einer Spinne und den Schachverband mit deren "Netz, in dem sich jeder verfängt, der ihr zu nahe rückt".
Aber es gibt erste Risse in diesem Netz. Und es wird zerreißen, sobald Karpow seinen Titel verliert. Denn im sowjetischen Schachleben ist es nicht anders als in der sowjetischen Politik: Bei jedem Wechsel an der Spitze müssen viele um ihre Posten bangen.
Vor einigen Wochen waren die Wahlen für einige wichtige Posten des Sowjetischen Schachverbandes fällig.
Sie wurden verschoben - bis nach der Weltmeisterschaft.

DER SPIEGEL 44/1985
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