13.01.1986

PHOTO-INDUSTRIE

Wust von Patenten

Nach zehnjährigem Rechtstreit drückte Polaroid den Konkurrenten Kodak aus dem Geschäft mit Sofortbildern. *

Etwa sechzehneinhalb Millionen Menschen besitzen eine Sofortbildkamera der Marke Kodak, und sie alle bekommen in den nächsten Tagen ein ungewöhnliches Angebot: Sie dürfen die bis zu 250 Mark teuren Geräte zurückgeben.

Dafür dürfen sie sich dann etwas anderes aussuchen. Sie können sich einfach einen Gutschein über 50 Dollar geben lassen, eine neue Disc-Kamera wählen oder - ganz spekulativ - eine Kodak-Aktie, die am Freitag vergangener Woche 48 Dollar wert war.

Das Angebot hat einen einfachen Grund: Instant-Kameras und Filme der Marke Kodak wird es bald nicht mehr geben.

Die Umtauschaktion ist die Folge eines überraschenden Urteils in einem fast zehnjährigen Rechtsstreit zwischen dem amerikanischen Photoriesen Kodak (Umsatz: 11 Milliarden Dollar) und dem Unternehmen des Sofortbild-Erfinders Edwin H. Land, der Firma Polaroid (1,3 Milliarden Dollar Umsatz). Sie hatte dem Konkurrenten vorgeworfen, bei der Herstellung seiner Kameras und Filme einfach die Verfahrenstechniken von Polaroid genutzt zu haben.

Ein Bundesgericht des US-Staats Massachusetts hatte der Firma im Oktober vergangenen Jahres in den meisten Streitpunkten recht gegeben und die Einstellung von Produktion und Vertrieb zum 8. Januar verfügt. Kodak - wegen seiner gelb verpackten Produkte auch "gelber Riese" genannt - legte gegen den Richterspruch sofort Berufung ein und bat gleichzeitig beim Obersten-Gerichtshof um Aufschub des Urteils, bis das Verfahren endgültig entschieden sei.

Doch am Mittwoch vergangener Woche wies der Supreme Court den Kodak-Einspruch zurück. So bleibt Kodak nichts anderes übrig, als das Sofortbild-Geschäft aufzugeben. Nur auf Exportmärkten, etwa in Deutschland, kann Kodak seine Filme noch so lange verkaufen bis die Lager geräumt sind.

Nach einem zehnjährigen Intermezzo gibt es auf diesem Markt nur noch einen Anbieter. Die Nummer eins war Polaroid bei den Instant-Kameras ohnehin.

In den dreißiger Jahren hatte der Tüftler Edwin Land in Cambridge/USA eine kleine Firma für Kameras und optische Gläser gegründet. Kurz nach dem Krieg kam Land die Idee zu einer Kamera, die Bilder ohne den Umweg über das Photolabor in Minutenschnelle selbst entwickelt. Er bot das Verfahren 1947 den Kodak-Leuten zum Kauf an. Doch die zeigten sich blasiert. Die Erfindung, so meinten sie, sei zwar "elegant", aber letztlich doch wohl "ein Spielzeug ohne echte Marktchancen".

Land ließ sich nicht beirren und baute seine Wunderkamera selbst. Er verbesserte sie im Laufe der Jahre und schuf sich eine Monopolstellung, die fast 30 Jahre lang unangetastet blieb.

Zunächst war die Polaroid, wie Land sein Produkt nannte, für den vor allem mit Billig-Kameras handelnden Photokonzern

keine ernsthafte Konkurrenz. Im Gegenteil: In den sechziger Jahren rückten sich beide Firmen näher. Kodak stellte jahrelang den Negativteil für Lands Sofortbild-Filme her.

Als dann die Polaroid Ende der sechziger Jahre allmählich zum Massenartikel wurde, drängte auch Kodak in den vielversprechenden Markt. Es dauerte aber sieben Jahre, bis die Ingenieure und Chemiker in Rochester das "Projekt X", eine eigene Instant-Kamera, so weit entwickelt hatten, bis sie es 1976 den Kunden anbieten konnten.

Obwohl Kodaks Vorstoß den Instant-Pionier in der Phase eines tiefen Gewinneinbruchs traf, reagierte Land zunächst nur mit der lakonischen Bemerkung: "Zu zweit spielt sich's besser Tennis." Doch kurz danach ging Land härter zur Sache. Er zog vor Gericht.

Kodak habe, so behaupteten Lands Juristen, im Jahre 1974 mehr als 30000 Polaroid-Filme und siebzig SX-70-Kameras gekauft, um sie zu analysieren und teilweise nachzuahmen. Zehn Polaroid-Patente, darunter drei des Firmengründers Land, seien verletzt worden.

Als der Prozeß nach jahrelangen Vorbereitungen schließlich 1981 in Boston begann, konterte Kodak mit einer schlauen Strategie: Polaroid, so die Anwälte des Konzerns, habe "die Neigung, statt wirklicher Innovationen, jeden winzigen Fortschritt patentieren zu lassen". Durch den Wust von Patenten, die sich nur in Nuancen voneinander unterschieden, versuche Polaroid lediglich seine Monopolstellung zu sichern.

Es half nichts. Im Herbst vergangenen Jahres stimmten die Richter der Kodak-Kritik nur bei drei Patenten zu. Die sieben übrigen Patente beständen zu Recht und seien von Kodak verletzt worden. Sie verfügten, daß Kodak sich sofort vom Markt zurückzieht. Experten rechnen zudem damit, daß Polaroid noch Entschädigungen bis zu zwei Milliarden Dollar zustehen.

Mit dem Urteil muß der gelbe Riese nach Ansicht des Kodak-Chefs Colby H. Chandler einen "schweren und irreparablen Imageverlust" verkraften. Vielmehr allerdings bedeutet es wohl nicht, denn trotz Millionen-Investitionen in Forschung und Werbung war es Kodak nie gelungen, die Vormachtstellung Polaroids zu gefährden. Selbst in den besten Jahren konnte Kodak nie mehr als ein Drittel des Marktes erobern.

Zunächst hatte der Wettbewerb noch das Interesse der Verbraucher an Sofortbildern belebt. Noch 1978 konnten beide Firmen zusammen 18 Millionen Instant-Kameras in aller Welt verkaufen - soviel wie nie zuvor. Seitdem jedoch geht das Geschäft weltweit zurück. Wer bunte Bilder will, kauft nun doch lieber richtige Kameras. Die sind inzwischen handlicher geworden und ohnehin vielseitiger einsetzbar als die klobigen Instant-Geräte. Zudem ist das Photographieren mit den Kleinbildgeräten deutlich billiger, denn jedes Instant-Photo kostet immerhin mehr als zwei Mark.

Im vergangenen Jahr verkauften Polaroid und Kodak nur noch halb so viele Apparate wie im Rekordjahr 1978. Bei Kodak steuerte das Geschäft gerade noch drei Prozent zum Umsatz bei; Anfang vergangenen Jahres wurde deshalb bereits die Kamera-Produktion in Deutschland, wo die teuersten Modelle vom Band liefen, eingestellt.

Alles in allem wird Kodak nach verläßlichen Schätzungen im Instant-Geschäft jährlich bis zu 100 Millionen Dollar draufgelegt haben. Da sei, vermuten Branchenkenner, der Richterspruch von Boston nicht ganz ungelegen gekommen.

Der Reinfall mit den Sofortbildern ist allerdings nicht der einzige Fehlschlag des gelben Riesen. Auch mit der 1982 eingeführten Disc-Kamera, die winzige Bilder auf einer runden Scheibe macht, und dem Einstieg ins Videogeschäft (1984) konnte Kodak die geweckten Erwartungen bisher nicht erfüllen.

Nur ein großer Wurf ist Kodak in den letzten Jahren gelungen - der Start der Pocket-Kamera. Das aber war schon 1972.


DER SPIEGEL 3/1986
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