23.09.1985

Kuchenkrümel Kommunismus

Heiner Sylvester über die junge Literatur der DDR Unter dem Titel „Berührung ist nur eine Randerscheinung“ haben die Ost-Berliner Autoren Elke Erb und Sascha Anderson eine Anthologie junger Schriftsteller aus der DDR zusammengestellt, die nun nur im Westen erschienen ist. - Heiner Sylvester, 42, ist Autor eines heimlich gedrehten Films über kritische Schriftsteller der jüngeren DDR-Generation, den er 1984 in die Bundesrepublik schmuggelte. Der gebürtige Dresdner lebt heute als freier Fernsehjournalist in Hamburg. *
Die Geschichte eines Buches ist normalerweise eine Randerscheinung. Vor sieben Jahren initiierte der Schriftsteller Franz Fühmann eine Anthologie unbekannter neuerer DDR-Literatur, um sie zumindest in der literarischen Fachwelt bekanntzumachen. Fühmann hoffte auch, damit den jungen Literaten helfen zu können.
Die Sammlung wurde als internes Material in der Akademie der Künste veröffentlicht und wirkte katastrophal. Die Absicht schlug ins Gegenteil um. Die Schriftsteller bekamen Schwierigkeiten, die bis zum Lesungsverbot reichten. Der geschlagene Fühmann konnte sich nur noch bei den Autoren entschuldigen. Unveröffentlichte Manuskripte häuften sich weiter in den Schubladen.
Elke Erb, sie interessierte sich besonders für das neue Verhältnis zur Sprache, knüpfte an der Fühmannschen Sammlung an und nahm vor zwei Jahren die Arbeit an einer neuen Anthologie auf. Sascha Anderson, einer der Protagonisten dieser jüngeren DDR-Literatur, stellte dazu weitere Kontakte her. Die Zufälligkeit seines literarischen Bekanntenkreises beeinflußte auch die Auswahl der Autoren.
Anderson und Erb boten Anfang 1984 das Manuskript sowohl dem Ost-Berliner Aufbau-Verlag als auch dem Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch an. Aufbau studierte das Manuskript eingehend und zögerte. Auf der Leipziger Buchmesse gab Aufbau-Chef Faber die offizielle Version der Ablehnungsbegründung bekannt: "Gewogen und zu leicht befunden - literarisch nicht akzeptabel." Fragt sich, mit welchem Maß gewogen wurde. In die Wagschale gelegt wurden mit Sicherheit die 9 der 29 Schriftsteller der Anthologie, die in der inzwischen vergangenen Zeit die DDR verlassen hatten.
Nun haben wir den Band von Kiepenheuer & Witsch, hier im Westen, wo er doch zuallererst in den Osten gehören würde. _(Sascha Anderson/Elke Erb (Hg.): ) _("Berührung ist nur eine Randerscheinung. ) _(Neue Literatur aus der DDR". Verlag ) _(Kiepenheuer & Witsch, Köln. 252 Seiten; ) _(29,80 Mark. )
Ein Fehlstart. Die DDR kommt um diese jüngste Generation nicht mehr herum. Die hier vorgestellten Schriftsteller repräsentieren keinen literarischen Untergrundzirkel. Sie sind längst keine schreibende Minderheit mehr, sie verkörpern durch ihre Lebenshaltung und ihre Literatur eine Entwicklung, die bisher von der Öffentlichkeit der DDR nicht zur Kenntnis genommen wurde.
Auch das hat Geschichte: Im Denken der Staatsgründer und ihrer Nachfolgegeneration ist Sozialismus und gerade dessen real existierende Form gleichbedeutend mit einem gültigen Entwurf. Die bestehenden ökonomischen und politischen Strukturen werden mit der Idee, die eigentlich eine Utopie beschreibt, gleichgesetzt. Denken und Handeln werden einer ständigen Dualität unterworfen: sozialistisch oder nichtsozialistisch, für uns oder gegen uns, entweder - oder. Eine Polarität, die sich auch auf Inhalt und Sprache der Kunst auswirkte. Sinn und Wertigkeit einer moralischen und ethischen Begriffswelt nutzten sich mit der Sprache ab, wurden im Widerspruch zur Realität ausgehöhlt, ad absurdum geführt. "Und da liegen auch die großen abgenutzten Worte herum: liebe, zärtlichkeit, frieden, freiheit, gleichheit, brüderlichkeit,
gerechtigkeit, en gros die kuchenkrümel kommunismus" (Leonhard Lorek).
Selbst Gegenentwürfe zur herrschenden Ideologie bleiben in ihrer Begriffswelt innerhalb der vorgegebenen Sprache und Zeichensetzung. Ein Reagieren, das die Sprache selbst zum Material jener Kette machte, mit der man sich an die herrschende Realität band. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 mit dem darauffolgenden Exodus vieler Künstler und Intellektueller ist eine Manifestation des Scheiterns.
Eine neue Generation ist herangewachsen. In der Anthologie ist das Geburtsjahr des Ältesten 1951 und das des Jüngsten 1963; sie wurden in das Staatswesen DDR hineingeboren: "in der Epoche aus Klärung und Trennung" (Uwe Kolbe). Diese Generation stellte man gewissermaßen vor die Wahl, das Vorgegebene anzunehmen und sich einzufügen oder sich im Dauerkonflikt zu verschleißen. "Einer zu sein, der von sich selbst abweicht oder mit seinen Überzeugungen nichts erreicht" (Thomas Günther).
Daraus entstand eine andere Haltung. Kein Protest auf der Straße, auch keine Petition, jene Mittel, die nur den Kreislauf von Macht und Ordnung festschreiben. "häng deine wörter an die wand und sie machen ein gesetz, das die wände verbietet", schreibt Sascha Anderson. Wollten sie nicht Spielball des dualen gesellschaftlichen Mechanismus bleiben, mußten sie ihre Existenz aus den politischen Prinzipien des Staates lösen, Wege aus der Ordnung suchen.
Auszüge aus den Biographien der im Buch vertretenen Literaten: ... Exmatrikulation ... Packer und Buchhändler ... Exmatrikuliert ... seither asozial ... Lehrerin ... Gelegenheitsarbeit ... Entwicklungsingenieur ... seitdem Heizer ... Exmatrikulation ... Chemielaborantin ... ein Jahr Haft. "Ihnen allen war es unmöglich, die offiziell vorgesehenen Wege zu gehen, sie suchten statt dessen nicht zuletzt mittels der Literatur die Chancen für das, was nicht Aufstieg, sondern Leben heißt", schreibt die Herausgeberin Elke Erb im Vorwort.
Leben als Versuch, die gesellschaftliche Vereinnahmung, die Dualität, diesen Zwiespalt nicht nur im Kopf zu überwinden, sondern im Alltag und im Schreiben. Die neugewonnene Identität hat das Ich als Zentrum, selbstbewußt, aber auch verletzlich. "Ich nehme mir das Recht heraus, Möglichkeiten zu haben, und das Ich als die größte Möglichkeit" (Volker Palma).
Alltag ist überleben, das Betonen des Ich bedeutet keinen Rückzug in eine Innerlichkeit. Es ist Ausdruck einer bewußten, konzentrierten Sicht auf die Außenwelt, mit aller Körperlichkeit. Schreiben als Aktion, als klärender Prozeß, notwendig: "schrei gegen die wand, schreib es an die wand, schreite durch die wand" (Bert Papenfuß-Gorek).
An die Wand schreien. Das ist keine Metapher mehr, es ist ein existentieller Schrei gegen Wände und Grenzen. So scheint es paradox: Die Kraft, die aus den Texten spricht, ist ein Produkt von Mauern und Grenzen, Enttäuschung und Wut. Man will durch die Wand schreiten,
braucht sie aber gleichzeitig, um sich zu spüren.
Diesem Konflikt, dieser Zerrissenheit, stellen sich die Autoren literarisch unterschiedlich. In gewagter Nähe zur "Kollektivlüge" der herrschenden Sprache, mit dem Versuch, "den Dingen den Namen wieder zu finden, den Namen sagen zu können" (Uwe Kolbe), oder weit entfernt davon, die Sprache selbst als Versuchsfeld benutzend, sie aus ihren gesellschaftlich grammatischen Strukturen lösend. Die Texte geben sich tendenziell in dieser Folge die Hand.
Das Erfahren von sprachlichen Grenzen, diese Sicht auf das längst zur Lüge gewordene Gitter aus Grammatik und Ideologie, provoziert Grenzüberschreitungen. Die Häufung von experimentellen Texten in der Anthologie verblüfft zunächst. Bei genauerer Betrachtung erweist sich jedoch, daß jeder Autor seinen subjektiven Zugang zur Sprache findet, ein unkonventioneller "Sprachbenutz" (Lorek) auch im individuellen Gebrauch der Stilmittel, die die europäische Avantgarde geliefert hat.
Nur einige der Autoren sind mir persönlich bekannt, vertraut ist mir manche Geographie, in der sie leben und in der die Texte entstanden sind: die langen geradlinigen Straßenzüge des Berliner Stadtbezirks Prenzlauer Berg. Die abbröckelnde, verblichene Schönheit der Gründerzeitfassaden mit ihren Balkonen, auf denen die Alten im Sommer Kontakt zum Leben auf der Straße suchen. Die Kneipen zwischen Metzger Eck und Wee Cee, zwischen Oderkahn und Mosaik.
Bier und Schnaps sind billig. Die nächtlichen Treffen auf den Plätzen, nachdem auch das letzte Lokal seine gehunwilligen Gäste ausgespuckt hat. Danach irgendeine Wohnung, Freunde und Fremde auf engstem Raum, großzügige Gastfreundschaft, auch deren Mißbrauch. Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten, aber auch Mißtrauen den unbekannten Personen gegenüber. Die letzte, brüderlich geteilte Flasche Wein besagt wenig, "berührung ist nur eine randerscheinung" (Fritz-Hendrick Melle). Der folgende Tag wirft jeden auf sich selbst zurück.
19 der 29 Autoren leben oder lebten in Berlin. In jenem Berlin, das für mich heute so unerreichbar geworden ist wie früher der andere Teil der Mauerstadt. Einige Autoren leben in Dresden, mit dem internationalen Nahziel Prag, das oft zum Ersatz wurde für die fehlende Welt. Pfingsten Treffen in Prag.
Unter den Malern, Schriftstellern und Musikern dieser Generation entwickelten sich ein vielfältiges Beziehungsgeflecht und das Bedürfnis, zusammen produktiv zu werden. Die Schwierigkeit, ihre Manuskripte zu veröffentlichen (außer Uwe Kolbe ist in der DDR meines Wissens von keinem der 29 Autoren ein Buch erschienen), provoziert geradezu einen Wechsel zum anderen Medium.
Literatur, die keine Druckgenehmigung erhält, in eine Graphik geritzt, wird so zum bildnerischen Original und steht außerhalb der Gesetze, die ein Buch verbieten. Im Schlußteil des Bandes stellt Sascha Anderson, der auch hier Anfänge markierte, verschiedene solcher Editionen vor.
Die Obergraben-Presse in Dresden erhielt über die Grenzen des Landes hinaus Bedeutung. Das Gefühl, daß jeder jedes machen könnte (weil man es mußte, weil man es wollte), ist besonders in Dresden ausgeprägt, wo es in Ralf Winkler (A. R. Penck) auch einen großen Anreger hatte.
Die Kommunikation der Künstler und der Künste untereinander ist gleichzeitig notwendige Bedingung geworden, da öffentliche Resonanz fehlt. Die inzwischen faktisch verbotenen privaten Lesungen in überfüllten Wohnungen, in kirchlichen Gemeinderäumen und seltener in Jugendklubs der FDJ können das Vakuum auf lange Sicht nicht ausgleichen, auch nicht die wenigen handgeschriebenen Hefte, die zirkulieren.
Es bleibt der Traum. Der ist die Straße, die Kneipe, die Landschaft und eine Fiktion wie Paris. Der Traum schafft neue Bilder, Bilder, die man braucht, um Brücken zu schlagen. Wird die Erschütterung zu stark, das Überleben im Alltag unerträglich, fallen diese Brücken ein. Man hat keine Utopie, das heißt, man hat keine Gegenwart. Da bleibt oft nur die hilflose Alternative, der Ausreiseantrag. Ein solcher Kreislauf ließe sich durchbrechen. Aber, wer will? Die Veröffentlichung der Anthologie im Aufbau-Verlag würde ein Zeichen sein.
Sascha Anderson/Elke Erb (Hg.): "Berührung ist nur eine Randerscheinung. Neue Literatur aus der DDR". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 252 Seiten; 29,80 Mark.
Von Heiner Sylvester

DER SPIEGEL 39/1985
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