03.02.1986

Bald Schleuderpreise für Benzin und Heizöl?

SPIEGEL-Report über den Machtschwund der Opec und den dramatischen Preisverfall auf den Ölmärkten *
Für die Opec, einst das mächtigste Rohstoff-Kartell der Geschichte, begann das Jahr 13 der neuen Zeitrechnung, als würde es das letzte sein.
1973, im Herbst, hatte das Kartell der Erdöl exportierenden Länder den westlichen Industrienationen zunächst den Ölnachschub gesperrt und dann den Rohölpreis verfünffacht. Das Zeitalter des knappen, teuren Öls begann.
1981, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, kontrollierte die Opec 53 Prozent der westlichen Ölmärkte und hatte den Petroleumpreis auf das 19fache des Stands von Anfang 1971 geschoben.
1986 aber, mitten im Winter, ließ die Führungsmacht des Kartells, das Königreich Saudi-Arabien, den Rohölpreis auf die Hälfte des Rekordstands von 1981 stürzen.
"Ein Lehrbuchbeispiel für das Funktionieren der Marktwirtschaft", jubelte Rudolf von Bennigsen-Foerder, Chef des Energie-Konzerns Veba, im Deutschlandfunk.
"Tonic für die Weltwirtschaft", entfuhr es Walter Heller, einst John F. Kennedys Wirtschaftsberater. "Good news" für Amerikas Konsumenten und die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie, nannte es Ronald Reagans Energie-Minister John Herrington.
Bei 34,16 Dollar je Barrel (159 Liter) hatte der Opec-Preis für leichtes Nahostöl im letzten Quartal 1981 gelegen, bei 28 Dollar noch im dritten Quartal 1985. Seit Anfang dieses Jahres aber sausten die Ölpreise im freien Fall auf 20 Dollar zu, vorletzte Woche haben sie diese Marke durchstoßen. Vergangene Woche lagen die Preise bei 18 Dollar.
Cornelius Herkstroeter, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Shell AG, sieht auch dort die Grenze noch nicht. Ein Preis um zehn Dollar, mutmaßte der Holländer, sei vorübergehend möglich. Eine längere "Periode der Preisanarchie" prophezeite Scheich Ali Chalifa el-Sabah, Ölminister des Staates Kuweit, den Petroleum-Geschäftsleuten.
Den Anstoß zur Preisanarchie hatte im Herbst 1985 Chalifas saudiarabischer Kollege Scheich Ahmed Saki el-Jamani gegeben. Der Mann aus dem Wüstenstaat, in Harvard geschult und bei Standard Oil (jetzt Exxon) gedrillt, hatte die Ölförderung in seinem Land kurzfristig von zwei auf fünf Millionen Barrel am Tag hochgefahren.
Das Saudi-Öl kam als zusätzliches Angebot über die internationalen Märkte, auf denen mit den Ölfirmen fest vereinbarte Mengen und freie ("Spot"-)Mengen rotieren. Der Preis für das mit dem Saudi-Stoff konkurrierende Nordsee-Öl sackte durch.
Am 23. Januar 1986 sagte Jamani einen weiteren Preisverfall auf unter 15 Dollar voraus, falls sich die Opec-Staaten und andere Öl-Exporteure nicht darauf einigten, ihre Förderung scharf zu drosseln.
Öl, der Schmierstoff des westlichen Industriesystems, ist seit zwei Wochen real, also in Kaufkraft gemessen, billiger als 1974, unmittelbar nach Beginn der Ölkrise. Eine neue Zeit? Das Ende der Opec?
Das "Chaos auf den Ölmärkten" (von Bennigsen-Foerder) ist nicht gekommen wie ein unvermitteltes seismisches Beben. Es ist die Folge ökonomischer Manöver, politischer Wirrnisse, doch auch technischer Brillanz. Und es ist das gegenwärtige, jedoch nicht ewige Ergebnis globaler Marktmechanismen.
Der Marktmechanismus, der schnöde, hat auf den Ölmärkten stets so gewütet, daß niemals irgendeine Preis-Prognose richtig gewesen ist. Denn es ist nicht der Mechanismus des wöchentlichen Gemüsemarktes, sondern ein weltweites Spiel zwischen Händlern, Staaten, Regionen, Konzernen und Kartellen.
Dieser Mechanismus hat die Macht der Opec, über lange Jahre eine einflußlose Organisation, 1973 auf einen maßlosen
Höhepunkt getrieben. Er hat sie nun wieder relativiert - aber durchaus nicht beendet.
Als die arabischen Ölstaaten im Herbst 1973, aus Anlaß des Jom-Kippur-Krieges zwischen Israel und Ägypten, den Ölboykott gegen den Westen verhängten, waren die Industriegesellschaften elementar auf das Kartell-Öl angewiesen. 54 Prozent ihrer Energieversorgung waren damals vom Öl abhängig und fast 70 Prozent des Öls lieferten die Opec-Staaten.
Die Öl-Länder hatten nur den Augenblick westlicher Ohnmacht abzuwarten brauchen, um auf einen Schlag so etwas wie wirtschaftliche und politische Allmacht zu gewinnen.
Der Ölpreis wurde seit dem Jom-Kippur-Krieg nicht mehr ausgehandelt, sondern autonom von den Opec-Ländern festgesetzt. Die Ölquellen, sämtlich von westlichen Konzernen erschlossen, gingen in den Besitz der Opec-Staaten über. Das Kartell wurde über Nacht das mächtigste, von dem je die Rede war.
Der Schah des Opec-Staates Iran blähte sich derart, daß viele dachten, Persien würde wie zu Zeiten Kyros II. wieder ein Weltreich. Das Familien-Unternehmen Saudi-Arabien, begründet in den zwanziger Jahren von dem Führer einer Reiter-Schwadron, wuchs in weltpolitische Dimensionen: Die Industriewelt mit ihren 800 Millionen Einwohnern war auf Öl gebaut, und Saudi-Arabien besitzt die größten Ölreserven der Welt.
Die Herren des Öls aber begingen bald schon ihre Fehler. Das Kartell wollte einerseits den Ölpreis in Stufen steigern, stets so weit, daß der Westen nicht stranguliert und nicht zu gewaltsamen Reaktionen veranlaßt wurde.
Andererseits wollten volkreiche Opec-Staaten wie Algerien, der Iran oder Nigeria mit ihren Petro-Dollar über Nacht zu Industrienationen werden. Sie kauften wie wild im Westen ein: chemische Fabriken, Stahlwerke, Flughäfen, Hoch- und Tiefbau-Leistungen en gros und en detail. Und das kostete Geld, viel Geld.
Obwohl die Opec-Länder nahezu unvorstellbare Dollar-Summen einfuhren sahen sich viele Mitglieder schon bald wieder im Westen verschuldet: vor allem die volkreichen Länder Iran, Venezuela, Nigeria und Irak.
Der Westen faßte, weil die Ölpreise von 1975 bis 1978 nur noch langsam stiegen, langsamer zumindest als die Innationsrate, rasch wieder Tritt. Der Erdöl-Verbrauch stieg, trotz offizieller Spar-Appelle.
Die Opec-Fürsten dachten nicht daran, mit dem kostbaren Rohstoff Öl vorsichtig umzugehen. Zu sehr waren ihre Mitglieder darauf aus, Petro-Dollar einzufahren. Zu scharf waren sie auf die Prunkstücke der westlichen Zivilisation und auf Kapital-Anlagen in den Metropolen des Westens.
Mit fast 30 Millionen Barrel am Tag hielt die Opec 1978 noch knapp die Rekordmarken der Jahre 1973 und 1977. Opec, Ölkonzerne und westliche Staatenlenker hatten bei rund 13 Dollar je Barrel die Verhältnisse wiederhergestellt, die vor dem Ölpreisschock herrschten: Verschwendung und zukunftsloses Leben.
Der Wandel, der abrupte, kam erst 1979 mit dem Ajatollah Chomeini. Als der Schah stürzte, stoppte die persische Ölförderung. Ein Minus von sechs Prozent der Welthandelsmenge an Öl trieb den Rohölpreis auf den Schlag um fünfzig, später um hundert Prozent hoch.
Erst jetzt, bei über 30 Dollar je Barrel, war die Schmerzschwelle erreicht. Erst jetzt reagierte das westliche System schnellstens. Es wurde so weit wie möglich Energie gespart. Das Beziehungsgeflecht zwischen Opec und Industriewelt änderte sich erneut.
1980 kassierten die Opec-Mitglieder zwar den Rekord-Betrag von 280 Milliarden Petro-Dollar, 102 Milliarden davon allein das Führungsland Saudi-Arabien. Aber die Kundschaft im Westen verbrauchte 1980 schon weniger als 1979. Das Opec-Kartell war auf dem Weg, sich totzuverdienen.
Ein Teil der niedrigeren Ölnachfrage ging auf den Konjunktureinbruch und die weltweite Massenarbeitslosigkeit zurück; beides war von den hohen Ölpreisen mit ausgelöst worden. Ein anderer Teil aber beruhte auf veränderten Verbrauchsgewohnheiten bei der Kundschaft.
In den Häusern und Wohnungen westlicher Bürger wurden ölsparende Steuergeräte, neue Brenner und besser isolierende Fenster eingebaut. Massenprodukte der Gebrauchstechnik wie Küchenmaschinen oder Automobile, Geschäftsanlagen wie Fabrikgebäude oder Bürohäuser, Verkehrsmittel wie Düsenflugzeuge oder Lokomotiven wurden unter dem Gesichtspunkt des Energiesparens konstruiert.
Die bessere Energienutzung, so ermittelte das Worldwatch Institute in
Washington 1985, hat in den vergangenen Jahren weit mehr zu Buche geschlagen, als selbst Optimisten vermutet hatten. Um das gleiche Bruttosozialprodukt zu erzeugen, benötigten die USA 1984 rund 21 Prozent weniger Energie als 1973. Die Japaner wandten sogar 29 Prozent weniger auf, die Briten 22 Prozent. Die Deutschen lagen mit 19 Prozent Minus genau im Durchschnitt der Industrieländer.
Unter dem Schutz der hohen Preise für Opec-Öl konnten die westlichen Energie-Konzerne zudem weit mehr Geld in die Erschließung bislang zu teurer Energievorkommen stecken.
In Alaska und in der Nordsee wurden Ölquellen angezapft, die unmittelbar an den großen Verbraucherzentren USA und Westeuropa lagen. In Mexiko legten Geologen und Öldriller Reserven offen, die nur noch von denen Saudi-Arabiens, Kuweits und der Sowjet-Union übertroffen werden.
In der Nordsee sind Tiefbohr-Inseln verankert, die bis zu einer Milliarde Mark kosten. Während Saudi-Arabien das Barrel Rohöl für nur ein oder zwei Dollar Kosten marktreif machen konnte und bis zu 34 Dollar dafür abkassierte, kostete die Erschließung des Nordsee-Öls die Produzenten bis zu 20 Dollar je Barrel; es war dennoch ein Geschäft.
In den kanadischen Provinzen Alberta und British Columbia stiegen die Multis in das Geschäft mit Teersänden ein, aus denen sie nach bergbaumäßigem Abbau erstklassiges Öl destillierten. Fünf Milliarden Dollar verplante der Exxon-Konzern 1981 für den Abbau von Ölschiefer aus den Rocky Mountains in Colorado.
Die Kostenschwelle, vermuteten die Exxon-Manager damals, werde bei 40 Dollar je Barrel liegen. Da die Preisprognosen höher lagen, schien es sich zu lohnen. Teersände und Ölschiefer Nordamerikas enthalten mehr Petroleum, als die Opec-Länder besitzen.
1980 hatten 400 westliche Öl-Unternehmen Quellen angezapft, deren Ausbeute sie durchschnittlich 7,61 Dollar je Barrel kostete. 1981, als der Ölpreis am höchsten war, riskierten die US-Ölgesellschaften im eigenen Land durchschnittlich sogar 13,61 Dollar Produktionskosten bei neuen Quellen.
Billiger und üppiger als vermutet sind zudem die Gasvorkommen außerhalb der Opec. Der Erdgasverbrauch hat sich von 1973 an regelmäßig erhöht.
Die größten Erdgasvorkommen liegen in der Sowjet-Union, vor allem in Sibirien.
Die östliche Supermacht gebietet über 43 Prozent aller Gasreserven - eine Opec für sich. Auf rund 200 Jahre Lebensdauer sind die neuen sibirischen Gas-Städte angelegt.
Die westlichen Spartechniken, die niedergehende Welt-Konjunktur, die neuen Öl - und Gasquellen außerhalb der Opec - all dies drückte auf den Absatz des einst so mächtigen Ölkartells und brachte schließlich die Opec ins Schleudern. Um den hohem Rohölpreis halten zu können, mußte sie mit ihrer Produktion immer weiter herunter.
Von 1979 bis 1985 fiel die Ölförderung des Kartells von 31,5 Millionen auf knapp 16 Millionen Barrel am Tag. Vor allem die volkarmen Wüsten-Staaten drehten den Ölhahn zurück.
Immer mehr mußte Saudi-Arabien, das reichste Öl-Land der Welt, die Rolle des Angebotspuffers übernehmen. Sobald ein Opec-Land sich weiteren Einnahmeschwund nicht mehr leisten konnte, drosselten die Saudis ihre Produktion.
Vergangenen Sommer aber sanken ihre Einnahmen unter die kritische Grenze. Das Jamani-Land, technisch in der Lage, zehn bis elf Millionen Barrel am Tag zu fördern, ging auf zwei Millionen Barrel herunter, den tiefsten Stand seit 1964. 1980 noch hatte das Wüsten-Königreich zehn Millionen geliefert.
Binnen vier Jahren, von 1981 bis 1985, hat sich die Geographie der Ölwelt dramatisch verändert. Die Opec-Länder liefern nicht mehr zwei Drittel, sondern nur noch 38 Prozent der westlichen Ölhandelsmenge. Der Anteil des Öls am Energieverbrauch, sagen die Petroleum-Konzerne, werde bis zur Jahrhundertwende von einst 60 auf 30 Prozent herunter sein.
Das Worldwatch Institute in Washington hat inzwischen drei Phasen der Ölzeit ausgemacht: *___Die erste, von 1900 bis 1973, habe unter dem Monopol ____privater Ölge sellschaften gestanden, der Ölver brauch ____habe sich bei sinkenden Prei sen alle zehn Jahre ____verdoppelt. *___Die zweite, von 1973 bis 1981, habe unter dem Monopol ____der Opec gestan den, der Ölverbrauch sei bei steigen ____den Preisen stehengeblieben. *___Die dritte, seit 1981, sei durch zuneh menden ____Wettbewerb zwischen der Opec und anderen Marktmächten, ____aber auch zwischen Öl und anderen Energieträgern ____geprägt. Der Ölver brauch sinke bei schwankenden Prei ____sen.
Vor allem zwischen der Opec und neuen Produzentenländern wie Großbritannien und Norwegen werden die Messer
gewetzt. Die beiden Nordseestaaten zusammen haben zuletzt mehr Rohöl zutage gebracht als die Opec-Führungsmacht Saudi-Arabien.
"Die Aktionen Jamanis", analysiert Hellmuth Buddenberg, deutscher Statthalter des britischen Ölmultis BP, "sind unmittelbar gegen Großbritannien gerichtet." Britannien, kein Opec-Staat, weil eben auch ein Industrieland, hat von Förderbeschränkungen bisher nichts wissen wollen.
Wenn Jamani aber den Ölpreis in die Nähe von 15 Dollar bringt, werden die Nordseeöl-Scheichs in London und Oslo nur noch an ihren ergiebigen Riesenfeldern wie Brent verdienen, bei den kleineren setzen sie zu.
Ähnlich geleimt wird dann Großbritannien selber sein, dessen Staatshaushalt, dessen Außenhandelsbilanz und dessen Sterling-Währung vom Nordseeöl mehr geprägt sind als von allen anderen Wirtschaftsvorgängen auf der Insel.
Geleimt sind auch die Explorationstrupps von Big Oil und die Finanzchefs der Unternehmen. Die hoch zu Buche stehenden eigenen Ölquellen der Konzerne werden einen großen Teil ihres Werts verlieren.
Shells Herkstroeter sieht bei längerer Preis-Baisse "schwerwiegende Konsequenzen für die Investitionspolitik der Mineralöl-Konzerne". Die Konzerne werden bald wieder mehr Nahost-Öl kaufen und verarbeiten, statt ihre eigenen Quellen mit Verlust leerzupumpen.
Die Gewinne der Öl-Unternehmen dürften schon bald geschliffen werden. Wo die Multis dann sparen werden, steht auch fest: bei der Ölsuche, also bei der Zukunftssicherung.
Schon 1985, so die amerikanische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen & Co., hatten die meisten Großen der Öl-Industrie das für die Förderung angesetzte Geld nicht mehr voll verbraucht, für 1986 haben sie die Ansätze folglich herabgesetzt.
Die 20 größten Ölgesellschaften haben für 1986 zusammen 22,7 Milliarden Dollar Explorationsgelder angesetzt statt 24,2 im Vorjahr. Die kleineren Ölfirmen reduzierten die Ansätze von zusammen 5,8 auf 5,4 Milliarden. Insgesamt wollte die Welt-Ölindustrie schon vor dem Jamani-Schock um 6,5 Prozent weniger beim Bohren investieren. Hält der Schock an, werden die Manager weiter reduzieren.
Schon vorher hatten die Ölfirmen manches aufgegeben. Exxon etwa strich sein ehrgeiziges Ölschiefer-Projekt in Colorado ersatzlos. Die meisten Großen zogen sich aus den kanadischen Teersänden wieder zurück. Allein Suncor, Pionier der Teersand-Technik, blieb im Geschäft.
Der zunehmende Verzicht Big Oils auf eigene Ölsuche verbesserte auf lange Sicht die Position der Opec-Staaten, deren Stärke gerade die billigen Quellen sind. Denn die technisch und wirtschaftlich abbaubaren Ölreserven haben sich trotz riesenhafter Investitionen außerhalb der Opec seit 1973 kaum mehr verändert.
Die Welt-Ölreserven schwanken seitdem zwischen 630 und 715 Milliarden Barrel, je nachdem, wo Ölpreis und Förderkosten die wirtschaftlichen Grenzen setzen. Mit dieser Menge käme die Menschheit bei unverändertem Verbrauch 32 Jahre lang aus. Wirklich neu entdeckt wurden jedoch nur die mexikanischen Quellen.
Wie bei den Ölgesellschaften selbst schlägt sich der Preisverfall auch bei ihren Banken in den Bilanzen nieder.
Die großen Finanziers des Ölgeschäfts müssen die Basis ihrer Beleihungspolitik überprüfen. Wenn der Ölpreis auf die Hälfte des Stands von 1981 sinkt, sind die von ihren Schuldnern gegebenen Sicherheiten nur noch halb soviel wert.
Schuldner der Banken sind private Ölfirmen, etwa in Texas, die auf einen Barrelpreis von 100 Dollar spekuliert und entsprechend üppig investiert haben. Sie wären bei einer Neubewertung der Ölreserven überschuldet.
Schuldner der Banken sind aber auch Staaten wie Mexiko, Venezuela, Nigeria oder der Irak, die trotz reichlicher Ölgeschäfte so tief in der Kreide stehen, daß sie kaum noch ihre Zinsen bezahlen können.
Die Banken müssen entweder die Kredite kürzen, was die Pleite ihrer Kundschaft auslösen könnte; oder sie müßten ihre Ausleihungen zumindest teilweise abschreiben, was manche Bank, vor allem in den USA, an den Rand des Zusammenbruchs bringen kann.
Ölgesellschaften, Ölstaaten und das westliche Bankensystem mithin sind die Opfer des Preisverfalls. Es sind diejenigen, die vorher an hohen Preisen üppig verdient haben. Im Vorteil dagegen sind die Industrienationen und die Entwicklungsländer ohne eigene Ölquellen.
Nach Berechnungen des US-Wirtschaftsmagazins "Fortune" und der Firma Data Resources Inc. bedeutet schon der Rutsch des Ölpreises auf 25 Dollar für die US-Wirtschaft 0,4 Prozent mehr Wachstum. Bei 20 Dollar sollen es 0,8 Prozent mehr sein, bei 15 Dollar könnten es zwischen 1,2 und 1,5 Prozent werden.
"Die Ölpreissenkung", schwärmte ein Konjunkturforscher an der New Yorker Columbia-Universität, "kommt gerade zur richtigen Zeit." Kurz zuvor hatten Wirtschaftsexperten Daten vorgeführt, die auf eine flauere US-Konjunktur hindeuteten.
Nun brummt sie wieder. Billigere Energie beschleunigt das Wachstum und senkt die Inflationsrate sämtlicher Staaten der Industriezone. Extrem begünstigt ist die Bundesrepublik Deutschland.
Der Ölpreisverfall von 30 Prozent verbindet sich in Westdeutschland mit einem 30prozentigen Kursgewinn der Mark gegenüber der Ölwährung Dollar seit März 1985. Deshalb müßte Rohöl _(In Hude bei Bremen, am 25. Januar. )
für die Bundesrepublik bald um etwa 50 Prozent billiger werden als noch vor einem Jahr"
Schleuderpreise für Benzin und Heizöl? Seit Wochen bereits sinken die Heizölpreise, an den Tankstellen mußten die Preistafeln immer wieder erneuert werden. In Hude bei Bremen war vorvorige Woche Normal-Benzin für 98,9 Pfennig zu haben.
Helmut Kohl und seine freidemokratische Paperback-Ausgabe Martin Bangemann haben wieder einmal Glück gehabt. Sie können dem Wahlvolk Erfolge aufzählen, für die sie nichts getan haben, weil alles von den internationalen Märkten kommt.
Neben den Staatenlenkern der Industriewelt können erstmals seit bald 15 Jahren auch die Regenten der Entwicklungsländer aufatmen. Sie hatten wegen des Ölpreis-Anstiegs keine Chance mehr gehabt, ihre Länder zu entwickeln. Die in Dollar zahlbaren Öl-Einfuhren und die in gleicher Währung fälligen Kapitaldienste erdrosselten jede Wachstumsregung.
Die Ärmsten der Armen hatte es am schlimmsten getroffen. 1981 fraß der Aufwand für Energie-Einfuhren etwa bei der Türkei 83 Prozent der Exporterlöse, im Senegal 77 Prozent und sogar im Schwellenland Brasilien 52 Prozent.
1983 hatte die Türkei sich immerhin auf 66 Prozent verbessert, Senegal auf 58 Prozent, dafür waren Thailand und El Salvador mit je 57, Brasilien mit 56 Prozent wieder schärfer ins Abseits geraten.
Während die Industriekonjunktur steigt und die Entwicklungsländer sich aus ihrem Krampf lösen, rätseln Experten, wie lange dies alles dauern könnte. Denn zwischen der kurz- und der langfristigen Perspektive ist der Unterschied kaum irgendwo so heftig wie in der Welt des Öls.
Big Oil neigt dazu, vorübergehende Umstände schnell in langfristige Politik umzusetzen - und liegt damit regelmäßig falsch. Ähnlich denkt, verständlich, auch der Konsument.
Sinkt der Ölpreis unter 15 Dollar je Barrel, dann lohnen sich fast nirgends mehr alternative Energie-Entwicklungen, die Verbrennung von ordinärem Abfallholz im Kamin ausgenommen.
Unterhalb von 15 Dollar lohnen sich außerhalb der Wüste keine neuen Bohrabenteuer, und unterhalb von 15 Dollar erlahmt der Ehrgeiz des Zivilisationsbürgers, sich energiebewußt zu benehmen. 15 Dollar sind nach dem Verfall der US-Währung im vergangenen Jahrzehnt heute international nicht mehr wert, als es 7,50 Dollar im Jahre 1974 waren. Damals aber lag der Rohölpreis bereits auf 9,60 Dollar.
Kein Wunder, wenn beim nächsten Autokauf der Benzinverbrauch des Modells unbedeutend wird, und wenn im Haus während der Heizperiode wieder sämtliche Türen offenstehen.
Energiesparen aber war es vor allem, wodurch die Kraft der Opec gestutzt wurde.
Eine denkbare staatliche Zusatzsteuer, die zu vernünftigem Umgang mit dem wertvollen Rohstoff Öl zwingen würde und mit deren Erlösen sich Spartechniken subventionieren ließen, dürfte am Einspruch der Wachstumspolitiker scheitern.
Energiesparen wird denn auch kaum noch aus Gesinnung kommen. Gespart wird nur noch, weil die Ingenieure in den vergangenen Jahren Elektrogeräte, Autos, Flugzeuge und Raumheizungen entwickelt haben, die bis zu 40 Prozent weniger verbrauchen als ihre Vorgänger.
Erhöhter Ölverbrauch ohne neue Ölvorkommen kann die Märkte schon bald wieder drehen. Die Harvard-geschulten Herren der Ölszene hätten dann nichts Besseres zuwege gebracht als ihre bäuerlichen Vorfahren mit dem Schweinezyklus: Wenn wenig Schweine auf die Märkte getrieben wurden, brachte jede Sau viel Geld. Also wurden im nächsten Jahr mehr Schweine gezüchtet. Viele Schweine aber drückten die Preise, folglich gab es im übernächsten Jahr wieder weniger Schweine. Und so weiter.
Zwar lebt die westliche Welt gegenwärtig zu mehr als der Hälfte von Ölquellen außerhalb der Opec. Aber diese Quellen halten nicht lange. So hat der größte Ölproduzent des Westens, USA, bei unveränderter Produktion noch gerade Vorrat für neun Jahre. Seine Riesenschätze an Schiefer- und Teeröl lassen sich nur sehr langsam und sehr teuer heben.
Der hinter " Nordamerika, Saudi-Arabien und Mexiko inzwischen viertgrößte Produzent im westlichen System, Großbritannien, setzt auf Vorräte, die bei unverminderter Ausbeute noch 14 Jahre reichen. Bei dem größten Ölförderer der Welt, der Sowjet-Union, steht es ebenso.
Demgegenüber reichen die Vorräte der Nahostländer von 60 Jahren (Iran) bis 250 Jahre (Kuweit), wenn die Förderung bleibt, wie sie ist.
Spätestens in zehn Jahren werden jene Gebiete, mit deren Öl in den vergangenen fünf Jahren das Opec-Kartell gebrochen wurde, weniger hergeben als jetzt. Spätestens dann auch dürfte die Sowjet-Union als zusätzlicher Kunde bei den Opec-Herren anklopfen.
Das Center for Strategic and International Studies an der Washingtoner Georgetown-Universität vermutet, daß der Opec-Anteil am westlichen Ölmarkt der neunziger Jahre wieder bei 55 Prozent liegen wird - statt bei 38 Prozent im vergangenen Jahr.
Das Princeton Center for Energy and Environmental Studies glaubt überdies, daß im Jahr 2020 die Entwicklungs- und Schwellenländer mit zwei statt mit einem Drittel am Welt-Energiekonsum beteiligt sein werden.
Der Rückgang beim westlichen Ölkonsum, folgt daraus, kann durch Zuwächse in der Dritten Welt und im bevölkerungsreichen Asien mehr als ausgeglichen werden. Die Ölnachfrage also bleibt.
56 Prozent der sicheren und 23 Prozent der noch vermuteten Ölvorkommen liegen unter den Wüsten des Nahen Ostens, wo Jamani und die Seinen sitzen. Das 13. Jahr der neuen Zeitrechnung, es wird nicht das letzte sein.
[Grafiktext]
ERDÖL VERBRAUCH Welt-Erdölverbrauch in Millionen Barrel pro Tag geschätzt 52,80 57,08 56,43 55,74 59,19 61,26 63,16 64,15 61,65 59,94 58,48 58,07 58,89 59,00 1972 73 74 1975 76 77 78 79 1980 81 82 83 84 1985 ERDÖL ENERGIE ANTEILE Öl-Anteile am Primär energie verbrauch in Prozent OECD-Länder darunter Bundesrepublik 1960 39 23 1965 46 43 1970 51 54 1975 52 52 1980 49 49 1984 44 43 ERDÖL PREISE Durchschnittspreise für Rohöl in Dollar pro Barrel; Qualität: leichtes Nah-Ost-Rohöl Preis am Spot-Markt Offizieller Preis jeweils letztes Quartal
[GrafiktextEnde]
In Hude bei Bremen, am 25. Januar.

DER SPIEGEL 6/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 6/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bald Schleuderpreise für Benzin und Heizöl?

Video 01:10

Er wollte ein Gewitter filmen Lehrer flieht nach Blitzeinschlag

  • Video "Deutsche Fans in Moskau: Ich dachte, die Russen wären komisch" Video 02:39
    Deutsche Fans in Moskau: "Ich dachte, die Russen wären komisch"
  • Video "Amateurvideo: Wal duscht Touristen" Video 00:39
    Amateurvideo: Wal "duscht" Touristen
  • Video "Taxi rast in Menschenmenge: Überwachungskamera zeigt Moment des Unfalls" Video 01:54
    Taxi rast in Menschenmenge: Überwachungskamera zeigt Moment des Unfalls
  • Video "Webvideos der Woche: Quantenphysik - oder Fake" Video 02:16
    Webvideos der Woche: Quantenphysik - oder Fake
  • Video "Tausende Island-Fans in Moskau: Und immer wieder Huh!" Video 00:56
    Tausende Island-Fans in Moskau: Und immer wieder "Huh"!
  • Video "Nach Zerstörung durch den IS: Die Retter der Bibliothek von Mossul" Video 02:05
    Nach Zerstörung durch den "IS": Die Retter der Bibliothek von Mossul
  • Video "Portugal gegen Spanien: So erlebten die Fans das 3:3-Drama" Video 01:44
    Portugal gegen Spanien: So erlebten die Fans das 3:3-Drama
  • Video "Bundestagsdebatte: AfD-Vize von Storch fällt auf Falschmeldung herein" Video 01:12
    Bundestagsdebatte: AfD-Vize von Storch fällt auf Falschmeldung herein
  • Video "Tauchvideo: Warum klammert sich das Seepferdchen an den Halm?" Video 00:53
    Tauchvideo: Warum klammert sich das Seepferdchen an den Halm?
  • Video "Projekt Natick: Microsoft versenkt Rechenzentrum im Meer" Video 01:30
    Projekt Natick: Microsoft versenkt Rechenzentrum im Meer
  • Video "US-Einwanderungspolitik: Haben Sie gar kein Mitgefühl?" Video 01:43
    US-Einwanderungspolitik: "Haben Sie gar kein Mitgefühl?"
  • Video "Seltene Bilder: Delfine spielen mit Robben" Video 01:06
    Seltene Bilder: Delfine spielen mit Robben
  • Video "Quantenphysik? Kugeln sortieren sich nach Farbe" Video 00:45
    Quantenphysik? Kugeln sortieren sich nach Farbe
  • Video "Tauchdrohnen auf Tiefsee-Expedition: Die Vermessung der Weltmeere" Video 03:42
    Tauchdrohnen auf Tiefsee-Expedition: Die Vermessung der Weltmeere
  • Video "Er wollte ein Gewitter filmen: Lehrer flieht nach Blitzeinschlag" Video 01:10
    Er wollte ein Gewitter filmen: Lehrer flieht nach Blitzeinschlag