28.10.1985

Fernsehen: Der Schwarzwälder Schinken

Viermal lief letzte Woche die neue ZDF-Serie „Schwarzwaldklinik“, viermal erreichte sie sensationelle Einschaltquoten: Die ersten beiden Folgen wurden von über 60 Prozent der Zuschauer gesehen. Damit hat eine deutsche Serie US-Knüller wie „Dallas“ weit abgehängt - mit hemmungslosem Kitsch aus den fünfziger Jahren.
Im Krankenbett der Chirurgie liegt - das Bein in Gips, das Herz gebrochen - das Schwarzwaldmädel Melanie.
Weinend beißt Melanie in die Kissen; die Tabletten aus der heilenden Hand von Schwester Christa hortet sie vorschriftswidrig im Nachttisch. Die aufmerksame Bettnachbarin meldet dem Pflegepersonal, die Bruchpatientin trachte sich offenkundig nach dem Leben. "Haben Sie", fragt die gütige Christa, "außer den Beinen Probleme?"
Auch Frau Susanne Fitz, eine ältliche, gleichwohl hochschwangere Oberbaurats-Gattin, die in der Gynäkologie ihrer Niederkunft entgegenfiebert, blickt der Leidenden forschend in die Augen. Bei gemeinsamen Lesestunden kommen sich die Damen näher, und bisweilen huscht sogar ein Lächeln über Melanies kummervolle Züge. Doch dann, psychisch ist sie fast genesen, schlägt das Schicksal gnadenlos zu.
Vom Balkon aus erspäht Melanie, wie der Oberbaurat mit seiner Spätgebärenden im Park lustwandelt. Erbleichend greift sie nach den Krücken und humpelt zum Nachttisch, um die verborgenen Pillen zu schlucken. Aber der Suizid mißlingt, längst hatte die tüchtige Christa das Gift gegen harmlose Placebos ausgetauscht. Und während die Musik in schmerzlichem Moll aufbraust, kommt die ganze grausame Wahrheit ans Licht.
Der triebhafte Bau-Herr hatte die arme kleine Melanie nach einer kurzen Romanze sehr schnöde verlassen. Nun, als Mädchenschänder entlarvt, muß er Frau Susanne den schweren Fauxpas de deux beichten. Die aber beweist, wozu eine deutsche Frau fähig ist. Verzeihend stürzt sie an Melanies Bett und spricht: "Melanie, werden Sie erst wieder gesund. Die krebskranke Frau Beck würde alles dafür geben." Ermutigt schwingt sich die Ex-Geliebte auf die Krücken, Susanne Fitz gebiert ein rosiges Christinchen, der Vater stammelt überglücklich: "Ein süßes Baby! Du, du, du."
So entfaltet sich, seit letztem Dienstag, ein Panorama deutscher Heilkunst, ein Drama aus der blutvollen Welt der Chirurgie, der Sauerbruchs unserer Tage. In 23 Teilen präsentiert das ZDF die
erste deutsche Krankenhaus-Serie, ein kolossales Doktorspiel, eine wahre Mull-Halde, in die Mainz rund elf Millionen Mark investierte. Vier Folgen wuchtete die Anstalt in der vergangenen Woche auf den Bildschirm, bis zum Februar ''86 zunächst soll das Publikum am Tropf der "Schwarzwaldklinik" hängen, förmlich im Watte-Meer ertrinken.
Zwölf neue Folgen, die ZDF-Programmchef Alois Schardt schon bei Begutachtung der ersten Serien-Folgen geordert hatte, werden im Sommer produziert. Entzückt würdigte Schardt "das Triviale" als "Transmissionsriemen für die Hervorhebung positiver Grundmuster einer Gesellschaft". Das allerdings hat nun, in diesem akuten Fall von TV-Hospitalismus, zur Folge, daß die Zuschauer den Riemen positiver kultureller Ansprüche erheblich enger schnallen müssen.
Irgendwo im Südschwarzwald liegt das Siechenhaus, der Titisee blinkt von fern, kein saurer Regen hat die hinterwäldlerische Idylle versaut. In fleckenlosem Himmelblau wirken die barmherzigen Schwestern, die strenge Oberschwester Hildegard und die feenhafte Christa.
Da wuseln der weibstolle Udo, Sohn des Klinik-Chefs Professor Klaus Brinkmann, der kecke Zivildienstleistende Mischa, der schon mal die Oberin Hildegard vergrätzt. Und gelegentlich, wenn sogar Majestät Brinkmann - der Arzt am Schneideweg - entmutigt in die Bauchhöhle blickt, ist auch Freund Hein zu Gast im Klinikum.
Wahrhaftig, dieser Brinkmann ist, wie die "Hörzu" jauchzt, ein "Arzt, von dem die Frauen träumen", ein Herkules an Edelmut und Tatkraft, genialisch am OP-Tisch und in der Kunst der Menschenführung.
Er nimmt herrenlose Hunde zu sich, operiert vorurteilslos gefährliche Frauenmörder. Er zahlt einem Penner die Krankenhauskosten und bekennt sich zur Sterbehilfe. Schwer trägt er nur am Äskulap, wenn Dr. Udo, der Filou, wieder einmal der Lernschwester Elke an den Kittel geht. "Für diese Spielereien", sagt er dann verdrossen, "wird er langsam zu alt. Er sollte sich um seine Karriere kümmern." In einer Spät-Folge winkt auch dem Professor ein Liebesglück, er führt Schwester Christa zum Traualtar.
Der Berliner Produzent Wolfgang Rademann, mit "Traumschiff", Peter-Alexander-Shows und touristischen Trugbildern wie "Schöne Ferien" der Einschalt-King der deutschen TV-Unterhaltung, ist der Urheber dieser grausigen Mediziner-Saga. 15 Jahre lang hatte er mit der Idee für ein Krankenhaus-Serial erfolglos bei den Anstalten antichambriert, bis der ZDF-Redakteur Gerd Bauer zugriff und den hechelnden Rademann von der Leine ließ. Rademann, als Gesamtleiter für alles verantwortlich, engagierte den Burgschauspieler Klausjürgen Wussow für die Chefarzt-Rolle, holte den sterilen Smartie Sascha Hehn als Udo-Darsteller und für insgesamt 264 Rollen fast die gesamte deutsche Schauspiel-Prominenz. Im Glottertal fand er die geeignete "Schwarzwaldklinik", ein Kurheim der LVA. Für die OP-Szenen, die in Hamburg gedreht wurden, kam Schweinebauch en masse unters Messer.
Ein beispielloser Medien-Rummel begann, als der Schwarzwälder Schinken endlich aufgetischt wurde. Die "Hörzu" druckte einen Roman zur "Schwarzwaldklinik", Illustrierte und Tageszeitungen trommelten in Vorausberichten. "Bild" notierte zum Serien-Start: "In turbulenter Folge jagen sich kleine und große Geschichten um Personal und Patienten der Klinik. Gleich heute stirbt eine Frau an Krebs."
Und als dann die Einschaltzahlen für die erste Folge herauskamen, gerieten Rademann und seine Traumschiffer im ZDF aus dem Häuschen. 61 Prozent, eine Sensation, hatten dem Ärztekammer-Spiel zugesehen. Am Tag darauf stieg die Quote sogar auf 62 Prozent, 24,6 Millionen.
Das waren Spitzenwerte, die nicht einmal die Fußball-Nationalelf oder die populären "Tatorte" der ARD erreichen, von "Dallas" oder dem "Denver-Clan", die vielleicht mal mit 17 Millionen Fans rechnen können, ganz zu schweigen.
Selig zahlte Einschalt-Fetischist Rademann, der mit maximal 43 Prozent gerechnet hatte, 18 Flaschen Champagner für eine verlorene Wette. Im ZDF sprach Direktor Schardt von einem "Stück Fernsehgeschichte". Ernüchtert mußten die ARD-Unterhalter feststellen, daß selbst der Einsatz des vierteiligen Priester- und Schafzuchtdramas "Die Dornenvögel" nicht ausreichte, um die Mainzer von Rang 1 der TV-Unterhaltung zu stürzen. Eine stärkere Dosis an Medizinal- und Schäferstündchen-Kitsch hat es, in einer Woche geballt, im deutschen Fernsehen wohl noch nie gegeben.
Wenn es darum geht, und darum geht es wohl nur noch, das Fernsehvolk möglichst vollzählig vor den Bildschirm zu locken, dann werfen die Spaßvögel und Seelentröster bei ARD und ZDF längst alle Glaubensbekenntnisse aus ihrem öffentlich-rechtlichen Katechismus rasch über Bord.
"Das öffentlich-rechtliche Fernsehen", verlautbart ARD-Programmdirektor Dietrich Schwarzkopf, "muß Charakter bewahren" - da lachen ja die Hühner rund um Professor Brinkmanns properes Schwarzwaldhospital.
Während die Polit-, Kultur- und Wirtschaftsmagazine, die großen Reportagen _(Mit Karl Walter Diess, Sascha Hehn, ) _(Heidelinde Weis, Klausjürgen Wussow, ) _(Gaby Dohm. )
und anspruchsvollen Features immer mehr zu kurz kommen und sogar auf ihren Stammplätzen im Sendeschema nicht mehr sicher sind, können sich Serienhelden wie der ölige Fiesling J. R. und seine tümelnden Spielgefährten made in Germany zu bester Sendezeit tummeln.
Spätestens seit Rademann ist der deutsche Bildschirm zum Lore-Roman verflacht. Während der Producer seine Weißkittel serienzwanghaft in den Tann aus Süßholz schicken kann, führt die ARD "Die schöne Otero" vor und "Evas Töchter" ein, und das ZDF macht sein "Hotel" wieder auf, legt den "Colt für alle Fälle" parat und schickt sein "Trio mit vier Fäusten" an die TV-Front. ARD und ZDF, freut sich Rademann, "sind derartig kommerziell geworden, daß es eine Freude ist, für die zu arbeiten".
Da bringt es nichts, daß der Christsoziale Edmund Stoiber "bestimmte Tendenzen bei ARD und ZDF" kritisiert, den "besonderen Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag zu vernachlässigen", und "eine Art von Selbstkommerzialisierung" der Sender rügt. Eine Art? Selbst wenn die Medien-Privatiers einmal voll auf Sendung gehen, kann über Kabel und Satellit nicht mehr Herz, Schmerz und Stuß über die Deutschen kommen als unter Brinkmanns Skalpell: Für weitere Operationen Kitsch sind die ersten Eingriffe bereits vorgenommen worden.
Im neuen Programmschema der ARD, voraussichtlich gültig ab Januar 1986, werden die Termine für anspruchsvollere Fernsehspiele drastisch gekürzt. "Schlicht eine Katastrophe" nennt das WDR-Fernsehspiel-Chef Gunther Witte, als "Verdrängungskunstwerk" bespöttelte der Filmregisseur Alexander Kluge die Beschneidung.
Bei dem neuen Stundenplan müssen auch die Polit-Magazine wieder mal dran glauben. Künftig werden nämlich auch die SFB-"Kontraste" in den Dienstag-Reigen von "Monitor", "Panorama" und "Report" aus München und Baden-Baden eingebaut. Die Folge: Jedes dieser Magazine, die natürlich alle eigene, teure Redaktionen unterhalten, kommt nur noch jede fünfte Woche dran und muß auch noch Sendezeit abgeben, wenn Nationalspieler und andere Bum-Bums ihre Spielzeit überziehen.
Die Eskalation des Stumpfsinns vom marzipanischen Charme eines Peter Alexander bis zu den jüngsten Doktorspielen Rademanns hat mittlerweile auch die letzten Hemmungen der öffentlichrechtlichen Ordnungshüter überwunden.
SFB-Intendant Lothar Loewe beispielsweise fand schon nichts mehr dabei,
seinen Fünfteiler "Schöne Ferien" von der "Touristik-Union International" (TUI) sponsern zu lassen. "Die Mädchen sind hübsch, und der Strand sieht gut aus", freute sich Loewe und nahm die TUI-Spende mit Dank entgegen.
Indes, wenn es mal nichts zu lachen und keine hübschen Mädchen zu sehen gibt, dann finden die Gewaltigen des Mediums immer wieder Tricks, um ihrer Kundschaft unliebsames Anschauungsmaterial zu ersparen.
Für die viereinhalbstündige Reportage "Der Prozeß", in der der Regisseur Eberhard Fechner mittels Zeugenaussagen den Majdanek-Prozeß dokumentiert hatte, konnten die ARD-Oberen im ersten Programm angeblich keine geeigneten Termine finden - eine Form von "Zensur", verurteilte die Münchner "Abendzeitung" den Vorgang, "diesen Film so tot wie möglich zu schweigen". "Der Prozeß" wurde in die Dritten Programme abgeschoben und dort nicht einmal zeitsynchron gesendet. Die Folge: Nur in rund fünf Prozent aller bundesdeutschen Haushalte wurde Fechners Dokumentation eingeschaltet.
Derlei Zensurformen könnten sich freilich bald erübrigen - wenn eine Situation eintritt, "in der die Massen alles, was nicht vergnüglich ist, massiv ignorieren". In seinem jüngsten Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" wirft der amerikanische Medien-Professor Neil Postman einen düsteren Blick auf das "Zeitalter der Unterhaltungsindustrie".
Ausgehend von Aldous Huxleys Zukunfts-Roman "Schöne neue Welt" fürchtet Neil Postman, daß, durch ein totales Amüsier-TV, "die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte". Schlimmer: "Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt", seine "öffentlichen Angelegenheiten zur Variete-Nummer herunterkommen", dann sei "die Nation in Gefahr".
Vergangenheitsbewältigung wird verdrängt. Statt dessen steigen in den Serien von ZDF und ARD die kitschigen Schnulzen der fünfziger Jahre aus der Gruft. Die "Schwarzwaldklinik" ist der hemmungsloseste Rückfall in die Gemütslage der fünfziger Jahre - dorthin, wo Kitsch und Sentimentalität, falsche Innerlichkeit und ein sich gegen alles Neue verzweifelt anstemmender Konservativismus lebten und webten.
Dabei hat sich die neue Serie ungeniert aus zwei Gemütsvitrinen jener Nachkriegsjahre bedient, ja sie hat sie förmlich geplündert. Diese beiden Nischen und Ecken des Kitsches verrät schon der Serientitel "Schwarzwaldklinik". "Schwarzwald", das ist die Nische des Heimatfilms und/oder Heimatromans. "Klinik", das ist die Vitrine des Arztromans und/oder Arztfilms.
Daß beide Kitsch-Gattungen in den falschen Fuffzigern Hochkonjunktur hatten, ist alles andere als zufällig. Denn in den Heimatfilm (Heimatroman) rettete sich das Völkische der Nazizeit, indem es sich in das Volkstümliche verwandelte, es restaurierten sich da die alten Standesordnungen, die eine sich stürmisch entwickelnde Industriegesellschaft mit ihren Flüchtlingsheeren durcheinanderwirbelte. Und, parallel zur Betonierung, Verstädterung, Zersiedlung der Bundesrepublik, wurde im Heimatfilm das (falsche) Bild einer unversehrten Landschaft heil gehalten, auf dem es keine Schornsteine, keine Flüchtlingssiedlungen, keine Satellitenstädte zu geben schien.
Der Heimatfilm war Flucht nach innen, Flucht vor der Realität. In ihm trösteten sich die Fußkranken und Zurückgebliebenen des deutschen Eilmarsches in das Wirtschaftswunder, in die zweite industrielle Revolution.
Mit schöner Offenheit zeigt die Serie "Schwarzwaldklinik", wo''s im Heimatfilm langging. Der wackere Ehemann mit der krebskranken Frau und den drei kleinen Kindern arbeitet, natürlich, im "Sägewerk", in einem Industriebetrieb also, wie ihn die Moritz-von-Schwind-Welt gerade noch duldet.
Und - auch das ist typisch für die Heimat-Trivialität - mitten im Schwarzwald arbeitet ein wackerer Lebensretter, der, als er einen leichtsinnigen Autofahrer vor einer Lawine in Sicherheit zu bringen sucht, selbst sein Leben aufs Spiel setzen muß. Das ist Ganghofer pur, und selbstverständlich tritt die blonde Frau und treten die wohlerzogenen Kinder in Trachten auf und bringen dem guten Onkel Doktor Professor einen Freßkorb mit Würsten und Brot. _(Mit Günter König, Heide Keller, Sascha ) _(Hehn, Maria Schell, Klausjürgen Wussow. )
Freilich "rächt" sich die Heimat an den frommen Lügen, die über sie verbreitet werden. So wie in den alten Heimatfilmen, die sich historisch schminken, immer wieder aus Versehen Fernsehantennen sich ins Bild schoben, um die heile vortechnische Unschuld Lügen zu strafen, so erfährt man von der "Schwarzwaldklinik", daß für das grüne, atmungsaktive, unverbaute Klinik-Ambiente an 32 Orten gedreht werden mußte - auf einem Haufen war die Idylle schon gar nicht mehr zu haben.
Auch das wunderbare Haus und Gehöft des Doktors war so unversehrt und heimatecht nur noch schwer aufzutreiben. So wohnt Professor Brinkmann in einem Haus, das sonst ein Heimatmuseum ist. Besser läßt sich die museale Heimatlüge kaum auf eine Pointe bringen.
Der Schwarzwald ist ein metaphysischer Ort. In der Tat liegt er eher auf der imaginären Landkarte des Gemüts als auf den bestimmten geographischen Koordinaten. Er war deshalb, neben den Alpen und neben der niederdeutschen Heide, die bevorzugte Kulisse der Heimatfilme, die "Die Mühle im Schwarzwälder Tal" (1953) oder "Die Rosel vom Schwarzwald" (1956) hießen.
Dieses Sehnsuchtsland, in dem es von Förstern und Kuckucksuhren, adretten Mädeln in kleidsamer Schwarzwaldtracht und holzgeschnitzten oder wurmstichigen Menschen nur so wimmelte, stand mit seiner anachronistischen Sentimentalität in krassem Gegensatz zur Landflucht der fünfziger Jahre.
"Der sentimentale Mensch", so hatte der Volkskundler Max Wieser formuliert, "vergißt sich als handelnder Mensch und hängt einem Gefühle nach, für das es keine Wirklichkeit gibt." Zumindest macht er das, indem er sich ein paar schöne Stunden verschafft, ins Kino geht oder mit der Fernsehserie der Wirklichkeit entflieht.
Das gilt auch für das zweite große Kitsch-Reservat, für den Arztroman (bzw. den Arztfilm). Die Arztfilme der fünfziger Jahre waren zum einen Filme über große Vater-Figuren, Filme, in denen überlebensgroße Autoritäten auftraten, Herren über Leben und Tod, Chirurgen-Götter in Weiß (und später: Grün).
"Sauerbruch" (1954) mit Ewald Balser ist hierfür das bekannteste Vorbild. Ausgesprochen oder unausgesprochen wurde im Arzt eine Autorität verherrlicht, die alle Zeitläufte (anders als Richter, Generäle, Politiker und Professoren) unbeschadet überstanden hatte. Der große Chirurg Sauerbruch, laut eigenem Bekenntnis "unpolitisch", garantierte Kontinuität
der Autorität über den Zusammenbruch hinweg.
Das macht auch der Millionenerfolg von Konsaliks Schundroman "Der Arzt von Stalingrad" (1956) deutlich.
Die Ärzte haben auch in unmenschlichen Zeiten nichts getan als ihre humanitäre Pflicht. Und: die deutschen Ärzte sind die besten. Diese beiden Trivial-Tröstungen vermittelte Konsalik seinem Publikum.
Daneben lebt natürlich im Arztroman und im Arztfilm die triviale Romanze vom hochdekorierten, alles vermögenden Clan-Boß weiter, den alle lieben. Willy Birgel ("Frauenarzt Dr. Bertram", 1957) oder Rudolf Prack heimsten in dieser Rolle mit Tupfer und Pinzette, mit Spritze und gütigem Lächeln Erfolge ein.
Die Klinik als die eine große Familie (jede Erfahrung in modernen Großkrankenhäusern spricht dem Hohn), deren Übervater der Chirurg ist. Die Schwestern als entsagungsvolle Helferinnen, Patientinnen, die verantwortungslos auf Männerfang aus sind - die Welt in Weiß ist streng gegliedert in Mann und Frau, oben und unten, alt und jung.
Die Familienhierarchie ist absurd lange intakt. Der dreißigjährige Udo, Sohn des Chefs der Schwarzwaldklinik, selbst längst Arzt, wohnt natürlich noch beim Vater und muß sich in seinem Sexualleben wie ein Schulbub kontrollieren lassen. Arm ist bieder, reich oft böse, nur vor der Krankheit und dem omnipotenten Arzt, Herr über alle Leiden und Apparaturen, sind alle Menschen, ob privat, ob AOK, gleich.
Neben dem Chirurgen-Vater (der gern auch Frauenarzt oder Landarzt sein darf) gibt es einen jungen Arzt (in der "Schwarzwaldklinik": Sohn des Alten), der sich, wie man so unschön sagt, seine Hörner abstoßen muß, bevor er reif für Ehe und OP-Saal wird.
Der Schriftsteller Dieter Wellershoff hat diese auf den Hund gekommenen Läuterungs- und Entwicklungsromane, die Romanzen in Mull beschrieben: Anhand eines jungen "Dr. Bruhn" aus einem Roman im Kelter-Verlag ("Lockende Gefahr für Dr. Bruhn") schildert er dessen Reifung so:
"Aber was ist mit Dr. Bruhn geschehen? Er wirkt nicht mehr so strahlend und unbekümmert wie noch vor einem Jahr. Er ist reifer, menschlicher, aber warum hat er den verwegenen Blick nicht mehr und nicht mehr den elastisch federnden Gang? Was hat man ihm angetan? Dr. Bruhn wurde von der Moral erwischt."
Eine säuerliche Moral, die Triebverzicht predigt, kennzeichnet den Kitsch auch der "Schwarzwaldklinik". Sexuelle Eskapaden bringen nur Ärger und sind der Karriere hinderlich. Am besten, man geht mit Freundin und Hund in der frischen Schwarzwaldluft spazieren, die Infektionsgefahr für Unmoral hält sich dann in Grenzen.
Neben der Moral kennzeichnet den Kitsch, wie der Germanist Walther Killy in seiner Analyse über den "Deutschen Kitsch" festgestellt hat, immer ein Zuviel. Kitsch übertreibt immer. Die Menschen sind entweder zu edel oder zu mies. Der Arzt der Schwarzwaldklinik muß natürlich Professor sein und natürlich in Paris und Zürich gearbeitet haben. Er ist erleichtert, daß er in die traute Heimat heimkehren durfte, und hat eine mütterliche Haushälterin, die scherzhaft drohend die professoralen Kippen im Aschenbecher zählt.
Es gibt immer zu viele Konflikte, die sich immer zu schnell und zu harmonisch auflösen. Wenn der Professor einen Mörder, aus rein medizinischen Gründen, versteht sich, vor einem Lebensretter operiert, dann muß am Ende der Lebensretter samt Frau und Kindern sich überströmend bedanken und die Entscheidung tränenden Auges gutheißen.
Das ist es, was Wellershoff am Beispiel des verlassenen Freundes der Heldin im Ärzteroman beschreibt: Obwohl er seine heiß und vergebens Geliebte an den Arzt verliert, bleibt er natürlich der Vertraute und Freund der Frau und wird, ebenso unnatürlich, Freund des erfolgreichen Rivalen. Der Schmalz des Kitsches ist die totale Harmonie.
Zum Schmalz kommt Schaum. Zum "erstenmal" nämlich, sagt "Schwarzwaldklinik"-Chef Rademann, "fließen bei einer deutschen Produktion Elemente der Seifen-Oper ein". Das hat nichts mit ärztlichem Waschzwang zu tun, sondern mit Amerika.
Seifen-Opern ("Soap Operas") sind ein Produkt aus Kommerz und Kommunikation. Als amerikanische Waschmittelfabrikanten in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre nach Käufern suchten, entdeckten sie die einsam bügelnde Hausfrau am Nachmittag. Den Weg zu ihr bahnte das Radio, ihr Herz gewannen sie mit anderer Leute Herz-Schmerz-Geschichten - Endlos-Serien, gespickt (und bezahlt) mit Werbung.
Columbus zur Frauenseele war ein Werbefachmann namens Frank Hammert, und seine Gattin hatte ihm gesagt, was Frauenseelen öffnet: "Gott muß in jeder Szene mitspielen", also Moral und Sauberkeit; trotzdem schlich sich etwas ein, was in sexuellen Fachkreisen als "Interruptus" bekannt ist.
Denn damit die Frauen bei der Stange bleiben (und die Firmen-Seife kaufen), endet jeder Serienteil nicht mit wohliger Entspannung, sondern mit sogenannten "cliff hangers" - kitzligen Situationen, die einer Lösung harren. Die brachte dann aber erst der nächste Serienteil, Schema "Forts. folgt".
Das Schema ist märchenhaft - schon Scheherazade hielt ihren Herrscher mit den "Märchen aus 1001 Nacht" in Spannung. Fabelhaft war auch die Wirkung auf die einsamen Büglerinnen: Sie wurden schlicht Serien-süchtig und nahmen an der Serien-Familie mehr Anteil als an der eigenen.
Als dann das Fernsehen kam, wechselte die Äther-Droge mühelos ins Bild-Business. Und als der schmusige, schluchzende Werbeträger einen Hang ins Schicke, Kesse, Prasserische entwickelte, graduierte er vom Nachmittags-Tröster zum Abend-Knüller: "Dallas" war da.
Nun verbreiterte sich auch die Zielgruppe der von Werbung Umworbenen. Objekt der Begierde blieb nach wie vor die tätige (kaufende) Hausfrau; aber auch die Emanze, die Oma, der Teenie und der Hausherr sollten gierig am Schirm kleben, womöglich sogar der Hund. Ergebnis: Seifen-Opern gehen allen um den Bart.
Rademann marschiert da auch in Deutschland voran. Die "Schwarzwaldklinik" ist, so gesehen, ein Welttheater. Vom bayernden Bergfex bis zum Chefarzt in Edelweiß, von der Knuddelmaus bis zur Akademikerin, vom Journalisten bis zum Mörder - jeder (der mag) kann sich da identifizieren.
Freilich, Transportband für Werbespots ist die Siechen-Serie, anders als die kommerziellen US-Seifen-Opern, nicht in erster Linie: Die "Schwarzwaldklinik" empfiehlt sich nur als solche. Die Jagd auf Kunden ist dennoch eröffnet. Denn Rademann, der Ratenmann, schielt total auf hohe Einschaltquoten: "Ich lege Wert auf die Masse." Das hält ihn im Brot und das ZDF unter Niveau.
Nicht allein die schmierigen Elemente der Seifen-Oper flossen in Rademanns Nerv-Klinik ein. Formal wurde kopiert, daß die Catgut-Nähte krachen und sich die OP-Tische biegen. Wie in "Dallas" rauscht die Kamera erst auf die ganze Krankenbude zu ("establishing shot"),
hüpft dann ins jeweilige Zimmer ("master shot") und krallt sich schließlich in Gesichter ("close-ups").
Rademann hat nicht nur das Genre, sondern die ganze Chose kopiert. Seit mehr als 20 Jahren laufen in den USA Doktor- und Klinik-Serien, und in einer ("General Hospital") kommt auch der Typ zur Kur, der in die "Schwarzwaldklinik" mit Blaulicht einfährt: der nette Mörder.
Seifen-Opern sind, neben ihrer Kommerzpotenz, ein Spitzen-Phänomen des Fernsehens, weltweit: Ihre Attraktivität ist unschlagbar. Macht das allein die Serien-Sucht durch "Interruptus", die leichtgemachte Identifizierung für Lieschen und Lucy Müller, die peppige Dramaturgie?
In einer Untersuchung des Serien-Genres (anhand von "Dallas") ist der Psychologe Günter Mahlke von der Uni Köln noch auf weitere Bindemittel gestoßen. Er nennt sie "Nachbarschaftsersatz", "Gottesperspektive" und "abenteuerliche Konsequenzlosigkeit": *___Der Zuschauer entwickle "gut nachbarschaftliche ____Beziehungen" zu den Figuren, die er als "real ____existierende Personen" erlebe, als "Ersatz für ____verläßliche nachbarschaftliche Nähe, Vertrautheit und ____Geborgenheit", als Anlaß für "gefahrlosen Klatsch und ____Tratsch"; *___der Zuschauer empfinde es als "angenehm", die ____Zusammenhänge sofort durchschauen zu können, das ____Geschehen, anders als die Alltagswelt, als ____"berechenbar, kontrollierbar, kombinierbar" zu erleben; *___der "Wirbel in einem abgesteckten Terrain", das Fehlen ____von "endgültigen Abschlüssen und unausweichlichen ____Konsequenzen", die Auseinandersetzung verlangen würden, ____ließen den Zuschauer "wegtauchen in eine andere Welt", ____zögen ihn "magisch vor den Fernseher".
Wer noch leidlich bei Sinnen ist, empfindet diese Magie, angesichts der "Schwarzwaldklinik", eher als faulen Zauber. "Totaler Schwachsinn", "Provinzschauspiel", "ohne Sinn und Verstand", "für Ärzte unerträglich", so äußerten sich unbekannte Briefschreiber. Prominente schlugen auch zu: "Tagesschau"-Sprecher Wilhelm Wieben hatte große Mühe, "bis zum Schluß durchzuhalten". Der Buh-Arzt Julius Hackethal warnte gar: "Diese Serie ist gefährlich."
Daß TV-Kritiker mal wieder das Bein heben, nimmt Spiritus rector Rademann als glückliche Fügung: "Je mehr die Kritiker mich anpinkeln, um so mehr wächst bei mir die Freude." Die Münchner "Abendzeitung" sichtete ein "Traumschiff auf Krankenschein", "dicht an der Schmerzgrenze". "Die Welt" sah eine Welt "aus dem billigen Papier der Groschenhefte". Aber auch aus Papier wird Geld gemacht:
Zur Nachbehandlung können sich die Fans Abfallprodukte des Glottertal-Medicals ins Haus holen; eine Ariola-Platte spielt Musik zur "Schwarzwaldklinik", im Münchner Trivialbuch-Verlag Hestia (Konsalik) ist das Buch zum Film erschienen. 50 000 Exemplare sind ausgeliefert. Die zweite Auflage ist im Druck.
Und - Spitze - das ZDF läßt sogar eine Puppe tanzen. "Engelchen" heißt das Ding aus Stoff und Faden. Es lag, vor aller Augen, gleich in der ersten Klinik-Folge beim Chefarzt auf dem Vertiko, vom ZDF gezielt postiert.
Rademann berichtet: "Das haben die mir aufs Auge gedrückt." Denn am Verkauf des "Engelchen" ist das ZDF, wie auch bei Buch und Platte, wie üblich per Lizenzvertrag finanziell beteiligt. _(Großklinikum Aachen. )
Mit Karl Walter Diess, Sascha Hehn, Heidelinde Weis, Klausjürgen Wussow, Gaby Dohm. Mit Günter König, Heide Keller, Sascha Hehn, Maria Schell, Klausjürgen Wussow. Großklinikum Aachen.

DER SPIEGEL 44/1985
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