28.10.1985

„Gesundheit ist die Quelle aller Heiterkeit“

Standeswidrige Nachrede auf die Kollegen Brinkmann / Von Dr. med. Hans Halter *
Husaren beten um den Krieg, der Doktor um das Fieber. Unsere beiden Brinkmänner nicht. Die haben ihre Klinik randvoll, Krebs und Kreuzbandriß, Appendicitis acuta, Trümmerfrakturen. Weil der Herr Professor Brinkmann sein Mobiliar höchstselbst rangiert, fließt das Blut auch aus dem eigenen Daumen, dem rechten. Desinfektion, Tetanusspritze, Verband, bißchen die Zähne zusammenbeißen. So ist das Leben, das Leben in der "Schwarzwaldklinik".
"Ein akuter Blinddarm kennt keine Rücksicht auf Mozart", spricht der Vater. Der Sohn muß noch 'ne Menge lernen, über den Herzstillstand und die Suizidgefährdung, und daß Schwestern kein Freiwild sind. Von nun an ist Nachhilfeunterricht angesetzt, den ganzen Winter lang. Der alte wird dem jungen Doktor coram publico beibringen, was schon Ärztevater Hippokrates erkannt hat: "Die ärztliche Kunst ist von allen Künsten die hervorragendste."
Bis der Junge das begriffen hat, wird viel Blut fließen, manches Auge tränen oder brechen. Herzen werden stillstehen, andere im Dreivierteltakt schlagen. Am Ende wird das "Klinische Wörterbuch", jedenfalls eine Volksausgabe, von "Abdomen" bis "Zyste" verfilmt sein, wird der smarte Sohn vom tüchtigen Vater ewige Weisheiten der Heilkunst übernommen haben, zum Beispiel: "Ärzte sind Ärzte, und Schwestern sind Schwestern." Oder: "Wenn's juckt und zwickt, dann heilt's." Heiliger Hippokrates, steh uns bei!
Womit haben wir das verdient? Diesen Professor Brinkmann, der ein Messerheld ist und zugleich so sensibel, cholerisch zwar, doch darüber sofort voller Reue. Der uneigennützig ist und edel, fachlich auf der Höhe, immer bereit, Hilfe zu leisten - egal ob die Sonne schon untergegangen oder der Patient in der Kasse ist. Nur die Ehefrau muß diesem O. W. Dieter Borsche-Fischer, einem Sauerbruch-Verschnitt der übelsten Sorte, entlaufen oder gestorben sein. Sie wird wissen, warum.
Der richtige Sauerbruch, Urvater aller Helden in Weiß, hat Skalpelle nach unfähigen Assistenzärzten geworfen. "Haken und Schnauze halten!" hieß sein Rat. Das Wort Arzt, so lehrte er, leite sich vom griechischen archiatros ab, "oberster Helfer oder Retter". Patient hingegen komme aus dem Lateinischen und heiße "der Leidende, der Geduldige". In dieser Welt gab es keine Zweideutigkeiten: die Mediziner oben, die Patienten unten, führen und folgen, befehlen und gehorchen.
Dagegen ist die heile Welt der Schwarzwaldklinik völlig aus den Fugen. Die Patienten motzen den Professor an, auch die Angehörigen sind aufsässig, sogar der Verwaltungsfritze macht sich mausig. Manchmal geht es zu wie auf einem Polizeirevier zu später Stunde, wenn alle schon einen in der Krone haben. Kein Wunder, der Drehbuchautor ist "Tatort"-Spezialist. Vater Brinkmann, der Herr Professor und Chefarzt, hat nur die Komplikationen, nicht aber den Laden unter Kontrolle. In richtigen Kliniken ist das umgekehrt.
Herr Dr. Udo Brinkmann, der Sohn mit dem Arschbackenscheitel ("Ich bin Chirurg, nicht Psychiater"), vermehrt die Konfusionen, so gut er kann. Viel kann er nicht, und niemand sollte sich wundern, wenn nur ein paar Tote sein Gewissen läutern könnten. "Wir müssen alle sterben", hat Vater schon angedroht. Leichen gehören nun mal zum Arztfilm wie das Amen zum Gebet.
Weil aber, nach den Regeln der Filmkunst, die Funktion des Helfens erotisiert werden muß, um den Zuschauer zu fesseln, geht die Hälfte der Zeit fürs Tändeln verloren. Noch konkurrieren Vater und Sohn um dieselbe, leicht verfaltete Schwester, doch schon taucht die junge Schwesternschülerin mit dem spitzen Piekebusen auf. Fortsetzung folgt.
Rhapsodisch ziehen die Krankheiten vorbei, morgens in "Bild", abends im ZDF. Ein Häppchen Krebs, ein Schrecken Aids, das sterbende Kind, der rüstige Greis. Wunder gibt es immer wieder. "Vater kann alles und weiß alles", sagt der Junge vom Alten. Er sei eine "starke Persönlichkeit" und - na? wie heißt das? - jawohl: eine "Kapazität".
Der narzißtische Wunsch nach einer omnipotenten Schutzfigur ist wieder einmal erfüllt worden. Herr Professor Brinkmann hält Händchen, schon lassen Angst und Schmerzen nach. Die Schwarzwaldklinik ist eben nicht auf der Höhe der Zeit, denn ein richtig modernes Krankenhaus ist bekanntlich nur für den bewußtlosen Patienten optimal ausgelegt.
Noch chargieren die anderen Ärzte der Klinik brav im Hintergrund. So darf das nicht bleiben! Ein Doktor Eisenbarth muß her, ein knorriger Landarzt, und wie wär's mit einem schönen Fräulein Doktor als Appetithappen? Serienschreiber Herbert Lichtenfeld wird's schon richten. Schließlich läßt er ja, heißt es drohend, 264 Figuren aufmarschieren. Nur jetzt nicht krank werden! Gesundheit ist die Quelle aller Heiterkeit, sagt Schopenhauer. Nein, der spielt nicht mit.
Wenn der jungsche Doktor Udo sich nicht bald bessert, sollte mit ihm so verfahren werden wie mit dem Arzt der fränkischen Königin Austrichilde. Den warf man, einem letzten Willen der Patientin folgend, unmittelbar nach ihrem Ableben ohne Federlesen aus dem Fenster.
Dem guten Professor Brinkmann aber ist zu wünschen, daß ihm, wie allen großen Chirurgen, der Herrgott bei der Arbeit über die Schulter schauen möge. Nur der Herrgott.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 44/1985
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