25.11.1985

„Dir müßte man einen Orden geben“

Schriftsteller Peter Schneider über eine Begegnung mit Pier Paolo Pasolinis Mörder Der Berliner Schriftsteller Peter Schneider ("Lenz“, „Der Mauerspringer"), 45, hat für ein italienisches Fernsehteam am Tatort ein Gespräch mit dem Mann geführt, der vor zehn Jahren, in der Nacht zum 2. November 1975, den Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini ermordet hat. *
Im Juli 1985. Der "Idroscalo" ist ein rechteckiger, nicht einmal fußballfeldgroßer Platz aus gestampfter Erde. Um hierher zu gelangen, verläßt man die Strandpromenade von Ostia und fährt auf einer schmalen Landstraße, die unbebaute, von Unkraut und Müll bedeckte Flächen durchschneidet, nordwärts, Richtung Fiumicino. Dies ist der einheimische, der trostlose Teil Ostias. Nicht einmal der Strand lockt Touristen an; die Betriebe, die weiter südlich für Phantasiepreise Strandkörbe und Liegestühle vermieten, versprechen sich hier kein Geschäft.
Der Idroscalo liegt kaum einen Kilometer vom Strand entfernt, aber das Meer kann man von hier aus nicht sehen. Die Häuser an der Südseite des Platzes sind Neubauten, sämtlich in dem universalen Elendsstil gebaut, der die Randgebiete der großen Städte kennzeichnet. Dies könnte ein Bauplatz im Märkischen Viertel sein, am Stadtrand von Dortmund oder Frankfurt; nur der orangefarbene Verputz, die ausladenden Terrassen, der steile Stand der Sonne bezeugen, daß ich mich südlich der Alpen befinde.
Es ist fast Mittag und so heiß, daß sich Hemd und Hose nach wenigen Minuten wie eine feuchte, blasenwerfende Haut anfühlen. Keine Palme, kein Oleanderstrauch spenden Schatten, die Sonne hat den Boden derart ausgebrannt, daß schon ein winziger Luftzug Fontänen von Staub aufwirbelt, die Gräser unter den Füßen knistern wie brennendes Reisig.
An diesem Platz, an der Stelle, wo jetzt ein Mahnmal aus rohem Zement vor dem Maschendraht steht - ich weiß nicht, ob es so armselig wirkt durch das Material oder durch die Umgebung -, ist Pier Paolo Pasolini in der Nacht vom 1. zum 2. November ermordet worden. Unweit von hier wurde der leblose Körper des Dichters gefunden, mit zerschmettertem Kopf. Er lag mit dem Gesicht nach unten, die Hände unter dem Körper. Er hatte ein grünes Unterhemd an, Blue jeans, von Motorölflecken beschmiert, braune Stiefeletten. Hundertfach waren die Knochen seines Körpers gebrochen, sein Herz zerborsten unter dem Druck von Autoreifen. Und an dieser Stelle warte ich, zehn Jahre später, auf seinen Mörder.
Der Tod des berühmtesten und umstrittensten Künstlers Italiens hat damals die Welt traumatisiert. Niemals in der jüngeren Geschichte war ein italienischer Dichter auf so entsetzliche Weise ums Leben gekommen. Man mußte auf Beispiele aus dem Mittelalter oder aus der Geschichte der christlichen Märtyrer zurückgreifen, um Parallelen zu finden. Aber die Umstände seines Todes eigneten sich nicht für eine Heiligenlegende. Nach der Darstellung des einzigen Zeugen und Mörders Pino Pelosi, der kurz nach der Tat von den Carabinieri festgenommen wurde, hatte der Dichter ihn nachts auf der Piazza dei Cinquecento, in der Nähe des Bahnhofs Termini, angesprochen.
Nach einem kurzen Schwatz auf der Straße willigt der damals siebzehnjährige Pelosi ein, in Pasolinis Alfa Romeo zu steigen. Nach einem Zwischenstopp im "Biondo Tevere", einem Stammrestaurant Pasolinis am Tiber, wo Pelosi einen Teller Spaghetti und ein Pollo alla diavola (scharf gewürztes Hühnchen) verzehrt, fährt man nach Ostia zum Idroscalo. Dort kommt es im Auto zu einem kurzen Liebesakt, der durch einen Streit unterbrochen wird.
Die Gerichtsakte, die darin dem Protokoll der Vernehmung Pelosis durch die Carabinieri folgt, stellt den Hergang so dar, daß Pelosi aus dem Auto ausgestiegen sei und zunächst die Hand Pasolinis im Rücken gespürt habe, die ihm die Hosen herunterzuziehen versucht, dann
einen Stock; daß Pelosi versucht habe zu fliehen, aber von dem Stock am Kopf getroffen worden sei; daß es nun zu einem Kampf gekommen sei, in dessen Verlauf Pelosi ein am Boden liegendes Brett aufgehoben und am Kopf Pasolinis zerschlagen habe; daß er ihm, der immer noch keine Wirkung zeigt, zwei Tritte in die Leistengegend versetzt und in blinder Wut das Brett immer wieder auf den Kopf geschlagen habe; daß er, als er den Körper Pasolinis zu Boden fallen hörte, zum Auto geflüchtet und mit diesem weggefahren sei; daß er nicht sagen könne, ob er dabei mit dem Auto über Pasolinis Körper gefahren sei.
Die italienische Öffentlichkeit reagierte auf diese Darstellung verwirrt, empört. Wie immer der Tathergang war, so konnte es nicht gewesen sein. In der Tat: Es gab und gibt Widersprüche, Ungesagtes, Schutzbehauptungen, die Pelosis Darstellung unglaubwürdig machen. Auf dem Idroscalo waren Fußspuren gefunden worden, die jedenfalls von den erst am Sonntag Fußball spielenden Jungen nicht herrühren konnten. Wem gehörten der Pullover und die abgelöste Schuhsohle in Pasolinis Auto, die sich weder dem Täter noch seinem Opfer zuordnen ließen? Wie waren die Spuren von Pasolinis Blut auf das Dach über der Beifahrertür gelangt, wenn der Mörder, wie er behauptet, allein den Wagen bestieg? Was hatte es mit jenem mit vier Mann besetzten und in Catanzaro zugelassenen Auto auf sich, das - einem anonymen Briefeschreiber zufolge - Pasolinis Alfa Romeo nach der Wegfahrt vom Restaurant am Tiber verfolgte? War es vorstellbar, daß der muskulöse, durch regelmäßiges Fußballspiel austrainierte Pasolini im Zweikampf mit einem Siebzehnjährigen unterlag?
Außerdem: Es hatte anonyme Morddrohungen gegeben. Pasolini hatte sich, in einem intellektuellen Amoklauf sondergleichen, im letzten Jahr seines Lebens die gesamte herrschende Klasse Italiens zum Feind gemacht. Hatte er etwa nicht die Christdemokraten des Genozids an der bäuerlichen Kultur geziehen, die Abschaffung der Schulen und des Fernsehens verlangt, den Regierenden einen Prozeß angedroht, der sie sämtlich als politische Kriminelle bloßstellen sollte? Wer außer seinen erklärten, womöglich verstrickten Feinden oder den ganz Dummen sollte glauben, daß dieser Mann im Streit mit einem Stricher umgekommen war?
Sofort bildete sich eine "rechte", eine "gemäßigte" und eine "linke" Version über Pasolinis Tod heraus, deren Anwälte sich alsbald in einem erbitterten Glaubenskrieg gegenüberstanden. Die "rechte" Version besagte, daß Pelosi die Tat allein und spontan begangen habe. Die Anhänger der "gemäßigten" Version redeten einer mafiosen Variante das Wort: Zuhälter, die den Schwulenstrich an der Piazza dei Cinquecento für heterosexuelle Kunden räumen wollten, hätten Pelosi als Lockvogel vorgeschickt, um dem berühmten
Kunden gemeinsam, in einer exemplarischen Aktion, den Garaus zu machen. Sie hätten den minderjährigen Pelosi erpreßt oder dafür bezahlt, die Tat auf sich zu nehmen. Die "linke" Version hält Pasolini für das Opfer eines politischen Komplotts, das von Faschisten ausgeführt, aber von den Geheimdiensten, Logen, konspirativen Zirkeln der herrschenden Klasse von langer Hand vorbereitet worden sei. In letzter Instanz sei es die italienische Gesellschaft selber, die ihren größten Dichter, den kommunistischen Häretiker und Homosexuellen Pasolini, umgebracht habe.
Die italienische Justiz gab im Prinzip allen Fraktionen recht. Das Gericht kam in erster Instanz zu dem Schluß, daß Pelosi die Tat gemeinsam mit Unbekannten begangen habe. Das Verfahren gegen "Unbekannt" wurde jedoch niemals eröffnet, und die zweite Instanz erklärte die These der ersten Instanz für "zweifelhaft".
Man kann dieses In-der-Schwebe-Halten widersprüchlicher Versionen einfach schlampig nennen. Ich nenne es lieber poetisch, und ich gestehe, daß mir das poetische Verhältnis der Italiener zu ihren Verbrechen sympathisch ist. Die Weigerung, sich mit irgendeiner juristischen Klärung des Sachverhalts zufriedenzugeben, die Sucht, der Intimgeschichte eines Verbrechens sofort ihre politische Version entgegenzustellen, und umgekehrt das Geständnis jeder Fraktion, die Gegenfraktion, der man eben noch Schläge anbot oder austeilte, habe im Grunde recht - all das ist nur auf den ersten Blick mit südländischer Oberflächlichkeit zu erklären. Die innere Antriebskraft dieser Meinungskämpfe ist die Überzeugung, daß der individuelle Schuldnachweis den großen, die Gesellschaft bewegenden Verbrechen nicht gerecht wird; daß der Zufall der Bote des Schicksals ist; daß beide, der Mörder und sein Opfer, Stellvertreter sind und Anspruch auf die Teilnahme der Gemeinschaft haben, in deren Mitte das Verbrechen geschah.
Als ich Pino Pelosi zusammen mit dem Regisseur Ivo Micheli den ungepflasterten Weg, der den Platz mit der Landstraße verbindet, heraufkommen sah, konnte ich die beiden Gestalten zunächst nicht unterscheiden. Beide eher klein, in hellen, kurzärmeligen Hemden und weißen Hosen - zwei Sommerurlauber, die von der Sonne gleich gemacht wurden und kurze Schatten warfen. Welcher von beiden war es, der winkte? Im Näherkommen unterschied ich Pelosi an der kräftigeren Statur, dem ruhigen, selbstsicheren Gang. Er trug Turnschuhe, und vor dem kragenlosen Hemd baumelte, an einer Halteschnur befestigt, eine jener modischen Sonnenbrillen, wie man sie in dieser Saison in den besseren Herrenboutiquen zu kaufen bekam. Er grinste mich an, als er mir die Hand gab. Bloß jetzt kein verstohlener Blick. Sofort schob sich ein Bild vor meine Wahrnehmung, kein Steckbrief, kein Phantombild, sondern jene Skizze von einem männlichen Idealbild, die Pasolini im Jahr seines Todes in seinen fiktiven Briefen an "Genariello" entwarf: _____" Vor allem bist du sehr nett. Vielleicht nicht gerade " _____" im üblichen Sinne. Du kannst auch zierlich und sogar ein " _____" wenig mickrig von Statur sein. Du kannst in deinem " _____" Gesicht schon das Merkmal tragen, das es in späteren " _____" Jahren gefährlich nach einer Maske aussehen lassen wird. " _____" Doch deine Augen müssen schwarz und glänzend sein, dein " _____" Mund ein wenig groß, dein Gesicht regelmäßig, deine Haare " _____" müssen kurz im Nacken und hinter den Ohren sein ... Es " _____" wäre mir ganz lieb, wenn du ein wenig sportlich wärst, " _____" also schmalhüftig und mit kräftigen Beinen ... "
Tatsächlich war mir, als hätte ich Pino Pelosi schon einmal gesehen. Er glich jenen schmalhüftigen, etwas pickligen Jungen mit den schlechten Zähnen, die als Abbilder des immer gleichen Archetypus Pasolinis Filme bevölkern. Am meisten aber glich er Ninetto Davoli, den Pasolini in einem Liebesgedicht "den Boten" nannte und an dem er, als er ihn schließlich an eine Frau verlor, fast zerbrach.
Und doch wirkte die Ähnlichkeit jetzt wie die Erinnerung an eine Zeichnung, die längst verwischt ist: Pelosis Gesichtshaut war grobkörnig und fleckig, der rechte Mundwinkel, des großen, schön geschwungenen Mundes war durch ein Ekzem verkürzt, die Augen waren glanzlos, blicklos. Vor allem war er nun schwer geworden, schwer und grobschlächtig in seinen Bewegungen. Seine muskulösen Schultern rotierten beim Reden unablässig um einen Punkt in der Mitte des Körpers, er schien, wenn er stand, nie auf der ganzen Fußsohle zu stehen, wie ein Boxer, der den besten Stand sucht. Den Mann, der vor mir stand, würde kein Freier mehr ansprechen, er war durch sieben Jahre Gefängnis schwer und unscheinbar geworden.
FRAGE: Signore Pelosi, in Deutschland weiß man von Ihnen, daß Sie der Mörder Pasolinis sind, man weiß nichts über Sie. Wer sind Sie, wie sind Sie aufgewachsen?
PELOSI: Ich bin ein ganz normaler Junge ...
FRAGE: Was macht Ihr Vater?
PELOSI: Mein Vater arbeitet als Angestellter. In seiner Freizeit handelt er mit Matratzen.
FRAGE: Welche Schule haben Sie besucht?
PELOSI: Die Mittelschule. Dann zwei Jahre Lehre als Schiffs-Elektriker im Knast in Civitavecchia.
FRAGE: Einige Jungen wie Sie, die Pasolini kennengelernt hat, sind Kino-Stars, Sie sind sein Mörder geworden. Haben Sie sich manchmal gewünscht, ein Kino-Star zu werden?
PELOSI: Ach ... man kennt diese Jugendträume. Wenn man älter wird, bedeutet einem das nichts mehr.
FRAGE: Halten Sie sich für ein Opfer der Justiz?
PELOSI: Nicht für ein Opfer. Ich habe einen Mord begangen, das weiß ich, und heute weiß ich es besser als
damals. Denn damals war ich noch nicht erwachsen, 17 Jahre. Aber ich finde es ungerecht, daß ich acht Jahre sitzen mußte für einen Unfall, um''s kurz zu sagen, einfach dafür, daß ich mich verteidigt habe.
FRAGE: Wie sind Sie von den Mitgefangenen behandelt worden? Als ein Held, als ein gewöhnlicher Mörder, als einer, den man verachtet?
PELOSI: Zuerst habe ich mich nicht um so was gekümmert. Es waren die ersten Erfahrungen im Gefängnis. Dann, nach und nach: "Ja, der da hat Tizio umgelegt, das ist der, der Caio umgebracht hat!" Das waren die berühmten.
FRAGE: Waren Sie im Gefängnis berühmt?
PELOSI: Berühmt durch den Namen dessen, den ich umgebracht habe. Nur deswegen.
FRAGE: Gilt es im Gefängnis als ein ehrenvolles Verbrechen, wenn man einen Homosexuellen umbringt?
PELOSI: Ach ... so nennen sie es vielleicht im Süden, aber es ist kein Ehrendelikt (delitto d''onore), sondern ich habe mich eben verteidigt und basta.
FRAGE: Und jetzt, seit Sie draußen sind: Wie werden Sie von den Leuten behandelt?
PELOSI: Gut, ziemlich gut. Manche haben sogar gesagt: "Dir müßte man einen Orden geben, ich sag''s nicht zum Spaß, einen Orden!"
FRAGE: Was halten Sie von dem Kompliment?
PELOSI: Ach, soso, ich geb'' nicht soviel drauf.
FRAGE: Jedenfalls möchten Sie keinen Orden kriegen dafür?
PELOSI: Nein. Mir wäre es am liebsten, wenn gar nichts passiert wäre, wenn man alles vergessen würde. Daß jemand, wenn er mich sieht, nicht mehr sagt: "Das ist der, der Pasolini umgebracht hat." Immer diesen Satz. Das ist es, was ich möchte.
FRAGE: Haben Sie in den sieben Jahren Gefängnis Ihre Tat jemals bereut? Haben Sie daran gedacht, davon geträumt?
PELOSI: Bereut, nie.
FRAGE: Warum nicht?
PELOSI: Weil ich nicht derjenige war, der jemanden angegriffen hat, jemanden umgebracht hat, weil er ihn umbringen wollte. Es ist ein Unglück passiert, deswegen gibt es nichts zu bereuen. Es tut mir leid, denn schließlich habe ich einen Menschen getötet. Daran habe ich manchmal gedacht, öfter als einmal, geträumt davon nie.
FRAGE: Haben Sie im Gefängnis etwas von Pasolini gelesen?
PELOSI: Kann sein, ein Gedicht, nur so, ich erinnere mich nicht.
FRAGE: Filme von Pasolini gesehen?
PELOSI: Den einen hab ich gesehen, den er mit Toto gemacht hat, "Große Vögel, kleine Vögel".
FRAGE: "Edipo Re", haben Sie den gesehen? Das ist ein Film, in dem der Sohn seinen Vater ermordet, ohne zu wissen, daß es sein Vater ist.
PELOSI: Hab'' ich nicht gesehen. Ein Stückchen von "Accattone" hab ich gesehen, das war''s.
FRAGE: Sie haben im Gefängnis Bilder gemalt, Gedichte geschrieben ...
PELOSI: Ja, ein Bild nach Salvador Dali, "Fischzug der Frauen", dann ein paar andere Bilder, erfundene Sachen. Auch ein Buch hab'' ich geschrieben, aber Buch will ich''s nicht nennen, weil ich kein Schriftsteller bin. Ich schreibe, wie es mir kommt, eine Art Tagebuch ...
FRAGE: Als Sie erfahren haben, daß der Mann, den Sie umgebracht haben, nicht nur ein Homosexueller war, sondern
ein Dichter und Filmemacher, einer, von dem Sie Gedichte lasen ...
PELOSI: Ein Gedicht hab'' ich gesagt, nicht ein paar ...
FRAGE: ... hat das irgendein Gefühl in Ihnen hervorgerufen?
PELOSI: Ein Dichter, das stimmt. Aber ich sehe das von einer anderen Seite. Ich bin ein Mensch, du bist ein Mensch. Was du sonst bist oder nicht bist, ob du Regisseur bist oder Dichter, interessiert mich nicht. Für mich zählt, wie du dich benimmst, und das gleiche interessiert dich an mir. Ich gebe nicht viel auf solche Sachen.
FRAGE: Haben Sie das Buch von Dario Bellezza "Morte di Pasolini" gelesen?
PELOSI: Ich hab'' praktisch alles gelesen, was darüber geschrieben wurde. Aber vor allem die Stellen, die mich betrafen.
FRAGE: In diesem Buch behauptet Bellezza, daß Pasolini seinen Tod immer vorausgeahnt und in Kauf genommen hat, daß er Sie womöglich provoziert hat, ihn umzubringen. Was halten Sie davon?
PELOSI: Wenn er Pasolini so gut kannte und diese Sachen behauptet - ich weiß nicht. Ich weiß es nicht, weil ich ihn nicht kannte, ihn damals zum ersten Mal gesehen habe, zum ersten und letzten Mal.
FRAGE: Haben Sie sich in dieser Nacht von Pasolini provoziert gefühlt?
PELOSI: Ich habe einen Stock im Hintern gespürt ...
FRAGE: Im Auto?
PELOSI: Nein, draußen. Dann habe ich mich gewehrt, habe Stockschläge abgekriegt, wir haben angefangen zu kämpfen ...
FRAGE: Wo ist es passiert?
PELOSI: An dieser Stelle, hier, zwischen dem Drahtzaun und dort ... Ich weiß nicht, wo der Körper lag, als er hinstürzte; es muß dort, in der Mitte, gewesen sein.
FRAGE: Und dann ist Pasolini geflüchtet?
PELOSI: Wir sind beide weggerannt, und er war es, der hinter mir herrannte.
FRAGE: Wer ist zuerst weggerannt, Sie oder Pasolini?
PELOSI: Ich.
FRAGE: Worum ging der Streit: Gab es so etwas wie eine sexuelle Abmachung zwischen Ihnen und Pasolini?
PELOSI: Keine Abmachung. Man weiß, wie das läuft. Da gibt''s keine Abmachung.
FRAGE: Was haben Sie sich davon versprochen, zu ihm ins Auto zu steigen?
PELOSI: Nichts. Mein Auto war kaputt, da habe ich mir gesagt: Verdien'' ich mir ein paar Scheine, dann kann ich das Auto reparieren. Das war alles.
FRAGE: Das war an der Piazza dei Cinquecento. Pasolini fuhr an Ihnen vorbei, und Sie sind eingestiegen?
PELOSI: Ja, er hat mich nach einer Straße gefragt, wir haben ein bißchen geschwatzt, zwei Minuten, wir haben getankt, und dann hat er mich hierhergefahren. Ich war vorher nie hier.
FRAGE: Wie lange seid ihr im Auto geblieben?
PELOSI: Zehn Minuten. Dann bin ich ausgestiegen, um ein Geschäft zu verrichten. Und dann hat das angefangen, was eben angefangen hat, und es hat geendet, wie es geendet hat.
FRAGE: Also, während Sie draußen waren, hat Pasolini plötzlich einen Stock genommen und Sie damit angegriffen. Wozu?
PELOSI: Ich weiß es nicht. Er wollte mich mit Gewalt zu etwas zwingen, und ich habe mit Gewalt reagiert. Und dann ist es leider so ausgegangen. Es hätte für mich genauso schlecht ausgehen können.
FRAGE: Wie lange hat der Kampf gedauert?
PELOSI: Fünf, sieben, fünfzehn Minuten. Man schaut dabei nicht auf die Uhr.
FRAGE: Und dann haben Sie sich ins Auto gesetzt ...
PELOSI: ... hab'' mich ins Auto gesetzt, den Rückwärtsgang eingelegt, dann den ersten Gang und bin losgefahren, mit ausgeschalteten Scheinwerfern, glaube ich, denn ich habe überhaupt nichts gesehen. Ich hatte so einen Wagen noch nie gefahren, einen 2000 GT, mit dieser tiefliegenden Karosserie. Nichts, überall Löcher, und dann, sagen sie, hätte ich ihn absichtlich unter die Räder genommen. Ich jedenfalls habe nichts davon gemerkt.
FRAGE: Ist es Ihnen unangenehm, an diese Stelle zurückzukommen?
PELOSI: Nein.
FRAGE: Waren Sie - nach der Tat - schon einmal hier?
PELOSI: Ja, einmal bin ich mit den Photographen gekommen und habe Blumen hierhergebracht. Das zweite Mal, das ist ungefähr einen Monat her, bin ich allein gekommen, mit einem Freund, einfach so.
FRAGE: Wie finden Sie das Monument, das hier steht?
PELOSI: Komisches Ding.
FRAGE: Traurig?
PELOSI: Traurig und häßlich, und innen ist schon alles verrottet. Wenn man so etwas aufstellen wollte, hätte man besser arbeiten sollen. Und häßlich ist es: Ich erkenne so etwas wie einen Reifen, jedenfalls stell'' ich mir vor, daß es ein Reifen sein soll, dieses runde Ding hier, und das übrige, ich weiß nicht, was es bedeutet.
FRAGE: Was für Pläne haben Sie für die Zukunft?
PELOSI: Ich möchte mir einen Lieferwagen kaufen, einen Ladentisch auf der Piazza aufstellen und Sachen verkaufen, gebrauchte Klamotten, so etwas, überall auf den Märkten in Rom. Das ist die Perspektive.
FRAGE: Möchten Sie Kinder haben?
PELOSI: Ja.
FRAGE: Einen Jungen oder ein Mädchen?
PELOSI: Beides, sogar vier Kinder. Je mehr, desto besser.
FRAGE: Wenn Sie ein Mädchen kennenlernen und ihr von sich erzählen, was erzählen Sie da? Fällt es Ihnen schwer, ihr etwas von sich zu erzählen?
PELOSI: "Schwer" würd'' ich nicht sagen. Früher oder später geb'' ich ihr zu verstehen, daß ich ein Geheimnis mit mir herumtrage, daß ich gesessen habe ...
FRAGE: Worin besteht dieses Geheimnis für Sie? Darin, daß Sie Pasolini umgebracht haben oder daß Sie gesessen haben?
PELOSI: Daß ich gesessen habe, ist nicht der Punkt. Es ist eher, daß ich eben etwas Geheimnisvolles an mir habe, etwas zu verbergen habe. Obwohl es mir gar nicht darauf ankommt, es zu verbergen.
Als Ton und Kamera ausgestellt waren, griff ich nach einer Zigarette. Da meine aufgeraucht waren, nahm ich eine von Pelosi. Er gab mir Feuer, nickte mir zu; das hast du gut gemacht, konnte dieses Nicken bedeuten, oder einfach nur: bitte. Ich überlegte, was ich erfahren hatte. In einigen Punkten log er, _(Toto (vorn) und Ninetto Davoli. )
beschönigte er; vor allem glaubte ich ihm die Behauptung nicht, er habe, falls er Pasolini überfahren hatte, nichts davon gemerkt. Daß er mit Pasolini allein war und der Streit spontan entstand, während eines Liebesaktes im Auto, schien mir wahrscheinlich. Aber dann hatte Pelosi vermutlich den schwer getroffenen, aber immer noch flüchtenden, ihm womöglich einmal entgegentretenden Pasolini bewußt überfahren - ob in Panik, in Wut oder mit der Absicht, das Opfer eines halb vollendeten Totschlags zum Schweigen zu bringen, würde niemand zu sagen vermögen.
Während das Team die Geräte in den Autos verstaute, ging ich mit Pelosi am Maschendrahtzaun hin und her. Ich fragte ihn Beiläufiges, erkundigte mich nach seinen Hobbys, eigentlich nur noch, um die Zeit bis zur Abfahrt zu überbrücken. Er sprach weiter wie vorher, ganz ohne innere Anspannung, mit sacht schwingendem Oberkörper, über die Fußballen rollend. Er blinzelte in die Sonne: Der Staub und die stechende Sonne, dies war das einzige, was ihn zu bedrängen schien.
Beide wischten wir uns gleichzeitig den Schweiß von der Stirn. Immer vor dem Drahtzaun auf und ab gehend, entdeckten wir Gemeinsamkeiten. Er erzählte von einem Auto, das er noch heute nachmittag kaufen wollte: einen alten Citroen DS. Ich hatte diesen Wagen selber vier Jahre lang gefahren, behauptete, daß ich ein Kenner sei, prophezeite ihm Unglück. Er lachte, schlug mir auf die Schulter, er duzte mich. Ich haßte das Team, das mich durch die endlose Packerei in eine so große, durch keinen Dritten gemilderte Nähe mit ihm zwang. Ich verabscheute ihn nicht, wollte ihn auch erst recht nicht, zehn Jahre später, noch einmal verurteilen. Er hatte seine Strafe verbüßt und war mir nicht unsympathisch: ein netter Mörder.
Was mich erschöpfte, leer machte, war die Harmlosigkeit unseres Gesprächs, die Harmlosigkeit und Beharrlichkeit seiner Begierden: Vor zehn Jahren war Pelosi hierhergekommen, um für eine Autoreparatur ein paar Scheine zu verdienen. Heute war er an die Stelle, die damals zu einem Tatort geworden war, zurückgekehrt, um mit dem Honorar für das Gespräch über jene Nacht ein gebrauchtes Auto zu kaufen. Zwischen den beiden Daten lagen siebeneinhalb Jahre Gefängnis und der zerschmetterte Körper Pasolinis.
Es war weit über die Mittagszeit, als die Geräte eingepackt waren, das Team hatte Hunger. Auch Pelosi wollte zu Mittag essen. Jemand kannte ein Restaurant auf dem Weg in die Stadt, in der Nähe der Cestius-Pyramide. Dort würde man sich in einer halben Stunde treffen. Pelosi setzte sich neben mich ins Auto des Tontechnikers, er schien mich zu mögen. Während der Fahrt stellten sich weitere Gemeinsamkeiten heraus. Pelosi hatte an der Tasche auf dem Rücksitz erkannt, daß ich Tennis spiele. Er hatte im Knast Tennis gelernt und einen gefängnisinternen Wettkampf gewonnen. Ich erkundigte mich nach seinen Aufschlägen, nach seiner Rückhand, wir sprachen über Boris Becker.
Das Restaurant lag an einer dichtbefahrenen Durchgangsstraße, wir verteilten uns an einem langen Tisch, der dicht an der Bordsteinkante stand. Pelosi setzte _(Rechts das Pasolini-Denkmal. )
sich auf den einzigen freigebliebenen Stuhl: mir gegenüber. Er begrüßte einen Bekannten aus der Autowerkstatt nebenan und bestellte. Es war das Gericht, das ihm Pasolini im Restaurant am Tiber spendiert hatte, bevor er mit ihm zum Idroscalo fuhr: Pollo alla diavola. Er aß langsam, ihn störte keine Erinnerung, eine große Ruhe ging von ihm aus. Zum ersten Mal sah ich ihm in die Augen, er blickte zutraulich zurück. Dennoch hatte ich das Gefühl, es gelänge mir nicht, ihm in die Augen zu schauen, sondern gleichsam nur auf sie. Es war, als würden sich in diesen Augen nur die Dinge der Außenwelt abzeichnen, Häuser, Autos, ein Teller, ein Glas, ich - nichts Inneres.
Plötzlich dachte ich, daß es gleichgültig war, ob Pelosi die Tat allein und in Gegenwehr oder gemeinsam mit Zuhältern oder im Auftrag der italienischen Gesellschaft begangen hatte. Es war gleichgültig, weil es nichts in ihm gab, woran er den Unterschied hätte messen können. Er würde immer nur von anderen und nachträglich erfahren, was er getan hatte und wie seine Tat zu bewerten war. Er würde diese Urteile zur Kenntnis nehmen, gehorsam und ein wenig verwundert, er würde vielleicht aus ihnen zu lernen versuchen, um Nachteile zu vermeiden. Aber ob er, wie jetzt, ein Glas Wasser an den Mund führte oder ein Brett auf dem Kopf eines Gegners zerschlug, bis er tot war, unterschied sich im Prinzip nur durch die Art der Bewegung. Pelosi war auf eine schreckliche Weise unschuldig.
Ich wollte nicht mehr auf den Kaffee warten, verabschiedete mich, lief die Straße hinab, Richtung Pyramide. Es war eine lange, gerade Straße; ich lief bis zur Ecke, weiter, nach rechts, nirgends ein Taxi. Als ich mich umwandte, sah ich eine helle Gestalt auf mich zurennen, die nach mir rief und winkte. Wieder Pelosi. Warum ich so plötzlich weggelaufen sei, auch er wolle ein Taxi in die Innenstadt nehmen zu seinem Freund, dem Citroenhändler, wir hätten den gleichen Weg. An der Pyramide fanden wir schließlich ein Taxi.
Ich war ihm jetzt näher als je zuvor, er legte den Arm über die Rückenlehne, das holprige Pflaster warf uns zusammen. Als der Fahrer mich schließlich absetzte, wollte Pelosi mein Geld nicht annehmen. In Berlin kannst du das Taxi bezahlen, hier bist du mein Gast. Ob wir nicht einmal Tennis zusammen spielen wollten? Als ich ausstieg, überlegte ich, was mich jetzt immer noch hinderte, einen Termin mit ihm zu vereinbaren. War es nur noch der Satz: Ich habe mit Pasolinis Mörder Tennis gespielt?
Fünf Tage nach dem Gespräch wurde Pelosi bei einem Raubüberfall verhaftet.
Toto (vorn) und Ninetto Davoli. Rechts das Pasolini-Denkmal.
Von Peter Schneider

DER SPIEGEL 48/1985
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