03.02.1986

SEKTENDer Psycho-Pate

Der Amerikaner L. Ron Hubbard, Gründer der umstrittenen „Scientology Kirche“, ist gestorben. Wird er wiederkommen? *
Für die einen schien er der liebe Gott, für andere eine Art Gottseibeiuns. Er hinterläßt ein millionenschweres Imperium mit einem Heer fanatischer, höriger Anhänger - und einen Katalog voll Fragen. Wer war L. Ron Hubbard?
In den Augen des amerikanischen Richters Paul G. Breckenridge war er ein "pathologischer Lügner, wenn es um seine Vergangenheit, seinen Hintergrund und seine Leistungen ging". Dokumente spiegelten seinen "Egoismus, seine Habgier, seinen Geiz und seine Gier nach Macht, seine Rachsucht und Aggressivität gegen Menschen, die er für unloyal oder feindlich hält".
Millionen Gläubige hingegen betrauern in ihm ihren "Religionsstifter" und "Kirchengründer": "Voller Abenteuer" und "unvorstellbar reich an Errungenschaften" sei sein Leben gewesen, dröhnt es aus dem Trauerhause, seine "großartigen Leistungen" suchten "in der heutigen Welt ihresgleichen".
L. Ron Hubbard, Gründer und Pate des weltweiten und weltweit umstrittenen Psycho-Konzerns "Scientology Kirche", ist tot. Am vorletzten Freitag, in seinem 74. Lebensjahre, habe er "seinen Körper verlassen, heißt es im "Kirchen"-Bulletin; seine Asche sei ins Meer gestreut worden, eine Autopsie habe sich der Verblichene testamentarisch verbeten.
Für die Welt war Hubbard schon geraume Zeit nur noch ein Phantom. Seit sechs Jahren galt er als nach unbekannt verzogen, amerikanische Richter gewöhnten sich daran, daß Hubbard, wenn geladen, nicht vor die Schranken trat; und in den letzten Jahren wurde dringlich nach ihm verlangt.
Im Reich der Sekten schien Hubbard die schillerndste Gestalt; neben anderen Seelenfängern, von Bhagwan bis Mun, wirkte er wie der Mystifax maximus. Welche tragende oder trügende Rolle spielte er? Dr. Mabuse - Mastermind im Hintergrund? Dr. Kimble - auf der Flucht? Howard Hughes - todkranker Multimillionär?
Auf Photos, in Filmen, auf unzähligen Tonband-Cassetten präsentierte er sich als bulliger Dröhnbaß, mit dickem Schädel und im Kinn die Kerbe des Machtmenschen, auf späten Privatphotos sah er eher derangiert aus. War er für die eigene Gemeinde nicht mehr vorzeigbar?
Vor rund 30 Jahren hatte Hubbard den Grundstein für seine "Scientology" gelegt - Filialen wirken mittlerweile in rund 40 Ländern, straff dirigiert und kontrolliert vom "Scientology"-Verwaltungssitz in Los Angeles; in den 60er Jahren navigierte er, selbsternannter "Commodore", von einem Schiff her seine Getreuen.
Geld floß mächtig in die "Kirchen"-Kassen. "Make money, make more money", hieß eine Hubbard-Devise; aggressive Anwerber, gesalzene Preise (bis zu
300 Dollar pro Seelsorge-Stunde), enormer Leistungsdruck und bombastische Heils- und Heilungsversprechen machten das Unternehmen - als "Kirche" steuerprivilegiert - zu einem Marktführer der Branche.
Psycho-Sekten sind die Spitze eines Magnetberges, der Irrationalismus heißt, und der zieht in dieser Zeit gewaltig Jünger an. Hubbards Lehrgebäude, ein bizarres Welterklärungsmodell mit Reinkarnation und okkultem Überbau, appellierte auch an Leute, die über Däniken kichern würden: Science-fiction plus Psycho-Exerzitien plus Magie ist eine Mausefalle.
In allen drei Sparten hatte Hubbard volontiert - als wieselflinker Sciencefiction-Schreiber; als Do-it-yourself-Freudianer; und als Magie-Adept im Dunstkreis des Neo-Satanikers Aleister Crowley. Der nannte den Zauberlehrling allerdings, in einem bösen Brief, einen "Tölpel".
Des Okkultisten Hubbard wird in "Kirchen"-offiziellen Biographien freilich nicht gedacht. Ein Heldenleben, eine Heiligenlegende wird darin gesponnen, ein Übermensch tritt hervor. Urheber von Ideologien und Kulten müssen, alter Trick, Geistesgiganten, Propheten, blinde Seher sein, um potentiellen Kunden zu imponieren. Also:
Bereits mit dreieinhalb Jahren lernte Hubbard lesen und schreiben, mit 12 hatte er "schon eine Vielzahl der großen Klassiker der Welt verschlungen. Zwei Jahre später bereiste er "ganz Asien", vier Jahre lang, und studierte bei "heiligen Männern". Folgte ein Uni-Studium in Mathematik und Kernphysik.
Im Kriege focht er dann heldenhaft und hochdekoriert als Korvettenkapitän zur See, kehrte "gelähmt und erblindet" von der Walstatt wieder und heilte sich - erstes "Scientology -Wunder? - selbst: ein Klacks angesichts der Behauptung, daß er auch "zweimal offiziell tot" gewesen sei.
Mittlerweile vorliegende Berichte und Dokumente, die auch in Prozessen zitiert werden, machen den Supermann wesentlich mickriger. Der Asien-Trip war eine Visite bei seinem in Guam stationierten Vater; Uni- und Kriegszeugnisse deuten ihn eher als Versager; das Weiße im Auge des Feindes hat er nie gesehen, seine Kugeln nie gespürt. Münchhausen war lustiger. Den "Commodore"-Tick, die freilich, die militärische Allüre, die Obsession für Geheimdienste und Spionage muß er sich auf hoher See geholt haben: "Scientology" entwickelte geradezu professionelle Strategien und Kader, um vermeintliche Feinde auszuspähen, zu unterwandern und unter Druck zu setzen - Typ: der verfolgte Verfolger.
Hausgemachte Gesetze gaben den "kirchlichen" 007-Bonds vermeintliche Legitimität - etwa Hubbards "Fair game"-Order vom 18. Oktober 1967. Sie besagte: Ein "Feind" dürfe "seines Eigentums beraubt, verletzt ... betrogen, verklagt oder belogen oder zerstört werden" (wegen "schlechter PR" später aufgehoben) Weitere Hubbard-Doktrin: "Wir fanden niemals Kritiker der Scientology, die keine kriminelle Vergangenheit hatten."
Geheimdienst-Tuerei gehörte zum Geschäft, so Kommunikation per Code.
Ein solcher Schlüssel, "Isis" genannt, codierte auch Deutsches - wie Bundesverfassungsschutz ("Die Meistersinger"), BND ("Walküre") und Max-Planck-Institut ("Congress Centrum Hamburg").
Hubbards Abschreckungs- und Vergeltungs-Strategien haben "Scientology" berüchtigt gemacht. Hemmungslos überzog die "Kirche" kritische Medien, Organisationen, Regierungsstellen mit Batterien von Prozessen, nach der Formel: "Der Zweck liegt viel mehr darin, zu belästigen und zu entmutigen als zu gewinnen."
Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre kam die "Kirche" allerdings schwer in die Bredouille. Elf Spitzenleute, darunter die Hubbard-Gattin Mary Sue, wurden zu Gefängnis verurteilt. Grund: Die Truppe hatte US-Regierungsstellen unterwandert, Tausende von Dokumenten kopiert und eine Wanze in der Finanzbehörde gepflanzt.
Denn von der Finanzbehörde ging Gefahr aus, und im Herbst 1984, nach langem Rechtsstreit, trat der United States Tax Court der "Kirche" besonders schmerzhaft auf die Soutane: Er entzog der "Church of Scientology of California für die Jahre 1970 bis 1972 den (kirchlichen) Status der Steuerfreiheit; Nachzahlung: rund 1,5 Millionen Dollar.
Gründe: Sie habe im "wesentlichen in kommerzieller Absicht" operiert, sie würde "zum privaten Nutzen von L. Ron Hubbard und seiner Familie betrieben, sie unterhalte "große Geldreserven in einer Scheinfirma und einem Schwindeltrust, die von Schlüsselfiguren der Kirche, darunter dem Gründer, kontrolliert wurden".
"Unmoralisch und gesellschaftsschädlich" hieß im selben Jahr ein britischer Kollege des US-Richters Breckenridge die "Kirche", dazu "korrupt, sinister und gefährlich". Richter John Latey am Londoner High Court: "Scientology" basiere auf "Lug und Trug", ergehe sich in "niederträchtigen Praktiken" gegen Anhänger wie Kritiker und mache Gefolgsleute durch "Gehirnwäsche" zu "blinden Opfern und Werkzeugen".
Hat Hubbard, wie einst der Führer, von allem nichts gewußt? Nach "Scientology"-Glauben wird sich der Verblichene alsbald reinkarnieren, und dann kann man ihn ja mal fragen.

DER SPIEGEL 6/1986
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