03.03.1986

„Das Votum war vorfabriziert“

SPIEGEL-Interview mit Gina Lollobrigida über ihren Zorn auf den Berlinale-Sieger „Stammheim“ *
SPIEGEL: Frau Lollobrigida, Sie haben sich, obwohl Sie Vorsitzende der Jury waren, heftig von der Auszeichnung des "Stammheim"-Films als bestem Film der Berlinale distanziert ...
LOLLOBRIGIDA: ... ein absolut absurdes Votum.
SPIEGEL: Warum?
LOLLOBRIGIDA: Ein Filmfestival ist dazu da, den Film als Kunst weltweit zu propagieren. Ein Filmfestival ist kein Schlachtfeld, auf dem Preise für politische, kommerzielle und persönliche Interessen zu gewinnen sind.
SPIEGEL: Sie sprechen dem Film von Reinhard Hauff und Stefan Aust offensichtlich auch den Wert einer politischen Dokumentation ab.
LOLLOBRIGIDA: "Stammheim" ist nichts anderes als verfilmte Worte. Wie Kugeln aus dem Maschinengewehr rattern sie. In "Stammheim" wird ein Bildteppich unter ein Gerichtsprotokoll gelegt, das man lesen, aber nicht verfilmen sollte. Unter Filmkunst verstehe ich etwas anderes.
SPIEGEL: Was denn?
LOLLOBRIGIDA: Ein prämierter Film muß eine eigene künstlerische Aussage, entweder in der Regie, in der Photographie oder in der Schauspielkunst haben. Nicht einen dieser Werte finde ich in "Stammheim".
SPIEGEL: Eine Aussage hat der Film aber doch wohl. Vielleicht ist sie Ihnen nur zu politisch?
LOLLOBRIGIDA: Der Film ist mißverständlich. Man kann ihn so verstehen, als seien die Richter die Versager und die Terroristen, Mörder, die Helden.
SPIEGEL: Der Stammheim-Prozeß gehört auch in der Wirklichkeit nicht zu den glanzvollsten Kapiteln bundesdeutscher Rechtsprechung.
LOLLOBRIGIDA: Der Film ist banale, leere, einfallslose Berichterstattung.
SPIEGEL: Wäre Ihr Urteil ebenso hart, wenn es sich um einen italienischen Film handelte, dessen Inhalt Ihnen emotional vielleicht näher und damit zugänglicher wäre?
LOLLOBRIGIDA: Ob deutsch oder italienisch: ein guter Film kennt keine Grenzen.
SPIEGEL: Acht Jahre nach der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden wird gerade in diesen Wochen in Rom zum ersten Mal der Versuch unternommen, das tragischste Kapitel des italienischen Terrorismus auf die Leinwand zu bringen. Ist nach Ihrer Meinung auch dieser Versuch bereits fehlgeschlagene Kunst?
LOLLOBRIGIDA: Man muß abwarten, was dabei herauskommt. Und dann ist es wohl ein Unterschied, ob man die Ermordung des Präsidenten der langjährigen italienischen Regierungspartei, der Democrazia Cristiana, der hilflos in den Händen seiner Entführer war, verfilmt, oder ob man Terroristen, die Blut an den Händen haben, zu Helden eines Films macht.
SPIEGEL: 1981 wurde bei den Filmfestspielen in Venedig Margarethe von Trottas Film "Die bleierne Zeit" mit dem "Goldenen Löwen" ausgezeichnet. Der Film, der die Geschichte der Ensslin-Schwestern - die eine Terroristin, die andere in der Legalität um die Schwester kämpfende Links-Sympathisantin - nacherzählt, gilt gerade in Italien als Dokument politischer Filmkunst.
LOLLOBRIGIDA: Ich kenne den Film nicht, weiß deshalb auch nicht, warum er prämiert wurde.
SPIEGEL: Aber auch Filme wie Costa-Gavras'' "Z" über den Widerstand gegen die griechische Militärdiktatur oder die ausgezeichneten italienischen Filme Francesco Rosis über die Mafia gelten in Ihrem Land als künstlerisch wertvoll.
LOLLOBRIGIDA: Warum zählen Sie nicht auch das Meisterwerk "Gandhi" dazu? "Stammheim" hat nichts von alledem, ist vielmehr ein billiger, zwielichtiger und außerdem noch gefährlicher Film. Schade um die Filmfestspiele. _(Bei der Preisverleihung der Berlinale: ) _(mit Moritz de Hadeln, Reinhard Hauff, ) _(Stefan Aust. )
Es war eine politische Entscheidung, diesen Film zu prämieren.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, daß die Jury in Berlin politisch instrumentalisiert wurde?
LOLLOBRIGIDA: Das Votum für "Stammheim" war vorfabriziert. Schon zu Beginn des Festivals stand fest, daß der Film mit dem ersten Preis ausgezeichnet werden mußte.
SPIEGEL: Können Sie das beweisen?
LOLLOBRIGIDA: Der politische Druck war für alle spürbar, das haben mir viele Jury-Kollegen bestätigt. Außerdem hat das Jury-Mitglied, das sich am meisten für "Stammheim" einsetzte, während der Vorführung tief und fest geschlafen. Beweist das nicht, daß die Entscheidung abgesprochen war?
SPIEGEL: Warum sind Sie als Präsidentin der Jury aus Protest dann aber nicht zurückgetreten?
LOLLOBRIGIDA: Ich wollte zurücktreten. Aber ich habe mich umstimmen lassen: Noch mehr Aufsehen um "Stammheim" hätte dem Film einen noch größeren Kassenerfolg gesichert. Die Entscheidung hat mich Kraft gekostet. Ich habe gelitten, vor allem weil ich die Jury in ihrer Mehrheit nicht überzeugen konnte, daß ein preisgekrönter Film künstlerisch interessant sein muß.
SPIEGEL: Sie waren in den fünfziger und sechziger Jahren ein weltberühmter Filmstar, die "Lollo". Sie haben unter großen Regisseuren gearbeitet. Das ist aber lange her. Die Zeiten haben sich geändert. Kann es sein, daß Sie mit dem Votum in Berlin deshalb so unzufrieden sind, weil Sie Filmkunst immer noch nur als pure Unterhaltung verstehen?
LOLLOBRIGIDA: Filmpoeten wie Vittorio De Sica kommen nicht wieder. Leider. Aber es gibt große lebende Regisseure wie Ingmar Bergman, Steven Spielberg und andere. Die Zeit ist an mir nicht spurlos vorbeigegangen. Auch ich bin gewachsen.
SPIEGEL: Sie verließen die Filmwelt vor rund 15 Jahren ...
LOLLOBRIGIDA: Ich habe dem Film meine besten Jahre geschenkt. Ich habe die besten Jahre der Filmkunst miterlebt, und ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages noch eine große dramatische Rolle zu spielen. Ich verließ den Film, als er mich nicht mehr befriedigte, als meine Suche nach einem guten Drehbuch erfolglos verlief. Dann habe ich mich der Photographie, meinem neuen Beruf, zugewandt.
SPIEGEL: Aber Ihre Photos verraten auch ein eher ästhetisches, fast kosmetisches Kunstverständnis.
LOLLOBRIGIDA: Ich bin eine Künstlerin. Politik interessiert mich nicht. Ich habe keine politische Erfahrung. Deshalb bedaure ich auch, daß wir in Berlin soviel kostbare Zeit mit der Entscheidung für oder wider "Stammheim" verloren haben, die uns dann für die gerechte Bewertung vieler interessanter Filme junger Künstler gefehlt hat. *KASTEN
Streit um den Bären *
Mit der Berufung Gina Lollobrigidas zur Jury-Präsidentin der diesjährigen Berlinale wollte sich das Festival den verblichenen Glanz und Glamour goldener Kinozeiten zurückholen - und handelte sich am Ende einen kleinen Eklat ein. Gina "Nazionale" mißfiel die äußerst knapp (6:5) ausgefallene Entscheidung, den Goldenen Bären an Reinhard Hauff für "Stammheim" zu vergeben. Sie distanzierte sich in temperamentvoll rollendem Englisch von der Entscheidung ihrer Jury, überreichte Hauff mit sichtlichem Unwillen den Goldenen Bären und schüttelte um so herzlicher ostentativ die Hände ihres Favoriten Nanni Moretti ("La messa e finita"), der mit dem Silbernen Bären vorliebnehmen mußte. Die Verleihungsfeier, "an peinlicher Provinzialität nicht zu überbieten" ("FAZ"), fand durch eine Live-Übertragung auch ein TV-Publikum. Ihren Berliner Auftritt setzt die Diva, die dann verstimmt, aber mit zwei neuerworbenen Schäferhunden nach Rom zurückreiste, mit phantastischen Verdächtigungen der Jury-Mehrheit oder der Festspiel-Leitung fort: "Das Votum für ''Stammheim'' war vorfabriziert. "
Bei der Preisverleihung der Berlinale: mit Moritz de Hadeln, Reinhard Hauff, Stefan Aust.

DER SPIEGEL 10/1986
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