23.12.1985

BANKENGut bedient

Die Deutsche Bank macht mit dem Flick-Imperium ein beispielloses Geschäft. *
Der Handel des Jahrhunderts war in nicht einmal einem Tag abgewickelt.
Am Dienstagvormittag beschlossen die Chefs der Deutschen Bank, ihre frisch von Friedrich Karl Flick erworbenen 3,4 Millionen Daimler-Benz-Aktien sofort zu verkaufen. Nach dem Mittagessen tickerten es die Fernschreiber des Frankfurter Geldgiganten in alle Welt: Rund 140 Banken in Amerika, Großbritannien, Japan, der Schweiz und der Bundesrepublik erhielten das freundliche Angebot, zum Stückpreis von 1120 Mark Aktien des Stuttgarter Autokonzerns zu erwerben.
In Frankfurt und Düsseldorf griffen zugleich die Wertpapierhändler der größten deutschen Bank zum Telephon: Firmen und Privatleuten, die mit der Bank besonders gut können, wurde die gleiche Offerte unterbreitet.
Was dann passierte, erinnerte an chaotische Szenen auf den Kaufhaus-Grabbeltischen zur Schlußverkaufseröffnung. Interessenten aus aller Welt jagten den Daimler-Aktien nach, als sollte es nie wieder welche geben. Schon am Mittwochvormittag blies die Deutsche Bank per Telex die große Jagd ab. Die Zeichnung werde "sofort geschlossen". Wenn "wir noch einen Tag weitergemacht hätten", sagt ein leitender Angestellter des Hauses, "hätten wir die dreifache Menge verkaufen können".
Bundesdeutsche Kreditinstitute aus der zweiten Reihe, die sich im Auftrag ihrer Kunden um die Daimler-Papiere bemühten, bekamen nur Bruchteile der gewünschten Menge ab. In der unnachahmlichen Tonlage eines Deutsche-Bank-Managers heißt das: "Die anderen Banken wurden nach ihrer Leistungsfähigkeit bedient."
Die Vereins- und Westbank aus Hamburg suchte nach über zehntausend Stück Daimler. Am Ende waren die Hanseaten mit wenigen tausend dabei. Die Stadt-Sparkasse in Düsseldorf drängelte sich nach 5000 Daimler-Aktien. Die Rheinländer mußten sich mit 500 Stück zufriedengeben.
Den Grund für die Hatz auf die Auto-Aktien verdeutlicht ein Blick auf den Daimler-Börsenkurs. Am Montag, am Tag bevor die Bankiers den Verkauf beschlossen, brach der Preis für Daimler-Aktien plötzlich nach oben aus. Ob die Deutsche Bank nachhalf oder nicht: Als die Aktion anlief, kostete eine Aktie an der Börse 1220 Mark. Mithin offerierten die Bankiers das Papier mit 1120 Mark geradezu zum Diskont-Preis.
Ohnehin gelten die Daimler-Papiere weltweit als erstklassige Anlage. Im nächsten Jahr feiert der Stuttgarter Automobil-Hersteller, dessen Ruhm durch die Daimler-Wagenparks zahlloser Potentaten in aller Welt ständig gemehrt wird, seinen hundertsten Geburtstag. An der Börse ist ausgemacht, daß die Schwaben ihren Aktionären ein besonderes Geldgeschenk darreichen.
Die Deutsche Bank kann die Feierlichkeiten schon vorverlegen: Der Gewinn aus dem Flick-Nachlaß sprengt alle Dimensionen, die bislang für einzelne Geschäfte galten.
Für das Flick-Imperium, mit Ausnahme der Beteiligung an der Versicherungs-Firma Gerling, zahlt die Bank an den abgetretenen Konzern-Herrn fünf Milliarden Mark. Die Überweisungen sollen, wie Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen sagt, "in vernünftigen Raten" bis zur Mitte des nächsten Jahres bei Flick eintreffen.
Schon die Raten-Zahlung ist ein Geschäft. Die 3,8 Milliarden Mark aus dem Blitz-Verkauf der Daimler-Aktien müssen am 8. Januar, da bitten die Bankiers höflich drum, auf dem Konto sein. Weitere 1,5 Milliarden Mark kann die Deutsche Bank gleichfalls schon fest buchen: Noch vor dem Verkauf der Daimler-Aktien war man mit Peter Grace in New York handelseinig geworden; er kauft Flicks Anteil an seinem Imperium für diesen Betrag zurück.
Anders ausgedrückt: Das Geld, was in Raten an Flick zu zahlen ist, trägt bereits durch schlichte Lagerung Zinsen. Bei fünf Milliarden läppert sich das: Wird das Geld etwa zum gängigen Zinssatz von sieben Prozent angelegt, wächst jeden Tag eine frische Million nach.
Gemessen am Verkaufserlös selbst, sind die Zinsen lediglich schmückendes Beiwerk. Allein mit Daimler und Grace
ist der Verkaufspreis, den die Bank an Flick zu zahlen hat, schon um 300 Millionen Mark übertroffen.
Das ist erst der Anfang. Wenn Herrhausen und sein Kollege Friedrich Wilhelm Christians im Frühsommer den eigentlichen industriellen Kern des Flick-Imperiums verkaufen, werden aus den Millionen Milliarden. Die Feldmühle Nobel AG, in der die Papierfabrik Feldmühle, die Chemiegruppe Dynamit Nobel und die Maschinenbau- und Gießereifirma Buderus zusammengefaßt sind, dürfte bei guter Börsenlage nochmals 1,5 Milliarden Mark bringen. Selbst wenn die Deutsche Bank ein paar hundert Millionen Mark Steuern zu zahlen hat: Der Gesamt-Gewinn aus dem Verkauf des Flick-Reichs dürfte mit einer Milliarde Mark vorsichtig geschätzt sein.
Nicht auszudenken, was geschähe, wenn Friedrich Flick (gestorben 1972) seinen Sohn Friedrich Karl noch erwischen könnte.

DER SPIEGEL 52/1985
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