30.09.1985

„Sterben, bevor der Morgen graut“

Die großen Seuchen (II): Syphilis _____“ Aber ganz abscheulich ist's auf dem Wege der Liebe „ _____“ Schlangen zu fürchten und Gift unter den Rosen der „ _____“ Lust, „ _____“ Wenn im schönsten Moment der sich gebenden Freude „ _____“ Deinem sinkenden Haupt lispelnde Sorge sich naht. „ _____“ Johann Wolfgang von Goethe „ *
Der Mann hatte das Gesicht des Fauns, den Körper eines Krüppels und einen Kopf von seltener Hohlheit - er konnte weder lesen noch schreiben, geschweige denn rechnen. Nur eines, das beherrschte er gar meisterlich: "Er fickete", so ein Chronist, "wie zehn Teuffel in eins." Er war ein Kretin, gewiß, aber einer von Gottes Gnaden: Als Karl VIII. von Frankreich regierte er, der "weniger einem Menschen als einem Monstrum glich", 15 Jahre lang. Als er 1498 im Alter von 28 Jahren starb, hatte der geile Trottel auf dem Thron politisch nichts bewirkt, von seinem Hof waren weder kulturelle noch geistige Impulse ausgegangen. Seine gesamte Lebensleistung bestand darin, viele tausend Frauen, Mägdelein wie Metzen, beglückt zu haben. Dennoch sollte dieser tumbe Lüstling die politischen Geschicke Europas, seine kulturelle wie gesellschaftliche Entwicklung mehr beeinflussen als viele der hervorragendsten Staatsmänner, Feldherrn und Philosophen.
Im Herbst 1493 verfiel der jugendliche Monarch auf den Gedanken, die ihm vom Hause Anjou überkommenen Erbansprüche auf das Königreich Neapel mit Waffengewalt geltend zu machen. Kaum war der Winterschnee geschmolzen, setzte der König von Lyon aus ein 30 000 Mann starkes Söldnerheer in Marsch; mit dabei waren neben vielen Spaniern und Franzosen zahlreiche Niederländer, Schweizer und Deutsche sowie ein 500 Rock starker Dirnenhaufen, angeführt von einigen Hurenweibeln.
Als Karl VIII. ein Jahr später wieder nach Lyon zurückkehrte, hatte seine zuchtlose Soldateska der Welt eine Krankheit beschert, die wie keine andere über mehr als vier Jahrhunderte hinweg Angst und Schrecken verbreiten sollte.
Nicht der Aussatz, nicht der Schwarze Tod, auch nicht die Pocken oder die mörderische Krankheit des englischen Scheißes (Fleckfieber), die Apokalyptischen Reitern gleich immer wieder über große Teile Europas dahinrasten, haben ein so lähmendes Entsetzen bei der Menschheit hervorgerufen wie der "monstrosus morbus", das monströse Leiden der Lust: die Syphilis.
Denn im Unterschied zu allen anderen Seuchen brachte sie nicht nur Millionen Siechtum und qualvollen Tod: Mit giftigem Brodem schlich sie sich zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kinder, zwischen Freund und Freund und "ließ so die heiligsten Bande der Menschheit durchfaulen" (so der Medizinhistoriker Gerhard Venzmer).
Die Syphilis vollbrachte, was selbst Pest und Cholera, später Krebs und
Herzinfarkt nicht vermochten: Wie jetzt die moderne Lustseuche Aids traf sie die Menschheit gleichzeitig in der Wurzel ihres Daseins und "im höchsten Gut des Herzens" (Goethe) - im Triebe und in der Liebe. "Sie hat in den höchsten und niedrigsten, irdischsten und metaphysischsten Akt des Menschen ein Element des Mißtrauens gebracht und ihn damit doppelt vergiftet", schrieb der Kulturhistoriker Egon Friedell.
In der Tat gebe es, meinen Aids-Experten wie Professor Manfred Dietrich vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten, "gewisse Parallelen zwischen damals und heute, zwischen Syphilis und Aids". Gemeinsam beispielsweise sind den beiden Liebeskrankheiten die moralische Stigmatisierung der Opfer, die dem Volk den ungetrübten Sexgenuß vermiesen; die große Seelenpein der Betroffenen, die - anders als bei Cholera oder Krebs - ihr Leid durch promisken Lebenswandel meist selbst herbeigeführt haben; und schließlich die Hilflosigkeit der Opfer, die von Freunden und Familie verlassen werden.
Einen gravierenden Unterschied zwischen der alten und der neuen Lustseuche freilich gibt es: Da mag die Syphilis dem in seiner "Matratzengruft" verfallenden Heinrich Heine das Rückenmark, dem Philosophen Friedrich Nietzsche das Gehirn zerfressen haben: Selbst vor der Erfindung von Salvarsan und Penicillin, den einzig nennenswerten Syphilis-Heilmitteln, starben nicht mehr als fünf Prozent der Erkrankten - wie sonst hätte die Menschheit überleben können. Die Diagnose Aids hingegen bedeutet, jedenfalls vorerst noch, den sicheren Tod.
Geradezu wie auf die von wachsender Aids-Furcht geprägten achtziger Jahre gemünzt, mutet an, was vor sechs Generationen der geniale Realist und (möglicherweise wegen einer Syphilis-Infektion) gallbittere Weiberhasser Schopenhauer über die Folgen der Syphilis für Mensch und Gesellschaft schrieb: _____" Die venerische Krankheit nämlich erstreckt ihren " _____" Einfluß viel weiter, als es auf den ersten Blick " _____" erscheinen möchte, indem derselbe keineswegs ein bloß " _____" physischer, sondern auch ein moralischer " _____" ist ... und der mittelbare Einfluß einer solchen " _____" Änderung in der Grundfeste aller menschlichen " _____" Gesellschaft erstreckt sich mehr oder weniger auch auf " _____" die übrigen geselligen (gesellschaftlichen) Verhältnisse. "
Ähnlich wie während der letzten Jahre Aids bei der sich weltweit fröhlich liebenden Gemeinschaft der Homosexuellen endemisch wurde, war auch damals die Promiskuität einer kleinen, aber mobilen Gruppe das Transportmittel der Seuche.
Ein Jahr lang zog das Söldnerheer von Karl VIII. durch das sinnenfrohe Italien - nicht raubend und brandschatzend, sondern saufend und hurend. "Abusus in Baccho et Venere", so ein zeitgenössischer Chronist, übermäßiger Genuß von Wein und Liebe hielten die Soldaten und ihren liebestollen Anführer in jeder größeren Stadt auf.
Es läuteten gerade die Silvesterglocken, als Karls Heeresbann in Rom einzog, wo der lasterhafte Papst Alexander VI. und seine ebenso schöne wie liederliche Tochter Lucrezia Borgia eine keineswegs gottesfürchtige Herrschaft ausübten. 30 000 Liebesdienerinnen, darunter 14 000 wegen ihrer Schönheit hochgeschätzte spanische Freudenmädchen, gingen damals in der Heiligen Stadt ihrem Gewerbe nach. Vier Wochen lang vergnügten sich die Landsknechte und ihr Feldherr, von den Damen des Landes mit dem Ehrentitel "Beschützer des schönen Geschlechts" ausgezeichnet, in Rom - dann endlich ging es weiter nach Neapel.
Als der Heerhaufen vor der Stadt am Vesuv eintraf, öffneten die Neapolitaner die Stadttore (ihr König, der hasenfüßige Ferdinand II., hatte sich schon vorher verdrückt) - die Männer kollaborierten, die Frauen kohabitierten mit den Eroberern. Nur in zwei Kastellen sammelten sich rund 800 Mann zum Widerstand, deren Belagerung geriet zu "einer einzigen, langen Orgie" (so ein Chronist).
Vielen der Landsknechte wird es dabei so ergangen sein, wie es Goethe - der aus Angst vor Ansteckung angeblich bis zu seinem 34. Lebensjahr der Liebe entsagte - im "Faust" schildert: "Ein schönes Fräulein nahm sich seiner an,/ Als er in Napel fremd umherspazierte;/ Sie hat an ihm viel Lieb''s und Treu''s getan,/ daß er''s bis an sein selig Ende spürte."
Doch dann mußten sich die Landsknechte aus den Armen der Neapolitanerinnen lösen - das Kriegsglück hatte sich gewendet, Karl zog sich überstürzt über die Alpen zurück und langte mit einem kleinen Häuflein Getreuer im November 1495 wieder in Lyon an. Der Rest seiner internationalen Söldnertruppe
hatte sich, den Keim des Verderbens mit sich tragend, in alle Länder Europas verstreut.
Drei Jahre später versammelte sich der debile Herrscher zu seinen Ahnen, seine Gebeine wurden in der Kathedrale Saint-Denis in Paris beigesetzt. 50 Jahre später soll, so zumindest will es die Anekdote wissen, der französische Arzt Thierry de Hery inbrünstig betend vor der Grabstatt gekniet haben: "Dieser König hat mir zu einem ungeheuren Vermögen verholfen", begründete er sein Tun, "denn ihm und seinen Taten verdanken wir die Syphilis."
Innerhalb von Monaten verbreitete Karls auseinanderstiebendes Heer die Lustseuche in Frankreich, Italien und Deutschland. Dem Kanonikus Joseph Grunpeck von Burckhausen, Sekretär Kaiser Maximilians I., verdankt die Nachwelt eine der ersten Beschreibungen der mit "wylden Wärtzen" behafteten Schlottertruppe von Heimkehrern: _____" Die einen waren vom Scheitel bis zu den Knien mit " _____" einer zusammenhängenden, fürchterlichen Art von Krätze " _____" überzogen. Andere hatten diese Krätze nur an einzelnen " _____" Stellen, aber härter als Baumrinde. Die übrigen starrten " _____" an allen Körperstellen von einer solchen Menge Blasen und " _____" Pusteln, daß diese Zahl nicht zu bestimmen war. Sehr " _____" vielen aber wuchsen im Gesicht, an den Ohren und der Nase " _____" dicke und warzige Geschwulste wie Zapfen oder kleine " _____" Hörner in die Höhe, die mit pestizialischem Gestanke " _____" aufbrachen und hervorstehenden Hauern glichen. "
Schon 1496 erhob sich das ekle Medusenhaupt der Seuche in ganz Europa. Im September des nämlichen Jahres zeichnete Sebastian Brant, Doktor beider Rechte zu Zürich und Verfasser des berühmten "Narrenschiffs", folgendes düstere Bild der Lage: _____" Nach ltalien kam aus Frankreich böses Verderben ... " _____" Latium überzog''s und schlich von den Alpen sich weiter, " _____" bis es nach Deutschland kam über die Donau hinaus. Jetzt " _____" grassiert es bereits in Thrazien, mitten in Böhmen, und " _____" der Pole erschrickt, daß es auch ihn noch ereilt. "
Natürlich erwischten die "pösen Plattern" auch den Polen genauso wie den Russen. Keiner blieb von ihnen verschont - der Tatar ebensowenig wie der Türke, nicht der Muselman und nicht der Mameluck, auch dem Mohren im Schwarzen Afrika nagte sie bald am Gebein.
Selbst vor den "gelben Plattgesichtern" im fernen Reich der Mitte machte die Lustseuche, wahrscheinlich eingeschleppt durch portugiesische Seefahrer und Händler in Singapur, nicht Halt. "In unseren Tagen durchraset die Krankheit Europa und die Städte Asiens und Afrikas", berichtete 1530 der italienische Arzt Girolamo Fracastoro.
In einem berühmten Lehrgedicht über einen den Sonnengott lästernden Schweinehirten namens "Syphilos" gab er der Krankheit ihren heute gebräuchlichen Namen, andere Ärzte sprachen von "lues", das lateinische Wort für Seuche; dritte nannten das neue Leiden "morbus venereus", die Krankheit der (römischen Liebesgöttin) Venus.
Der gemeine Mann im Abendland freilich sprach, jeder in seinem Mutterlaut, von der "Franzosenkrankheit" oder schlicht von den "Franzosen" - schließlich hatte der böse Franzmann mit _(Lateinischer Text: "Ich bin der Papst." )
seinem Kriegszug gegen Neapel die neue Geißel über die Menschheit gebracht.
Die "böse krankheyt" hauste bei den Armen im Souterrain der Gesellschaft, sie ging auf den Balkonen der Macht um und saß in den Logen der Kunst - keiner, weder König noch Bauer und Bettelmann war vor ihr sicher: Auf der Walstatt der Liebe blieben etwa Franz I. von Frankreich und der dänische König Christian VII., die Zaren Iwan VI. ("Der Schreckliche") und Peter I. ("Der Große").
Dem kunstsinnigen Ludwig II. von Bayern, einem Liebhaber des eigenen Geschlechtes, raubte die Syphilis den Verstand, Ludwig van Beethoven das Gehör. "Das Unterleibsübel mit gichtischen Zufällen" brachte E.T.A. Hoffmann, den Meister des Märchens, ums Leben; auch den Maler Alfred Rethel, dessen Sujet der Tod war, raffte die Lues schließlich dahin.
Besonders aber grassierte die Lustseuche unter den französischen Literaten des 19. Jahrhunderts: Außer dem aufrechten Zola starben viele bedeutende Schriftsteller - von Flaubert bis Maupassant - an der Syphilis.
Zeitweise befiel die Lues, die in ihrem dritten Stadium unbehandelt zu jahrelangem Siechtum, Knochenfraß und Verblödung führen kann, ganze Adelsfamilien und beeinflußte auf diese Weise die Regierungsgeschäfte - und damit bisweilen auch die Weltgeschichte.
So zog sich beispielsweise Heinrich VIII. von England die Syphilis wahrscheinlich schon mit 13 oder 14 Jahren zu - "dem frühesten Alter", so der Medizinhistoriker McLaurin, "in dem ein fröhlicher und unternehmender Jungmann der Renaissance sie wohl aufschnappen konnte". Heinrich infizierte seine erste Frau, Katharina von Aragonien, die ihm zwischen 1510 und 1516 vier Kinder gebar - bis auf eines, die schielende Prinzessin Mary, starben sie alle während oder kurz nach der Geburt. Todesursache: "Syphilis connata", wie Mediziner die angeborene, "unschuldige Syphilis" nennen.
Nachdem ihm ein weiterer Sohn tot geboren wurde, suchte Heinrich beim Papst um Annullierung der Ehe nach - schließlich brauchte er einen Thronfolger, und die bedauernswerte Katharina vermochte ihm keinen zu schenken: "Sie hatte ihr Bestes gegeben", bemerkte McLaurin sarkastisch, "die arme Lady, doch die Syphilis-Erreger ihres Gemahls waren zuviel für sie."
Papst Klemens VII. verweigerte sich dem Ansinnen - weniger aus Gründen der Moral als aus politischen Erwägungen. Heinrich sagte sich daraufhin von Rom los und schuf die englische Staatskirche.
Als deren Oberhaupt konnte er sich nach Belieben scheiden lassen; doch fortan zog es der "brillantgeschmückte Fleischermeister" (Friedell) vor, seine Ehen vorwiegend vom Scharfrichter trennen zu lassen. "Nur selten ist der Lauf der Weltgeschichte in solchem Ausmaße und so einschneidend beeinflußt worden wie von der Syphilis Heinrichs VIII.", analysierte der deutsche Medizinhistoriker Gerhard Venzmer in seinem Buch "Krankheit macht Weltgeschichte".
Wenn man "die ersten Syphilitiker verbrannt hätte", zürnte der Augustinermönch Erasmus von Rotterdam, "wäre das Heil der ganzen Welt bewahrt worden" - eine seuchenhygienisch höchst wirksame, schon damals aber nicht praktikable Lösung. Deshalb schlug der bisweilen zum Eiferertum neigende Humanist hilfsweise vor, man möge die "Träger
des Venussiegels" kurzerhand kastrieren.
Nicht ganz so, aber ähnlich rabiat möchte ein zeitgenössischer Verfechter des Glaubens mit den Opfern der modernen Lustseuche Aids verfahren. Die Kranken, und mit ihnen aus Gründen der Prophylaxe am besten die gesamte Gruppe der Homosexuellen, sollten "aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen" werden, verkündet der amerikanische TV-Prediger Jerry Falwell, selbsternannter Führer der "Moral Majority"-Bewegung.
Wenn dies nicht geschehe, würde über die Amerikaner ähnliches Unheil hereinbrechen wie einst über das mit Syphilis verseuchte Europa - wobei der Hohepriester der Reaktion offenbar vergißt, daß die Lustseuche möglicherweise in "God''s Own Country" (allerdings lange bevor der christliche Gott dort Fuß faßte) ihren Ursprung genommen hat.
Mit ähnlicher Wortgewalt wie heute der - allerdings mit geringerer intellektueller Potenz gesegnete - amerikanische Fernsehpfarrer die "moralischen Auswirkungen der Aids-Katastrophe" beschrieb im 16. Jahrhundert der fromme Erasmus die körperlichen Leiden der Syphilis-Kranken: Sie kämen einher "mit einer stumpfen Nasen, das eine Bein nach sich schleppend, mit grindigen Händen, stinkendem Atem, kranken Augen und verbundenem Kopf, Eiter aus Nase und Ohren".
Der Gottesmann wußte wohl, wovon er sprach. Als 1928 seine (in einer Gruft im Baseler Münster beigesetzten) Gebeine untersucht wurden, stellte sich heraus, daß Erasmus wahrscheinlich selbst an der Venuskrankheit gelitten hat: Zu den "gefundenen Knochenveränderungen", so die Diagnose des Baseler Anatomie-Professors Andreas Werthemann, habe "am ehesten eine luetische Infektion Anlaß geben können".
Wo immer sich der gelehrte Herr seine Syphilis zugezogen haben mag, durch wollüstige Beiwohnung oder "in Herbergen oder Bädern" (wie Werthemann taktvoll anmerkt) - die moralischen wie die hygienischen Umstände jener Zeit waren dazu angetan, die Verbreitung der Krankheit zu fördern.
Wahre Brutstätten der Lustseuche waren die Frauenhäuser, "offene Gästehus" oder auch "Dochterhus" genannt, deren Besuch als keineswegs anstößig galt. Schließlich war, wie der Kunsthistoriker Eduard Fuchs (in seiner "Geschichte der erotischen Kunst") die Mores der Renaissance pathetisch beschreibt, zu jener Zeit "die Erfüllung der Liebe eine gewaltige Offenbarung. Die Leiber der Männer und Weiber waren Vulkane, deren Liebesverlangen in lohenden Garben gen Himmel schlug".
Mitglieder aller Stände vergnügten sich regelmäßig in den Bordellen, und so pflanzte sich die Syphilis von einem Glied der Gesellschaft zum anderen fort. Selbst gepfändete Schuldner, die außer ihrem Gewand nichts besaßen, hatten ein gesetzlich garantiertes Recht auf Entspannung - den Liebeslohn mußten, in Form eines "wochentlichen Frauengelds", ihre Gläubiger entrichten.
Noch frequentierter als die Bordelle waren damals die Badehäuser, die anfangs lediglich der Hygiene gedient hatten. Doch bald vergnügten sich dort, bei Lautenspiel und Wein, beide Geschlechter aufs innigste. Es sei "ein dauerndes Getändel" in den Badestuben, vermerkte ein Chronist, "ein Ringelreihen den ganzen Tag" - in der direkten Sprache der Moderne hieße dies: Partnertausch und Mehrverkehr.
Doch es müssen nicht immer Lust und Liebe gewesen sein, denen Badehaus-Besucher ihr Leid verdankten: Auf dem Umweg über die Schröpfköpfe und Rasiermesser des Baders holte sich manch einer die Franzosen.
Die medizinische Literatur kennt Syphilis-Infektionen, die durch gemeinsame Benutzung von Eßgeschirr, Pfeifen, Blasinstrumenten und Zahnbürsten herrühren. Syphilis-Experten führten beispielsweise die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im holsteinischen Dithmarschen grassierende Syphilis ("Marschkrankheit") auf den beim Abendmahl von Mund zu Mund gereichten Kelch zurück.
Solch "extragenitale" Infektionen waren (und sind) freilich höchst selten, denn der empfindliche Syphilis-Erreger stirbt außerhalb des Körpers schnell ab. Dennoch erzählen heute noch, in diesen aufgeklärten Zeiten, viele Syphilis-Patienten ihrem Doktor, sie hätten sich das peinliche Leiden auf der Toilettenbrille zugezogen - was höchst unwahrscheinlich ist.
Deshalb galt, nicht zuletzt um den Militärärzten unangenehme Diskussionen zu ersparen, in der britischen Armee bis vor nicht allzu langer Zeit die knappe Vorschrift: Infektionsort Toilettenbrille kann nur geltend gemacht werden von Offizieren "im Rang eines Obersten oder höher". Abtreten! Ähnliche
Sonderrechte genossen einst auch die Geistlichen, deren viele an der Lustseuche litten; denn die frommen Herren, vom einfachen Pfäfflein bis hin zum Papst, opferten nicht nur ihrem Herrn, sondern auch der Venus. Ihnen freilich sei "mit frommem Sinne" zu glauben, sie hätten ihre Lues dem Einfluß der Gestirne oder der verdorbenen Luft zu verdanken.
Ausgerechnet im Vatikan mußte immer wieder die Missa pro defuncto, die Sterbemesse, für syphilitische Päpste gelesen werden: Der Papst Alexander VI. beispielsweise, der mit seiner Tochter Lucrezia Borgia in Blutschande lebte, wurde ein Opfer seines ausschweifenden Lebens; sein Nachfolger Julius II. konnte sich häufig nicht vom Gebet erheben, weil sein Fuß "totus ex morbo gallico ulcerosus", also "völlig von den Ausschlägen der Franzosenkrankheit" bedeckt war - auch er starb schließlich an den Folgen der Lust. Auch der kunstsinnige Pontifex Leo X., Erbauer der Peterskirche und Förderer von Michelangelo, sank von Syphilis zerfressen ins Grab.
Trotzdem predigte die Kirche unverdrossen, die Franzosenkrankheit sei eine von Gott gesandte Strafe. Noch 1826 verbot Papst Leo XII. den Gebrauch von Kondomen (die früher aus Schafsdarm gefertigt wurden), da damit die Bestrafung des Sünders an jenem Gliede verhindert werde, mit dem er Unzucht getrieben habe.
Die galante Welt freilich wußte genau, daß die "Pariser" nicht gegen den Franzosen halfen. Die Kondome seien "ein Panzer gegen das Vergnügen", schrieb die Madame de Sevigne an ihre Tochter, "aber ein Spinnweb gegen die Gefahr".
Als alle Appelle an die Moral und die Androhung göttlicher Strafgerichte nichts fruchteten, wurden auf Befehl der Obrigkeit die Badehäuser wie Bordelle geschlossen und die Prostitution verboten. 1757 befahl der Züricher Rat, alle Syphilis-Kranken öffentlich an den Pranger zu stellen; wer daraus nichts gelernt und sich zum zweitenmal den Franzosen an den Hals geholt hatte, der war "mit Ruten zu züchtigen und ins Gefängnis zu legen".
Doch noch in keinem Jahrhundert ließ sich, mag die Strafe noch so streng gewesen sein, der Wollust Einhalt gebieten: "Der Mensch kann ebensowenig das Greisenalter von Geiz und Filzigkeit als die jungen Gliedmaßen von Lüsternheit trennen; und dafür plagt die Alten das Podagra (Fußgicht), und die Franzosen zwicken die Jungen", beschrieb Shakespeare, der Dichter des großen Welttheaters, die Fruchtlosigkeit strafbewehrten Liebesverbots.
Nirgendwo wurde mehr der Fleischeslust gefrönt wie dort, wo die Sex-Verbote erlassen wurden: An den großen und kleinen Höfen Europas unterhielten sich die Damen und ihre Kavaliere trotz aller Syphilis-Gefahren mit galantem Liebesspiel und absonderlichen Sexualpraktiken. Beliebt bei den Damen der Gesellschaft war im 18. Jahrhundert beispielsweise der Schoßhund, der seine Besitzerin unter dem Rock vergnügte.
Der ausschweifende Lebenswandel blieb nicht ohne Folgen: "Von neun Leuten von Qualität waren sieben, so die Franzosen hatten", berichtete die bodenständige Liselotte von der Pfalz, Schwägerin Ludwigs XIV., über die Seuchenlage in Versailles.
Nicht umsonst kam bei Hofe die Allonge-Perücke in Mode, mit der sich der syphilisbedingte Haarausfall trefflich verbergen ließ. "Man sieht so viele Personen allerliebst geschoren", spottete ein Zeitgenosse, "und ganz ohne Rasiermesser."
Handschuhe tarnten die Schwären an den Händen und schützten vor Ansteckung, das Spitzenjabot verbarg die verräterischen Flecken am Hals, Puder kaschierte die Pusteln im Gesicht. "Das junge oder das junggeschminkte Gesicht mit dem weißen Kopf ist ein erschütterndes Sinnbild der Rokokoseele, die tragische Maske jener Zeit", schrieb Egon Friedell.
Die Armen unter den Syphilis-Kranken, ausgestoßen von der Gesellschaft und mit Fetzen bekleidet, fristeten ihr Leben in Wäldern, auf Straßen oder unter Brücken; häufig wurden sie aufgegriffen, in die leerstehenden Pest- und Blatternhäuser gesperrt und einer Zwangsbehandlung zugeführt. Vorher setzte es zur Abschreckung noch eine anständige Tracht Prügel.
Viele Syphilitiker erlitten, der Mensch
hat sich nun mal nicht geändert, das gleiche Schicksal wie heute zahlreiche Aids-Kranke: Eltern weigerten sich, ihre auf den Tod liegenden Kinder zu pflegen, Männer flohen ihre Frauen, Kinder verließen die Eltern, Ärzte lehnten jede Behandlung ab. "Ein Jeglicher fliehe von denselben Menschen, die diese Krankheit haben", riet Grünpeck von Burkhausen.
Der Herr Kanonikus hätte sich an seinen eigenen Rat halten sollen: Bei einem Gastmahl in Augsburg, "bei dem neben Bacchus auch Venus zugegen war", holte er sich die Franzosen - selbst zahlreiche Schmierkuren mit Quecksilber konnten ihn nicht retten.
Schon früh waren die Ärzte darauf gekommen, daß Kuren mit Quecksilber den Verlauf der Krankheit verlangsamen können. Bis ins frühe 20. Jahrhundert blieb das "flüssige Silber" bei Lues-Erkrankungen das Mittel der Wahl - meist wurden die Patienten mit Quecksilberpräparaten eingeschmiert, was den Ärzten den Spottnamen "Quacksalber" eintrug. Häufig wurden die Kranken auch den Dämpfen des Giftes ausgesetzt, oder sie mußten es der Einfachheit halber gleich schlucken, fünf Gramm galten als die richtige Dosis.
Am beliebtesten war im 18. Jahrhundert der "Liquor merkurialis Swieteniae", so genannt nach Gerard van Swieten, dem Leibarzt Maria Theresias. Dem Präparat waren nämlich neben Quecksilber-Sublimat auch 35 Gramm Kornbranntwein beigemischt.
Darüber hinaus verordneten die Ärzte Aderlässe, extensive Schwitzkuren und Abführmittel. "Meine Krämpfe sollt ihr haben, / Speichelfluß und Gliederzucken, / Knochendarre in dem Rucken, / lauter schöne Gottesgaben", beschrieb Heinrich Heine die Tortur.
Viele Syphilis-Kranke wie etwa der französische Dichter Charles Baudelaire, der zeitweise "den Wind des Fittichs der Verblödung" an sich vorüberstreifen fühlte, suchten ihr Heil in seltsamen Eigentherapien - etwa mit Extrakten aus isländischem Moos, kalten Duschen und Jod-Kali. Die halfen ihnen freilich ebensowenig wie die Vesikaturpflaster und Senfwickel, mit denen sich Franz Schubert vom Lustübel zu befreien versuchte.
Scharenweise zogen Wundärzte und Kurpfuscher durchs Land und versprachen Heilung von der "schröcklichen Krankheit". Sie verabreichten den verzweifelnd Hoffenden Opium, Klettenwurzel, Tollkirsche und Brennessel, beliebt waren auch Rindenabkochungen aller erdenklichen Baumarten sowie Bäder im Blute frisch geschlachteter Ochsen - nahezu unendlich war die Zahl von dubiosen Mixturen und Extrakten, Dektoten und Destillaten, Latwergen und Infusionen.
Die Scharlatane hatten großen Zulauf - wie zu allen Zeiten, wenn die Menschheit von einer Krankheit geplagt wird, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele trifft: In der Aids-Hochburg San Francisco beispielsweise praktizieren inzwischen einige tausend Wunderheiler, die Aids-Kranken Heilung durch Hypnose oder Elektroschock, allerlei Wässerchen und Tabletten, Blutaustausch und Gesprächstherapie verheißen - zu Honoraren von bis zu 30 000 Dollar. "Da ist eine Millionen-Industrie mit der Hoffnung entstanden", so die "New York Times".
Ganz anders als bei Aids, das seinen Ursprung nachgewiesenermaßen in Afrika genommen hat, rätseln die Forscher noch heute über die Herkunft der Syphilis. Sicher ist nur, daß die Lustseuche von den dumpfen Lotterbetten der Soldateska Karls VIII. ihren Ausgang nahm. Aber woher kam sie ursprünglich? *___Aus Amerika, behaupten zahlreiche Experten; sie ____vermuten, die Syphilis _(Mit einem Sud aus dem "Franzosenbaum". )
sei 1493 von den Männern des Kolumbus - die sich ohne Zweifel mit den Indianerfrauen vergnügt hatten - nach Europa eingeschleppt worden. Als Kronzeuge gilt den "Amerikanisten" unter den Syphilographen der Bericht des spanischen Arztes Diaz del Isla, eines Zeitgenossen von Kolumbus: "Dieses Übel hat seinen Ursprung und seine Entstehung von jeher auf der Insel, welche jetzt Espanola (Haiti) genannt wird, wie man aus einer sehr reichen und sicheren Erfahrung gefunden hat." *___Seit jeher in Europa, entgegnen die "Anti-Amerikaner", ____sei die Syphilis heimisch gewesen. Sie zitieren ____Bordellverordnungen aus dem frühen Mittelalter sowie ____Chroniken, Briefe und Rezepte aus der Zeit vor der ____Entdeckung Amerikas (1492), in denen von einem "Gros ____Mal" (einer "Großen Krankheit") die Rede ist. Überdies ____wollen sie an Sokrates-Büsten jene typische Sattelnase ____entdeckt haben, wie sie durch den syphilitischen ____Zerfall des Nasenbeins entsteht.
Mit der ihnen eigenen Gründlichkeit suchten vor allem deutsche Forscher die unterschiedlichen Standpunkte zu untermauern. "Wenn die Syphilis von jeher existiert hätte, dann hätte sie im Altertum und im Mittelalter in ebenso großem Umfange und mit ebenso furchtbarer Plötzlichkeit hervortreten müssen, wie dies zu Ende des 15. Jahrhunderts geschah", argumentierte etwa Iwan Bloch, einer der Väter der Sexualwissenschaft, in seinem 1901 erschienenen Monumentalwerk "Der Ursprung der Syphilis".
Ein Jahrzehnt später meldet sich die Gegenseite in Gestalt des Professors Karl Sudhoff, einem der einflußreichsten Medizinhistoriker seiner Zeit, zu Wort. Sein Argument: Eben jene im Mittelalter so oft erwähnte Seuche Gros Mal sei nichts anderes als die Syphilis gewesen.
Blödsinn, konterte der Dermatologe Hans Haustein vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin, als Gros Mal hatten die Altvorderen die Epilepsie bezeichnet.
"Es ist doch gar nichts Wesentliches, ob man weiß, zu was für einer Zeit in was für einem Land diese Krankheit ihren Ursprung genommen hat", hatte schon im 18. Jahrhundert der bedeutende englische Chirurg John Hunter zwischen den streitenden Parteien zu schlichten versucht.
Wie die meisten seiner Kollegen war er der Überzeugung, bei der Syphilis handele es sich um eine gefährlichere Variante der vergleichsweise harmlosen Gonorrhöe (Mortalitätsrate ohne Behandlung: ein Prozent). Der "Tripper" war den Ärzten schon seit dem Altertum bekannt, ebenso wie die Herpes-Molesten, vor denen schon der griechische Ärztevater Hippokrates (dessen Eid die Ärzte noch heute schwören) gewarnt hatte.
Um die "Unität" von Syphilis und Gonorrhöe zu beweisen, unternahm Hunter einen Versuch, der die Erforschung der Syphilis über ein Jahrhundert hinweg blockieren sollte: Er infizierte sich mit dem eitrigen Sekret eines an Gonorrhöe erkrankten Mannes - und alsbald zeigten sich neben typischen Tripper-Symptomen (Brennen in der
Harnröhre) auch Anzeichen von Syphilis. "Die venerische Materie", schlußfolgerte Hunter, "muß in allen Fällen die nämliche sein."
Dem mutigen Mann war bei seinem Selbstversuch freilich entgangen, daß der "Spender" des Sekrets nicht nur an Gonorrhöe, sondern - wie damals häufig - gleichzeitig auch an Syphilis litt. Der Irrtum kostete ihn das Leben. "Er starb in dem Glauben", so der englische Arzt John Baron, "daß die zwei Krankheiten nur eine einzige seien."
Immer wieder glaubten Ärzte, dem Erreger der Syphilis auf die Spur gekommen zu sein, und immer wieder wurden sie enttäuscht. 1837 beispielsweise entdeckte der Pariser Arzt Alfred Donne, der sich hervorragend auf die Arbeit mit dem Mikroskop verstand, im Scheidensekret syphiliskranker Frauen ein einzelliges Geißeltierchen. "Ich gehe davon aus", jubelte Donne, "daß dies der Erreger der Syphilis ist."
Gefunden allerdings hatte der Arzt das auf den Schleimhäuten der Genitale siedelnde Bakterium Trichomonas vaginalis, im modernen Medizinerjargon liebevoll "Trichi" genannt, das heute (je nach Sorgfalt und Art der Untersuchung) bei acht bis 45 Prozent aller Frauen nistet.
Doch dann, Anfang des 20. Jahrhunderts, ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Innerhalb von nur vier Jahren gelang deutschen Wissenschaftlern ein grandioser Sieg über die Syphilis: *___1905 erblickte der Zoologe Fritz Schaudinn unter dem ____Mikroskop erstmals jenen Erreger, der über vier ____Jahrhunderte hinweg ganze Völker demoralisiert, der ____Energie und Lebensmut, Tatendurst und Schaffensfreude ____von Millionen gelähmt hatte - ein ungemein zierliches, ____spiralenförmiges, blaßfarbenes Bakterium vom Stamm der ____Spirochäten. Wegen seiner Form und Farbe nannte ____Schaudinn es "Treponema pallidum", den bleichen ____Drehfaden. *___1906 veröffentlichte der Bakteriologe August Paul von ____Wassermann (zusammen mit zwei Ko-Autoren) einen ____Artikel, in dem er auf 141 Zeilen einen von ihm ____entwickelten Lues-Test beschrieb - ein Verfahren zur ____Früherkennung der Krankheit, das auf der chemischen ____Analyse des Blutserums oder der Rückenmarkflüssigkeit ____beruht ("Wassermannsche Reaktion"). Fortan konnten auch ____jene, die das Venuszeichen nicht sichtbar auf der Haut ____trugen, ihre Krankheit nicht mehr verheimlichen - ____"Wassermann positiv" wurde bei Prostituierten, ____ungetreuen Ehemännern und der Liebe ergebenen ____Bürgerstöchtern zum Schreckenswort. *___1909 fand - in seinem berühmt gewordenen 606. Versuch - ____der Geheime Medizinalrat Paul Ehrlich endlich jene lang ____gesuchte Arsenverbindung, die Syphilis-Erreger abtötet ____und dabei den Körper nicht über Gebühr schädigt. Er ____nannte das Mittel Salvarsan.
"Ich konnte es anfänglich gar nicht fassen und glauben, daß durch die eine Injektion ein so wunderbarer Umschwung in dem Krankheitsbild bis dahin äußerst hartnäckig und unbeeinflußbar verlaufener Fälle herbeigeführt sei", schwärmte der Medizinprofessor Konrad Alt.
Sein Kollege Dr. Schreiber berichtete, nach über 50 Tagen sei bei 92,3 Prozent der mit Salvarsan behandelten Patienten eine völlige Heilung eingetreten. Auch der Penicillin-Erfinder Alexander Fleming, der 1928 durch Zufall die antibiotische Wirkung des Schimmelpilzes entdeckte, erprobte das neue Syphilis-Mittel.
Wie erfolgreich Salvarsan und die (ebenfalls von Ehrlich entwickelten) noch wirksameren Folgeprodukte im Kampf gegen die Syphilis waren, zeigt die Statistik: 1927 war die Zahl der Syphilitiker im Deutschen Reich auf 75 000 gesunken, 1940 wurden nur noch 34 000 Lues-Kranke registriert.
Ende des Zweiten Weltkrieges freilich stieg die Zahl der Neuerkrankungen wieder drastisch an. So wurden 1946 im Bereich der heutigen Bundesrepublik 88 000 neue Infektionen gezählt, im folgenden Jahr waren es sogar 114 652 - Folge der ungenügenden medizinischen Versorgung. Dann aber sank die Zahl der Kranken drastischer denn je.
Zu verdanken war dies dem Einsatz des (erst nach dem Zweiten Weltkrieg in großen Mengen verfügbaren) Penicillins, mit dem die Krankheit wirksam behandelt und innerhalb weniger Wochen geheilt werden kann. Das Penicillin, klagte der Dermatologe und Dichter Gottfried Benn, habe ihn brotlos gemacht.
Zwar hat das Leiden seine früher schreckeneinflößende Grimasse verloren, doch harmlos ist die Lues deshalb nicht geworden. Da sich "nach der jahrhundertelangen Lues-Durchseuchung der mitteleuropäischen Bevölkerung eine gegenseitige Anpassung zwischen Wirt und Erreger herausgebildet" hat, so das Ärztefachblatt "Diagnostik", verlaufen immer mehr Syphilis-Erkrankungen vor allem im Frühstadium nicht nur milde, sondern sogar völlig symptomlos. So bleibt, wie Untersuchungen vermuten lassen, jede vierte Lues-Infektion sowohl den betroffenen Patienten wie den Ärzten verborgen.
Nur eine Bevölkerungsgruppe sehen die Ärzte häufig in der Praxis: die wechselfreudigen Homosexuellen. Denn wer heute den bohnengroßen Primäraffekt am "ehrwürdigen Symbol an sich" (Nietzsche über den Phallus) keimen sieht, der verdankt den Defekt mit großer Wahrscheinlichkeit einem geliebten Freund: Homosexuelle holen sich 70mal häufiger eine Syphilis als Heterosexuelle.
Im nächsten Heft
Die Pest, der Schwarze Tod des Mittelalters - Kölnisch Wasser und Oberammergauer Passionsspiele gegen die Seuche - Die mörderischen Reisen der Cholera um die Welt - Koch verfolgt den Erreger bis Indien - 8000 Tote in Hamburg
*KASTEN
Lustseuche Syphilis *
Die bisher gefährlichste Geschlechtskrankheit, auch "Lues" oder "Harter Schanker" genannt, verläuft in mehreren Stadien, kann alle Organe in Mitleidenschaft ziehen und tödlich enden.
Erreger: Treponema pallida.
Übertragung: durch Geschlechtsverkehr.
Nachweis: mikroskopische Untersuchung von Sekret aus der verdächtigen Hautstelle und Blutteste (früher "Wassermann-Reaktion", jetzt TPI- und FTA-Test).
Krankheitsverlauf:
Erstes Stadium: Drei Wochen nach der Ansteckung tritt bei Mann und Frau ein pfenniggroßer, roter, scharf abgegrenzter Hautdefekt (sogenannter Primäraffekt) an den Geschlechtsteilen auf. Die örtlichen Lymphknoten schwellen an. Unbehandelt: Abheilung nach drei Wochen.
Zweites Stadium: Neun Wochen nach der Ansteckung breitet sich ein nicht juckender, fleckiger roter Hautausschlag aus. Weitere Zeichen: Haarausfall, Heiserkeit, nässende Hautknötchen (hochinfektiös!). Die Symptome verschwinden auch von allein nach einem Intervall scheinbarer Gesundheit.
Drittes Stadium: chronische Entzündungen an Haut, Knochen, inneren Organen, beginnend zwei bis fünf Jahre nach der unbehandelten Ansteckung. Zehn bis 20 Jahre später Rückenmarkschwindsucht ("Tabes dorsalis") oder fortschreitende Verblödung ("Progressive Paralyse") bei rund zehn Prozent der Infizierten.
Behandlung: Penicillin tötet die Syphilis-Erreger in jedem Stadium der Krankheit zuverlässig ab.
Lateinischer Text: "Ich bin der Papst." Mit einem Sud aus dem "Franzosenbaum".

DER SPIEGEL 40/1985
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