10.02.1986

LANDWIRTEVor dem Bauernaufstand

Die bayrischen Bauern sind erbost über die CSU: Mit Hilfe der weißblauen Staatspartei, meinen sie, kommt billiges Fleisch aus der DDR auf die westdeutschen Märkte. *
Die Attentäter hatten die Lage genau ausgekundschaftet: In Rudolphstein passiert der Lastzug die Grenze der DDR zu Bayern. Kurz darauf rollt der Lkw auf einen etwas abseits der Autobahn gelegenen Rastplatz. Der Fahrer steigt aus, geht in eine Telephonzelle und fragt bei seinem Auftraggeber an, wohin der Transport diesmal geliefert werden soll.
Dies ist der Augenblick, wo der verschworene Trupp bayrischer Bauern zuschlagen soll: Die Männer öffnen die verplombten Türen des Lastzugs. Eine Herde in der DDR gemästeter Bullen stürmt hinaus in die Freiheit.
Doch aus der geplanten Bullen-Befreiung wurde nichts. Unbekannte Verräter informierten den Auftraggeber, der Viehtransporter nahm eine andere Strecke.
Die geplatzte Aktion sollte handgreiflich vorführen, worüber die bayrischen Rindviehmäster sich seit Monaten erregen. Die Bauern in der Europäischen Gemeinschaft produzieren weit mehr Rindfleisch, als der Markt verkraften kann. Das drückt auf die Preise. 730000 Tonnen lagern derzeit unverkäuflich in den öffentlichen Kühlhäusern. Doch aus der DDR werden jährlich 81000 Mastbullen zusätzlich auf den überquellenden Westmarkt gebracht.
Die Stimmung in Niederbayern sei "wie vor dem Bauernaufstand", meldete das "Straubinger Tagblatt", das den "Skandal ohnegleichen öffentlich machte".
Der Weg, den das DDR-Fleisch nimmt, macht die Sache besonders pikant. Der größte Importeur von Rindviechern aus dem Osten ist ein ganz spezieller Spezi von Landesvater Franz Josef Strauß. Der Rosenheimer Fleischwaren-Fabrikant Josef März ("Marox") hat allein für eine Halbjahres-Frist bis März 1986 die Genehmigung des bayrischen Innenministers. 20000 Bullen aus der DDR nach Bayern einzuführen.
CSU-Mitglied März, der seine Unternehmerkarriere als kleiner Milchhändler begann, verfügt über ein Firmen-Konglomerat, dessen Umsatz auf rund eine Milliarde Mark geschätzt wird. Neben dem internationalen Viehhandel betreibt März Fleisch- und Wurstfabriken, außerdem ist er Mehrheitsaktionär der Kulmbacher Brauerei EKU. Zu seinem Reich gehören Schlachthöfe, Supermärkte und Brauereien in Togo, Zaire, Gabun und Gambia.
Den Weg nach Afrika ebnete ihm sein Freund Strauß. Togos Diktator Gnassingbe Eyadema, den "echte Freundschaft" mit dem bayrischen Ministerpräsidenten verbindet, weilt, wie auch andere afrikanische Polit-Größen, mitunter zum Staatsbesuch auf dem März-Gutshof Spöck bei Rosenheim.
Auch gen Osten hat der Rosenheimer Viehhändler gute Kontakte. In seinem Gästehaus auf dem Gut trafen sich 1983 DDR-Emissäre mit Strauß, um den umstrittenen Milliardenkredit auszuhandeln.
Seine Freundschaft zu Josef März ist dem bayrischen Ministerpräsidenten schon angekreidet worden. Regelmäßig sieht sich Strauß gezwungen, "politischen Verleumdungen" entgegenzutreten, er sei gar an Marox beteiligt. Mit diesen Behauptungen, sagt er, wolle man nur "die Bauern gegen mich aufhetzen". Er habe nicht einmal "auf Vieheinfuhren dieses Unternehmens aus der DDR Einfluß".
So ist es, zumindest nach der Gesetzeslage. Denn die Bullen-Importe werden, wie der gesamte innerdeutsche Handel, alljährlich in Abkommen zwischen
der Bundesregierung und der Ost-Berliner Staatsführung festgelegt.
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Günther Müller aus dem Rottal, dem Zentrum der aufgebrachten niederbayrischen Viehmäster, wandte sich denn auch an Bundeskanzler Helmut Kohl mit der dringenden Bitte um "persönliches Handeln". Doch der Kanzler, wiewohl für den innerdeutschen Handel zuständig, schob das Problem sogleich an Strauß weiter. Von den Bullen, verriet Kohl dem Abgeordneten, "versteht der mehr als ich".
Die Bullen-Importe aus der DDR, so ließ Strauß den Landwirten von seinem Staatssekretär Edmund Stoiber mitteilen, seien doch schon um 100 Stück die Woche eingeschränkt worden. Vergangene Woche wurde die Quote noch einmal um 200 Stück gekürzt. Bei einem wöchentlichen Kontingent von 1550 Rindern hilft das allerdings wenig. Die Bauern fordern, so der niederbayrische Verbandsführer Toni Beck, "den sofortigen Stopp der Ostimporte".
Die aufrührerischen Gemüter ließen sich damit gewiß besänftigen; an der Misere der Agrarpolitik würde sich nichts ändern. Die hochsubventionierten Preise der EG reizen weiter zur Überproduktion.
Wurstmacher wie Marox können trotz sinkender Preise im Westen ihr Mastvieh immer noch billiger in der DDR einkaufen. Mindestens eine Mark pro Kilo, so schätzen Experten, liegen die Preise für die DDR-Bullen unter dem Niveau in der Bundesrepublik.
Der mißglückte Anschlag auf den Bullen-Transporter aus der DDR machte bei dem Rosenheimer Importeur immerhin Eindruck. Seither läßt März seine Rindviecher über norddeutsche Grenzübergänge einführen und in Hannover oder Frankfurt schlachten. Zur Unkenntlichkeit zerstückelt, wird das Fleisch aus dem Osten sodann in Bayern verwurstet.

DER SPIEGEL 7/1986
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