03.03.1986

He, machen Sie die Zigarette aus

Bonner Politiker haben zum Kampf gegen das Rauchen aufgerufen. Werden Zigarettenautomaten abgeschafft? Wird die Abgabe von Tabakwaren an Jugendliche verboten? Der Aufstand der Nichtraucher zeigt Wirkung: Passivraucher sollen nicht länger gezwungen sein, am Russisch-Roulette der Nikotinsüchtigen teilzuhaben. *

Montags bis mittwochs darf getrunken und es darf geraucht werden, bis sich das Weiße im Auge des Freundes rötet - ein stinknormaler Szene-Treffpunkt, mit Gummibaum im Fenster und Holzmobiliar, Typ gehobener Jugoslawe.

Doch dann, am Donnerstag, wird durchgelüftet. Aschenbecher verschwinden, Gläser mit Salzstangen zieren die Tische. Für den Rest der Woche wird die Kneipe zum Programm - ihr Name sagt es: "Nichtrauchers", Hamburgs erstes qualmfreies Bierlokal.

Als "Missionsstation" sei es nicht gedacht, sagt Norbert Schell, 33, seit November letzten Jahres nebenberuflich Kneipier im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Schell, gelernter Kältetechniker und Photograph, dazu noch Schauspieler in einem Kellertheater, hat plötzlich "den Reiz verspürt, eine neue Idee durchzusetzen". Dogmatiker sei er nicht, sagt er, aber ab Donnerstag, wenn er die Kneipe von einer Kollegin übernimmt, soll einfach gute Luft an den Tischen sein.

Und was ist, wenn einer der Gäste sich trotzdem eine ansteckt? In dem Fall, weiß der Wirt, breitet sich der Rauch "explosionsartig" im Raum aus. Noch ehe der Sünder seines Giftstoßes froh wird, "gucken die anderen mit großen Augen in seine Richtung". Solchem moralischen Druck, befindet ein Besucher "hält kein Raucher stand".

So wie in "Nichtrauchers", der Kneipe mit dem hamburgischen Mehrzahl-S, fühlen sich Rauchers in der Republik nun öfter: Als Vereinzelte zwischen lauter Nichtrauchern; als Nikotinabhängige, die von der Lulle nicht lassen können, mehr oder minder ablehnend beäugt von den Rauchfreien. Wie viele Zusammenkünfte, Partys, Konferenzen - jedenfalls unter Älteren - gibt es schon, bei denen kaum noch oder nicht mehr geraucht wird. Raucher sind im Begriff, in die Minderheit zu geraten. Nun werden sie auch noch attackiert.

"Es ist an der Zeit, die Raucher zu Ausgestoßenen zu erklären", schrieb das britische Wissenschaftsblatt "New Scientist", eine rhetorische Forderung, die den Ernst der Lage kennzeichnet.

Erdrückend sind mittlerweile die medizinischen Beweise für die Gesundheitsschädigung, die sich der Raucher zufügt. Und gehäuft haben sich in den letzten Jahren die Indizien, daß Raucher nicht nur sich selber, sondern auch jene gefährden, die ungewollt den blauen Qualm einatmen: die vom Zigarettendunst eingeräucherten Kollegen am Arbeitsplatz ebenso wie den Ehepartner und die Kinder zu Hause, die Wartenden im stickigen Korridor des Arbeitsamtes wie die Leidenden in den Nachbarbetten im Krankenzimmer, in dem geknöselt wird - immer sind die Passivraucher mitbetroffen.

Um dem fast allgegenwärtigen Tabaksqualm zu entrinnen, haben Nichtraucher sich rauchfreie Inseln geschaffen (oder erstritten): Die Nichtraucher-Abteile in Flugzeugen werden immer größer (Lufthansa: 60 Prozent). Als erste völlig rauchfreie Fluglinie der Welt geht seit 20. Januar die innerschwedische SAS-Tochter Linjeflyg an den Start. In fast allen deutschen Großstädten sind U-, S-, Straßenbahnen und Busse inzwischen rauchfrei, jetzt geht die Debatte um die Bahnhöfe. Rund 25 Prozent der Hamburger Taxis sind schon rauchfrei, am Berliner Flughafen Tegel kann es passieren, daß sieben, acht Mietwagen vorbeirauschen: Raucher? Nein danke. Das Territorium der Nichtraucher wächst.

Einige Hundert Cafe, Restaurants, Pensionen und Hotels sind im "Gastronomieverzeichnis

für Nichtraucher aufgeführt, herausgegeben vom Bundesverband der Nichtraucher-Initiativen; die Liste der Etablissements reicht vom Cafe-Restaurant im Berliner Kaufhaus "bilka" über die "Milchbar" in der Stuttgarter Klettpassage bis hin zum Kurhotel "Prinz Luitpold-Bad" in Hindelang/Allgäu.

Einen "Rosenmontagsball für Nichtraucher" gab es dieses Jahr im Großen Kursaal in Bad Cannstatt. Die Tanzschule Wagner in Stuttgart will Ende April einen Nichtraucher-Tanzkurs anbieten. Im rheinischen Erkrath-Hochdahl haben Nichtraucher ihren eigenen Kegelklub gegründet. Zu einem Prämien-System entschloß sich der Pressegroßvertrieb Jean Esser in Hürth bei Köln: Jeder nichtrauchende Mitarbeiter erhält 100 Mark Monatsgehalt zusätzlich: sie werden zurückverlangt, wenn er beim Paffen ertappt wird. Fast die gesamte Belegschaft macht mit.

Aber nicht selten gibt es auch Krach, bis hin zum Rechtsstreit. 600 Mark Schmerzensgeld erstritt der Göttinger Student Burkhard Ochlich, der in einem Braunschweiger Krankenhaus unter "erhöhten Kopfschmerzen, Husten und Heiserkeit" gelitten hatte, weil drei Wochen lang Patienten und Besucher in seinem Sechs-Bett-Krankenzimmer hemmungslos gequalmt hatten.

Sieben Jahre lang kämpfte der Bonner Stadtamtmann Klaus Goldbecker gegen Tabaksqualm an seinem Arbeitsplatz im Großraumbüro. Das Bundesverwaltungsgericht bejahte sein gesundheitliches Schutzbedürfnis, überließ es aber dem Dienstherrn, Abhilfe zu schaffen: Goldbecker wurde trotz heftiger Gegenwehr in ein Einzelzimmer beim Lastenausgleichsamt abgeschoben, wo für drei Beamte noch 90 "Restfälle" zu erledigen sind.

"Die Teilung der Nation" - in Raucher und Nichtraucher - "ist in vollem Gange, konstatierte das Ärzteblatt "Praxis-Kurier". Und in einer Zeit der politischen Hochkonjunktur für alle Arten von Umweltschutz dämmert es nun auch den Politikern, wie absurd es ist, sich mit dem Konsumprodukt Tabak eines der schwersten Umweltgifte eigenhändig - als "Genußmittel" - zuzufügen: "Tabak", so der Eröffnungssatz einer Anfang dieses Jahres erschienenen Studie des amerikanischen "Worldwatch Institute", "verursacht mehr Tod und Leid unter Erwachsenen als irgendein anderer Giftstoff in unserer Umwelt."

Keine Regierung, auch nicht die in Bonn, hat gezögert, einen Werkstoff wie Asbest zu verbieten, weil er im Jahr (in der Bundesrepublik) schätzungsweise 160 Todesopfer fordert. 140000 Tote jährlich gehen in eben diesem Land auf das Konto Tabak - ein Produkt, für das es keinerlei Verkaufsbeschränkung gibt, nicht einmal im Jugendschutzgesetz. Es darf auch auf jeder Plakatwand dafür geworben werden, zum Beispiel mit dem Slogan "Ich rauche gern", einem Spruch, den Rudolf Neidert, Leiter des Suchtreferats im Bundesgesundheitsministerium, als "reichlich dreist" empfindet; Ferdinand Schmidt, Vorsitzender des Ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit, nannte ihn schlicht "infam".

Mehrmals hat sich im letzten Jahr der gesundheitspolitische Ausschuß des Bundestages mit den Gefahren des Rauchens

befaßt. Ende Dezember leiteten die Parlamentarier (ohne Beteiligung der Grünen) der Bundesregierung einen Fragenkatalog zu: Noch im März soll die Regierung darüber Auskunft geben, welche Maßnahmen sie für geeignet hält, die gesundheitlichen Gefahren des Tabackonsums einzudämmen.

Diskutiert werden soll vor allem, ob die Abgabe von Zigaretten an Jugendliche - ähnlich wie die von Alkohol - gesetzlich eingeschränkt und wie womöglich der Schutz der Nichtraucher vor unliebsamen Qualmwolken verbessert werden könne.

Der Fragenkatalog des Ausschusses geht unter anderem zurück auf ein achtstündiges Hearing mit 20 Sachverständigen im April letzten Jahres ("FAZ": "Es wurde im Sitzungssaal verhältnismäßig viel geraucht"). Einer der Redner, der Hamburger Arzt Peter A. Runge vom Ärztlichen Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit, beschwerte sich: "Zum Thema Nichtraucherschutz lag Bundesarbeitsminister Norbert Blüm schon bei seinem Amtsantritt ein Referentenentwurf vor, doch der liegt auf Eis." Die Tabakindustrie wählte Blüm 1984 zum Pfeifenraucher des Jahres. Blüms Kommentar: "Freier Rauch für freie Bürger."

Eine "Große Koalition gegen das Rauchen" glaubte die "Süddeutsche Zeitung" unter Politikern schon Anfang Dezember ''85 ausmachen zu können. Vorschläge kamen, in Bonn wie in den Bundesländern, von Vertretern aller Fraktionen:

▷ Abgabeverbot an Jugendliche unter 16 Jahren und Abschaffung der Zigarettenautomaten - ein Vorschlag der SPD-Fraktion, dem Politiker anderer Parteien zustimmen. Die Hamburger Gesundheitssenatorin Christina Maring unterstützte ihn mit einem Brief ans Bonner Ministerium.

▷ "Raucherlaubnis in geschlossenen, nichtklimatisierten Räumen nur, wenn alle einverstanden sind" - eine Forderung des CDU-Abgeordneten Paul Hoffacker, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses.

▷"Abschaffung der steuerlichen Bevorzugung von Feinschnitt-Tabaken" - vor allem Jugendliche sind, weil die Fertigware zu teuer ist, zum Selberdrehen übergegangen und ziehen sich damit einen besonders hohen Gehalt an Schadstoffen in die Lungen. Joschka Fischer, Hoffnungsträger der deutschen Umweltschützer, raucht 30 Selbstgedrehte pro Tag.

▷ Aufschlag von zwei "Gesundheitspfennigen" auf jede Zigarette; totales Rauchverbot in Schulen, Verbot von Zigarettenwerbung in Kinos und Einführung von Codekarten (nur für Erwachsene) zum Betätigen von Zigarettenautomaten - alles Vorschläge von Abgeordnetender CDU/ CSU.

Die SPD möchte von der Bundesregierung wissen, ob ein totales Werbeverbot für Tabakwaren nicht doch verfassungsrechtlich möglich sei. Wenigstens, meint der Stuttgarter CDU-Politiker Roland Sauer, sollte sich bei der Zigarettenwerbung "einiges ändern, wenn man sie schon nicht ganz verbieten will und kann".

Vor allem um "den Einstieg Jugendlicher in das Rauchen zu verhindern", müsse die Werbung "auf Packung und Markennamen beschränkt" bleiben. Sauer: "Präsentiert man immer wieder junge, aktive Menschen, Westernhelden, Drachenflieger, Abenteuerurlauber in Verbindung mit Zigaretten, dann wird den Jugendlichen suggeriert, daß Menschen, die Herausragendes leisten und topfit sind, zu den starken Rauchern gehören."

Auch ein Rauchverbot in Krankenhäusern hält Sauer für nötig, denn es sei "absurd, auf der einen Station Patienten zu behandeln, die an Raucherbein oder Lungenkrebs leiden, und im gleichen Krankenhaus rauchen Ärzte, Besucher und Patienten munter weiter". Weitere Abschreckungsmöglichkeiten nach dem Vorschlag des CDU-Mannes: ein Beipackzettel "mit drastischen Formulierungen", der aus jeder Packung flattert, ein "Warnring" auf dem letzten Drittel der Zigarette, der dem Raucher signalisiert, daß er von jetzt an krebserregende Schadstoffe in besonders hoher Konzentration inhaliert.

Mit gespielter Gelassenheit reagiert die Zigarettenindustrie auf solche Bonner Initiativen. "Reine Augenwischerei", meint Ernst Brückner, stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes der Cigarettenindustrie, werde da betrieben, etwa mit Vorschlägen zum Rauchverbot in Krankenhäusern, Schulen und öffentlichen Gebäuden. Brückner: "Das kostet nichts und zeigt, wie besorgt man ist."

Man solle endlich, so das gebetsmühlenhaft wiederholte Credo des Verbandes, "mit der Bevormundung aufhören und akzeptieren, daß für unsere 18 Millionen Raucher das Rauchen ein Genuß ist ... auf dessen Befriedigung sie in einem demokratischen Gemeinwesen einen Anspruch haben".

Im übrigen bleiben alle Verbandssprecher eisern bei der Behauptung, daß es "in der ganzen Welt keinen kausalen Beweis" gebe für den Zusammenhang zwischen Zigarette und Lungenkrebs. Auch die Gefährdung durch Passivrauchen

("von einer winzigen Minorität von Nichtrauchern propagiert und taktisch vorgeschoben") wird rundweg bestritten; desgleichen, daß Rauchen süchtig mache - vor allem mit dem Hinweis, daß Raucher erfahrungsgemäß die Nikotindosis nicht steigern müßten.

Doch immer ärger geraten die Vertreter der Zigarettenindustrie (Weltumsatz 1985: 100 Milliarden Dollar) mit ihren Argumenten, die sie stereotyp seit 1964 wiederholen, in Bedrängnis. Damals wurde mit dem sogenannten Terry-Report zum erstenmal die schwere Gesundheitsgefährdung durch Zigarettenrauchen vor aller Welt dargelegt.

Ende Januar 1986 schockte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit einer neuen Bestandsaufnahme die Öffentlichkeit. Jedes Jahr fordere die "weltweite Epidemie" des Tabakmißbrauchs "mindestens" eine Million Menschenleben - andere Rechnungen kommen auf zweieinhalb Millionen Tote.

In einem dem WHO-Exekutivrat vorgelegten Bericht wird die Zigarette als "wichtigste vermeidbare Ursache von Krankheiten und vorzeitigem Tod" genannt. 90 Prozent der Fälle von Lungenkrebs, 75 Prozent der Erkrankungen an chronischer Bronchitis und Emphysemen und 25 Prozent bestimmter Herzleiden (wie Bluthochdruck und Herzinfarkt) seien Folgen übermäßigen Zigarettenrauchens. Allein in den USA starben im letzten Jahr 320000 Menschen an Krankheiten, die auf das Rauchen zurückgehen - ebenso viele Menschen, wie die USA im Zweiten Weltkrieg verloren haben.

Der WHO-Exekutivrat hat die Tabakproduktion der Herstellung von Rauschgift gleichgestellt. Tabakkonsum, so erklärte ein Sprecher des U. S. Public Health Service, sei in Amerika "das am weitesten verbreitete Beispiel für Drogenabhängigkeit". Drei von vier Rauchern möchten sich das Rauchen abgewöhnen - aber sie schaffen es nicht, weil sie abhängig sind wie von einer Droge.

Insgesamt, konstatierte das Worldwatch Institute, leben in den westlichen Industrieländern nur noch 14 Prozent der Bevölkerung völlig rauchfrei, alle anderen sind dem Tabakqualm mehr oder minder ausgesetzt. Mancher Nichtraucher, der als Musiker oder Kellner arbeitet oder mit einem starkrauchenden Ehepartner lebt, kommt auf eine tägliche Dosis, die 14 selbstgerauchten Zigaretten entspricht. Selbst Schulkinder, die nur einen Teil des Tages mit rauchenden Eltern verbringen, sind noch dem Gegenwert von 80 Zigaretten jährlich ausgesetzt.

Die meisten der drei Millionen Kinder, die von schweren Raucherinnen weltweit geboren werden, kommen vorgeschädigt auf die Welt: Durchschnittlich um ein halbes Pfund untergewichtig, mit gebremster Lernfähigkeit, die Rate des Atemnotsyndroms ist bei ihnen verdoppelt, die Häufigkeit des "plötzlichen Kindstodes" um 50 Prozent erhöht.

Mindestens 500 Passivraucher, so besagt eine Statistik der amerikanischen Umweltbehörde EPA, sterben jährlich in den USA an Lungenkrebs. Auch die "Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe" der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat jetzt, nach fünfjährigem Bemühen, eine Broschüre zum Thema "Passivrauchen am Arbeitsplatz" vorgelegt. Kernsätze: "Am Arbeitsplatz passiv inhalierter Tabakrauch ist als gesundheitsschädliches Arbeitsstoffgemisch zu werten." Passiv inhalierter Tabakrauch sei "anderen gesundheitsschädlichen, also auch krebserzeugenden Arbeitsstoffen beziehungsweise Stoffgemischen gleichzusetzen". Mit "einer gewissen Krebsgefährdung durch Passivrauchen" sei daher "an bestimmten Arbeitsplätzen" zu rechnen.

Die Kommission nahm Passivrauchen in die sogenannte MAK-Liste ("maximale Arbeitsplatz-Konzentrationen") auf - allerdings vorerst ohne rechtliche Folgen: Das Bonner Sozialministerium sieht "keinen Handlungsbedarf". Dennoch versuchte die Zigarettenindustrie, gegen die Erweiterung der MAK-Liste gerichtlich vorzugehen - der Abwehrkampf der Tabak-Konzerne tobt auf der ganzen Breite.

"Wir verkaufen ein Produkt, das gehetzt wird", beklagt Ernst Brückner vom Verband der Cigarettenindustrie. Zu keiner Zeit nach 1949, meint auch Ferdinand Breidbach, Direktor Öffentlichkeitsarbeit des Zigarettenherstellers Philip Morris, sei "so aggressiv und so massiv gegen Raucher gearbeitet und argumentiert" worden wie gegenwärtig.

Trotzdem hat die Zigarettenindustrie bislang noch keinen wirklichen Grund zur Klage. Zwar haben sich, nach Angaben des Bonner Gesundheitsministeriums, insgesamt schon sieben Millionen Männer und Frauen in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten das Rauchen abgewöhnt. Aber neue Zigarettenkäufer sind nachgewachsen, vor allem bei den Frauen:

▷ Die Zahl der männlichen Raucher in der Bundesrepublik sank von 14,2 Millionen 1960 auf 11,7 Millionen 1984, also um 17,6 Prozent.

▷ Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Raucherinnen von 4,7 Millionen auf 8,03 Millionen - um 70,9 Prozent.

Insgesamt blieb die bundesdeutsche Qualmwolke, erzeugt von jährlich 118 Milliarden Fabrik-Zigaretten, 15500 Tonnen Zigaretten-Feinschnitt und annähernd 1800 Tonnen Pfeifentabak, in den letzten Jahren fast gleich. 24 Milliarden Mark, oder 400 Mark pro Einwohner, geben die Bundesbürger dafür aus.

Für viele Wissenschaftler ist es ein Rätsel: Mehr als 90 Prozent der Raucher, so ergaben Umfragen, sind sich über das gesundheitliche Risiko des Rauchens im klaren. Wie kommt es dann,

daß die meisten dennoch nicht davon loskommen und daß 87 Prozent der Raucher ihr selbstgefährdendes Tun als "angenehm"- empfinden (wie kürzlich die Amerikanische Krebsgesellschaft mitteilte)? Warum rauchen Raucher gern?

Über den "Schein von Schöpfung, eine Illusion von Produktivität", die sich der literarische Heimarbeiter "mit jedem Atemzug/Lungenzug" verschaffe, hat der Hamburger Lyriker Peter Rühmkorf philosophiert. Zigarettenraucher seien Masochisten, behauptete die Pariser Psychologin Odile Lesourne, sie litten unter "metaphysischer Lebensangst" und seien darauf aus, sich selbst zu zerstören.

Doch solchen Mutmaßungen stehen nun naturwissenschaftlich ermittelte Fakten gegenüber, die von Suchtforschern und Neurophysiologen während der letzten Jahre zusammengetragen wurden - mit zum Teil verblüffenden Resultaten.

"Die Rolle des Nikotins beim impulsiven Griff nach der Zigarette ist identisch mit der des Kokains beim zwanghaften Kauen von Kokablättern", so das Fazit, das Jack Henningfield vom Nationalen Drogenforschungszentrum der USA in Baltimore Ende letzten Jahres bei einem Kongreß an der University of Kentucky zog. Nikotin, gleichgültig, ob geraucht oder intravenös gespritzt, ob an Menschen oder im Tierversuch erprobt, erfülle "alle Kriterien einer süchtigmachenden Droge".

Nikotin, so Henningfield, ändere die Hirnströme in typischer Weise, beeinflusse die Stimmungslage und wirke als "biologisches Belohnungssystem". Nikotin, so legen die in Kentucky diskutierten Untersuchungen nahe, beeinflußt direkt die Synthese und Umwandlung einer großen Anzahl von körpereigenen Stoffen im menschlichen Gehirn, die für das subjektive Gefühl des Wohlbefindens verantwortlich sind.

Schon nach sieben Sekunden gelangt ein Viertel des inhalierten Nikotins in das Gehirn des Rauchers - das Gift "trifft wie ein Stachel", wie die "New York Times" formulierte (zum Vergleich: das Koffein einer Tasse Kaffee braucht 30 Minuten, um zu wirken).

Wie ein Feinregulator nimmt das Nikotin die vom Gehirn gesteuerten Reflexe unter sein Kommando und ermöglicht es Rauchern, mit den Anforderungen ihrer Umwelt besser fertig zu werden. "Die süchtigmachende Droge Nikotin", so umschrieb es die amerikanische Wissenschaftsautorin Sandra Blakeslee, "scheint einzigartige Eigenschaften zu besitzen, die sie zu einem ''perfekten'' Hilfsmittel machen, um mit dem Auf und Ab des Lebens klarzukommen."

Vor dem Hintergrund der Schreckensmeldungen über die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens nehmen sich die neuen Ergebnisse neurophysiologischer Forschung fast wie kostbare Einladungskarten in die Rauchergesellschaft aus:

▷ Nikotin führt zu Veränderungen im neurochemischen Milieu des Gehirns, die dem Raucher erhöhte Denk- und Konzentrationsfähigkeit erlauben.

▷ Raucher haben in der Regel ein besseres Langzeitgedächtnis als Nichtraucher.

▷Studien an Menschen und Tieren haben bewiesen, daß Nikotin beruhigend oder angstlösend wirkt; Muskelanspannungen lassen nach, Stimmungsschwankungen und Aggressionen werden schwächer.

▷ Unter Nikotin-Wirkung sind Schmerzen offenbar leichter zu ertragen. ▷ Raucher werden durch Inhalieren des Tabakrauchs wacher, aufmerksamer und können Informationen schneller und genauer aufnehmen.

An dieser "Nikotinkrücke" humpeln Raucher sicherer durchs Leben. Ohnehin sind sie, so behaupten der Ulmer Psychiater Volker Faust und sein Kollege Herbert Mensen, von Angstzuständen, innerer Unruhe und depressiven Stimmungsschwankungen stärker bedroht als ihre Mitmenschen.

Demnach hat der harte Kern der Gewohnheitsraucher "offenbar ein ausgeprägteres Bedürfnis als Nichtraucher, sich an Reizen der Umwelt zu orientieren und auf diese positiv anzusprechen". Sie sehnen sich nach "sozialer Eingliederung", sind an "Konventionen gebunden" und von sogenannten "Ritualisierungen" abhängig.

Jeder dritte Erwachsene und jeder fünfte Jugendliche schiebt hingegen rationale Argumente vor und raucht nach eigenem Bekunden nur, um kein überflüssiges Gewicht anzusetzen. Wissenschaftler der Universität Lausanne haben mittlerweile auch dieses Alibi als zutreffend erhärtet: Wer 24 Zigaretten am Tag raucht, verbraucht wegen der durch das Nikotin erhöhten Herz-Kreislauf-Stoffwechselbelastung etwa zehn Prozent mehr Energie. Wer dieser täglichen Nikotindosis abschwört, muß bei gleichbleibender Ernährung damit rechnen, daß er runde zehn Kilogramm zunimmt.

Teuer erkaufte Schlankheit: In den zwei Litern Rauch, die beim Abbrennen

einer Zigarette entstehen, sind neben dem Nikotin - das auch als Schädlingsbekämpfungsmittel dient - etwa 1200 verschiedene Substanzen enthalten, darunter das giftige Kohlenmonoxid, das krebsverursachende Benzpyren und das radioaktive Polonium.

Starke Raucher (30 und mehr Zigaretten) nehmen pro Tag 40 bis 60 Milligramm Nikotin auf - diese Dosis wäre, auf einmal genommen, tödlich. Mit dem Leben kommen sie nur davon, weil der Giftstoff verhältnismäßig rasch wieder aus dem Körper ausgeschieden wird.

"Nikotin löst gewaltige biologische Prozesse aus", warnte der Wissenschaftler Ovide Pomerleau von der University of Connecticut. Es sei unklug, die Wirkung von Nikotin zu unterschätzen, nur weil es - in Portionen verabreicht - keinen "akuten Vergiftungszustand" hervorrufe.

Dafür sind die Langzeitwirkungen um so fataler. Bei regelmäßig rauchenden Frauen, so haben Wissenschaftler nachgewiesen, verringert sich die Fruchtbarkeit (um durchschnittlich 28 Prozent). Rauchen beeinträchtigt die Potenz, vor allem bei Männern im mittleren Alter, weil das Rauchen die blutzuführenden Gefäße des Penis verengt.

Gestört wird die körpereigene Abwehr: Bestandteile des Tabakrauchs unterdrücken die Aktivität der sogenannten Killer-Zellen, die normalerweise eindringende Bakterien, Viren oder Krebszellen unschädlich machen. "In beträchtlichem Umfang", so das Ergebnis einer Untersuchungsreihe im japanischen Krebsforschungszentrum in Tokio, kam es in Kulturen menschlicher Zellen unter dem Einfluß von Zigarettenqualm zu Brüchen in den Strängen der Erbsubstanz DNA - durchschnittlich 10000mal durch den Rauch einer einzigen Zigarette.

"Jede Zigarette", erläuterte die baden-württembergische Sozialministerin

Barbara Schäfer anläßlich einer jüngst von ihr gestarteten "Kampagne gegen das Rauchen", "verkürzt das Leben eines Rauchers um durchschnittlich fünfeinhalb Minuten." Bei dieser Rechnung sind die tödlich endenden Herz- und Kreislauferkrankungen einbezogen, desgleichen die Krebserkrankungen der "oberen Rauchstraße" - Lippenkrebs Karzinome der Mundhöhle, der Zunge, des Rachens und des Kehlkopfes. Raucher sind überdurchschnittlich häufig auch von Krebsen an Organen betroffen, die nicht unmittelbar mit dem Tabakrauch in Berührung kommen: Nierenkrebs, Krebs der ableitenden Harnwege und der Bauchspeicheldrüse.

Unzweifelhaft ist inzwischen der Risiko-Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs (siehe Graphik Seite 261) - das Risiko des starken Rauchers, an dieser Krankheit zu sterben, ist mindestens zehnmal so hoch wie das des Nichtrauchers. Es ist abhängig von der Gesamtdosis: Je früher einer anfängt, je länger und je mehr er raucht, um so größer ist sein Risiko.

Besonders an zwei Gruppen der Weltbevölkerung ist der epidemiologische Zusammenhang zwischen Zigarettenrauchen und Lungenkrebs in den letzten Jahrzehnten deutlich geworden - bei Frauen und bei Chinesen:

▷ Erst Anfang der sechziger Jahre begannen Chinas Männer massenhaft zu rauchen (ihr Tabakverbrauch hat sich seither verdoppelt), mit einer Zeitverschiebung von rund 20 Jahren stieg die Lungenkrebsrate bei Chinas Männern dramatisch - sie hat sich in wenigen Jahren versechsfacht.

▷ In gleicher Weise zeitversetzt stieg die Lungenkrebsrate bei Frauen in westlichen Industrieländern, die in den fünfziger Jahren mit dem Massenkonsum von Zigaretten begannen. Lungenkrebs spielte früher bei Frauen als Todesursache kaum eine Rolle. Letztes Jahr starben in den USA erstmals mehr Frauen an Lungenkrebs als an Brustkrebs.

Und wenn es eines letzten Beweises noch bedurft hatte: Zum erstenmal seit 50 Jahren sank 1985 "signifikant" die Lungenkrebsrate in der Gruppe der weißen männlichen Amerikaner, wie Anfang Dezember das Nationale Krebsinstitut mitteilte - "hauptsächlich infolge der deutlichen Abnahme des Rauchens, die vor 20 Jahren begann". Gleichzeitig, nannte Instituts-Chef Vincent T. DeVita, es eine "Tragödie", daß die Lungenkrebsrate bei Frauen "weiter zunimmt".

"Frauen, die rauchen wie Männer, werden sterben wie Männer" - auf diese Formel brachte es der ehemalige amerikanische Gesundheitsminister Joseph A. Califano.

Schon in fünf Jahren, schätzen amerikanische Epidemiologen, werden mehr Frauen rauchen als Männer. "Die große Welle der Bronchialkarzinome rollt auf die Frauen erst zu", warnte das Münchner

Fachblatt "Praxis-Kurier". Besonders anfällig für die Nikotinsucht sind derzeit Frauen zwischen 20 und 35 Jahren, also just in der Lebensphase, in der sie Kinder gebären. Trotz der Folgen für das Kind raucht ein Drittel der westdeutschen Raucherinnen auch während der Schwangerschaft weiter.

Die Zigarettenindustrie hat, besonders in den letzten anderthalb Jahrzehnten, vom Reservoir der Frauen gern Gebrauch gemacht - zum Ausgleich für die Absatzverluste bei den gesundheitsbewußter gewordenen Männern.

Noch bis zur Jahrhundertwende war das Rauchen bei Frauen als unmoralisch verpönt gewesen; in den zwanziger und dreißiger Jahren fühlten sich rauchende Frauen als Avantgarde. Zum Massenphänomen wurden sie in den Jahren der Kriegs- und Nachkriegswirtschaft, parallel zu ihrem Einstieg in die Berufswelt. Nun sind sie am Haken: "Rauchen als Ausdruck von Emanzipation", schrieb Virginia L. Ernster, Autorin einer Studie über "Sozialgeschichte des Zigarettenrauchens und der Zigarettenwerbung", "scheint zu überdauern und wird von der Tabakindustrie bewußt gepflegt."

Psychologen haben Unterschiede bei den Rauchgewohnheiten von Männern und Frauen ausgemacht: Frauen greifen eher in Streßsituationen zur Zigarette, Männer, wenn sie müde sind und sich langweilen. Frauen setzen das Nikotin im Stoffwechsel anders um als Männer, ihr Körper reagiert sensibler auf das Gift; Frauen sind deshalb stärker gefährdet, abhängig zu werden, wie neuere Untersuchungen ergaben.

Die Zigarettenindustrie bestreitet, daß sie mit gezielter Werbung die weibliche Klientel zum Rauchen ermuntert habe. Die Emanzipationsbewegung und das Bedürfnis der Frauen, mit den Männern gleichzuziehen, sei "zuerst dagewesen". Ein bißchen nachgeholfen wurde sicher: Amerikas Frauenblatt "Ladies'' Home Journal" druckte im Jahre 1960 zwei Zigarettenanzeigen, 1980 waren es 180, jede elfte Anzeige im Blatt.

"Fordert die (Frauen-)Emanzipation ihren Tribut?" fragte das Mediziner-Fachblatt "Medical Tribune". Auffällig gemieden wurde bislang das Problem der gesundheitlichen Gefährdung durch Rauchen in der feministischen Bewegung. In den ersten 13 Jahren ihres Bestehens habe die amerikanische Feministinnenzeitschrift "Ms" keinen einzigen Artikel zu diesem Thema gebracht, rechnete "Newsweek" nach.

Soziologische Veränderungen, was das Rauchverhalten anlangt, wurden auch in der Männerwelt konstatiert: Rauchen wird, wie Kenneth Warner, Mediziner an der University of Michigan, formulierte,

"zunehmend zum Klassenphänomen".

Bei Amerikanern, die nur die Grundschule besucht haben, rauchen mehr als 60 Prozent der erwachsenen Männer, bei Amerikanern mit Oberschulabschluß sind es weniger als 20 Prozent - so ein Ergebnis der Worldwatch-Studie. Der durchschnittliche Raucher in den USA, so befand das "Wall Street Journal", habe weniger Geld, sei weniger gut gebildet und habe einen schlechteren Job als der durchschnittliche amerikanische Nichtraucher.

Einen ähnlichen Trend ermittelte das Bundesgesundheitsamt für die Deutschen: Schon 60 Prozent rauchen bei den 15- bis 16jährigen Hauptschülern, bei Gymnasiasten raucht nur jeder sechste. Bei Beamten und Angestellten mit höherem Einkommen - so die Statistik für 1983 - sank der Zigarettenkonsum (um 2,3 Prozent), bei Arbeitnehmern mit mittleren Einkommen stieg er (um 4,9 Prozent), bei Rentnern und Sozialhilfeempfängern kletterte er noch mehr (um 11,4 Prozent).

Am meisten raucht, wer körperlich schwer arbeitet - und am wenigsten gesundheitsgefährdend rauchen die Begüterten. "Forscher stellten fest", heißt es in einer Zigarettenmarkt-Untersuchung der Verlagsgruppe Bauer, "daß die Kippen in den Aschenbechern vornehmer Speiserestaurants volle 18 Millimeter Länge aufwiesen." Besucher dieser Lokale konnten sich "13 Millimeter früher vom Glimmstengel trennen als die Bordellbesucher, die die Zigarettenstummel bis zum bitteren Ende, bis auf fünf Millimeter Kürze rauchten" - und dementsprechend einen weit höheren Anteil von Schadstoffen inhalierten.

Hört Rauchen auf, schick zu sein? Die aus den USA herüberschwappende Fitness-Welle hat in den letzten Jahren zum Negativ-Image der Zigarette beigetragen.

"In den Augen der Öffentlichkeit vertreten wir eine schlechte Sache." Mit diesem Eingeständnis geht Ernst Brückner, Verbandsmanager der westdeutschen Zigarettenindustrie, erstaunlich weit. "Das Klima ist konsumfeindlich, und das drückt natürlich den Umsatz." "Verdient", fügt Brückner allerdings hinzu, werde "bei uns immer noch gut".

Wahr ist, daß in den meisten anderen Raucherländern schon sehr viel drakonischer gegen den blauen Dunst vorgegangen wird als in der Bundesrepublik: sei es in Israel, wo jeder mit umgerechnet 140 Mark Strafe belegt wird, der rauchend in Krankenhäusern, Kinos und öffentlichen Verkehrsmitteln angetroffen wird, sei es in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo in den Ministerien Rauchverbot herrscht. Das Qualmen ist strikt untersagt im Moskauer Alexanderpark und auf dem Roten Platz - aber nicht einmal das totale Werbeverbot brachte viel in der Sowjet-Union, wo 17 Prozent aller Raucher schon mit acht Jahren einsteigen; der Zigarettenkonsum der Sowjetmenschen kletterte im letzten Jahrzehnt um acht Prozent.

In Japan gibt es Firmen, die Raucher gar nicht erst einstellen, andere zahlen Prämien für Nichtraucher und Aussteiger. Am weitesten kamen die Nichtraucher mit ihren Forderungen in den USA: 38 US-Bundesstaaten erließen Gesetze, die das Rauchen an öffentlichen Orten einschränken. Zehn Bundesstaaten haben spezielle Regelungen für das Rauchen am Arbeitsplatz getroffen - am eklatantesten in San Francisco, wo Firmen Bußgelder entrichten müssen, wenn sie nicht gewährleisten, daß Nichtraucher am Arbeitsplatz vom Qualm unbehelligt bleiben.

Amerikanische Versicherungsgesellschaften gewähren Nichtrauchern Prämiennachlässe bis zu 22 Prozent beim Abschluß von Lebensversicherungen. Insgesamt hat schon rund ein Drittel aller großen US-Firmen Regelungen für das zunehmend gespannte Verhältnis zwischen Rauchern und Nichtrauchern im Betrieb getroffen. Gleichwohl stehen die USA mit dem Pro-Kopf-Verbrauch von Zigaretten an dritter Stelle in der Welt, hinter Griechenland und Japan.

In der Bundesrepublik sind generelle Rauchverbote am Arbeitsplatz noch eine Seltenheit. Traditionellerweise ist zum Beispiel in chemischen Produktionsanlagen und Nahrungsmittelbetrieben, bei der Leder- und Kunststoffverarbeitung und im Einzelhandel (aber auch bei der Zigarettenherstellung) das Rauchen am Arbeitsplatz untersagt - in den Arbeitspausen und in den Toiletten qualmen die Nikotinabhängigen dann wie die Teufel.

"Rauchen ist kein Kavaliersdelikt mehr, sondern eine zwar nicht gezielte, aber bewußt in Kauf genommene Schädigung der Mitmenschen", konstatierte _(In einem Raucherabteil für Damen der ) _( amerikanischen Eisenbahn. )

Joschka Fischers Kollege, der hessische Sozialminister Armin Clauss. In sein Programm "Gesundheit und Umwelt" will Clauss "bereichsspezifische Lösungen für den Passivraucherschutz" einbauen, mit festen Regeln für den öffentlichen Bereich, darunter: getrennte Unterbringung von Rauchern und Nichtrauchern in den Dienstzimmern (wenn die Nichtraucher dies wünschen), Rauchverbote bei allen Sitzungen, in Wartezimmern und Aufzügen sowie in Dienstfahrzeugen.

Mit einem "Runderlaß" vom 4. Dezember letzten Jahres will auch Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Hermann Heinemann den "Nichtraucherschutz in Diensträumen" voranbringen. Die Praxis im Düsseldorfer Ministerium wirkt immer noch bescheiden: Vor jeder Sitzung räumt Ministerialrat Helmut Weber, Mitglied des Nichtraucherschutzbundes, die Aschenbecher weg und stellt sie "für die Dauer der Besprechung sicher".

Insgesamt wirken alle Bemühungen in der Bundesrepublik, auch bei den sogenannten Nichtraucher-Initiativen, noch eher kleinkariert. Eine "Diskrepanz zwischen der Größe der Gefahr und der Unzulänglichkeit der Gegenmaßnahmen, zwischen Sollen und Wollen in unserer Gesellschaft" konstatiert auch Suchtreferatsleiter Neidert beim Bonner Gesundheitsministerium ("nicht in offizieller Eigenschaft, sondern privat"). Sie lasse sich nicht erklären, fügt er hinzu, "ohne tiefsitzendes Genußstreben und ein nur halbbewußtes Sich-Abschirmen gegen alle rationalen Argumente eines wirksamen Gesundheitsschutzes".

Zum Sollen und Wollen trägt vielleicht auch bei, daß der Fiskus derzeit rund 14,5 Milliarden Mark Tabaksteuer pro Jahr eintreibt (eine geplante Erhöhung gab letzte Woche Finanzminister Stoltenberg bekannt). Mit 1,7 Milliarden Mark jährlich subventioniert die EG den Tabakanbau in Europa. "Millionen-Spenden der Zigarettenindustrie", so Referatsleiter Neidert, "erscheinen als schwer entbehrliche Quelle der Parteienfinanzierung."

Die irrationale Einstellung zum Genußmittel Tabak ist von den Zigarettenmultis über Jahrzehnte hinweg gefordert worden. Die stereotypen Warn-Aufdrucke ("Der Bundesgesundheitsminister: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit ...") vermochten nichts gegen die Verheißung von Freiheit, von reichem, gesundem Leben, ungebrochener Aktivität und Lebensfreude, wie die Zigaretten-Werber sie in Szene setzen.

Angesichts drohender Verbote von Direkt-Werbung sind die Hersteller

längst ausgewichen auf indirekte Markenpflege: von der "Marlboro-Mode" über die Zukunftsromane der "Philip-Morris-Edition" beim Münchner Heyne Verlag bis zum "Camel Shop" mit Überlebens-Klimbim einschließlich Sturmfeuerzeug, "Kompaßgürtel" und Mehrzweckspaten.

Die auf Image-Forderung bedachten Tabakfirmen sind in die Bereiche Sport, Kultur und Forschung vorgestoßen: Philip Morris subventionierte eine Europa-Tournee der New Yorker Alvin-Ailey-Tanztruppe und setzte einen mit 120000 Mark dotierten "Philip-Morris-Forschungspreis" aus, Virgina Slims, eine Zigarettenmarke aus dem britischen BAT-Konzern, leuchtet von den Banden der Damen-Tennis-Turnierserie.

Daß auch ein vollständiges Verbot der Zigaretten-Reklame wenig oder gar nichts bringen würde, erklären nicht nur die Sprecher der Zigarettenindustrie, sondern auch ihre Gegenspieler. Die tabakkritische Worldwatch-Studie gibt Auskunft: Auch in Ländern mit totalem Werbeverbot wie China, Ungarn, Italien, Polen oder der Sowjet-Union stieg im letzten Jahrzehnt der Tabakkonsum an, in Italien beispielsweise um 17 Prozent.

Lediglich in drei Ländern - in Belgien, den Niederlanden und Großbritannien - ist der Zigarettenkonsum in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken, um 20 Prozent oder mehr.

Zurückzuführen ist dieser Wandel, wie das Worldwatch Institute vermutet, "auf entschiedene Erziehungskampagnen gegen das Rauchen". Wie mangelhaft es damit in der Bundesrepublik bestellt ist, verdeutlicht ein Zahlenvergleich: 1985 gab Bonn für gesundheitliche Aufklärung insgesamt rund 20 Millionen Mark aus, davon nur einen Bruchteil für die Bekämpfung des Rauchens - im gleichen Zeitraum lag der Werbeaufwand der deutschen Zigarettenindustrie bei fast 300 Millionen Mark.

Drastisch gefilmte und geschickt gemachte Anti-Raucher-Spots, die Anfang der siebziger Jahre im amerikanischen Fernsehen gezeigt wurden und einem Massenpublikum die möglichen Folgen des Rauchgenusses, vom Raucherbein bis zur schwarzen Lunge, vor Augen führten, trafen die Zigarettenindustrie ins Mark: Es war das erste Mal, daß sich spürbare Einbußen im Zigarettenumsatz einstellten. Die Industrie reagierte prompt: Sie gewann US-Kongreßabgeordnete für ein Verbot der Zigarettenwerbung im Fernsehen - im Gegenzug ging die Zahl der Anti-Raucher-Spots zurück.

Nichts weisen die Tabakmultis so entschieden von sich wie den Vorwurf, sie

seien Krankmacher der Menschheit. Unablässig arbeiten die industrieeigenen Forschungsinstitute daran, die Zigarette zu "entschärfen". "Die Verantwortung gegenüber dem Raucher", so BAT-Vorstandsvorsitzender Dieter von Specht "hat höchste Priorität."

Die Zigarettenindustrie kann sich zugute halten, den durchschnittlichen Kondensat-(Teer-)Gehalt der in Deutschland verkauften Zigaretten seit den fünfziger Jahren von damals 28 Milligramm auf nunmehr zwölf Milligramm mehr als halbiert zu haben.

Der durchschnittliche Nikotingehalt sank in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten um mehr als 50 Prozent auf 0,8 Milligramm. Schadstoffbremsende Filter (und neuerdings auch eine den Sauerstoffanteil erhöhende Ventilationstechnologie) wurden am Markt durchgesetzt: 91 Prozent beträgt nunmehr der Anteil der Filterzigaretten auf dem deutschen Markt. Im internationalen Vergleich hat die Bundesrepublik den höchsten Anteil an sogenannten Leichtzigaretten. "Nirgendwo auf der Welt wird, was Nikotin- und Kondensatgehalt angeht, leichter geraucht als bei uns", so Industrie-Sprecher Brückner.

Die letzte Entscheidung über den Schwärzegrad seiner Lungenflügel mochte die Zigarettenindustrie gerne dem Raucher selber überlassen. "Wenn das schlechte Gewissen da ist", so der Hamburger Reemtsma-Chef Jürgen Peddinghaus, "dann sollte der mündige Bürger das Rauchen lassen." Jedes Genußmittel, meinte auch der Verband in einer Stellungnahme, erfordere "maßvollen, besonnenen Umgang".

Solche Hinweise sind hilfreich, wenn es gilt, Produkthaftungsprozesse abzuwehren

wie jenen, den Star-Anwalt Melvin Belli, 78, Ende letzten Jahres im kalifornischen Santa Barbara vor einem Landgericht verfocht.

Für die Angehörigen des 1982 im Alter von 69 Jahren an Lungenkrebs gestorbenen Versicherungskaufmannes und Kettenrauchers John M. Galbraith forderte Belli von der R. J. Reynolds Tobacco Co. eine Million Dollar Schadensersatz wegen widerrechtlicher Tötung (wrongful death).

Galbraith hatte schon als Jugendlicher angefangen zu rauchen und mehr als 30 Jahre lang täglich drei Packungen Reynolds-Zigaretten konsumiert. Das Urteil erging am Tag vor Heiligabend, die Klage wurde abgewiesen. Das Gericht folgte den Darlegungen der Verteidigung, daß der Mann "geraucht hat, weil er es wollte. Niemand zwang ihn zu rauchen. Niemand setzte ihm eine Pistole an die Schläfe. Es war sein Recht zu rauchen, wie es jedermanns Recht ist". Weitere 41 Prozesse dieser Art stehen allein der Firma Reynolds in den USA bevor.

Ungleich mehr aber müßte die Zigarettenindustrie Prozesse dieser Art fürchten, wenn es um Todesfälle ginge, bei denen nachweislich passives Rauchen, also unfreiwillige Schädigung durch Zigarettenrauch, die Ursache war. Ein erster alarmierender Gerichtsentscheid kam Ende November letzten Jahres aus Schweden: In einem Urteil des Obersten Versicherungsgerichtshofes wurde einer Frau postum bescheinigt, daß ihr Lungenkrebs entstanden sei, weil sie 13 Jahre lang mit Rauchern in einem Raum zusammenarbeiten mußte; der Lungenkrebs wurde als entschädigungspflichtige Berufskrankheit anerkannt.

Aus Furcht vor Regreßansprüchen und vor gesetzlichen Beschränkungen müssen die Zigarettenfirmen mithin jede Nachricht über Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Doch die Hinweise darauf häufen sich:

▷Das Lungenkrebsrisiko einer passivrauchenden Ehefrau, deren Mann zu Hause mehr als 20 Zigaretten konsumiert, sei gegenüber der Ehefrau eines Nichtrauchers verdoppelt - so eine Mitteilung der Amerikanischen Krebsgesellschaft vom September letzten Jahres.

▷ Im Blut amerikanischer Stewardessen, die (selber nichtrauchend) bei einem Überseeflug im Raucherabteil gearbeitet hatten, fanden sich doppelt so hohe Nikotinmengen wie bei ihren Kolleginnen im Nichtraucherabteil.

▷ Die Auswertung von 14 epidemiologischen Studien durch die US-Umweltbehörde EPA ergab, daß in allen Untersuchungen (mit einer Ausnahme) ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko für Passivraucher konstatiert worden war.

▷ Ein Zusammenhang zwischen Passivrauchen und erhöhtem Risiko für die Entstehung von Lungenkrebs sei "zwar nicht gesichert, aber sehr wahrscheinlich", erklärte in einer Februar-Ausgabe des Fachblattes "Der Kassenarzt" Burckhard Junge vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie des Bundesgesundheitsamtes. Nach den bisher vorliegenden Studien sei das Lungenkrebsrisiko des Passivrauchers im Mittel doppelt so hoch wie das eines rauchfrei Lebenden.

▷ In einer zehnjährigen Untersuchung an fast 700 verheirateten Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren konnte der Mediziner C. Garland von der University of California in San Diego nachweisen, daß Frauen von Rauchern mit einem bis zu viermal höheren Risiko belastet sind, an einer Herzkrankheit zu sterben, als Frauen von Nichtrauchern.

▷ Es sei "grundsätzlich davon auszugehen, daß in stark verräucherten Räumen die Exposition" gegenüber Zigarettenrauch "bedeutsam ist und in diesen Fällen auch das ''Passivrauchen'' eine gewisse Krebsgefährdung beinhaltet", erklärte die Parlamentarische Staatssekretärin Irmgard Karwatzki vom Bundesgesundheitsministerium Ende Dezember auf eine Anfrage im Parlament.

Für die Manager der Zigarettenindustrie wäre ein Aufstand der Nichtraucher, wäre ein gesellschaftlicher Klimaumschwung gegen die Zigarette so ziemlich das Schlimmste, was ihnen passieren könnte - und sie wissen es. "Die brennendste Frage unserer Zeit", meinte doppeldeutig die US-Firma Reynolds in ganzseitigen Anzeigen, sei dieser nun immer häufiger hingeworfene Satz: "He, würden Sie Ihre Zigarette ausmachen?"

"Mit all diesem Gerede über ''Rauch aus zweiter Hand'' und ''Anti-Raucher-Gesetze''", so heißt es in der Anzeige weiter, "fangen nun viele Raucher an, sich von den Nichtrauchern bedroht zu fühlen." Fast sei schon die "soziale Harmonie" gefährdet.

Da kann Reynolds, immer noch Anzeigentext, nur zur "friedlichen Koexistenz" zwischen Rauchern und Nichtrauchern raten, der Staat solle sich gefälligst raushalten.

Die westdeutschen Zigarettenfirmen argumentieren auf der gleichen Linie. Auch sie suchen "ein auskömmliches Miteinander" herzustellen; alle Behauptungen über die Gefahren des Passivrauchens seien nur "der Versuch, einen künstlichen sozialen Konflikt aufzubauen" (Verbands-Stellungnahme).

"Wir können es nicht beweisen, man kann es uns nicht beweisen", sagt BAT-Chef von Specht zu allen Vorhaltungen über Gesundheitsgefahren des Rauchens.

Und wenn die Wissenschaft es doch noch schafft, es Mackie Messer zu beweisen, wenn es doch noch gelingt, den ursächlichen Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs vorzuführen?

BAT-Manager und Verbandssprecher von Specht: "Dann müßten wir die Bücher zuklappen."

[Grafiktext]

RAUCHER - RISIKO Zigarettenverbrauch und Lungenkrebstote in ausgewählten Ländern Zigarettenverbrauch 1960 pro Kopf der über 14jährigen (Bundesrepublik: über 15jährige) USA KANADA GROSSBRITANNIEN AUSTRALIEN SCHWEIZ POLEN NEUSEELAND FINNLAND JAPAN BUNDESREPUBLIK FRANKREICH CHILE PHILIPPINEN SPANIEN SCHWEDEN ÄGYPTEN THAILAND Lungenkrebstote 1980 auf 100000 Einwohner. Altersgruppe 45 bis 54 Jahre (Bundesrepublik: 45 bis 65 Jahre) Quellen: Worldwatch Paper 68, Statistisches Bundesamt

[GrafiktextEnde]

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In einem Raucherabteil für Damen der amerikanischen Eisenbahn.


DER SPIEGEL 10/1986
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