03.03.1986

Operation am Gemüt

Die „Schwarzwaldklinik“ macht Pause - Zeit zum Grübeln für den Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld. *
Nach getaner Arbeit, am Blinddarm oder im Seelensektor, hat sich der Professor sehr gerne eine Zigarette reingezogen. Unter Streß stand er sowieso, auch im Eheleben, und gesunde Bewegung in frischer Schwarzwaldluft gestattete er höchstens seiner linken Augenbraue.
Am vorletzten Wochenende war es dann soweit. Das Skalpell entglitt ihm, Griff ans Herz, enorm blau im Gesicht ging er zu Boden, Herzinfarkt. Ein Segen, immerhin, daß dies in der eigenen "Schwarzwaldklinik" geschah, denn die hat natürlich eine prima Intensivstation.
Der Schock milderte nur leicht einen anderen. Denn mit Professor Brinkmanns Karriereknick nahm auch die erfolgreichste und populärste deutsche Fernsehserie ihr - vorläufiges - Ende. Erst im Herbst nächsten Jahres wird in der "Schwarzwaldklinik" weiter operiert, auch am deutschen Gemüt.
Vier Monate und 22 Folgen lang hat knapp die halbe Bundesrepublik die Siechen-Saga teilnahmsvoll verfolgt; vom Enkel bis zur Oma waren alle Altersschichten ausgewogen dabei, zwei Bücher zur Serie bestsellerten mit (Auflage: über 200000). Ein TV-Phänomen nie gekannten Ausmaßes gilt es nun zu verarbeiten - aber wie?
Als "Rudi Ratlos in der Zirkuskuppel" fühlt sich selbst der gewiefte Urheber der Bescherung, der "Schwarzwaldklinik"-Produzent Wolfgang Rademann, 51. Ihn verdattert vor allem die mächtige Presse-Resonanz; 1200 Mark mußte er monatlich einem Ausschnitt-Dienst fürs Sammeln bezahlen.
Auch der alles in Worte und Szenen faßte, der Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld, 58, meint jetzt erst, nach über 15 Jahren TV-Profession, die Dimensionen des Mediums zu erahnen. Irgendwie erinnert ihn das Ganze an einen "Volkslauf", der Außenstehenden "befremdlich" erscheinen müsse.
Und Lichtenfeld, der "sehr gern von der Öffentlichkeit unbemerkt lebt", mit Gattin Winnie und sechs Katzen im Hamburger Grün, sieht sich nun plötzlich im Rampenlicht und in Rollen, die ihn bedrängen - als Praeceptor Germaniae, Beichtvater und, gelegentlich, Sündenbock; "Schwein" hieß ihn einer am Telephon.
Bis zu 30 Anrufe am Tag mußte er hinnehmen, ein paar hundert Briefe gingen ein, Not-, Warn- und Hilfe-Rufe zumeist aus der schweigenden Mehrheit; auch dramatische Appelle an seine "Verantwortung": "Mit Ihrer Serie haben Sie die Meinungsbildung von Millionen Menschen übernommen!"
Sie sind verschlungen, die Meinungen der Millionen. "Lassen Sie die Ehe von Dr. Klaus und Dr. Christa Brinkmann nicht auseinandergehen", flehte eine Briefschreiberin, eine andere mahnte: "Wo bleibt der Priester für die Sterbenden?" Streng geißelte ein katholischer Fundamentalist das Lotterleben Udos: Noch verheiratet, und schon im Bett mit einer anderen.
Auch "Verteufelung der Polizei" und "Humanitätsduselei gegenüber Schwerverbrechern" wurden angekreidet, andererseits enthüllte eine Heilkundige Abgründe: Im Gegensatz zur "Schwarzwaldklinik" herrsche "Korruption, Sadismus, Neid und Sabotage" in deutschen Krankenlagern.
Reichlich verdiente die Post, als überm Glottertal Gewitter aufzogen - der Sturm um eine Vergewaltigungsszene (SPIEGEL 7/1986) und die ersatzlose Streichung einer Folge über Kindesmißhandlung. Anrufe von vergewaltigten Frauen und verzweifelten Müttern brachten Lichtenfeld stark ins Grübeln.
Denn selbst Betroffene wehrten sich dagegen, daß derlei Greuel in der "Schwarzwaldklinik" gezeigt würden. Lichtenfelds Erkenntnis: "Die Tatsache einer Vergewaltigung löst nicht annähernd die Erregung aus wie die Darstellung einer Vergewaltigung."
Tatsächlich hat die Schmalz-Serie, auch durch einen Wechsel in der Regie, Zacken bekommen, der "Luxus", den sich Lichtenfeld erlaubte, "soziale Wirklichkeit zu integrieren", fängt an zu verstören. Und daß jemals Kinder zu "Schwarzwaldklinik"-Fans würden: Kein Urheber hatte dies erwartet.
Lichtenfeld, Arbeitersohn aus Sachsen, Not-Abiturient, abgebrochener Musik-Student, war der Realität stets auf den Fersen - als Steineklopfer, Holzfäller und Lokalredakteur im Schwarzwald, Polizeireporter in Köln, Fernseh-Journalist in Hamburg. Die doppelte Moral des Publikums, dessen bunte Ansprüche verschärften seine "Empfindlichkeit für kommende Reaktionen".
Auch die geradezu drogenmäßige Abhängigkeit der "Schwarzwaldklinik"-Gemeinde gibt ihm zu denken - in Briefen bejammern Süchtige die Sende-Pause, eine alte Dame hat bereits ihr Gerät abgemeldet. Was fehlt im Lande, fragt sich Lichtenfeld, wenn solche "Entzugserscheinungen" eintreten? Wenn die "Schwarzwaldklinik" unersetzlich sei - wodurch könne sie ersetzt werden?
Sicherlich nicht ewig durch neue Abenteuer aus dem Glottertal. "Anregungen fürs Familienleben" wolle Lichtenfeld gerne geben, aber "Ersatz fürs Familienleben"? Das überfordere ihn. Außerdem hat er noch die Lobbyisten am Hals, etwa aus Kreisen der Polizei, der Patienten und der Hundehalter.
Viele wollen an der "Schwarzwaldklinik" mitdoktern, schicken Szenen, Lieder und seltene Krankheiten, bieten sich als Patienten wie als Heilpersonal an; selbst Rat und Tadel von Weißkittel-Kapazitäten trifft bei Lichtenfeld ein - so zu Professor Brinkmanns dramatischer Herz-Attacke:
Es wäre doch viel besser gewesen, schrieb ein Arzt, Brinkmann hätte "dem Rauchen entsagt" und keinen Infarkt erlitten. "Im Leben schon", sagt der Dichter Lichtenfeld und zieht nachdenklich an der Zigarette.

DER SPIEGEL 10/1986
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