10.02.1986

„Ich komme mir vor wie eine Nutte“

Wie sich die DDR westdeutsche Agenten für die Industriespionage aufbaut *
Am Freitag, dem 22. Mai 1981, hatte der Briefträger für die Krayerstraße 51 in Essen keine Post. Dennoch lag im Kasten des Maschinenbautechnikers und Gebrauchsgraphikers Michael vom Orde, 40, ein Brief. Der Umschlag trug weder Marke noch Stempel. Ein Herr Riedel bat den Empfänger "zwecks Geschäftsbesprechung" nach Ost-Berlin: "Wir treffen uns im Hotel Berolina, in der Hotelhalle um 16.00 Uhr."
Zum Termin, drei Wochen später, flog vom Orde nach Berlin, verspätete sich um eine Stunde - Riedel war weg.
Zwei Wochen danach meldete sich der Ost-Berliner von neuem. Wieder hatte ein Unbekannter den Brief gebracht, der diesmal eine Ost-Berliner Telephonnummer mitteilte. Als vom Orde anrief, meldete sich Rolf Riedel am anderen Ende. Am 15. Juli 1981 trafen die Herren in Ost-Berlin zusammen.
Im Restaurant Bukarest in der Frankfurter Allee erschien ein modisch gekleideter Mittdreißiger mit dunkelbraunem Haar und stellte sich als Assistent der Ingenieurwissenschaften an der Ost-Berliner Universität vor. Mit einem grauen Lada fuhren die beiden in einen Park und kamen ins Gespräch, wobei der Westdeutsche "das Gefühl hatte, daß der Riedel wohl schon einiges wußte".
So war dem DDR-Partner geläufig, daß vom Orde Geschäftsbeziehungen zu hochkarätigen Industrieadressen wie Krupp, Veba oder RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk) unterhielt. Für die hatte er technische Prospekte, Zeichnungen und Bedienungshandbücher gestaltet.
Riedel fragte unverfänglich, "ob man vielleicht im Rahmen des innerdeutschen Handels was werbetechnisch machen könnte". Zu einem zweiten Treff zwei Wochen später erbat der Ost-Berliner ein Expose über vom Ordes Arbeitsgebiet, ersetzte die Reisekosten gleich auch fürs nächste Mal und empfahl sich.
Vorgezeichnet war der deutsch-deutsche Grenzgang des Essener Ingenieurs seit Ostern 1981. Damals reiste er privat mit dem Auto nach Ost-Berlin und fiel am Übergang Heinrich-Heine-Straße den DDR-Grenzern auf. Sie fanden bei der Routine-Kontrolle Zeichnungen von einem Krupp-Gaskessel im Kofferraum, die der Graphiker dort vergessen hatte.
Vier Stunden lang hielten die Grenzer den Reisenden und dessen 13jährigen Sohn in getrennten Räumen fest. Ein eigens herbeigeholter DDR-Experte begutachtete die Zeichnungen und notierte die Personalien. Da bekam es der zerstreute Geheimnisträger mit der Angst: Wenn seine westdeutschen Auftraggeber erführen, daß er mit wichtigen Unterlagen in den Osten reise, sei er geliefert.
Aber der Beamte beruhigte ihn, "eigentümlich freundlich", und kündigte an, "daß sie darauf zurückkommen würden".
Sie kamen. Der unfrankierte Brief vom Mai 1981 war der Anfang einer Agentenkarriere besonderer Art. Innerhalb von fast fünf Jahren baute das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) den neuen Mitarbeiter, der privat und geschäftlich verschuldet war, behutsam auf. Dem Techniker vom Orde war in der Industriespionage, für die der Chef der Hauptverwaltung Aufklärung, Markus ("Mischa") Wolf, nach Erkenntnissen westlicher Sicherheitsbehörden die Hälfte seines Agentennetzes einsetzt, eine Schlüsselrolle zugedacht.
Normalerweise gewinnt der "VEB Guck, Horch und Greif" (DDR-Volksmund) seine Wirtschaftserkenntnisse _(In der Zillertalstraße 51. )
aus der Bundesrepublik durch Hunderte allein operierender Kundschafter, ein mühseliges Unternehmen. Jetzt will es die Staatssicherheit (Stasi) mit einer bislang unbekannten Beschaffungsmethode versuchen: Ost-Berlins Mischa läßt im Westen selber Firmen gründen. In Essen geplant: ein Büro für Unternehmensberatung und Engineering, das wichtiges Material en gros akquirieren soll. Als Geschäftsführer ausersehen: Michael vom Orde.
Die MfS-Agenten sind, so der letzte Verfassungsschutzbericht, vor allem an Unternehmen der Mikroelektronik und Datenverarbeitung, Chemie und Petrochemie sowie Luft-, Raumfahrt- und Kerntechnik interessiert. Solche Firmen, zum Beispiel Interatom, Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft, Brown Boveri Reaktor oder Babcock, gehörten jahrelang zu vom Ordes Kundschaft.
Sein Studio für Industrie- und Werbezeichnungen erhielt stets genaue Daten über Maschinen und Werkzeug, Computer und Reaktoren. Der Graphiker fertigte außer Diagrammen, Montageanleitungen und Prospekten auch Perspektiv- und Explosivzeichnungen zur anschaulichen Darstellung komplizierter technischer Bauteile.
Dem geplanten Engineering-Büro erteilte das MfS klare Order; Schwerpunkte der Ausspähung: Anlagen- und Kernkraftwerksbau. Besonders in der Technik elektronischer Steuerung von Atommeilern und in der Sicherheitstechnologie mißt die DDR der westdeutschen Wirtschaft Weltniveau zu.
Der designierte Geschäftsführer vom Orde mußte das Späher-Geschäft von der Pike auf lernen. Er hatte seine Kontakte zu Freunden und Bekannten einzuschränken und erhielt Verhaltensmaßregeln:
Seine häufigen Berlin-Ausflüge (in fünf Jahren rund 150) begründete er mit Besuchen bei Verwandten in West-Berlin: Trips nach Ost-Berlin galten, so sollte er eventuelle Fragen beantworten, einer bulgarischen Freundin. Die Frau, die der Späher nicht persönlich kennt, gibt es wirklich; die Adresse bekam vom Orde, für alle Fälle, von der Stasi.
Das MfS schrieb sogar vor, welche Kleidung vom Orde in Ost-Berlin zu tragen hatte: Jeans und abgewetzte Sachen, um in der Stadt nicht aufzufallen. Weil Flugpassagiere registriert werden, sollte er möglichst mit dem Zug reisen.
Mal schleusten die Freunde ihn auf dem Bahnhof Friedrichstraße durch den Diplomatenausgang, mal ließen sie ihn mit den Rentnern Schlange stehen. Für glatte Ausreiseformalitäten wurde schon bei der Einreise gesorgt: Ein eckiger Sonderstempel im Tagesvisum signalisierte den DDR-Grenzern den Sonderstatus des Spitzels.
Termine außer der Reihe wurden ihm per Briefeinwurf in Essen bekanntgegeben. Kam ihm selbst etwas dazwischen, mußte er die Ost-Berliner Nummer 00372/3723704 wählen. Dort meldete sich jemand mit dem Namen "Otto" und notierte das Datum für einen neuen Termin, verschlüsselt freilich: Jeder Treff war in Wirklichkeit sieben Tage früher vorgesehen als am Telephon vereinbart.
Als das Verhältnis enger wurde, bekam Michael vom Orde den Decknamen "Alfred". Häufig genutzte Anlaufstelle war eine Wohnung in Ost-Berlins Stadtbezirk Pankow, Zillertalstraße 51.
Der Weg dahin wurde dem Agenten "Alfred" genau vorgeschrieben, vor einem Spielwarenladen in der Nähe hatte er jedesmal fünf Minuten lang die Auslagen zu betrachten. War am Ziel, im Hochparterre linkes Fenster, die Gardine offen, hieß das: "Eintritt frei, schellen bei Frau Eule."
Fast Zwei Jahre lang, bis Ende 1982, blieb Rolf Riedel "Alfreds" Kontaktmann. Mit dem trinkfrohen MfS-Mann (vom Orde: "Es mußte immer vom Feinsten sein") verjubelte er einmal 800 Mark im Ost-Berliner Palasthotel.
Riedel bat den Späher "Alfred" sogar um den DDR-amtlich verpönten Hit des Hamburger Deutsch-Rockers Udo Lindenberg "Sonderzug nach Pankow". Darin wird SED-Chef Erich Honecker veräppelt: "Honey, ich glaub'', du bist doch eigentlich auch ganz locker, ich weiß, tief in dir drin bist du doch eigentlich auch ''n Rocker." "Alfred" beschaffte die Kassette.
Beendet wurde das traute Einvernehmen der fröhlichen Zecher am 7. Januar 1983. Riedels Vorgesetzter, ein MfS-Beamter mit Namen Neumann, verordnete dem Westdeutschen eine neue Kontaktperson: den freundlichen, aber deutlich kühleren Herrn Winkler.
Neumann und Winkler verbesserten "Alfreds" konspirative Form, etwa beim Smalltalk unter Alkohol. Nach reichlichem Schnapsgenuß wurden Fangfragen gestellt, doch der Schüler zeigte sich ungewöhnlich firm. Vom Orde: "Erst nach anderthalb Flaschen Rum bin ich mal hereingefallen."
Auch die Gastgeber zeigten allerdings gelegentlich Wirkung und verrieten sich. Winkler redete seinen Chef Neumann unvermittelt mit "Herr Oberst" an, der wies ihn mit eisigem Blick zurecht. Oft wurde der Ton scharf, das Gespräch mit Winkler und Neumann zum Verhör.
Zugleich schraubten die Stasi-Leute ihre Forderungen hoch. Hatten die Auftraggeber anfangs so harmloses Material wie Uni-Vorlesungsverzeichnisse, Hannovers Messekatalog oder Publikationen aus der Schriftenreihe des Rheinisch-Westfälischen TÜV bestellt, verlangten sie jetzt vor allem interne Papiere.
So drückten sie vom Orde beispielsweise den Forschungsbericht 1982 bis 1984 der Universität Hannover in die Hand; mit rotem Signalstift hatten sie darin alle Institute markiert, deren Veröffentlichungen ihnen von besonderem Interesse schienen. Angestrichen waren vor allem Arbeiten, die direkt industriell genutzt werden konnten, etwa über "Laser-Materialbearbeitung", "Dynamisches Verhalten von Wärmepumpenkreisläufen"
oder "Möglichkeiten des Füllstoffzusatzes in Polyäthylen".
Anfang vergangenen Jahres wartete das MfS mit einer noch umfangreicheren Wunschliste auf. Im "Fortschrittsbericht" der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, eigentlich nur einem ausgewählten Personenkreis im Westen zugänglich, hatten die Stasi-Späher alles angekreuzt, was vom Orde herbeischaffen sollte.
Die Broschüre enthält das Verzeichnis der wichtigsten westlichen Atommeiler-Untersuchungen zu Themen wie "Äußere Einwirkungen", "Kernnotkühlung", "Kernschmelze"; kiloweise trug vom Orde die meist vertraulichen Schriften nach drüben, wo sie kopiert oder photographiert wurden. Die Originale brachte er in den Westen zurück.
Wie unterentwickelt die Datenverarbeitung in der DDR ist, erfuhr vom Orde bei einem anderen Auftrag. Weil in Ost-Berlin kein Lesegerät für Acht-Zoll-Disketten aufzutreiben war, überspielte er "statisch-dynamische Berechnungssysteme" für Fundamentbauten von Kernkraftwerken auf - im Westen längst ausgediente - IBM-Magnetkarten. Die wurden dann im Osten ausgedruckt.
Das schwerste Stück bewältigte der Spion, als er im April 1985 eine Innovation der westdeutschen Reaktorbauer Kraftwerk Union (KWU) und Brown, Boveri & Cie. (BBC) im Koffer nach Ost-Berlin schaffte: die rund 65 Kilo schwere elektronische Steuerung einer Schleifmaschine. Das Gerät ermöglicht erstmals, drahtlos gesteuert, das komplette Nahtstellenschleifen von Innenröhren. Vom Orde: "Da hab'' ich vielleicht geschleppt."
Der Coup zeigt, wie einfach sich in der westlichen Industrie hochsensible Apparate abzweigen lassen. Vom Orde erzählte den Ingenieuren, er habe das Gerät zerlegt, um auftragsgemäß die Innereien zeichnen zu können. Daraufhin entband ihn ein KWU-Mitarbeiter von der Verpflichtung zur Rückgabe des Instruments: "Schmeißen Sie es weg."
Um ihren Mann bei der Stange zu halten, übten die DDR-Auftraggeber massiven Druck aus. So trieben sie "Alfred" jegliche Hoffnung aus, er könne im Fall einer Festnahme bei westlichen Behörden auf Milde rechnen. Auch ein Austausch komme dann nicht in Frage: "Bei den kleinen Kofferträgern wird das nicht gemacht."
Daheim in Essen fühlte sich der Agent häufig "kotzelend". Aus verschiedenen Vorfällen zog er den Schluß, daß er auch hier von seinen Auftraggebern überwacht wurde. Wenn er abends nach Hause kam, war er "oft überzeugt, daß jemand in meiner Abwesenheit in meiner Hütte herummarschiert ist".
Die Ost-Berliner hatten ihren Spitzel auch anderweitig in der Hand. Sie nutzten seine finanziellen Schwierigkeiten - Geschäftsschulden und Folgekosten einer Ehescheidung - weidlich aus. Obwohl er vor lauter DDR-Aufträgen kaum mehr seiner normalen Arbeit nachgehen konnte, wurde er von seinen östlichen Auftraggebern knapp über dem Existenzminimum gehalten.
Sie erstatteten ihm die Auslagen und zahlten, stets bar auf die Hand, für Miete, Strom und Unterhalt gerade 1300 Mark im Monat. Mehrmals wurde vom Orde vertröstet, als er drängte, "endlich mal Kohle" zu sehen.
Nur gelegentlich gab es Sonderzulagen. Zum Geburtstag rückten die Agentenführer mal 1000 mal 2000 Mark raus, die zentnerschwere KWU-Elektronik honorierten sie mit 3000 Mark. Und um "Alfred" bei Laune zu halten, ließen sie ihn ein bißchen reisen: ein paar Tage nach Mallorca, ein paar Tage nach Ibiza.
Geradezu versöhnt reagierte vom Orde, als ihn das MfS im September 1984 nach Kuba schickte: "Zwei Wochen Kuba, das hätte ich mir vielleicht mal erlauben können, wenn ich in Rente bin."
Die Kontaktmänner Winkler und Neumann jedoch hatten keine Karibik-Sause im Sinn, als sie ihrem Mann die Reise bei einem Treff in der Zillertalstraße vorschlugen. Sie kündigten nicht nur Erholung, sondern auch eine technische Ausbildung an und befahlen ihm, eine Ausrüstung für Dokumentenphotographie zu kaufen. Auftragsgemäß erstand vom Orde am West-Berliner Kurfürstendamm für 906,90 Mark eine Super-8-Kamera mit Einzelbildschaltung vom Typ Bauer 307 XL nebst Zubehör.
Im Badeort Varadero nahe Havanna wurde "Alfred", der sich als TUI-Pauschaltourist getarnt hatte, am 2. September vorigen Jahres gebührend in Empfang genommen. Im Schlüsselfach des Hotels Atabey fand er in einem Hausmitteilungsumschlag des kubanischen Industrieministeriums das Begrüßungsschreiben seines Insel-Betreuers. Den traf er am nächsten Tag persönlich: Miguel Lopez, "Kubaner" aus der DDR mit sächsischem Akzent.
Lopez hatte ein opulentes Reiseprogramm zu bieten, mit Hochseeangeln, Exkursionen ins Bergland, Kurzflügen nach Kolumbien und Panama, mit Baden an der Schweinebucht, wo am Horizont die Ernst-Thälmann-Insel auftaucht. Schnell war auch eine kubanische Freundin gewonnen, die hübsche Ingenieurin Maria, die in Jena Keramikherstellung gelernt hatte. Gewissenhaft achteten
die Gastgeber jedoch auf den Ausbildungszweck der Reise. Bei Trainingssitzungen drillte Lopez den Westdeutschen in Kameratechnik. Vom Orde lernte, mit einem einzigen Super-8-Film 2500 Einzelphotos zu schießen.
Freundin Maria allerdings war schon bald nicht mehr greifbar, Lopez hatte dafür gesorgt. Vom Orde: "Mit Freundinnen hatten die''s schon in Ost-Berlin nicht. Ich hatte die mal vorsichtig gefragt, wie''s denn damit wäre. Aber bei denen ging''s preußisch zu."
6000 Mark ließen die Ostdeutschen sich die Kuba-Reise ihres Schützlings kosten. Vom Orde durfte danach noch zweimal, im März und November letzten Jahres, auf die Karibik-Insel fliegen. Der Pauschalveranstalter ehrte den treuen Kunden für 50000 TUI-Flugkilometer mit dem "Goldenen Globus".
Auf der letzten Reise endlich erschloß sich vom Orde, weshalb seine sonst knickrigen Auftraggeber plötzlich so generös waren. Bei der Ankunft im Hotel Internacional erwartete ihn diesmal ein neues Gesicht: "Gonzo", ein unter dem Namen "Gonzales" tätiger Kraftwerksingenieur aus der DDR.
Schon vor Monaten hatten die Ost-Berliner angedeutet, "Alfreds" Agentenleben werde sich bald entscheidend ändern. Nun eröffnete ihm "Gonzo", im Haus Nummer 2003 an der Avenida 2a von Varadero, den nächsten Auftrag: Vom Orde sollte nun den Mann kennenlernen, mit dessen Hilfe das MfS von 1986 an den westdeutschen Industrieanlagenbau aufrollen wollte.
In einem alten Chevrolet ratterten sie zu dritt am folgenden Tag eine Stunde lang ins Landesinnere und stoppten auf einer Sisal-Farm. Der dritte Mann war ein etwa 45jähriger Diplom-Ingenieur, der sich als "Maximilian König" aus Kanada vorstellte.
Der Kanadier, der perfekt deutsch sprach, verwickelte den Essener in ein Gespräch unter Technikern und befragte ihn eingehend nach seiner Ausbildung, seinen Spezialgebieten und seinen Beziehungen zu Firmen im Ruhrgebiet. Vom Orde: "Ich hatte den Eindruck, daß er mit mir zufrieden war." Zum Abschluß avisierte König ein baldiges Treffen in Ost-Berlin, drückte vom Orde 400 Dollar in die Hand und verschwand.
Nachträglich erfuhr vom Orde von seinen DDR-Agentenführern, daß König in der Nähe von Toronto ein Ingenieurbüro mit exzellenten Geschäftsbeziehungen in die USA betreibe. Der kanadische Techniker besitze bis heute zusätzlich die DDR-Staatsbürgerschaft. Er sei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit und seit seiner Einwanderung Anfang der fünfziger Jahre "Schläfer", ein Agent im Wartestand. Vom Orde: "Der ist in diesem Geschäft mit Sicherheit ein alter Fuchs."
Ende November vergangenen Jahres wurde vom Orde nach Ost-Berlin zum Treffen mit König beordert. Der war verhindert, aber Winkler und Neumann teilten ihrem "Alfred" mit: "Die Sache geht in Ordnung."
Die Sache: König sollte für das MfS in Essen jenes Engineering-Büro eröffnen, das ausschließlich mit der Ausspähung westdeutscher Konzerne beauftragt war.
Für fünf bis sechs Arbeitskräfte wurde ein Erdgeschoß von 150 bis 200 Quadratmeter Größe gesucht. Die Eintragung der Firma ins Handelsregister sollte im Auftrag von Maximilian König ein örtlicher Anwalt besorgen. Vom Orde wurde angewiesen, eine Kalkulation über die Kosten der Firmeneröffnung aufzustellen, "vom Computer bis zum letzten Stift". Die Ost-Berliner rechneten fürs erste mit rund 100000 Mark.
Eine lohnende Investition: Im Bereich Unternehmensberatung für die Großindustrie, so weiß vom Orde aus seiner bisherigen Tätigkeit, fällt eine Menge interessantes Material an. Aus den Unterlagen des Auftraggebers müssen Handbücher, Schulungsmaterial und Bedienungsanleitungen erstellt werden: "Wir bekommen also alle Details und brauchen nur Kopien zu machen."
Noch tiefere Einblicke versprachen sich die Ost-Späher von der Arbeit der Firma König als Ingenieurbüro. Beim Aufbau von Großanlagen erhalten solche Consulting-Firmen Werkverträge, die präzisen Überblick ermöglichen.
Die Startprozedur war schon vereinbart. In der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" sollten im Januar dreimal binnen Wochenfrist - samstags, mittwochs und samstags - Stellenangebote des Büros König erscheinen. Darauf sollte vom Orde sich ganz offiziell bewerben und dann als Geschäftsführer mit 5000 Mark brutto im Monat eingestellt werden.
Doch daraus wird nichts mehr - "Alfred" ist abgesprungen.
Zum schlechten Gewissen ("Irgendwie weiß man ja von Anfang an, daß das nicht ganz richtig ist, was man da macht") kam die ständige Sorge, seine Auftraggeber würden ihn fallenlassen, sobald er das Gewünschte nicht mehr herbeischaffen könnte. Schließlich saß dem Spion auch die Angst im Nacken, er werde im Westen auffliegen.
So traute sich vom Orde bis zuletzt nicht, sein brisantestes Stück auszuliefern: einen rund 500seitigen Funktionsplan des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich. Vom Orde ließ den Band in einem Versteck, obwohl die DDR ihm dafür 20000 Mark extra angeboten hatte.
Immer wieder in den letzten fünf Jahren hatte vom Orde sogar versucht, sich den bundesdeutschen Sicherheitsbehörden zu offenbaren. Doch zögerliche Vorstöße verliefen ernüchternd: Als er zum ersten Mal am 7. Juli 1982, nach über einjährigem DDR-Einsatz, anonym den Bundesnachrichtendienst in Pullach anrief und seinen Fall schilderte, verwies ihn der Spionage-Beamte ans örtliche Polizeirevier. Ein Jahr später, am 29. Juli 1983, versuchte es vom Orde, wieder anonym, beim Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz - mit dem gleichen Erfolg. Vom Orde notierte in sein Tagebuch: "Scheißspiel."
Erst nach zwei weiteren Anrufen ließen sich die Verfassungsschützer zur Kontaktaufnahme herbei. Vom Orde erhielt eine Telephonnummer, die zur Abteilung VI des Düsseldorfer Innenministeriums, dem nordrhein-westfälischen Landesamt für Verfassungsschutz, führte. Dort nahm jemand ab, der seinen Namen nicht nannte und den Agenten für den 4. September nach Dortmund ins Cafe Wolf bestellte. An einem Ecktisch, so die Ankündigung, sitze ein Herr Görtz mit einem SPIEGEL-Exemplar auf dem Tisch.
Vom Ordes Hoffnung trog, er könne mit Hilfe des Verfassungsschutzes aus der Bredouille kommen. Görtz hörte sich die Agentengeschichte an und versprach, sich in den nächsten Tagen zu melden. Das Resultat war nicht in vom Ordes Sinn. Görtz legte dem DDR-Agenten nahe, er solle seine MfS-Arbeit vorerst fortsetzen und dem Verfassungsschutz fortlaufend berichten. Deckname: "Christoph". Honorar: 300 Mark je Informationsgespräch.
Dem frischgebackenen Doppelagenten war allerdings bald klar, daß die westdeutschen Partner seinem Fall nicht die erhoffte Bedeutung beimaßen. Die Partner beim Verfassungsschutz, so wurde rasch deutlich, zählten nicht gerade zur ersten Garnitur.
So unterlief dem Verfassungsschützer Görtz bei einem Telephonat ein Fehler, der im Spionagegeschäft tödliche Folgen haben kann: Er redete vom Orde mit Klarnamen an. Die weiteren Beziehungen gaben Stoff für eine regelrechte Agentenklamotte.
Das Amt hatte seinen "Christoph" an einem Januarmontag für zwölf Uhr mittags ins Restaurant Ruhrmann in Essen-Steele bestellt, vorletzter Tisch hinten links. Aus der Distanz konnte vom Orde vor dem Lokal beobachten, wie der Verfassungsschützer Reuter, mittlerweile sein Führungsmann, ratlos an der Eingangstür rüttelte, vergeblich: Montags hat Ruhrmann Ruhetag. Dabei wäre der Termin wichtig gewesen: Im Sicherheitsabstand war dem Verfassungsschützer Reuter nämlich der Verfassungsschützer "Nelsen" gefolgt, der von diesem Zeitpunkt an "Christophs" Führung hätte übernehmen sollen.
Auch sonst hatte das Amt nicht viel zu offerieren. "Christoph" mußte ein Entlastungspapier unterzeichnen, wonach er nicht im Auftrag des Verfassungsschutzes tätig sei. Auf vom Ordes dringendsten Wunsch gingen die Verfassungsschützer erst gar nicht ein: Straffreiheit für "Alfreds" bisherige MfS-Karriere liege, so erklärten sie, nicht in ihrer Macht.
Jetzt fühlte sich vom Orde erst richtig in der Zwickmühle. "Ich komme mir vor wie eine Nutte", sagt er in der Einsicht, daß "er von denen hier genauso wie von denen drüben nur benutzt" wird, und "das Risiko trage ich ganz alleine".
Auch auf die Gefahr hin, daß er künftig "in den Steinbruch gehen und Steine kloppen muß" - vom Orde ist außer Landes gereist: "Lieber verdiene ich nur 80 Mark, und ich weiß dabei, mir kann keiner mehr was."
In der Zillertalstraße 51.

DER SPIEGEL 7/1986
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