30.09.1985

Hat die Bibel doch nicht recht?

Der libanesische Historiker Kamal Salibi verlegt die Stätten der Heiligen Schrift (III) *
Die Beschreibung der Landschaft in der Bibel", da ist sich der Archäologie-Professor Mosche Kochavi aus Tel Aviv ziemlich sicher, "paßt nur auf das Gebiet hier bei uns." Schon deshalb könne das Land der Bibel nur das heutige Palästina gewesen sein.
Andere Meinungen gelten unter Wissenschaftlern als ebenso seriös. "Mancher Landstrich im Nahen und Mittleren Osten", urteilt der Mainzer Bibelwissenschaftler Volkmar Fritz, "hat Ähnlichkeiten mit Palästina, da braucht man nicht eigens nach Asir zu gehen."
Man braucht nicht, aber man sollte vielleicht. Denn die biblischen Ereignisse von Abraham bis zur Babylonischen Gefangenschaft des Volkes Israel lassen sich im heutigen Palästina schwer belegen; statt dessen gibt es in Asir - das glaubt der libanesische Historiker Kamal Salibi herausgefunden zu haben - eine Fülle von Orten, deren Namen auf biblische Ortsbezeichnungen zurückgehen.
Verlegt man das biblische Ortsnetz von Palästina nach Südwestarabien, dann passen nicht nur die Namen, vielmehr kommen Landschaft, Bodenbeschaffenheit, Mineralien, Gewässer, Flora und Fauna Asirs den biblischen Beschreibungen mindestens ebenso nahe wie das bisherige Gelobte Land Palästina, wenn nicht näher.
Asir - geographisch das südwestarabische Hochland zwischen Taif im Norden und dem Jemen im Süden - ist eher noch als Palästina ein "Land, darin Milch und Honig fließt" (2. Mose 3, 8).
Im Innern von Asir wird Eisen geschürft, werden Blei und Gold gefunden - Gold "nicht in Form von Staub, sondern in Klumpen", wobei "die kleinsten Stücke die Größe einer Nuß" haben, wie der griechische Geograph Strabo (63 vor bis 26 nach Christus) schildert.
Laut 1. Mose 2, 11-12 ist in der Nähe des biblischen Flusses Pison Gold geschürft worden - wie im Gebiet des westarabischen Wadi Bisha, nach Salibis Lesart ebendieser Pison, den die Bibel meint.
Schwefel und Feuer läßt Gott der Herr über die sündigen Städte Sodom und Gomorrha regnen (1. Mose 19); es muß also wohl Vulkane in der Gegend gegeben haben. In der Nähe des Toten Meeres, wo die beiden Städte heute lokalisiert werden, gibt es keine, wohl aber dort, wo Salibi sie vermutet: unter der Lava des Wadi Damis im heutigen westarabischen Jizan-Distrikt.
In Asir fällt mehr Regen als in jeder anderen Region der arabischen Halbinsel: 300 bis 600 Millimeter werden pro Jahr gemessen. Und auch vieles andere paßt. Der biblische Schnee, von dem bei den Propheten Jesaja und Jeremia die Rede ist, fällt reichlich im Sarat, dem Bergland von Asir.
In den höheren Lagen Asirs wächst Getreide, werden Granatäpfel und Oliven, Feigen und Mandeln, Wein und Datteln geerntet, in küstennahen Tälern zahlreiche Gemüsearten. Schon Strabo fand, daß der Honig von Asir von besonders feiner Qualität ist. Um die Ackerbaugebiete herum liegen ausgedehnte Weideflächen, auf denen Beduinen Schaf- und Ziegenherden halten oder Esel, Maultiere und Kamele züchten.
Auf einer Liste der "unreinen" Tiere, die dem Volk Israel als Nahrungsmittel verboten werden, erscheint die "Eidechse". Der biblische Text (3. Mose 11, 30) verwendet für das verabscheute Tier ein Wort, das nach Salibis Erkenntnis eindeutig
den arabischen Wüstenwaran bezeichnet und nicht den im südlichen Palästina heimischen Waran.
Und noch eine Kleinigkeit: Anläßlich der Südarabien-Expedition des römischen Feldherrn Aelius Gallus schrieb Strabo, daß in Asir keine Hühner bekannt gewesen seien - in den ausführlichen mosaischen Vorschriften über die Tiere, die geopfert und die nicht geopfert werden dürfen, fehlen ausgerechnet die Hühner. In Palästina dagegen war das Federvieh schon früh bekannt.
Indizien für seine These, daß Asir und nicht das 2000 Kilometer nördlich gelegene Palästina das Heilige Land der Bibel war, glaubt Salibi auch im Islam ausgemacht zu haben, der sich im 7. Jahrhundert nach Christus unter anderem aus dem Judentum entwickelt hat. Religionsgründer Mohammed (um 570 bis 632 nach Christus) wollte den alten "din ibrahim", die Religion Abrahams, wiederentstehen lassen.
Das Judentum lernte er in der Tradition westarabischer Juden kennen, die zum Beispiel in Mekka ein Heiligtum hatten. Mohammed spricht im Koran von den jüdischen Bewohnern in Yathrib, wie das saudiarabische Medina nördlich von Asir in vorislamischer Zeit bis 622 nach Christus hieß.
Von diesen und anderen Juden, nimmt Salibi an, hat Mohammed Reststücke der Tradition des westarabischen Judentums bewußt oder unbewußt übernommen.
Der Koran jedenfalls zitiert nach Meinung Salibis dort, so er von jüdischen Patriarchen und Propheten spricht, westarabische Ortsnamen in einer "mitunter hochinteressanten" Variante: Wo die Bibel etwa den Namen eines westarabischen Berges angibt, weist der Koran nicht auf den Berg hin, sondern statt dessen auf das dazugehörige Tal, eine Stadt oder einen Ort in der Nachbarschaft.
So wurde Mose auf dem Berg Horeb vom Engel des Herrn aus dem flammenden Busch angerufen (2. Mose 3). Der Ort ist bis heute nicht genau auszumachen; gewöhnlich wird er im südlichen Sinai vermutet. Nach den Koran-Suren 20, 12 und 79, 16 fand der göttliche Ruf an Mose im "heiligen Tal" von Tuwa statt.
Salibi liest dieses Wort, das im Koran ursprünglich ohne Vokalzeichen geschrieben wurde, anders, nämlich "Tiwa". Tiwa aber heißt noch heute ein westarabisches Dorf. Es liegt auf dem Jabal Hadi, einem isolierten Höhenzug an der Küstenseite von Asir, den Salibi für den biblischen Berg Horeb hält. Denn ausgerechnet im angrenzenden Wadi Baqara gibt es ein Dorf, dessen Ortsname noch heute den Namen des Berges Horeb festhält. Es heißt Harib.
Damit nicht genug. Eine Textstelle aus dem 5. Buch Mose 1, 1 und 2 liefert einen zusätzlichen Hinweis dafür, daß der Jabel Hadi der biblische Berg Horeb sein könnte. Dort nämlich werden die Namen von sieben Orten genannt, die "elf Tagereisen von Horeb" entfernt liegen. Alle sieben Orte - Araba, Suph, Pharan, Tophel, Hazeroth, Disahab, Laban - ermittelt Salibi rund 250 Kilometer vom Jabal Hadi entfernt, "leicht in einem Marsch von elf Tagen zurückzulegen".
Gemäß der Koran-Sure 28, 24 hat Mose sich nach seiner Flucht aus Ägypten an einen Ort namens al-Zill ("der Schatten") zurückgezogen. Salibi machte auch diesen Namen in Westarabien aus: in einer Oase der Medina-Region, in der Nähe von Yanbu al-Nahl.
Wie auch immer die islamisch-jüdischen Relikte zu deuten sind: Einige Details im - vom Islam bestimmten - westarabischen Leben von heute scheinen _(Kupferstich von Matthäus Merian. ) _(Aufgrund einer falschen Lesart in der ) _(lateinischen Bibel erscheint Mose in ) _(älteren Darstellungen der Kunst ) _(gelegentlich mit Hörnern (facies ) _(cornuta) statt mit Lichtstrahlen (facies ) _(coronata). )
auf eine jüdische Vergangenheit hinzuweisen.
Die Bewohner der saudiarabischen Provinz Hedschas nennen in ihrem Dialekt die Bevölkerung von Asir durchweg auch heute noch "Jahudna", "unsere Juden". Eine Anzahl nichtjüdischer westarabischer Stämme hält bis heute an der Überlieferung fest, daß ihre Vorfahren in weit zurückliegender Zeit Juden waren. Noch heute sind sie davon überzeugt, daß das Land der biblischen Propheten dort lag. Und in der saudiarabischen Golfprovinz Al Hassa verehren Beduinen noch heute Höhlen, die sie für die Wohnstätten Abrahams halten.
Eine Stammesüberlieferung im Westen Saudi-Arabiens besagt, daß die Juden die Berge des Hedschas bewohnten, als die Araber noch in der Wüste waren, und daß es Juden waren, die zuerst das Kamel domestizierten. Die Bergbevölkerung um Abha und Khamis Musheit glaubt heute noch, daß Abraham und Mose dort geboren seien und daß sie alle einmal Juden gewesen seien.
Aufschlußreiches Material über die jüdische Vergangenheit Westarabiens hatte bereits vor 120 Jahren der niederländische Arabist und Historiker Reinhart Dozy in seinem Werk "Die Israeliten zu Mekka von Davids Zeit bis ins fünfte Jahrhundert unserer Zeitrechnung" präsentiert. Daraus geht hervor, daß jedenfalls seit der Zeit Davids sowohl der westarabische Hedschas als auch Asir von Juden bewohnt waren.
Dozy war auch auf Hinweise dafür gestoßen, daß es zwischen Mekka und Jemen von 115 vor Christus bis zum sechsten Jahrhundert nach Christus ein arabisches Königreich gab, das jüdisch war - das Königreich Himyar mit Sitz in Jemen. Von den letzten beiden Königen von Himyar ist bekannt, daß sie überzeugte Juden gewesen sind. Im Unterschied zu Salibi glaubte Dozy jedoch, daß die frühe jüdische Präsenz in Westarabien auf jüdische Einwanderer zurückzuführen sei.
Andererseits gibt es Belege dafür, daß Palästina keineswegs von allen Juden als Urheimat verstanden wurde. Auf der Nilinsel Elephantine gefundene Texte bezeugen, daß die Juden Oberägyptens nicht einmal den großen Tempel Salomos kannten und neben Jahwe noch andere Gottheiten verehrten.
Die im ersten vorchristlichen Jahrtausend vermutlich aus Südarabien nach Abessinien eingewanderten Falaschas werden, obgleich sie sich selbst als Juden verstehen, erst jetzt vom Chefrabbinat in Jerusalem als vollwertige Juden anerkannt.
Bis zum Palästina-Feldzug von 1948 lebten im Jemen etwa 60 000 Juden, die zwar nicht ihren Glauben, aber ihre Entstehungsgeschichte und das Hebräische vergessen hatten. Bis zur gewaltsamen Einverleibung Asirs durch Saudi-Arabien in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gab es auch in Asir Tausende von Juden.
Obwohl diese Juden unter dem Druck der Saudis zum Übertritt in den Islam gezwungen wurden, haben sie einige Sitten und Gebräuche beibehalten, vor allem in bezug auf Kleidung, Speisen und Erziehung. Im Gegensatz zu den Moslems erlauben die Konvertiten ihren Töchtern beispielsweise das Reiten.
Dem Geschäftsmann und Amateurarchäologen Harry St. John Bridger Philby, der Arabien Anfang der dreißiger Jahre intensiv bereiste, fiel der "höchst unarabische Charakter" im Verhalten der Asiri auf. In einem Reisebericht vermerkte er "unverschleierte Frauen" und die Musik "eines Hirten, der feine Melodien aus den Bergen spielte".
Ausländische Gastarbeiter in Asir wundern sich über die immer noch geläufigen jüdischen Namen wie Menachem und Habakuk - Namen, die nicht aus der Koran-Tradition stammen können, weil sie dort nicht vorkommen. Zuweilen wissen die Araber gar nicht mehr, daß sie jüdische Namen tragen.
Auch andere sprachliche Merkwürdigkeiten mögen Zufälle sein, vielleicht aber auch Indizien zugunsten der Salibi-These. So existieren in Südarabien heute Dialekte, deren Vokabeln teilweise eng mit dem Hebräischen verwandt sind - ein Hinweis auf die Anwesenheit von Hebräern in den betreffenden Sprachgebieten?
Der englische Sprachforscher A. F. L. Beeston hat in "riesiger Zahl" und "weit verstreut über die westliche Hälfte der arabischen Halbinsel, vom äußersten Norden bis in den Süden" zwei Inschriften-Gruppen gesammelt, die sich voneinander durch den Gebrauch des bestimmten Artikels unterscheiden: Die eine Gruppe lehnt sich an die hebräische, die andere an die arabische Praxis an.
Beestons vorsichtige Folgerung: "Dies reicht aus, um die Existenz zweier Sprachgemeinschaften anzunehmen, die geographisch bis zu einem gewissen Grade miteinander in Kontakt gestanden bzw. sich vermischt haben müssen." Jedenfalls müsse es ein "sprachliches Mosaik" in Südarabien gegeben haben.
Bemerkt hatten Wissenschaftler bereits vor Jahrzehnten, daß auch in sämtlichen äthiopischen Sprachen eine Menge hebräischer Vokabeln enthalten sind. Stammen sie aus Palästina, das immerhin rund 2000 Kilometer vom Horn von Afrika entfernt ist, oder vielleicht doch eher aus dem so viel näher gelegenen Südwestarabien?
Andere jüdische Relikte in Äthiopien - das Asir am Roten Meer gegenüberliegt - kommen hinzu: Die Negus Negesti, die äthiopischen Kaiser bis einschließlich Haile Selassie, nannten sich "die siegreichen Löwen des Stammes Juda". Sie führten ihren Ursprung auf Salomo zurück; der biblische Löwe hat sich im Emblem der Ethiopian Airlines bis heute erhalten.
Eine Erklärung deutete 1962 der Semitist Wolf Leslau in der "Zeitschrift der
Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" an: Im ersten vorchristlichen Jahrtausend, also in der für Salibis Thesen entscheidenden Epoche, wanderten Bewohner Südarabiens in das Gebiet des heutigen Äthiopien aus.
Daß die Erinnerung an die biblische Vergangenheit Asirs im nachexilischen Israel Palästina total und in Asir nahezu total in Vergessenheit geraten konnte, hat nach Salibi vor allem sprachliche Ursachen. Um das Jahr 500 vor Christus war Hebräisch bereits eine sterbende Sprache; an seine Stelle trat erst Aramäisch und in der beginnenden christlichen Ära schließlich Arabisch.
Seit Hebräisch jedoch keine lebende Sprache mehr war, wurde auch die Lektüre der hebräischen Bibeltexte problematischer. Salibi denkt sich das so: _____" Der Text ihrer überlieferten Schriften war voller " _____" Ortsnamen, die den Juden in Israel nicht vertraut waren, " _____" weil diese Orte sich auf Namen in Westarabien bezogen. In " _____" Westarabien selbst waren die Juden nach 500 vor Christus " _____" auf eine so kleine Zahl abgesunken, daß es dort " _____" anscheinend kaum noch Gelehrte unter ihnen gab, die ihre " _____" palästinensischen oder babylonischen Glaubensgenossen " _____" beim Entziffern der topographischen Bezüge hätten " _____" unterstützen und korrigieren können. "
Ebenso hätten aber auch politische Entwicklungen dazu beigetragen, die Erinnerungen an Asir auszulöschen, meint Salibi. In Westarabien kam es zum Aufstieg neuer Gemeinschaften wie der Minäer, unter denen die noch anwesenden Juden ihren Zusammenhalt verloren.
Und in Palästina könnte es zunachst der Zwang zur Neuorientierung in einer neuen Heimat und später der politische Erfolg gewesen sein, der die Juden die Erinnerung an Asir verdrängen ließ:
Im zweiten Jahrhundert vor Christus errang das Priesterhaus der Hasmonäer in einer Revolte gegen die Seleukidenherrscher die Macht über das jüdische Gebiet in Palästina sowie über den südlichen Teil von Galiläa im Norden und das Hochland östlich des Jordans. Angesichts des so teuer erkauften Bodens wäre die Erinnerung an die alte Heimat Asir nur störend gewesen. Das neue Land sollte das alte sein, jegliche Zweifel an dem Anspruch auf dieses Land waren unerwünscht.
Sollten sich Salibis Thesen in wesentlichen Punkten erhärten lassen, müßten sich die Bibelforscher für eine ganze Reihe Fragen neue Antworten einfallen lassen. Zwar würde sich an den religiösen Aussagen des Alten Testaments nichts ändern, weil es Gläubigen gleichgültig sein kann, an welchem Ort und unter welchen Umständen beispielsweise Israels Gott Jahwe einen Bund mit seinem Volk schloß und ihm die Zehn Gebote gab. "Letztendlich bleibt die Bibel die Bibel", sagt Salibi, "ganz gleich wo ihre wirkliche Heimat lag."
Aber ebenso sicher ist, daß Salibis Thesen von vielen als Angriff auf ihre religiöse, soziale oder politische Identität verstanden werden.
Die Juden - ein arabisches Volk, Israels Ministerpräsident und Saudi-Arabiens König - Brüder; das verheißene Land - nicht Palästina, sondern ein Teil Saudi-Arabiens; Israels Geschichte in Palästina verkürzt um rund 1000 Jahre - das wären, wenn''s so wäre, Alpträume zumindest für israelische Hardliner, die neben der Existenz des Staates Israel auch die Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens mit dem Verweis auf die Bibel rechtfertigen.
Denn für orthodoxe Juden hat Gott nicht nur einen Bund mit seinem Volk, sondern auch mit Erez-Israel, dem Land Israels, geschlossen. Selbst pragmatisch denkende liberale Juden fühlen sich in diesem Punkt unsicher und suchen insgeheim Bestätigung in einer möglichst uralten geschichtlichen Kontinuität: Wenn beispielsweise archäologische Grabungen die Anwesenheit Israels seit Josua in Palästina beweisen könnten, würde dies im heutigen Israel als eine zusätzliche Legitimation empfunden.
Aber auch orthodoxe Araber könnten Salibis Ausführungen als Affront empfinden. Seit für den Koran (Sure 21, 71) Palästina "das Land" ist, "das wir für die Menschen
in aller Welt gesegnet haben", und seit Moslems Palästina im 7. Jahrhundert eroberten, erheben sie Ansprüche auf das geographische Palästina. Jerusalem ist ihre drittwichtigste heilige Stadt nach Mekka und Medina - ausgerechnet wegen jener biblischen Ereignisse, die Salibi jetzt nach Saudi-Arabien verlegt.
Am wenigsten haben die Christen Grund zur Aufregung: Jesus und das Neue Testament, von christlichen Exegeten in den letzten 50 Jahren arg zerrupft, bleiben diesmal unberührt.
Das Alte Testament aber würde als Geschichtsbuch aufgewertet werden: Zahlreiche in der Bibel genannten Orte (und damit auch die mit den Orten verknüpften Geschehnisse), die bislang als nichtidentifizierbar galten, erhielten genauere historische Konturen.
Aber was ist wirklich dran an Salibis unkonventionellen Thesen? Ob die sprachlichen Funde (biblische Ortsnamen auf der Landkarte von Asir) und die Folgerungen des Außenseiters (die Herkunft des Judentums aus Westarabien) mehr sind als Zufall, Spiel mit Worten und kühner Gedankenflug, das kann sich erst zeigen, wenn sie ernsthaft diskutiert werden.
Und selbst wenn sich dabei zeigen würde, daß sich Salibis Thesen nicht oder nur teilweise erhärten lassen, bliebe es Salibis Verdienst, eine Reihe neuer Fragezeichen hinter die Interpretation biblischer Schilderungen gesetzt zu haben. Deren Erörterung könnte die biblische Forschung weiterbringen.
Erste Urteile von Forschern, die Salibis Untersuchung zu lesen bekamen, fielen eher ablehnend aus. So etwa die Stellungnahme von Oswald Loretz, seit 1967 Professor für Altes Testament und Ugaritistik am Katholisch-Theologischen Fachbereich der Universität Münster.
Loretz'' Spezialgebiet ist die Ugarit-Forschung: Seit dem Jahre 1928 wurde im nordsyrischen Ugarit, dem heutigen Ras Schamra, unter anderem ein ganzes Palastarchiv mit sumerischen, akkadischen, horritischen und ugaritischen Texten gefunden. Loretz-Urteil über Salibis Thesen:
Salibis Verlagerung der Bibel nach Asir lasse außerbiblische Quellen außer acht, die zum Teil eindeutig dafür sprächen, daß das heutige Palästina auch das Palästina der Zeit zwischen Josua und Salomo gewesen sei. So müsse Kanaan beispielsweise nach ugaritischen, phönizischen, assyrischen, babylonischen und ägyptischen Texten im Bereich des heutigen Palästina gelegen haben, sonst machten diese Quellen keinen Sinn.
Salibis Methode - in einem biblischen Ortsnamen den passenden arabischen Ortsnamen zu suchen - basiere "auf
einem völlig willkürlichen Umgang mit beiden Sprachen" und fördere "nichts als Wortspielereien" zutage. Mit dieser Methode könne man Palästina in jedem beliebigen Teil der arabischen Welt nachweisen.
Salibi wiederhole die alte, klassische Hypothese über die Einwanderung des Volkes Israel nach Kanaan auf arabisch: Er verlege den Ort der Einwanderung nach Arabien, und er tue das auf typisch arabische Art - er lasse die neuere Forschung völlig außer acht, die Israel in Kanaan entstanden sein läßt.
Ähnlich ablehnend äußerte sich auf evangelischer Seite Volkmar Fritz, Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie in Mainz. Fritz hat in Israel an mehreren Grabungen teilgenommen; seit 1982 leitet er die Grabungen in Kinnereth, dem heutigen Tall al-Oreme am See Genezareth.
Fritz gibt zwar zu, daß "die archäologische Situation für die Zeit zwischen 1500 und 500 vor Christus im Einzelergebnis als dürftig zu bezeichnen" sei. Nehme man jedoch "die Tradition, die außerbiblischen Quellen und das, was man gefunden habe, zusammen", spreche die Summe dessen weit eher für Palästina als Salibis "Sprachspielereien" für Asir.
So hat sich nach Fritz "etwa ein Drittel aller in der Bibel genannten Ortsnamen im Bestand arabischer Ortsbezeichnungen in Palästina erhalten". Ein weiteres Sechstel könne "aufgrund anderweitiger Überlegungen und Angaben in Palästina belegt werden", etwa "in ägyptischen Texten des zweiten Jahrtausends vor Christus".
Das Fazit des Mainzer Bibelwissenschaftlers: _____" Wenn ein Kollege gegen die ganze Geschichte angeht " _____" und die klassischen Meinungen auf den Kopf stellt, muß er " _____" exzellente Argumente haben. Er muß beweisen, daß er recht " _____" hat. Das von Salibi vorgelegte Material ist zweifellos " _____" sehr interessant. Aber es trägt nicht die Hypothese, die " _____" er darauf aufbaut. Er läßt die historischen, " _____" geographischen und archäologischen Belege, die wir haben, " _____" unberücksichtigt. "
Kein Wunder, daß Salibis Werk von israelischen Fachleuten bereits mit Skepsis betrachtet wird, bevor sie es gelesen haben. Für Abraham Malamat, Professor für Geschichte des biblischen Zeitalters an der Hebräischen Universität in Jerusalem, sind Salibis Thesen "eine tollkühne Idee, wie sie alle zwei bis drei Jahre wiederkommt". Mosche Kochavi und David Ussischkin, zwei renommierte Archäologen der Universität Tel Aviv, halten die Thesen schlicht für "verrückt, weit hergeholt und lächerlich": "Das Ganze ist Politik."
Kochavi, der seit 1972 in Aphek/Antipatris gräbt, und Ussischkin, der seit 1973 an Ausgrabungen in Lachis beteiligt ist, mögen zwar die Anwesenheit von Juden im damaligen Asir nicht bestreiten. Aber ihrer Meinung nach sind sie allenfalls von Palästina nach Asir ausgewandert, als Assyrer und Babylonier zwischen dem neunten und sechsten Jahrhundert vor Christus in Palästina einfielen.
Der einzige - vor Publikation der Salibi-Thesen befragte - Bibelwissenschaftler, der sich auch positiv zu Salibis Thesen äußerte, ist der britische Alttestamentler John C. L. Gibson. Er gesteht, daß ihn Teile der Arbeit Salibis "geradezu fasziniert" hätten.
Auch Sprachwissenschaftler haben bereits einige Vorauskritik formuliert. Werner Diem etwa, Professor für Arabistik an der Universität Köln, bemängelte, daß Salibi vom Standpunkt der Sprachwissenschaft aus "gänzlich ohne Methode vorgeht". Sein Verfahren, "hebräische und arabische Ortsnamen miteinander zu identifizieren, sofern nur überhaupt irgendeine lautliche Ähnlichkeit besteht", sei ein "dilettantischer Ansatz". "Jedes Glied" von Salibis Beweiskette sei "bedenklich".
Joschua Blau, Professor für Semitistik an der Hebräischen Universität Jerusalem und einer der bedeutendsten seines Fachs, möchte über Salibis Ortsnamen-Vergleiche erst urteilen, wenn sie exakt nach dem Grad ihrer Entsprechung aufgegliedert und statistisch ausgewertet sind: "Dann wird man sehen, was sprachwissenschaftlich standhält."
Nicht ganz so zurückhaltend äußerte sich der Hamburger Professor für Arabistik und Islamische Geschichte Albrecht Noth:
Eine Fülle von Toponymen (Ortsnamen) aus Asir zeige tatsächlich "eine auffällige Verwandtschaft zu Ortsnamen, denen wir an verschiedenen Stellen im AT (Altes Testament) begegnen": _____" Salibis - auch kompliziertere - Identifikationen " _____" zwischen beiden Ortsnamen-Gruppen sind in der Regel " _____" linguistisch/sprachhistorisch vertretbar; das mögliche " _____" Gegenargument, man könne solche sprachlichen " _(Mit Assistent und Töchtern. ) _____" Ähnlichkeiten in der Ortsnamenlage aller arabischen " _____" Länder entdecken, erwies sich als nicht haltbar. " _____" Beziehungen (gleich welcher Art) zwischen Toponymik Asir " _____" und Toponymik AT können als sehr wahrscheinlich " _____" angenommen werden. "
Wie solche Namensgleichheiten historisch zu erklären seien, müsse zukünftige Forscher-Arbeit erweisen. Noth-Tip: "Man könnte etwa an - in die AT-Überlieferung eingeflossene - Reminiszenzen an eine Asir-Herkunft von Gruppen oder bestimmten Schichten innerhalb der späteren ja sehr heterogenen ''Israeliten'' denken. Aber vielleicht kommen auch noch ganz andere - bisher nicht bedachte - Erklärungsmodelle in Frage."
Daß Salibis Ortsnamen-Funde eine Untersuchung wert sind, bestätigte Otto Jastrow, Professor für Semitistik und Arabistik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Auch er findet "die lautlichen Entsprechungen zwischen den Ortsnamen der hebräischen Bibel und den Ortsnamen in Asir ausreichend deutlich und regelmäßig, um eine Identität der beiden Gruppen als sehr wahrscheinlich erscheinen zu lassen".
Die Ortsnamen in Asir seien jedoch nicht hebräisch, sondern hielten, nur wenig verändert, eine ältere semitische Lautform der biblischen Namen fest. Sie sind sprachlich altertümlicher als die Namen in der Bibel.
Das würde die Annahme zulassen, daß die Ortsnamen von den Hebräern als Teil ihrer sprachlichen Tradition aus Asir nach Palästina mitgenommen wurden und dann natürlich die gleichen Lautentwicklungen mitgemacht haben wie das Hebräische.
Ausgeschlossen ist dagegen, daß die heutigen Namen in Asir die arabische Lautwiedergabe von hebräischen Namen sind, daß also hebräische Namen aus Palästina nach Asir importiert wurden. Denn eine jüngere Sprachform kann sich nicht wieder in eine ältere zurückverwandeln.
Wenn Ortsnamen verpflanzt worden sind, dann nur von Asir aus nach Palästina - möglicherweise von Juden aus Asir, die in Palästina Orte in Erinnerung an Asir gegründet haben. Dies würde zu Salibis Thesen passen, daß Juden aus Asir vom Jahre 1000 vor Christus an nordwärts gewandert sind und sich in Palästina niedergelassen haben.
Ein zweites Sprachen-Problem, das sich aus Salibis Thesen ergibt, ist derzeit noch ungelöst: Haben sich die biblischen Ereignisse zwischen 2000 und 500 im saudiarabischen Asir abgespielt, muß dort während dieses Zeitraums neben den sogenannten Hedschas-Sprachen Hebräisch gesprochen worden sein.
Dies nimmt Salibi an, während der Erlanger Jastrow vermutet, daß damals in Asir "allenfalls Vorformen des biblischen Hebräisch" gesprochen worden sind. Dann aber hätten sich die biblischen Geschichten erst Jahrhunderte später im sprachlich jüngeren Bibel-Hebräisch schriftlich niedergeschlagen.
Zumindest so viel scheint nach der Analyse Jastrows sicher zu sein: dem sprachwissenschaftlichen Bild der damaligen Zeit, wie unscharf es auch sein mag, widersprechen Salibis Thesen nicht.
Am ehesten könnten wohl auch Sprachwissenschaftler den Thesen Salibis eine Schneise schlagen. Die Linguisten haben zumeist nicht, wie die Theologen, mit tiefverwurzelten religiösen und ethnischen Vorurteilen in sich selber zu kämpfen.
Bei der Mehrheit der Bibelwissenschaftler kommt noch ein Handikap hinzu: ihre unzureichende Kenntnis der alten Sprachen - die meisten beherrschen nur Hebräisch oder "behaupten, Hebräisch zu können" (AT-Professor Loretz).
Salibi rechnet damit, daß ihm "neben meinen eigenen Grenzen" auch die Grenzen der Kollegen zu schaffen machen werden. "Zuerst werden sie versuchen, meine Theorie einfach zu ignorieren", mutmaßte er vor der Publikation seines Werkes. "Wenn das nicht gelingt, werden sie versuchen, sie lächerlich zu machen. Und wenn das nicht gelingt, müssen sie sich damit auseinandersetzen. Das ist es, was ich will."
Das Ergebnis einer solchen Auseinandersetzung steht nicht fest, solange Sprachforscher und Archäologen in Asir nicht ausgiebig recherchiert haben. Selbst der skeptische Mainzer Alttestamentler und Bibelarchäologe Fritz gibt zu, daß "es vielleicht in Asir archäologisch etwas zu entdecken gibt, was möglicherweise für die biblische Geschichte von Belang sein kann".
"Mag sein", sagte er versöhnlich nach einer Diskussion mit Salibi und mehreren Experten, "daß wir jetzt über Herrn Salibi lachen, und in zwanzig Jahren pilgern wir alle nach Asir."
Ende
Kupferstich von Matthäus Merian. Aufgrund einer falschen Lesart in der lateinischen Bibel erscheint Mose in älteren Darstellungen der Kunst gelegentlich mit Hörnern (facies cornuta) statt mit Lichtstrahlen (facies coronata). Mit Assistent und Töchtern.
Von Kamal Salibi

DER SPIEGEL 40/1985
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