05.05.1986

GLÜCKSSPIELE

Steuer auf Dummheit

Mit wissenschaftlichen Berechnungen kämpft ein gaullistischer Abgeordneter gegen angebliche Verzerrungen der Gewinnchancen beim Lotto. *

In der französischen Nationalversammlung hielt der Abgeordnete Jean-Louis Masson eine komplizierte Rede über ein scheinbar simples Thema: die Gewinnchancen beim Zahlenlotto.

Als er sein Manuskript zusammenpackte, reagierten seine Kollegen im Halbrund des Plenarsaals mit verlegenem Gelächter. Masson wußte, weshalb: "Sie konnten mir nicht folgen."

So geht es dem 39jährigen Gaullisten aus dem lothringischen Metz öfter: Der "Rekord-Akademiker" (eine Mitarbeiterin) des an Intellektuellen durchaus nicht armen Hohen Hauses liebt es, die Konzentration seiner Zuhörer mit zuweilen bizarren Gedankengängen auf das äußerste zu strapazieren. "Polytechnicien", "Ingenieur de l''Ecole des mines", Doktor der Rechte, Doktor der Wirtschaftswissenschaften, Diplomhistoriker und Mathematiker - so viele akademische Würden wie Masson hat kein Abgeordneter sonst vorzuweisen.

Seit 1978 sitzt er im Pariser Parlament im Palais Bourbon, und dort kämpft er in vielen parlamentarischen Fragestunden und im Resolutionsantrag Nummer 3065 gegen den staatlich kontrollierten Glücksspielmulti "Societe de la loterie nationale et du loto national". Mit wissenschaftlichen Argumenten versucht er, den Lotto-Verwaltern nachzuweisen, ungleiche Gewinnchancen für Tipper geschaffen zu haben und bewußt zu erhalten. Unermüdlich fordert Masson deshalb die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses "zur Feststellung der Verzerrungen beim Lotto".

Frankreichs Lotto wurde erst 1976 eingeführt als nahezu identische Kopie des deutschen Systems - vom Wettschein mit den "6 aus 49" bis zur Fernsehziehung der Zahlenbällchen aus rotierenden Plexiglas-Ballons ist fast alles gleich.

"Le loto" ist inzwischen nach dem Pferdetoto ("le tierce") zum beliebtesten Glücksspiel der Franzosen aufgestiegen. Wöchentlich füllen sie 13 Millionen Tippscheine aus; 1985 trugen sie zwölf Milliarden Franc (fast vier Milliarden Mark) zu den Annahmestellen - meistens die Kneipe, das "cafe-tabac" an der Straßenecke. 51 Prozent der Einsätze werden als Gewinne ausgeschüttet, vom Rest kassiert das meiste der Staat, dem die Lotto- und Lotteriegesellschaft zu 51 Prozent gehört.

Gestützt auf die Überzeugung des italienischen Staatsministers Camillo Graf Benso di Cavour (1810 bis 1861), wonach Lotterien "eine Steuer auf Dummheit" sind, hat Masson, der Glücksspielgegner aus Berechnung, die Tippgewohnheiten seiner Landsleute untersucht. Seine Helfer befragten im vergangenen Jahr in fünf französischen Städten 5000 Lottospieler.

Die Ergebnisse waren überraschend: Die Franzosen kreuzen am häufigsten die Zahlen 3, 5, 7, und 25 an, am wenigsten 26, 38, 41, 43, 44, und 46. Massons Schlußfolgerung: Wer weiß, welche Zahlen wenig getippt werden, kann viel höher gewinnen als einer, der auf die häufig getippten Zahlen setzt.

Auch die Gründe für die Vorlieben der Spieler erforschte das Masson-Team. Da die Lotteriefreunde gern ihre Geburtstage auswählen, gibt es eine "Überrepräsentanz" der Zahlen von 1 bis 30. Kennziffern für Tierkreiszeichen (Widder = 5), für Vornamen (Francois = 7) und Wochentage, ganz allgemein "Glücksziffern" - meist irgendwelchen Astrologie-Gazetten entnommen - werden ebenfalls bevorzugt angekreuzt.

Wenn nun, so Masson, das Lottoglück häufig getippte Zahlen ausspucke, seien die Gewinne zwangsläufig niedriger als bei selten gespielten Zahlen. Denn die immer gleich hohe Gewinnsumme wird dann auf viel mehr Sieger verteilt. Dazu Masson: "Der Staat hat die Pflicht, eine vollständige Gleichheit des Systems zu garantieren, was nachweislich nicht der Fall ist."

Der Mathematiker Masson hat die Ungerechtigkeit genau errechnet: Die Lotto-Chance auf sechs Richtige steht 1:13983816. Setze ein Spieler zehn Franc auf die massenhaft gespielten Lieblingsziffern, dann habe er eine statistische Gewinnchance auf fünf Franc.

Setze ein "informierter" Spieler jedoch zehn Franc auf die "interessanten" - also die selten gespielten Zahlen - dann winke ihm ein statistischer Gewinn von 27720 Franc.

Mit anderen Worten: Die "wenigen Privilegierten" (Masson), die sich auskennen, seien im Vorteil gegenüber den Ahnungslosen. Und gänzlich benachteiligt seien die simplen Gemüter, die zuhauf immer gleiche Ziffern ankreuzen. Der Abgeordnete: "Das ist, als wenn der eine bei der Pferdewette Informationen über die Pferde bekommt und der andere nicht."

Um die Chancengleichheit wiederherzustellen, will Masson die Lottogesellschaft verpflichten, regelmäßig die zehn am häufigsten und die zehn am wenigsten angekreuzten Zahlen zu veröffentlichen. Doch das Finanzministerium als oberster Lotto-Aufseher und -Nutznießer lehnt bisher ab.

Der Abgeordnete glaubt, den Grund zu kennen: Für die Lotto-Veranstalter sei es profitabler, den Menschen "den Traum vom großen Glück zu belassen, als sie über statistisch interessante Chancen aufzuklären".

Masson will die Lotto-Verwalter nun mit Hilfe eines seiner geistigen Vorbilder, des Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal (1623 bis 1662), umstimmen.

Der hatte seine Zeitgenossen vor der falschen Annahme gewarnt, daß die Gewinnchancen um so besser seien, je öfter man spiele. Pascal: "Glauben wir bloß nicht, daß es ein Kompensationsgesetz zwischen den Ziehungen gibt. Auf diesen groben Irrglauben sind die meisten Spielsysteme aufgebaut.

Lotto-Gegner Masson heute: "Ich will nur Pascal angewandt sehen." _(Mit den am seltensten getippten ) _(Lottozahlen. )

Mit den am seltensten getippten Lottozahlen.

DER SPIEGEL 19/1986
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