07.04.1986

Der Widerspenstigen Zähmung

SPIEGEL-Redakteurin Cora Stephan über Margarethe von Trottas Film „Rosa Luxemburg“ *
Sie war die einzige Frau, deren Ikone bei den Studentendemonstrationen der sechziger Jahre neben denen von Che Guevara und Ho Tschi-minh durch die Straßen getragen wurde. In anderen öffentlichen Räumen konnte 1974 die Weitergabe ihres Bildes hellen Protest hervorrufen - jedenfalls soweit es auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost zirkulierte.
Die Heroine der Studentenrebellion war für viele Bundesbürger lediglich die Hälfte von LiebknechtundLuxemburg, dem Synonym für die deutsche Novemberrevolution, die Mitbegründerin der Kommunistischen Partei, Ahnin der SED, Asche im Schatzkästlein des Marxismus-Leninismus und daher für offizielle Ehrung hierzulande nicht geeignet.
Wieder andere reklamierten sie als leibhaftigen Gegenbeweis zur allfälligen Vermutung, daß Sozialisten Kinder fressen: Rosa Luxemburg als Politikerin mit menschlichem Antlitz. Liebe zur Natur und nahezu biblischem Duldertum.
Ob Zerrbild oder Heiligenbildchen: Die Legende Luxemburg ist übermächtig und steht dem Blick auf ihre historische Person im Weg. Ihr Leben, ihr Tod werden so verdrängt wie die Geschichte, deren Symbol sie wurde. Margarethe von Trottas Film, der die Legende entmachten will, indem er sich ihr entzieht, wird das zu spüren bekommen.
Wie also kommt man ihr nahe, der polnisch-jüdischen Doktorin Luxemburg, dem streitbaren Enfant terrible der deutschen Sozialdemokratie, der marxistisch geschulten Gelehrten, der so gar nicht netten und hübschen Geliebten und Liebhaberin, dem energiegeladenen Krüppel, der hinreißenden Rednerin, der ruppigen, rechthaberischen, herrschsüchtigen Idealistin?
Margarethe von Trotta umkreist ihr widerspenstiges Sujet nicht lange. Wir sind gleich mittendrin. Gefängnishof, Scheinexekution, Verhöre, konspirative Versammlungen, revolutionäres Bonnieund-Clyde-Spiel, kämpferische Flugschriften, Verhaftung, Gefängnis: Die erste halbe Stunde des Films scheint den Ton anzugeben, die Signale, die man zu hören gewohnt ist. Rosa Luxemburg in der Revolution - mit allem, was so dazugehört.
Welche Revolution? Erst langsam erschließt sich der Zuschauerin, wo sie sich gerade befindet. Der Film beginnt mit einer Szene im Gefängnis, 1916, und springt dann zurück ins Jahr 1906, zum Ausflug der 34jährigen Rosa Luxemburg ins aufständische Warschau, zu Ende der ersten russischen Revolution. Margarethe von Trotta blättert im Leben der Revolutionärin vor und zurück.
Rückblenden und Vorgriffe, hart nebeneinandergesetzte Szenen aus dem Leben der Rosa Luxemburg - der Film verdichtet sich erst zum Schluß, als er sich auf die Katastrophe der deutschen Revolution zubewegt. Bis dahin gibt er eine eher verwirrende Fülle von Einblicken in ein verwirrend ausgefülltes Leben: Luxemburg als Rednerin auf Parteiveranstaltungen, Luxemburg in einer Eifersuchtsszene mit ihrem Gefährten Leo Jogiches, Luxemburg gelehrte Schriften verfassend, Luxemburg und Freundin ausgelassen kichernd am Comer See, Luxemburg mit jugendlichem Liebhaber, dem 15 Jahre jüngeren Sohn Clara Zetkins, Luxemburg im Hickhack mit den sozialdemokratischen Genossen, Luxemburg vor dem Richter, Luxemburg im Gefängnis, immer wieder im Gefängnis, Luxemburg als müde, zerbrochene Kämpferin in den wenigen Monaten vor ihrem Tod, gehetzt, verfolgt, erschöpft, schließlich erschlagen, erschossen, ertränkt im Berliner Landwehrkanal.
Der Film entwickelt eine ungeheure emotionale Kraft. Diese Rosa Luxemburg (der Barbara Sukowa) zieht an und vereinnahmt - und läßt einen ratlos zurück. Das liegt an der Optik der Regisseurin, die den besonderen Reiz des Films ausmacht und ihn zugleich fast zum Scheitern bringt.
Margarethe von Trotta hat nicht an der Legende gearbeitet. Sie hat sich nicht mit den verschiedenen Sichtweisen der Person auseinandergesetzt, nichts erklärt, nichts gerechtfertigt. Sie
hat Rosa Luxemburg selbst sprechen lassen.
Grundlage der Szenen und Dialoge sind zum großen Teil um die 2500 Briefe an Freunde und Genossen. Der Film nimmt nur das auf, was sich auf diese Weise dokumentieren läßt - er ist radikal und subjektiv, indem er sich nur einer Wahrheit verpflichtet: derjenigen von Rosa Luxemburg selbst.
Der ohne Zweifel historisch redliche Zugang zur Person Luxemburgs blendet jedoch notgedrungen aus: die Kritik etwa, die andere an der streitbaren Politikerin und ihrer oft dogmatischen und verletzenden Polemik, haben mochten. Andererseits ergibt sich durch die subjektive Perspektive oft ein anderes Bild als das gewohnte.
Der große Richtungsstreit in der SPD, unter dem Etikett "Reform oder Revolution" geführt, nimmt sich aus der Perspektive der unbotmäßigen Rosa Luxemburg so kleinkariert aus, wie er wahrscheinlich auch war. Das Energiebündel aus Polen will den alten Knackern Beine machen, hält es mit antiautoritärer Ungeduld und läßt den nötigen Respekt vor der altehrwürdigen Partei aufs erfreulichste vermissen.
Ihr revolutionärer Tatendrang entsteht nicht aus dem bitteren Leiden an deutschen Zuständen und allgemeinem Elend, sondern aus einem spontanen Gespür für Stimmungen und Bewegungen. Daß die Massen für den Sozialismus noch nicht reif seien - darin mochte sie dem Parteizentrum noch zugestimmt haben. Waren die "unreifen" Massen aber einmal in Bewegung, war Luxemburg die teilnehmende Beobachterin, die interpretierende Begleiterin und, im Unterschied zu den sozialdemokratischen Stubenhockern, aufmunternd dabei.
Was der Film hier deutlich macht, läßt er in anderer Hinsicht im dunklen. Die Szenen, in denen Rosa Luxemburg zu "den Massen" spricht, wirken eher putzig denn aufrührerisch. Der Scherz August Bebels 1906, im Falle einer deutschen Revolution werde die SPD die "Ultraradikale" Luxemburg wohl aufhängen, wirkt allzu absichtsvoll auf das tragische Ende hin eingebaut. Die Szenen im Gefängnis sind ein bißchen allzuviel Blumen und Vogelsang. Die Revolution schließlich, die Rolle Liebknechts und Luxemburgs dabei, Anlaß und Ursache für ihren Tod, die Drahtzieher und die Schlächter - das versteht wohl niemand, der deutsche Geschichte nur im Schulunterricht erfahren hat.
Hier versagt die Optik des Films, die ihn in vielen Momenten so dicht hat erscheinen lassen, so nah an der historischen Wahrscheinlichkeit: Mit dem Blick der Protagonistin allein läßt sich die deutsche Tragödie Novemberrevolution nicht mehr erfassen. Wie sich bis zum 15. Januar 1919 die politische Situation zuspitzt, die zum Mord an Liebknecht und Luxemburg führt, erschließt sich nicht aus der verwirrenden Wiedergabe einer verwirrenden politischen Lage.
Die historischen Filmdokumente, die Margarethe von Trotta zur Hilfe nimmt, eine Barrikadenszene, aufrüttelnde Reden von Liebknecht - diese Mixtur verkleinert die Ereignisse. Eine geschwächte, unklare, unsichere, schwankende und gar nicht so optimistische Rosa Luxemburg: das hingegen mag sich der Wahrheit annähern.
Wer hat die beiden Mitbegründer des Spartakusbundes ermordet? Im Film, in dem die Kämpfe zwischen den Flügeln der Sozialdemokratie und die Gründung der KPD zur Jahreswende 1918/19 keinen Platz finden, werden die regierenden Sozialdemokraten und die reaktionäre Soldateska, die das Mordkommando ausführte, auf die gleiche Ebene gestellt: als Gegner der Revolution. So einfach ist das Drama der deutschen Sozialdemokratie nicht abzuhandeln.
Rosa Luxemburg paßt auf keine Briefmarke und sprengt wohl auch jeden Versuch, sie mit filmischen Mitteln zu fassen. Das liegt keineswegs nur an ihrer sich in keinen Rahmen fügenden Persönlichkeit. Das liegt am deutschen Trauma der verpaßten Revolution.
Von Cora Stephan

DER SPIEGEL 15/1986
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