20.01.1986

KLIMA Tod im Treibhaus

Eine Abgaswolke bedroht die Welt. Massiv und einmütig wie selten warnen jetzt Wissenschaftler vor „einer nahen, drohenden Klimakatastrophe“. *
In ganz Deutschland wie in den letzten Monaten heiter und sonnig. Tagestemperatur 29 Grad, nachts Abkühlung auf 20 Grad. Für die Jahreszeit zu kühl - so könnte er lauten, der Wetterbericht für den Sommer 2050.
In Bayerns Biergärten suchen die Eingeborenen unter Pinien und Zypressen Schutz vor dem Sonnenglast, an Rhein und Mosel reift der Wein auch ohne Zuckergaben zu schwerer Süße. Und an die Ostfriesen, samt ihrem schwarz gefleckten Rindvieh von der Nordsee (sommerliche Wassertemperatur: 22 Grad) vertrieben, erinnern nur noch ein paar Witze - so könnte es aussehen im Deutschland des Jahres 2050.
Ein solches Szenarium, das auf den ersten Blick anmutet wie das Produkt einer regen Phantasie, halten viele Klimaforscher für durchaus realistisch: In den nächsten 70 bis 100 Jahren, so prophezeien sie, werde sich die Temperatur auf der Erde erheblich erhöhen - mit der möglichen Folge, daß die Eiskappen der Pole abschmölzen und der Meeresspiegel anstiege .
Verursacht wird diese Entwicklung, da sind sich die Forscher einig, durch die Zunahme von Kohlendioxid (CO2) und anderen Spurengasen in der Erdatmosphäre .
Wie eine riesige Glasglocke, so prophezeien die Experten, wirkt sich über der Erde eine immer dichter werdende Schicht von Spurengasen aus. Diese läßt zwar das von der Sonne kommende kurzwellige Licht passieren, hält aber die von der Erde reflektierte langwellige Strahlung zurück - der Planet verwandelt sich allmählich in ein gigantisches Treibhaus: Luftraum, Landmassen und Meere erwärmen sich, mit unabsehbaren Nebenwirkungen und teilweise katastrophalen Folgen. "Das Problem", so der amerikanische Meteorologe William Kellog, "ist hochbrisant."
Deshalb haben jetzt Wissenschaftler und Forschungsinstitute nachdrücklich und mit seltener Einmütigkeit vor dem "CO2-Klima-Problem" (so der Meteorologe Hermann Flohn) gewarnt: *___Von "einer nahen, drohenden Kli makatastrophe" spricht ____der "Ar beitskreis Energie der Deutschen Physikalischen ____Gesellschaft" (DPG) in einer Stellungnahme, mit der das ____Expertengremium am Mittwoch die ser Woche an die ____Öffentlichkeit tre ten will. Wenn die Emissionen von ____Kohlendioxid und Spurengasen nicht sofort wirkungsvoll ____eingeschränkt würden, käme es "vermutlich schon in ein ____bis zwei Jahrzehnten" zu "deutlichen ____Klimaveränderungen" dann würde es "aller Voraussicht ____nach zu spät sein". *___Eine unlängst von der Nasa veröf fentlichte ____2000-Seiten-Studie, in der die Erkenntnisse der ____bekanntesten Forschungsinstitute zusammengefaßt sind, ____kam zu dem Schluß, "daß sich die Zusammensetzung der ____Atmo sphäre in globalem Maßstab ändert". Möglicherweise ____gebe es einen bislang noch wenig beachteten Zusam ____menhang zwischen der Erwärmung der Erdatmosphäre und ____dem seit Jah ren beobachteten Abbau des Ozon schildes, ____der die lebensfeindlichen Ultraviolett-Strahlen der ____Sonne weit gehend ausfiltert. *___"Eindringlich" wiesen rund 70 Wis senschaftler aus 29 ____Ländern schon im Oktober letzten Jahres auf einer ge ____meinsamen Tagung der Uno-Um weltorganisation (Unep), ____der Welt organisation für Meteorologie (WMO) und des ____Internationalen Rates
wissenschaftlicher Vereinigungen (ICSU) darauf hin, daß "die mittlere globale Temperatur bis in die Mitte des nächsten Jahrhunderts mehr zunehmen kann als je zuvor in der menschlichen Geschichte, was tiefgreifende Auswirkungen auf das globale Ökosystem, die Landwirtschaft die Wasservorkommen und das Eis der Weltmeere haben würde".
Zunehmend gerät das wichtigste und empfindlichste Regelsystem der Erde aus der Balance - die Atmosphäre. Sie besteht, abgesehen von ihrem schwankenden Gehalt an Wasserdampf, vornehmlich aus drei Gasen: zu 78,09 Prozent aus Stickstoff, zu 20,95 Prozent aus Sauerstoff und zu 0,93 Prozent aus dem Edelgas Argon. Den Rest von 0,03 Prozent bilden zahlreiche Spurengase wie etwa das besorgniserregende Kohlendioxid oder das giftige Ozon, die jedoch eine entscheidende Rolle für die Chemie der Atmosphäre spielen.
Lange waren die Experten davon ausgegangen, für den Treibhauseffekt sei hauptsächlich das Kohlendioxid verantwortlich, jenes farb- und geruchlose Gas, das vornehmlich beim Verbrennen von Kohle, Öl und Benzin freigesetzt wird. Nachdem die Wissenschaftler "historische" Luftpartikel aus Gletschereis analysiert hatten, stellten sie fest, daß die CO2-Konzentration in den letzten 200 Jahren um 25 Prozent zugenommen hat. In den nächsten 100 Jahren wird sich der CO2-Wert, so allgemein anerkannte Hochrechnungen, nahezu verdoppeln - nicht zuletzt eine Folge der rücksichtslosen Brandrodung tropischer Regenwälder.
Inzwischen jedoch haben die Wissenschaftler festgestellt, daß eine ganze Reihe wärmeisolierender Spurengase den Treibhaus-Effekt noch verstärken. Zu ihnen gehören unter anderem: *___Methan, dessen Konzentration in der Luft jährlich um ____über ein Prozent steigt - es wird durch das in Savannen ____übliche Abflämmen des Busch- und Graslandes freigesetzt ____oder gerät aus dem Darmtrakt von Rindern und Termiten ____(die sich in gerodeten Re gionen massenhaft ausbreiten) ____in die Luft; *___chlorierte Kohlenwasserstoffe, zu de nen auch die ____Chlorfluor-Kohlenstoffe gehören, die in Spraydosen als ____Treib gas sowie als Kühlmittel in Eisschrän ken ____verwendet werden; *___Stickoxide, die durch den weltweiten Einsatz von ____Kunstdünger in die At mosphäre gelangen.
Nachdem sie die Wärmestau-Wirkung auch dieser Spurengase erkannt hatten stellten Wissenschaftler neue Klimamodell-Rechnungen an. Danach werden während der nächsten 50 bis 100 Jahre die mittleren Temperaturen um etwa zwei bis vier Grad, in Nähe der Pole sogar um sechs bis acht Grad ansteigen - was Mensch, Tier und Pflanzen dann bevorsteht, können die Forscher nur anhand der Veränderungen während früherer Erwärmungsperioden vermuten.
Bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von drei Grad würden sich wahrscheinlich "die heutigen Trockenzonen im nördlichen Afrika, in Arabien in Zentralasien und in den südlichen Teilen der USA ausweiten", so der Bericht der DPG, "und um viele 100 Kilometer nach Norden verlagern". In den heute dicht besiedelten und fruchtbaren Winterregenzonen um das Mittelmeer, in den USA und der südlichen UdSSR sähe es dann aus wie in der Nord-Sahara - die
Ukraine versteppt, Idaho versandet, um St. Tropez nichts als Ödnis.
Im Gegensatz zu früheren Wärmeperioden freilich, in denen sich der Temperaturanstieg im Laufe von Jahrtausenden vollzog, könnte der Treibhauseffekt das Klima innerhalb weniger Jahrzehnte verändern. "Bleibt dabei die natürliche Regelfähigkeit erhalten", fragten die Energie-Experten der DPG, "oder kippt das Klima in einen Zustand um, der die Lebensfähigkeit auf der ganzen Erde bedroht oder gar vernichtet?"
Die Antwort wird die Menschheit erst erhalten, wenn die Katastrophe schon da ist. Die Computer-Modelle der Wissenschaftler können das vielfältige Zusammenspiel von Wasser, Wind und Sonne nicht wirklichkeitstreu simulieren.
Die Experten wissen beispielsweise, daß die oberen Wasserschichten der Ozeane erhebliche Mengen an CO2 speichern; ihnen ist auch bekannt, daß die Absorptionskraft des Wassers um so größer ist, je niedriger seine Temperaturen sind. "Schon aus diesen zwei Prämissen", klagt der US-Meteorologe Ralph Cicerone, "ergibt sich ein höchst verzwicktes Kausalnetz": *___Wenn sich die Polarmeere aufheizen, verändern sich die ____das Klima vieler Regionen mitbestimmenden Meeres ____strömungen, deren Stärke und Rich tung wiederum durch ____den Tempera turunterschied zwischen polarem Kaltwasser ____und äquatorialem Warm wasser bestimmt wird - ohne den ____Golfstrom hätte etwa Irland ein Wet ter wie die ____Falklands. *___Ohne die Umwälzpumpe der Mee resströmungen gelänge das ____CO2-ge sättigte Polarwasser nicht in die Koh ____lendioxid-armen Tropengewässer - der CO2-Austausch käme ____zum Erlie gen, das Polarmeer könnte weit weni ger ____Kohlendioxid absorbieren. *___Mit den Meeresströmungen änderte sich auch das globale ____Windsystem, das einen bestimmenden Einfluß auf die ____Wolkenbildung hat - wobei nied rige Wolken das ____Sonnenlicht reflek tieren, also kühlend wirken, bei ho ____hen Wolken ist es umgekehrt.
Ähnlich schwierig ist die Antwort auf die Frage, ob bei einer Erwärmung der Polarmeere die Eiskappen tatsächlich abschmölzen. Dann würde der Meeresspiegel während der nächsten zwei bis drei Jahrhunderte bis zu zehn Meter steigen - Sylt würde zur Sandbank, auf der allenfalls Schiffe strandeten.
Trotz aller noch bestehenden Unsicherheiten fordern die Experten, die Verfeuerung fossiler Brennstoffe drastisch zu verringern und die Rodung des tropischen Regenwaldes sofort einzustellen - was freilich, wie viele von ihnen fürchten, so aussichtslos ist wie der Versuch, eine Kuh am Furzen (methanhaltig!) zu hindern: "Der Weg der Menschheit ins Treibhaus", so der amerikanische Meteorologe William Kellogg, "ist unvermeidlich."

DER SPIEGEL 4/1986
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