20.01.1986

FILMApokalypse wow!

„Ein Virus kennt keine Moral“. Spielfilm von Rosa von Praunheim. Deutschland 1986. Farbe; 82 Minuten. *
Es darf geweint werden. In Rosa von Praunheims Film zum Thema Nummer eins des vergangenen Medienjahrs gibt's, gegen Ende, gleich zwei Krankenzimmerszenen: Die Sterbestation als Ort der Trauer? Ja und nein. Einmal liegen da zwei Freunde, Geliebte nebeneinander, beide sichtlich von Kaposy-Sarkomen übersät. Der eine bittet den anderen, ihm beim Sterben zu helfen, was dieser als gutgläubiger Theologiestudent und Chorsänger, der, seit er "positiv" war, doppelt zeitgemäß aufs Bild von B(oris) B(ecker) wichste, schon aus praktischer Unmöglichkeit ablehnt. Der eine - ein am gewöhnlichen homosexuellen Lotterleben reich gewordener Saunabesitzer, den Regisseur Praunheim selbst mit ungebrochener Lust am schlichten, aber auch überzeugend handfesten Chargenspiel mimt -, der eine jammert, greint, faßt sich und es kaum: daß gerade er (mit) dran glauben muß.
Nebenan, auf der Frauenstation. geht's weniger herz-schmerzig zu: Da wanken die Kranken, aussätzig wie auf Hieronymus-Bosch-Bildern, durch die lichte Stube, und eine steigt im weißen Unschuldsflatterhemd aufs Fensterbrett, will - beim engelgleichen Fliegen - Gott
selber infizieren. Da darf (muß) gelacht werden.
Erkenntnislachen, darum geht's. Und damit der traurige Anlaß des Films nicht in pure Aufklärung ausartet, hat Praunheim seine bewährte stilistische Potpourri-Technik zur vollen Blüte gebracht. "Anarchie, verlaß mich nie" - mit diesem Wahlspruch begibt sich der Regisseur immer wieder mit scharfen Schnitten und krassen Großaufnahmen hart an den Abgrund von Klamotte und Klamauk. Doch wenn's peinlich wird, ist diesmal echte Pein nicht fern.
Der Anlaß, die Absicht: "Was tun? Sterben die Schwulen aus? Inzwischen sind in Berlin fast 50 Prozent der Getesteten positiv. In zwei Jahren werden es 80 Prozent sein. Die Aufklärung in der Szene ist gleich Null" - so Praunheim in einer Sondernummer der Berliner Schwulenzeitung "Siegessäule", die mit freundlicher Unterstützung des Senats erschienen ist und darum kostenlos verteilt wird.
Seine "schwarze Komödie", "gemein hysterisch, aggressiv und selbstkritisch" soll wohl den gleichen Effekt erzielen wie vor nun fast schon fünfzehn Jahren sein Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Nach der Fernsehausstrahlung hatte sich seinerzeit wirklich etwas bewegt: Die gewöhnlichen Homosexuellen waren (zumindest teilweise) aus den Sub-Orten raus auf die Straße gegangen, hatten sich organisiert.
Sie hatten aber auch, als Resultat des neugewonnenen Selbstbewußtseins, die bürgerlichen sexuellen Freiheiten, diese Magna Charta der Mittelmäßigkeit, ins vorher für alle Undenkbare ausgeweitet. Saunas, Parks und Klappen, aber auch die schlichten Plätze der gesellschaftlichen Begegnung wie Universitäten und Redaktionsbüros wurden da zu Orten der Selbstverwirklichung - so oder so lange beneidet (und immer beargwöhnt) von der Hetero-Mehrheit. Und die eine Faust im Nacken der Unterdrücker die andere im Arsch des Nächsten galt als höchste Stufe emanzipierter Lust.
Wie kann man das aufgeben? Muß man das wirklich aufgeben? Praunheim wäre nicht Praunheim, wenn es bei bläßlicher Thesenreiterei bliebe. Unangekränkelt von den gelegentlichen Verzagtheiten eines Theoretikers, rückt er seinen Filmfiguren - fast alle, Gott sei Dank, wieder Laien - und ihren Schwächen mit der Kamera zu Leibe wie die Sensationspresse den Opfern ihrer Schlagzeilen.
Durch die Kaleidoskop-Szenen geleiten uns nur die Personen, sie kitten den explosiven Viren-Kometen halbwegs zusammen. Da ist einmal der Saunabesitzer, der es besser wissen müßte (selbst lang schon "positiv") und doch den profitablen Sex-Freihafen nicht schließt. Sein Freund, der katholisch-kakophone Chorknabe, liebt ihn - und erkrankt an und mit ihm.
Da gibt es außerdem die rasende Reporterin, die Müttern und Kindern mit der Kamera im Park auflauert, um sie für viel Geld dazu zu bringen, sich als Aids-Kranke auszugeben; die, als Mann kostümiert, an der Pißrinne steht, um schwulen Klappensex auszuspinxen, und dabei auf ihren eigenen "perversen" Sohn trifft, der sie in die gelbe Gosse (ver)stößt.
Da gibt es die Sex-Therapeutin, auf neuestem Leidensgebiet tätig- ihre Anti-Aids-Formel lautet: "Wo Aids (Es) ist muß ich werden" - und weil die Encounter-Beschwörung zudem ihre psychoanalytische Grundierung haben soll, wird in Gemeinschaftssitzung mit des Saunabesitzers Mutter kräftig skandiert: "Aids Tier, weiche, weiche, denn die Mutter ist die Leiche."
Und da gibt es die Ärztin Prof. Dr. Blut, eine Sex-Hasserin von antiseptischen Graden, die sich anfangs bei einer Ärzteparty mit dem hübschen Witz einführt: "Krebs ernährt mehr Leute, als daran sterben, warum soll das mit Aids anders sein?" Die grausliche Blut-Dame wird aber dann auf Forschungsreise nach Afrika (bei Praunheim absichtlich: der Botanische Garten) geschickt und da nicht nur von einem wunderhübschen Schwarzen lustig-listig höchstselbst von hinten genommen, sondern auch von dem grünen Meerkatzen-Affen gebissen - mit den entsprechenden Folgen.
Im Durcheinander von singenden Transvestitenchören (Craig Russell und die Bermudaas), Tuntenball, Parks mit hängenden Parisern und verknüllten Tempos, Kautschukschwänzen, über die zu Demonstrationszwecken für "safer sex" Gummis gezerrt werden, im kruden Mischmasch von Sauna, Therapie und Mutterschmerz ersteht schließlich doch eine Schreckensvision: Das Land, dieses unseres, schließlich mehr und mehr "durchseucht", entschließt sich politikerseits, die Infizierten nach "Hell-Gay-Land" zu verschiffen- in einen "postmodernen Virenentseuchungspark".
Doch da, am Kai zum Nimmerwiedersehen, bricht konkrete Utopie hervor. Der nette schwule Krankenpfleger, der uns bereits als Sexrevolutionär der ersten Stunde in den Betten beiderlei Geschlechts auffiel und als Mit-Schwimmer im "Positiven Sportclub" - er hat nun Chef der AOK ("Armee der Ohnmächtigen und Kranken"), die Todgeweihten schon mit Waffen versorgt. Und plötzlich kidnappen sie den verlogenen Politiker, der ihnen eine so schmalzige Abschiedsrede vorschwafelte; sie kidnappen ihn und tun was ...
Aber was? Praunheim organisiert, zuerst in Berlin, dann in der Bundesrepublik, Diskussionen mit "Betroffenen" - mit Selbsthilfegruppen, Politikern, Ärzten - nach den Vorführungen des Films, in der Hoffnung, im Kino könne man mehr und andere Menschen erreichen als durch nackte Diskussionen.
Mit so einem Film? So schön bunt, so nett zum Lachen auch? Doch nicht nur. Wissen wir doch: Nah beieinander liegen Komödie und Tragödie, Lachen und Weinen: "Mit Humor stirbt sich's besser, ist meine Devise, und ich wünsche allen einen guten Tod" - so Praunheim. Er liebt sie wirklich, die schwulen Brüder und Schwestern. "Armee der Liebenden" - so hieß mal ein Rosa-Film aus besseren Zeiten. Jetzt geht, leider, das Überleben vor. Und Lachen ist ja gar nicht schlecht, wenn das Lieben so gefährlich ist. Michael Merschmeier
Von Michael Merschmeier

DER SPIEGEL 4/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Apokalypse wow!

  • Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding
  • Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!
  • Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars
  • Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine