10.02.1986

KUNSTSchauplatz der Kriesen

Triumphale Heimkehr: die große Kurt-Schwitters-Ausstellung in Hannover. *
In Hannover, Waldhausenstraße 5, hatte Ernst Schwitters eine anregende, wenn auch zunehmend beengte Kindheit.
Schon mit vier Jahren, ein wenig "altklug", so erinnert sich der nunmehr 67jährige, schlug er dort Nägel ein (und krumm), um seinem Vater Kurt Schwitters bei der Errichtung eines eigentümlichen "Merzbaus" zu helfen. Dieses hölzerne und gipserne Gebilde, ein Mittelding zwischen Skulptur und Architektur, füllte mehr und mehr einen Atelierraum, griff aber auch auf das ursprüngliche Kinderzimmer nebenan sowie auf den Balkon der Wohnung über und bekam Ableger in einem Obergeschoß bis hinaus aufs Dach. Knabe Ernst und das Kunstwerk wuchsen als "Geschwister" heran.
Das Haus hat der Bombenkrieg vernichtet. Als Ernst Schwitters 1947 zum erstenmal aus dem Exil wieder nach Hannover kam, konnte er dem todkranken Vater in England nur noch berichten, daß Kinder auf dem wüsten (seither neu bebauten) Grundstück Fußball spielten.
Dennoch steht ein "Merzbau" in Hannover - als angenäherte Rekonstruktion des einstigen Hauptraums aus der Waldhausenstraße, die der Schweizer Bühnenbildner Peter Bissegger nach Photos und nach den Erinnerungen von Ernst Schwitters für die Zürcher Ausstellung "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" (1983) angefertigt hat und die nun vom hannoverschen Sprengel-Museum als Leihgabe betreut wird. Seit letzter Woche bildet sie dort den Ziel- und Höhepunkt einer großen Schwitters-Ausstellung _(Bis 20. April. Katalog im Propyläen ) _(Verlag; 280 Seiten; 40 (im Buchhandel ) _(49,80) Mark. )
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Kurt Schwitters in Hannover, Phönix aus der Asche: Mit der umfassenden, ähnlich zuvor in New York und London gezeigten Retrospektive (310 Kunstwerke) hat der Künstler postum, im Jahr seines 99. Geburtstags, einen triumphalen Auftritt in seiner Vaterstadt, in der er verwurzelt war, an der er sich rieb, deren Namen er zu "Revon" verdrehte und verkürzte.
Hannover war für Schwitters, dank seiner eigenen Leistung und ein paar progressiven Freunden, während der zwanziger Jahre "die erste Kunststadt in Deutschland" - auch wenn lokale Kritiker in ihrem "ganz ungewöhnlichen Schaafsinn" das nicht sahen und ihm "klarbewußten Unfug" ankreideten; anonyme Briefschreiber drohten: "Noch eine Veröffentlichung und Ihnen wird die Hose stramm gezogen."
Denn die Tätigkeit, die Schwitters da entfaltete und die nun in der Ausstellung reich dokumentiert ist, sprengte alle Kategorien und war nur noch als "Merz" zu bezeichnen. Das Wort stammte, als Element einer (dann von den Nazis zerstörten) Collage, aus dem Schriftzug "Kommerz und Privatbank", aber es wurde zum Namen für eine neuartige Universalkunst. Schwitters 1921: "Mein letztes Streben ist die Vereinigung von Kunst und Nichtkunst zum Merz-Gesamtweltbilde."
Bis es soweit war, vereinigte der Künstler Zeitungs- und Plakatschnipsel, Holzstücke, Bierfilze, Korken, Kerzenstümpfe und Konservendeckel auf Klebe- und Materialbildern. Er ordnete gestempelte oder gedruckte Wörter zu Figurationen an und war nebenher auch als Typograph und Werbegraphiker tätig. Er verfaßte witzige Geschichten zwischen Satire und Absurdität und nahm als Poet die Sprache beim Wort, ja beim Laut - bis zum Extrem einer viersätzig komponierten "Ursonate" aus gesprochenen Klängen, deren erstes Thema lautet: "Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee." Auf Vortragsreisen soll Schwitters sein Werk mit Ernst und Pathos rezitiert haben.
"Entrüstung und Hohngeschrei" über seine Arbeit machten ihn nicht irre. "Mit aller Ausdrücklichkeit" konstatierte Schwitters 1931: "Ich weiß, daß ich als Faktor in der Kunstentwicklung wichtig bin und in allen Zeiten wichtig bleiben werde." Nun wissen es fast alle.
Schwitters, dessen Tod 1948 noch kaum registriert wurde, hat sich als vielseitiger Anreger für die Kunst seither erwiesen. Pop Art und Nouveau realisme sind ihm ebenso verpflichtet wie konkrete und experimentelle Dichtung, und im hannoverschen Ausstellungskatalog schlägt Museumsdirektor Joachim Büchner sogar eine Gedankenbrücke zum "erweiterten Kunstbegriff" des Joseph Beuys. Entsprechend werden
"Merz"-Bilder längst als kostbarstes Museumsgut gehütet.
Auch an Schwitters-Lektüre herrscht kein Mangel. Das literarische OEuvre des Künstlers ist fünfbändig beim Verlag DuMont zu haben, der nun, aktuell zum Schau-Anlaß, auch eine handliche Text-Anthologie herausgebracht hat. Das 1967 gleichfalls da erschienene Schwitters-Standardwerk von Werner Schmalenbach ist unterdessen bei Prestel neu aufgelegt worden, allerdings nur als Reprint, obwohl der Autor (auch im Katalog von Hannover) jetzt einiges deutlich anders sieht _(Kurt Schwitters: "Anna Blume und ) _(andere." DuMont Buchverlag, Köln; 532 ) _(Seiten; 39 Mark. - Werner Schmalenbach: ) _("Kurt Schwitters". Prestel-Verlag, ) _(München; 404 Seiten; 48 Mark. )
. Eine deutsche Fassung der zum New Yorker Ausstellungsstart erschienenen Monographie des dortigen Museumsmannes John Elderfield wird jetzt bei Claassen vorbereitet.
Was den Schwitters-Experten Schmalenbach, Chef der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, neuerdings irritiert, ist die Frage nach dem Wert jener Gemälde und Collagen, die der Künstler in seinen späten Jahren hervorgebracht hat: Als "nachdrückliche Verneinung eines Formdiktats" soll nun zu würdigen sein, was im Text von 1967 als "Prozeß der Aufweichung", "oft bis zum Scheitern", beschrieben ist.
Man kann das so sagen oder so. Und gewiß sind auch der vergleichsweise lockeren Ordnung, die der ältere, durch Exil und Krankheit deprimierte Künstler seinen Material-Assemblagen und Gemälden gab, Reize abzugewinnen. Aber die längst anerkannte Rangordnung der Werkphasen, die überlegene Konzentration und Spannkraft der Merz-Arbeiten um 1920, ist vor den Originalen in Hannover nur zu bekräftigen.
Als einleitender Lokal-Teil der New Yorker und Londoner Ausstellungsbesuchern vorenthalten blieb, präsentiert sich da zunächst ein malerischer Schwitters-Vormerz mit belanglosen Porträts und Stilleben. Dann jedoch: Durch Krieg und Kriegsende aufgewühlt, im Berliner Dada-Kreis mit der Technik der Collage bekannt geworden, zeigt Schwitters plötzlich Kraft und Originalität.
Fern jener Delikatesse, die etwa kubistische Klebebilder von Picasso oder Braque ausstrahlen, ziehen die Merzbilder gefräßig Wirklichkeitspartikel in sich hinein. Große Tafeln mit aufgemalten Farbkeilen in Blau, Grün, Schwarz und Weiß entwickeln dabei eine düstere Dynamik, in der das Vorbild des italienischen Futurismus verarbeitet ist. Collagen gehen, sozusagen bellettristisch, bis an die Grenze zwischen Buchstabenbild und Polit-Poesie - beispielsweise die Paraphrase auf ein Bekanntmachungsplakat (1920), auf der Krisen zu "Kriesen" für die "Staatausgehörigen" gedehnt erscheinen, das Wort "Kriegsschauplatz" als Ortsangabe figuriert und ein monumentales "ÄTZ" die Unterschrift vertritt.
Aber klare Parolen sind bei Schwitters nicht abzurufen. Der Leser, so verfügt er am Ende seines Erzähltextes "Auguste Bolte", habe "nicht das Recht, im Kunstwerk irgend etwas zu erfahren".
So tauchen Realitäten nur als mehrdeutige Zitate auf, in ironischen oder auch poetischen, noch kaum entschlüsselten Zusammenhängen. Das collagierte, nach einem eingefügten Schriftzug so genannte "Kotsbild" zum Beispiel setzt Modezeichnungen, die Darstellung eines Terriers sowie einen polnischen Geldschein in Beziehung und empfiehlt unter dem Rubrum "Frauenberufe" Hundehalsbänder ("speziell runde und halbrunde Würger"). In vorderster Bildebene aber schwebt der - von Schwitters häufig angerufene - Name der Phantasie-Geliebten Anna Blume.
Die größte Schwitters-Collage freilich, ein wahres Lebens-Werk, war der Merzbau, den der Künstler als "unfertig, und zwar aus Prinzip" ansah. Er hatte ihn 1920 angefangen, indem er zwischen Bildern an den Wänden und Skulpturen im Raum Schnüre, dann Drähte zog, die ihrerseits durch Holzteile ersetzte und die wiederum mit Gips verkleidete, auch wenn das von Fall zu Fall "über die Leiche des Gegenstandes hinweg" ging: Ganze "Grotten" mit skurrilen Souvenirs
verschwanden allmählich. Wie Schwitters'' Bildproduktion, so nahm auch der Merzbau statt dadaistischer mehr konstruktivistische Züge an.
Unfertiger als das Prinzip verlangte, blieb das Werk zurück, als der für Nazi-Vorstellungen "entartete" Künstler 1937 in norwegisches Exil ging. Gleich fing er, wie sein Sohn berichtet, auf der Fjord-Insel Hjertoy einen neuen Merzbau an, in Lysaker bei Oslo einen weiteren. Beide sind zerstört, eine 1947 im englischen Lake District begonnene "Merzbarn" (Merzscheune) gedieh nur zum Wandrelief im Schwitters Spätstil.
Auch die Museums-Rekonstruktion in Hannover kann nicht vollkommen vergegenwärtigen, was einst der Merzbau in der Waldhausenstraße war. Die kleinteilig gefüllten "Grotten" waren nicht wiederherzustellen, sondern nur als unscharfe Großphotos einzufügen. Für manche Details gibt es auch widersprüchliche Überlieferungen.
So hat Kurt Schwitters die Existenz einer Drehorgel bekundet, "die linksrum gedreht werden muß, damit sie ''Stille Nacht, heilige Nacht'' spielt, früher spielte sie ''Ihr Kinderlein kommet''". Sohn Ernst hingegen meint "O du lieber Augustin" gehört zu haben.
Bis 20. April. Katalog im Propyläen Verlag; 280 Seiten; 40 (im Buchhandel 49,80) Mark. Kurt Schwitters: "Anna Blume und andere." DuMont Buchverlag, Köln; 532 Seiten; 39 Mark. - Werner Schmalenbach: "Kurt Schwitters". Prestel-Verlag, München; 404 Seiten; 48 Mark.

DER SPIEGEL 7/1986
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