12.05.1986

„Die Sache hat uns kalt erwischt“

Deutschland unter einer Wolke von Radioaktivität, strahlende Milch, verseuchter Spinat - hautnah erlebten die Bundesbürger die Fernwirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Mit einem Chaos von Informationen und Desinformationen, von Maßnahmen und Ratschlägen reagierte eine hilflose Bürokratie auf die Gefahr. Welche Risiken für die Gesundheit bestanden, welche Langzeit-Schäden sind zu befürchten? _____“ Wir sind 2000 Kilometer von dieser Unfallstelle „ _____“ entfernt. Eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung ist „ _____“ ausgeschlossen. Bundesinnenminister Friedrich Zimmer mann „ _____“ am Dienstag vorletzter Woche, nach Bekanntwerden der „ _____“ erhöhten Strahlenwerte über der Bundesrepublik „ *
Ins Maul zurückgestopft, wie ein radioaktiv verseuchtes Büschel Gras, hätten die Bundesdeutschen wohl am liebsten solche amtlichen Beschwichtigungslügen denen, die sie sprachen.
Denn die "Gefährdung der deutschen Bevölkerung", von Zimmermann lapidar "ausgeschlossen" - sie war eingetreten, war jedenfalls zum Greifen nahe, tönte aus allen Funkkanälen, sprang die Menschen an von jeder Zeitungsschlagzeile, mit Bildern von Strahlenschutz-Trupps, die Autos wuschen, von verlassenen Spielplätzen und von den Wochenmärkten, wo sich unverkaufte Spinat- und Radieschenberge türmten: jodverstrahlt, atomverseucht, ungenießbar.
Mehr als eine Woche nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verspürten die Deutschen hautnah die Gefahren des Atomzeitalters.
Obwohl der Super-GAU, der folgenschwerste aller Reaktorunfälle, in 1300 Kilometer Entfernung eingetreten war, rückten den Bundesbürgern Risiken ins Bewußtsein, tauchten Ängste auf, die seit jener vagen Furcht vor dem Atomtod in den 50er Jahren weitgehend verdrängt geblieben waren.
Noch immer qualmte Ende letzter Woche die Uran-Lava im Reaktorblock 4 des Kraftwerks Tschernobyl; versuchten die Sowjets durch Abwerfen von _(Am Mittwoch letzter Woche in ) _(West-Berlin. )
Blei, Bor, Lehm und Sand die fortdauernde radioaktive Strahlung zu vermindern; suchten sie sich mit einem Tunnel an die Reaktorschmelze heranzugraben, in der Hoffnung, die womöglich nach unten durchsackende Masse in ein Beton-Grab zu versenken, damit sie sich, "während die Jahre ins Land gehen, allmählich abkühlt" - so am Freitagabend Morris Rosen, Sicherheitsdirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, den die Sowjets eingeladen hatten, Tschernobyl zu inspizieren.
Der Wind hatte gedreht. Radioaktivität bedrohte nun auch Kiew. Tausende von Sowjetbürgern drängten sich, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen (siehe Seite 134).
Über der Bundesrepublik sorgte an Himmelfahrt, am Donnerstag letzter Woche, "frische Luft vom Atlantik" für eine "weitere Normalisierung der radioaktiven Strahlungswerte in der Luft", wie die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach bekanntgaben. Am selben Tag verkündete die Bonner Strahlenschutzkommission "Teilentwarnung" - Besänftigungen am Ende einer Woche, in der die Republik geschüttelt wurde von Atomangst.
Der Verdacht, Behörden, Experten und Politiker würden das wahre Ausmaß der Gefahr herunterspielen würden Meßwerte und zulässige Höchstgrenzen manipulieren und die mittel- und langfristigen Gesundheitsrisiken vom Tisch lügen, blieb allgegenwärtig. Titel-Schlagzeile der Münchner Boulevardzeitung "tz": "Sagt endlich die Wahrheit!" Die Münchner SPD-Stadträtin Barbara Scheuble-Schaefer: "Wer garantiert uns, daß nicht die Atomlobby auf die Meßergebnisse Einfluß nimmt?"
Mit jeder der zahllosen Experten-Runden im Fernsehen, mit jeder "Hörer fragen"-Aktion in den regionalen Rundfunkprogrammen wuchsen Verwirrung, Verunsicherung und Ratlosigkeit der Bürger. Darf die Wäsche zum Trocknen nach draußen? Muß die Hauskatze abgeduscht werden? Noch Ende der Woche wurden solche Fragen immer aufs neue gestellt. Ursula Steuber, Düsseldorf, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern: "Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Ich höre jede Stunde Radio."
Eine "Stimmung, gemischt aus Besorgnis, Angst, Ratlosigkeit und Aggressivität" machte der Mainzer CDU-Fraktionsvorsitzende Hans-Otto Wilhelm in der Bevölkerung aus. Nicht wenige verfielen in Hysterie, wie die Hausfrau und Mutter Ilona W. in Bad Tölz, die tagelang vergeblich versuchte, Werte über die Strahlenbelastung ihres Wohnortes zu bekommen: "Ich stehe um sieben Uhr auf, damit ich mich ab acht ans Telephon hängen kann. Bei mir in der Wohnung steht alles herum weil ich versuche, nur diese eine Auskunft zu bekommen, aber kein Mensch weiß was." Auch die Münchner Stadtratsfraktion der Grünen flippte aus: Die Stadt solle unentgeltlich Busse bereitstellen, um sämtliche Münchner Kleinkinder "nach Portugal" zu evakuieren.
Andere reagierten dickfällig, wieder aufs neue mit Verdrängung. "Ich ess'' mein Gemüse", verriet der Hamburger Paul Ehrich, 51, durch seinen Gemüsegarten stapfend, der "Bild"-Zeitung, "das Atom koch'' ich ab!" Tausende von Münchnern sonnten sich nackt im Englischen Garten und auf den Kiesbänken der Isar - obwohl es doch geheißen hatte, Körperkontakt mit dem Boden sei bedenklich.
Klare Worte von Ministerien und Behörden? "Hilflos und völlig im Stich gelassen wie nie zuvor in meiner Amtszeit" fühlte sich Wolfgang Schörning, Leiter des Städtischen Ordnungsamtes in Regensburg, der vom radioaktiven Niederschlag am stärksten betroffenen deutschen Stadt (35000 Millirem an einer Dachrinne im Stadtteil Leoprechting) "Die in Bonn haben einfach nichts", so Hamburgs Umwelt-Staatsrat Fritz Vahrenholt nach der Rückkehr von einer "heißen Sitzung" in der Bundeshauptstadt, "nichts ist vorbereitet."
Klärende Worte von der Wissenschaft? Im Bereich der relativ niedrigen Strahlendosen, wie sie in der Bundesrepublik gemessen wurden, seien Aussagen
über Gesundheitsgefährdung "reine Glaubenssache", so Professor Dietrich Schulte-Frohlinde vom Mülheimer Max-Planck-Institut für Strahlenchemie. Je nach politischer Couleur, so schien es, winkten Fernsehanstalten und Landesregierungen sich passende Experten heran. Wie im Dreißigjährigen Krieg, meinte der rheinland-pfälzische Umweltminister Klaus Töpfer, würden da "Glaubenskriege ausgetragen, nach dem Motto: Cuius regio, eius religio", wer das Sagen hat, bestimmt, wo''s langgeht.
"Wir stellen Betroffenheit und Angst von einer Art fest, wie sie noch nie bekannt war", konstatierte der Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Eine veränderte "gesellschaftliche Stimmungslage" sei vielleicht zu erwarten, "Bedrücktheit, Mißmut, Gereiztheit", bis hin zu massenhaft "unguten Träumen". Die Ängste, ja Alpträume wurden beflügelt durch einen beispiellosen Wirrwarr behördlicher Maßnahmen, Anordnungen, Empfehlungen. Es war eine krisenhafte Situation - die Bürger verloren den Durchblick, standen allein im radioaktiven Regen.
Bis Mitte letzter Woche, zehn Tage nach dem Aufziehen der radioaktiven Wolke, gab es keine offiziellen Merkblätter für die Bevölkerung - in einem Land, in dem zu normalen Zeiten die Ministerien Berge von Papier produzieren. Anfangs wurde sogar versucht, Meßwerte geheimzuhalten. Immer deutlicher wurde Ende letzter Woche, daß die bayrischen Behörden schon frühzeitig über die Gefahr der Atomwolke informiert waren, diese Information aber zurückhielten, die Werte herunterspielten und eine rechtzeitige Warnung der Bevölkerung unterließen.
Bereits am Mittwoch vorletzter Woche hatte das Wetteramt in München einen Wert von 2700 Picocurie gemessen (am Vorabend um 20 Uhr waren es noch 55 gewesen) und in Regensburg gar 3848 Picocurie (Vortag: 70). Gleichfalls am Mittwoch setzte in München hochgradig verseuchter Regen ein, eine Warnung unterblieb, obwohl die Gefahr längst intern vermeldet worden war.
Dafür ging dem Wetteramt in München am selben Tag ein Fernschreiben der Zentrale in Offenbach zu: _____" Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß den " _____" Wetterämtern übermittelte Werte der gemessenen " _____" Radioaktivitäten den Geheimhaltungsgrad VS/NFD haben und " _____" ausschließlich als Unterlagen für die von den jeweiligen " _____" Landesregierungen zu gebenden Beratungen dienen. Eine " _____" Weitergabe an die Öffentlichkeit ist untersagt. "
Mit einem Kompetenzgerangel zwischen dem Umwelt- und dem Sozialministerium hatte es in Hessen begonnen. "Für elfeinhalb Minuten", so Tom Koenigs, Büroleiter beim Umweltminister Joschka Fischer, "waren wir für Tschernobyl zuständig." Nach einem Blick in den Geschäftsverteilungsplan hatten die grünen Ministerialbürokraten die Zuständigkeit an sich gezogen - aber gleich darauf forderte SPD-Sozialminister Armin Clauss, zuständig für Strahlenschutz und Umgebungsüberwachung, die Kompetenz zurück.
Krisenstäbe tagten in Stadt und Land - aber sie durften nicht so heißen. Gerhard Weiser, Umweltminister von Baden-Württemberg: "Es gibt keinen Krisenstab, weil es keine Krise gibt."
Einer geradezu chaotischen Flut von Information und Desinformation waren die Bürger in Rheinland-Pfalz, an der Saar und in Hessen ausgesetzt. Je nachdem, ob sie Südwestfunk, Saarländischen oder Hessischen Rundfunk hörten, wurden sie mit unterschiedlichen Grenzwerten und gegensätzlichen Verhaltensempfehlungen konfrontiert. Der Wiesbadener SPD-Oberbürgermeister Achim Exner beispielsweise verfügte die Schließung aller Spiel-, Freizeit- und Sportstätten im Freien - auf der anderen Rheinseite, in Mainz, hielt der zuständige Dezernent Hartmut Weyel eine solche Maßnahme für nicht erforderlich.
Auf einer Pressekonferenz in Mainz mokierte sich der rheinland-pfälzische Umweltminister Töpfer über die widersprüchlichen Entscheidungen im benachbarten Hessen: "Die Leute verstehen doch nicht, daß sie auf dem Tennisplatz nicht spielen dürfen, daß sie aber den Salat, der auf dem Acker daneben gewachsen ist, essen können."
Töpfer fand sich in demselben Dilemma wie seine Kollegen in anderen Bundesländern: Sollte er mehr die Bürger schützen oder die Einkünfte der Bauern? Er und sein Kollege Dieter Ziegler, rheinland-pfälzischer Landwirtschaftsminister, hätten "Muffensausen", gab er zu: Durch das Vermarktungsverbot für Salat und Spinat von Montag bis Mittwoch, so Ziegler, sei "ein Schaden entstanden, der wohl einer zweistelligen Millionensumme entspricht". Entscheidung zurück: Ab sofort durften Spinat und Salat wieder verkauft werden.
"Ein GAU in der Großmarkthalle, so was habe ich in 25 Jahren nicht erlebt", fand am Dienstag der Frankfurter Obst- und Gemüsegroßhändler Winfried Tschöke. Tonnenweise war bestrahlte (und unbestrahlte) Ware liegengeblieben, keiner wußte, wohin damit.
Josef Plöckl, Vorsitzender des Spargelerzeugerrings Südbayern, schätzte die Verluste auf 30 Millionen Mark: "Alles steht still, nur der Spargel wächst und
wächst." Besonders schmerzlich traf es die Öko-Kostler und ihren biologischdynamischen Anbau - jahrelange Mühen, ohne Chemie zu ackern, mit einem Schlage bedroht durch Cäsium 137 und Strontium 90. "Die Müslis", so ein Körnerstand-Besitzer in Hannover, "stehen jetzt alle bei Aldi Schlange, da gibt''s H-Milch in Tüten."
Auf dem Tübinger Marktplatz bewarf Helmut Palmer, populärer Obsthändler und Dauerkandidat bei Bürgermeisterwahlen, die Polizisten mit Erdbeeren, als sie bei ihm Spinat, Rhabarber und Petersilie beschlagnahmen wollten - er war nur eines der Opfer einer großangelegten Polizeiaktion, die am Montag von der baden-württembergischen Landesregierung ausgelöst worden war. Einige Hundertschaften Polizei und polizeilicher Wirtschaftskontrolldienst fielen auf Marktplätzen, Großmärkten und in Markthallen ein, um den Verkauf von Freilandgemüse und anderen Naturprodukten mit Gewalt zu verhindern.
Besonders grotesk lief der Gemüse-Strahlencheck in Bayern: Auf Weisung des Bundesgesundheitsministeriums wurden an den Grenzen zum Ostblock alle Obst- und Gemüsefahrzeuge kontrolliert, die Ladung gegebenenfalls vernichtet, aber vergessen wurde zunächst der Güterschiffsverkehr auf der Donau und bis Mitte letzter Woche passierten täglich 200 Lkws mit verseuchtem Gemüse aus Italien die Grenze bei Kiefersfelden - sie kamen ja nicht aus dem Osten.
Das Wort der Woche sprach der Stuttgarter CDU-Umweltminister Gerhard Weiser, nachdem er versichert hatte, ein Unfall wie in Tschernobyl könne hierzulande in diesem Ausmaß "nicht passieren". Weiser: "Wenn wir den Unfall bei uns im Land gehabt hätten, dann wäre alles geregelt gewesen."
Für den GAU in Philippsburg, Biblis oder Stade, wo jeweils im 30-Kilometer-Umkreis einige 100000 Menschen leben (siehe Graphik Seite 20), liegen Katastrophen- und Evakuierungspläne fertig da - Pläne, deren Urheber sich und der (Öffentlichkeit vorgaukeln, es sei in einem solchen Schreckensfall das meiste noch zu retten. Aber die Möglichkeit, die in den letzten zwei Wochen Realität wurde - daß Wolken mit gefährlicher Strahlung von weit jenseits der Grenzen herüberwehen -, war offenkundig weder von Experten noch von Behörden bedacht worden.
"Die Sache", klagte Hans Breuer, Oberbürgermeister von Augsburg, "hat uns völlig kalt erwischt." Ein über die Bundesrepublik verteiltes Netz von Strahlenmeßstationen gab es nicht. Wie sollte OB Breuer die Strahlenbelastung auf den öffentlichen Plätzen messen, die von Produkten auf dem städtischen Markt kontrollieren? Er beauftragte die Nuklearmediziner vom Augsburger Zentralklinikum. Andere Städte, so etwa Nürnberg, Fürth, Erlangen und Schwabach, entschlossen sich endlich am Dienstag, eigene Meßtrupps in Marsch zu setzen - und fanden prompt Abweichungen von den offiziell mitgeteilten Werten. Es sei ein "Treppenwitz", kritisierte der Würzburger Oberbürgermeister Klaus Zeitler, wenn es in München heiße, "nur noch in Südbayern" sei die Luft radioaktiv belastet - gerade hatte er in Würzburg bei Frischgemüse und Gras "ganz erhebliche" Werte gemessen.
Der Leiter des Offenbacher Stadtgesundheitsamtes Stefan Zimmer verglich die zusätzliche Strahlenbelastung seiner Mitbürger durch Tschernobyl mit der "eines 14tägigen Aufenthaltes in Davos". Seit "Übertritt" der radioaktiv verunreinigten Luftmasse "nach Bayern" seien insgesamt vier bis fünf Millirem "an Ganzkörperexpositionen aufgelaufen", erklärte Günther Grass, Sprecher des Bayerischen Umweltministeriums: "Ein Umzug von München nach Garmisch hätte über das Jahr hinweg die gleiche Wirkung."
Aber solche verharmlosenden Mitteilungen erschienen den Leuten nicht mehr glaubhaft. "Auf die Behörden können wir uns nicht mehr verlassen" - mit diesem Slogan warb ein Händler in der "Süddeutschen Zeitung" für sein Strahlenmeßgerät "Rad 1" (299 Mark), ein wahrer Run setzte ein auf alle Sorten von Apparaten, die das berüchtigte Knattern von sich geben (siehe Kasten Seite 26).
Wer immer über (mehr oder weniger) geeichtes und geeignetes Meßgerät verfügte - manch Zweifelhaftes war auch darunter - und sich im Wirrwarr der physikalischen Maßeinheiten von Becquerel bis Nanogray und Mikrosievert auskannte (siehe Kasten Seite 22), fühlte sich berufen, an der Strahlenjagd teilzunehmen: Max-Planck-Physiker und Uni-Pharmakologen, "Ärzte gegen den
Atomkrieg" und Apotheker, Öko-Institute und Gemüsebauern.
Selbsternannte Experten boten Rat und Hilfe an. Professor Hans-Ulrich Schwenk etwa, Leiter der Kinderklinik in Konstanz, empfahl eine "sanfte Jodtherapie für Kinder und Säuglinge" und verwirrte damit alle, denen nachdrücklich von der Einnahme von Jodtabletten abgeraten worden war. Als privater "Atom-Meßtrupp" betätigten sich in Stuttgart ein Versicherungskaufmann und ein Gartenbauangestellter: "Anruf genügt, wir kommen sofort", Gebühr zwischen 30 und 40 Mark.
In München sorgte ein "Ingenieurbüro für Umweltschutzfragen" mit der Veröffentlichung eigener Meßergebnisse für Aufsehen. Bürochef Eckhard Krüger bezeichnete seine Daten ("ca. 20000 Becquerel pro Quadratmeter Boden an Cäsium 137 im Raum München ) als "alarmierend" und "in der Konzentration außer in Atomtestgebieten noch nie dagewesen". Krüger: "Die Behörden verschweigen der Bevölkerung die erhöhte Krebsgefahr."
Krebsgefahr - das war das Reiz- und Schlüsselwort, um das sich mehr oder minder unausgesprochen alle Experten-Debatten drehten. Die Furcht der Menschen, als Folge einer unbemerkt eingefangenen Dosis Radioaktivität in fünf, zehn oder zwanzig Jahren an Krebs zu sterben - das war es, was Krisenstäbe umtrieb, aber auch das Mißtrauen der Bevölkerung beinahe grenzenlos beflügelte.
Nichts trug mehr zur allgemeinen Verunsicherung bei als die stereotyp wiederholte Versicherung, es bestehe "keine akute Gefahr für die Gesundheit" - und das, während gleichzeitig Kinder aus der Sandkiste, Sportler vom Rasen ferngehalten, Schwimmbäder geschlossen und Ratschläge erteilt wurden, nach einem Regen sofort Kleidung und Schuhe abzulegen, Kinder und Hunde nach jedem Aufenthalt im Freien abzuduschen?
Es war ein Lehrstück, vor allem, über die Fragwürdigkeit und Unzulänglichkeit vermeintlich objektiver Wissenschaftler. Denn all die behördlichen Ratschlüsse und Maßnahmen, wie widersprüchlich auch immer, beriefen sich gleichermaßen auf das Votum von Experten.
"Zwei Fachleute, drei Meinungen", auf diese knappe Formel brachte es ein Gemüsehändler auf einem Wochenmarkt in Hannover. Beispiele: *___Professor Heinz Hundeshagen, Nu klearmediziner an der ____Medizinischen Hochschule Hannover: "Man kann wirklich ____sagen: Gefahr null. Auch keine Langzeitgefahr." *___Professor Beowulf Glöbel, Leiter der Abteilung ____Strahlenschutz an der Uni Klinik Homburg/Saar: ____Bürgerinnen und Bürger hätten durch die Reak ____torkatastrophe bisher "40 bis 70 Millirem zusätzlich" ____an Strahlung ab bekommen; dieser Wert könne sich "noch ____verzehnfachen", zuverlässige Prognosen, "daß ____Gesundheitsschädi gungen ausgeschlossen" seien, könn ____ten "nicht gegeben werden". *___Die Umweltschutzorganisation Greenpeace in einer ____Pressekonferenz am letzten Dienstag: Der offizielle ____Grenzwert von 500 Becquerel pro Liter Milch sei ____"unverantwortlich hoch". Denn: "Gehen wir von 60 ____Millionen Bundesbürgern aus und berücksichtigen die ____Altersstruktur dann ergibt sich: In den nächsten 30 ____Jahren muß mit über 7000 Fällen an Schilddrüsen-Krebs ____gerechnet wer den." *___Professor Ludwig Feinendegen, Di rektor des Instituts ____für Medizin der Kernforschungsanlage Jülich, in einer ____ZDF-Sendung am Dienstag: "Im kleinen Dosisbereich ____stelle ich anheim, zu bezweifeln, daß Spätef fekte ____auftreten." *___Professor Edmund Lengfelder vom Institut für ____Strahlenbiologie der Uni versität München: Falls die ____vom Bayerischen Umweltministerium für den Raum südlich ____der Donau und östlich des Lechs angegebenen Bo ____den-Meßwerte von 30000 bis 40000 Becquerel pro ____Quadratmeter "und die daraus abzuleitenden Cäsium ____137-Werte" zuträfen, müsse man für die Bundesrepublik ____in den nächsten 30 Jahren "mit etlichen tausend zu ____sätzlichen Krebsfällen rechnen".
Nur den wenigsten Bundesbürgern wurde klar, was der - von vielen schon als zynisch empfundene- Hinweis "keine akute Gefährdung" bedeutete: Die in Deutschland gemessenen Strahlenwerte erreichten in keinem Fall auch nur annähernd ein Niveau, bei dem es zu Symptomen einer akuten Strahlenkrankheit hätte kommen können. Aber die ominöse Formel sagte auch: Die obersten Gesundheitshüter mochten und konnten nicht rundheraus abstreiten, daß eine schwer abschätzbare Zahl von Bundesbürgern infolge der über Tage und Wochen erhöhten Strahlenbelastung nach Jahren oder Jahrzehnten an Krebs erkranken.
Für Schweden, wo die Behörden mit den Folgen der Tschernobyl-Katastro phe besonnener umgingen, gab Gunnar Bengtsson, Leiter des Schwedischen Strahlenschutz-Instituts, eine "vorläufige" Schätzung ab: In Schweden (das von den radioaktiven Luftmassen nur kurzzeitig heimgesucht wurde) könne es, als unmittelbare Folge des sowjetischen Reaktorunfalls, "in den nächsten 40 Jahren maximal acht zusätzliche Krebstote geben". In ganz Europa, mit seinen einst weilen schwer zu überblickenden Strahlenbelastungen, könne die Zahl der zusätzlichen Krebsfälle "bei 80 aber auch bei 8000" liegen - ein freimütiges Eingeständnis auch der Unsicherheit solcher Prognosen.
Die Schweden verglichen den radioaktiven Fallout, der vom Tschernobyl-Reaktor ausgehend durch die Atmosphäre trieb (erste geringe Mengen erreichten am Dienstag die USA), mit dem Fallout einer Atomexplosion von etwa 30 Megatonnen,
dem 2000fachen der Hiroschima-Bombe. Und modellhaft griffen die Skandinavier bei ihren Gefahrenabschätzungen zurück auf eine kontinuierliche Serie von Strahlenmessungen aus den 50er und 60er Jahren, als oberirdische Atombombenversuche noch gang und gäbe waren.
Vor sechs Jahren hat eine Kommission der Vereinten Nationen abzuschätzen versucht, welche Opfer an Menschenleben den Atomversuchen aus den beiden Jahrzehnten vor dem Teststopp-Abkommen zuzuschreiben sind. Ergebnis: An den Folgen von insgesamt 441 oberirdischen Tests in den 50er und 6Oer Jahren sind 150000 Menschen gestorben oder werden noch daran sterben.
Mit am stärksten und langfristig betroffen waren die Bewohner von Inseln im Pazifik, die man zu evakuieren unterlassen hatte, obwohl sie noch im weiteren Einzugsbereich der Explosionen lebten. Die letzte Reise des Greenpeace-Schiffes "Rainbow Warrior" vor seiner Zerstörung durch den französischen Geheimdienst galt der nachträglichen Umsiedlung aller Bewohner von dem Eiland Rongelap: Über Jahre hin hatte man Männer und Frauen immer wieder zu strahlenmedizinischen Untersuchungen in die USA geflogen - und hatte sie im unklaren gelassen über das wahre Ausmaß der Schäden, die sie davongetragen hatten (SPIEGEL 29/1985).
Als der SPIEGEL letzte Woche bei bundesdeutschen Behörden nach Vergleichszahlen über die radioaktive Belastung in der Frühzeit der Atombombenentwicklung forschte, gab es seltsame Auskünfte: In Hamburg sind die alten Meßkurven "nicht auffindbar", in Köln sind, "weil es zu aufwendig war", die Meßreihen schon vor Jahren eingestellt worden.
Noch vor 20 Jahren, so erinnert sich Dr. Wilfried Dullson, Chemiker beim Städtischen Gesundheitsamt in Köln, habe jedoch die Radioaktivität "ein Vielfaches der jetzt ermittelten Meßwerte" betragen.
So wurde beispielsweise im Herbst 1961 im bundesdeutschen Regenwasser das gesamte Spektrum "besonders gefährlicher Nuklide" (Jahresbericht des Deutschen Wetterdienstes) festgestellt, von Strontium 90 über Barium 140 und Cäsium 141 bis hin zu Yttrium 91, Ruthenium 106 und Rhodium 106. Das Jahresmittel 1962 sämtlicher Niederschläge in der Bundesrepublik belief sich auf 27,9 Becquerel langlebiger Nuklide pro Liter Regenwasser. 1963, nach einer Häufung von Atombombentests, schnellte der Luftwert nochmals um 27 Prozent in die Höhe, danach, als das Teststopp-Abkommen unterzeichnet wurde, sank er um 74 Prozent.
Im Jahre 1963 nahm jeder Deutsche, wie die alten Quellen verraten, im Durchschnitt mit seinen Lebensmitteln 463 Becquerel Strontium und 4200 Becquerel Cäsium 137 zu sich, ein Jahreswert, der (im Fall Strontium) 13 Prozent der damals höchstzulässigen Menge ausmachte. Dem bundesdeutschen Erdboden wurden in jenem Jahr im Durchschnitt 28200 Becquerel pro Quadratmeter an "langlebiger Aktivität" zugefügt.
Ob und in welchem Ausmaß jene Strahlenbelastung zusätzliche Krebstote oder andere Gesundheitsschäden bewirkt hat, läßt sich in der Bundesrepublik im einzelnen nicht mehr rekonstruieren. Auch damals, in den 50er Jahren, starrten die Menschen ängstlich auf die Kurven der Strontium-90-Belastung in der Milch, auf das Auf und Ab der Radioaktivität in der Atmosphäre - aber sie fanden dann doch, daß die Tests mit den Atombomben wohl vor allem am ewig schlechten Wetter schuld seien.
Die Reste von dem, was damals um den Erdball gepustet wurde, bilden heute noch zehn Prozent dessen, was die Menschen als - nunmehr "normale" - Hintergrundstrahlung empfangen. Professor Erich Oberhausen, Vorsitzender der Strahlenschutzkommission beim Bundesinnenministerium, verneinte letzten Donnerstag die Frage, ob es auch in Zukunft für Kinder im Hause ungefährlicher sei als draußen im Freien: "Wir leben nun einmal in diesem Strahlenfeld - es ist unmöglich, Nischen zu finden, wo man dem entgehen kann."
Immer wieder wurde in der letzten Woche von den Kernkraftfreunden unter den Wissenschaftlern die Behauptung aufgestellt, "im sehr kleinen Dosisbereich", wie er jetzt in der Bundesrepublik gemessen werde, könnten Spätfolgen - also etwa die Bildung von Tumoren - nicht beobachtet werden. Erst ab 30000 Millirem, so Strahlenmediziner Feinendegen, "können wir beginnen, Effekte zu sehen, darunter nicht".
Gegen diese Behauptung steht eine Reihe von strahlenmedizinischen Untersuchungen, die schon seit Mitte der 50er Jahre vor allem in den USA unternommen wurden. Damals verfolgte beispielsweise der amerikanische Wissenschaftler David Hewitt das Schicksal von 1694 Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft röntgenologisch untersucht worden waren. Hewitt fand eine Verdopplung der Leukämierate bei diesen Kindern, bevor sie das zehnte Lebensjahr erreichten.
Die Studie wurde stark angefeindet - bis 1962 der Mediziner Brian MacMahon von der Harvard School of Public Health die gleiche Fragestellung an 700000 Kindern wiederholte, die zwischen 1947 und 1964 geboren worden waren. Ergebnis: Die Krebssterblichkeit im Kindesalter lag bei im Mutterleib bestrahlten Kindern um 40 Prozent über der normalen Rate. Eine am National Cancer Institute der USA 1985 veröffentlichte Studie über 32000 Zwillinge bestätigte dieses Resultat.
Das größte "Forschungsfeld" für die Folgen radioaktiver Strahlung hatte sich
den Wissenschaftlern bei den Überlebenden von Hiroschima und Nagasaki eröffnet. In drei umfänglichen sogenannten BEIR-Reports, deren letzter 1980 erschien, sind die Schicksale zahlreicher Japaner verfolgt worden, die nach den Bombenabwürfen unterschiedlich hohen Strahlungsdosen ausgesetzt gewesen waren. Ein Fazit dieser jahrzehntelangen Beobachtungen lautete, daß ersichtlich eine unmittelbare (lineare) Beziehung zwischen Strahlendosis und Krankheitsfolgen besteht. Anders gesagt: Auch eine geringe Erhöhung der Strahlendosis bleibt nicht folgenlos.
Manche westdeutsche Wissenschaftler befassen sich unterdes mit den abstrusesten Gegenpositionen. "In Anbetracht des Schadens, den die oft geradezu hysterisch anmutende Strahlenangst weiter Bevölkerungskreise der Medizin und der Wirtschaft zugefügt hat", entschloß sich Professor Felix Wachsmann, ehemals Chef des Instituts für Strahlenschutz bei der GFS in München, "die Strahlengefahr einmal anders" zu sehen.
Wachsmann betrachtet "die nützlichen Wirkungen kleiner Dosen" von radioaktiver Strahlung; deren "fördernde Wirkung" sei beispielsweise von dem US-Strahlenbiologen Luckey beschrieben worden: "Steigerung der Fertilität und Vitalität sowie Verlängerung der Lebensdauer um 50 bis 100 Prozent gegenüber unbestrahlten" Kontrolltieren - bei Protozoen, Wirbellosen und Säugetieren. Solche günstigen Effekte, so Wachsmann, träten "bei primitiven Lebewesen in gewissen Fällen" bei einer Strahlung von 1000 Gray und mehr auf, entsprechend 100000 rad, "bei Säugetieren hingegen schon bei Bruchteilen eines Gray".
Die "wissenschaftliche Annahme", daß "ganz kleine Strahlendosen ... unter Umständen auch nützlich sein können" (Feinendegen), wurde auch in der ZDF-Strahlenrunde vom letzten Dienstag verkündet. Das vergrößerte nur die Verwirrung beim Millionenpublikum wissenschaftlicher Laien, dem ohnehin das Bezugssystem fehlte, um die gesundheitlichen Risiken abzuschätzen und einzuordnen, die da mit Meßwerten von 5000 oder 10000 Becquerel oder auch "fünffach erhöhter Hintergrundstrahlung" vage und unverständlich signalisiert wurden.
Was war zu halten von einer Situation in der die Strahlenwelt kopfstand: Die Luft im Reaktor war strahlenärmer als die draußen - in vielen deutschen Kernkraftwerken, so in Bayern und Schleswig-Holstein, mußten Mitarbeiter unter der Dusche entstrahlt werden, ehe sie in den Kontrollbereich durften.
Die täglichen Meßwerte aus deutschen Gauen (auf den Tafeln von Videotext erschienen sie gebündelt wie sonst die Temperaturen in den Urlaubsorten) rauschten vorbei, Chiffren einer Gefahr, die man nicht sehen noch fühlen, die man weder hören noch schmecken konnte - und die darum heimtückischer erscheint als alles, was dem Menschen sonst droht: Erdbeben oder Unwetter Dammbrüche oder selbst Giftgas wie in Bhopal.
Übrig blieb, bei den Verängstigten eine fast kreatürliche Regung: die Kinder beschützen, auch wenn man nicht weiß, ob ihnen wirklich Gefahr droht. Die Mütter schrubbten ihre Kleinen, zerrten sie vom Sand weg, quälten sie mit Trockenmilch, auch wenn die Väter fanden, das sei nicht nötig.
In vielen Familien gab es Krach darüber. Frauen berichteten über "unerträgliche Spannungen zu Hause, weil mein Mann das Problem nicht ernst nimmt"; berichteten, daß sie "nicht mehr lachen könnten", weil "was zerbrochen ist in mir", daß sie sich Vorwürfe machten, "weil ich nicht von Anfang an mißtrauischer war". (Manchmal waren auch die Väter die Besorgteren. Ein West-Berliner Arzt über seine 15jährige Tochter: "Gott sei Dank ist Trixi in Teneriffa.")
Dörfer, etwa in der Nordheide, lagen bei strahlendem Sonnenschein wie ausgestorben da: keine spielenden Kinder auf der Straße, alle Türen und Fenster geschlossen. Eltern und Erzieher des Hamburger "Baby- und Kinderhauses Koppel" stellten ("angesichts der atomaren Bedrohung") den Betrieb ein, andere Kindergärtnerinnen waren "am Durchdrehen", weil die Eltern verlangt hatten, daß die Kleinen nicht ins Freie durften.
Auch die Kinder selber waren schon von der Strahlenpanik angesteckt. Ein Knabe in einem Osnabrücker Kindergarten zu seinem Sandkasten-Freund: "Du mußt dir die Hände waschen, sonst kriegst du Krebs." Eine Elfjährige aus dem Heidedorf Regesbostel, die sonst immer bei offenem Fenster schläft: "Das Fenster bleibt zu, ich will den Strahlendreck hier nicht reinkriegen."
Die klassische Schulordnung war außer Kraft: Nicht nur in Hamburg blieb es den Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder in die Schule schickten (besorgte Eltern-Anfrage: "Wie kommt die Schulbehörde dazu, verschweigt man uns etwas?"), in Hannover blieb, nach heftigen Warnungen des Elternrats, gleich eine ganze
Klasse fern. Der Pausen-Kakao blieb ungetrunken, es gab keine Schulmilch mehr - auch wenn sie, wie in den meisten Fällen, in Wahrheit gar nicht strahlenbelastet war.
Bei der Milch, dem Inbegriff von Gesundheit und Lebensfreude, war die Verwirrung komplett - Paradebeispiel für das Bonner Krisen-Mißmanagement.
Ganz auf die schnelle hatte die Strahlenschutzkommission, nach Bekanntwerden des Super-GAU, eine zulässige Höchstdosis für die Strahlenbelastung von Milch festgesetzt: 500 Becquerel pro Liter. Solche Höchstwerte, meinte Hamburgs Umweltschützer Vahrenholt, würden "jetzt aus dem Boden gestampft, Werte, bei denen man gar nicht weiß, ob sie sicher sind". Der Bonner Innenstaatssekretär Franz Kroppenstedt habe gesagt, man müsse "jetzt nach dem Opportunitätsprinzip vorgehen", das hieß: die Werte so ansetzen, daß für Produkte noch Vermarktungschancen bestehen und die Leute nicht in Panik geraten.
Der 500-Becquerel-Wert für Milch war von den Erfahrungen hergeleitet worden, welche Strahlenmediziner bei der Diagnose mit radioaktivem Jod 131 und bei der Behandlung mit hohen Strahlungsdosen gewonnen haben - aber vielen Bundesländern, auch CDUregierten, erschien der von Bonn ermittelte Wert dann keineswegs als harmlos, sondern viel zu hoch. Schleswig-Holstein ging auf 50 Becquerel, Hessen auf 20: Wenn Kleinkinder 32 Tage lang mit 500 Becquerel belastete Milch trinken würden, so argumentierten die Hessen, hätte ihre Schilddrüse schon 1641 Millirem eingefangen; geradezu "teuflisch" fand das der oppositionelle Bauer Mathias Kreuzeder aus dem Weiler Eham bei Freilassing, der sich zusammen mit Nachbarn einen Geigerzähler anschaffte.
Am Donnerstag letzter Woche bestätigte die Strahlenschutzkommission den 500-Becquerel-Milchwert; er wurde nun auch von der EG-Behörde als Europa-Standard vorgeschlagen. Aber die Bundesländer blieben, trotz dringender Ermahnungen aus Bonn, bei ihren Sonderregelungen.
Über die Frage, auf welche Weise Pflanzen und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse radioaktive Substanzen aufnehmen, speichern und in die Nahrungskette weitergeben, sind bei der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung in München während der letzten Jahre etliche Studien angefertigt worden. Daraus geht hervor, daß Jahreszeit und Witterung für die Aufnahme etwa von radioaktivem Jod 131 in den letzten beiden Wochen besonders günstig waren: Große Blattfläche "zu m Störfallzeitpunkt", "feiner Nieselregen, nächtlicher Tau, Nebel oder Niederschläge" gelten als gute Voraussetzungen für die Aufnahme von Radionukliden über die Blätter.
Für die Gefährdung des Menschen durch das kurzlebige Jod 131 ist nach Ansicht der GFS-Forscher "nur der Weide-Kuh-Milchpfad relevant", während die längerlebigen radioaktiven Substanzen, etwa Cäsium 137, in den Boden und schließlich über die Wurzeln in die Pflanzen gelangen. Die mögliche Belastung für den Menschen ist bei diesem "Transfer Boden-Wurzel" erheblich ("um bis zu 2 Größenordnungen") geringer als bei Aufnahme über die Blätter. Allerdings währt sie auch länger, unter Umständen Jahrzehnte.
Nach dem Meßstand vom Ende letzter Woche war die Bundesrepublik, was die radioaktive Gesamtbelastung anlangt, offenbar noch glimpflich davongekommen. Die Strahlung des in relativ hohen Mengen ausgeschütteten Jod 131 wird in wenigen Wochen abgeklungen sein. Die Belastungsdosis durch die langlebigen Spaltstoffe wie etwa Cäsium 137 blieb vergleichsweise niedrig, "kleiner als der Belastungswert aufgrund des natürlichen Vorkommens dieser Stoffe" (so am Donnerstag letzter Woche die Bonner Strahlenschutzkommission).
Nicht folgenlos ist die radioaktive Wolke aus der Sowjet-Union über der Bundesrepublik abgeregnet. Aber ihre Opfer werden im statistischen Kollektiv des Bundesvolkes anonym bleiben, werden nicht bezeichnet werden können.
"Es ist, als wenn ein Amokschütze von einem Turm aus auf eine vieltausendköpfige Menge auf dem Marktplatz zielt, und am Ende werden acht Menschen getroffen", auf diesen Vergleich brachte ein Teilnehmer einer Diskussionsrunde im österreichischen "Club 2" die berechtigte Furcht aller - eine Furcht, die kein Experten-Statement und kein markiges Kanzlerwort hinwegwischen konnte.
Als es im Juni 1978 im Kernkraftwerk Brunsbüttel bei Hamburg zu einem schweren Störfall kam, wuchs in den Wochen und Monaten danach sprunghaft die ablehnende Haltung der Anwohner gegenüber dem Gefahrenpotential, das da vor ihrer Haustür lag. "Der Anteil derer, welche ''Strahlengefahr'' explizit als persönliches Negativ-Moment positionieren", hieß es in einer damals unternommenen Studie des Chemiekonzerns Bayer, "verdreifachte sich nahezu", innerhalb eines Jahres.
Die Protestaufmärsche vor den Toren westdeutscher Kernkraft-Unternehmen in der letzten Woche und am Wochenende waren nur einer der Hinweise darauf, daß der Atomschock zu einer Sensibilisierung für die Gefahren geführt hat, die sich bei ungehemmtem Ausbau der Kernenergie potenzieren würden (siehe SPIEGEL-Umfrage Seite 28).
Es gibt keinen technischen Sachzwang, der dazu führen müßte, daß der Schnelle Brüter in Kalkar und die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf auf die schon bestehende Batterie von 19 Leichtwasserreaktoren in der Bundesrepublik folgen müßten. Es handelt sich um politische Entscheidungen - die nach der Katastrophe von Tschernobyl vielleicht deutlicher als solche verstanden werden.
"Plötzlich begreift man, was das ,Restrisiko'' im Klartext bedeuten kann: den qualvollen Tod von Zehntausenden", schreibt der Bielefelder Wissenschaftshistoriker Joachim Radkau (siehe auch SPIEGEL-Essay Seite 35).
Radkau: "Was Insider längst wußten, wird offenbar: daß die Art und Weise, wie das atomare Risiko mittels der Wahrscheinlichkeitsrechnung in ein Nichts verwandelt wurde, pseudowissenschaftlicher Humbug ist."
[Grafiktext]
ATOMREAKTOREN IN BALLUNGSRÄUMEN Zahlreiche westdeutsche Städte liegen im 30-Kilometer-Umkreis von Kernkraftwerken. In diesem Umkreis (hellrote Felder) mußten bei einem Unfall wie in Tschernobyl die Bewohner evakuiert werden. Die dunkelroten Felder (Zehn-Kilometer-Umkreis) zeigen Bereiche mit für Menschen wahrscheinlich tödlicher Strahlung.
[GrafiktextEnde]
Am Mittwoch letzter Woche in West-Berlin.

DER SPIEGEL 20/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 20/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Sache hat uns kalt erwischt“

Video 00:48

Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada Darauf ein royales "Pop"

  • Video "Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales Pop" Video 00:48
    Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales "Pop"
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie" Video 03:48
    Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"
  • Video "Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei" Video 00:35
    Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei
  • Video "Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn" Video 02:08
    Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: "Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn"
  • Video "Stögers Kampfansage an die Bayern: Niemand gibt sich geschlagen" Video 02:16
    Stögers Kampfansage an die Bayern: "Niemand gibt sich geschlagen"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet
  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt