14.04.1986

Die Bude hätte an allen Ecken brennen sollen

Von Malanowski, Wolfgang

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Malanowski über die neue Reichstagsbrand-Kontroverse *

Eigentlich wollte der Schweizer Historiker Walther Hofer, 65, auf die "äußerst bedenkliche Publikation", auf das von "schwerwiegenden Verleumdungen ... strotzende Elaborat" überhaupt nicht eingehen. Schließlich überwand er sich - mit einer "erheblichen Portion Widerwillen".

Autoren des, laut Hofer, "perfiden Machwerks sind sechs westdeutsche Historiker, Politologen und Publizisten - Uwe Backes, Karl-Heinz Janßen ("Zeit"), Eckhard Jesse, Henning Köhler, Hans Mommsen und Fritz Tobias. In ihrer Studie "Reichstagsbrand. Aufklärung einer historischen Legende", zeihen sie Hofer und seine Mitstreiter der Klitterei, sogar der Fälschung. _(Uwe Backes, Karl-Heinz Janßen, Eckhard ) _(Jesse, Henning Köhler, Hans Mommsen, ) _(Fritz Tobias: "Reichstagsbrand. ) _(Aufklärung einer historischen Legende". ) _(Piper Verlag, München; 326 Seiten; 36 ) _(Mark. )

Ausgerechnet ihn, empörte sich der Gelehrte, der ein Standardwerk über den Nationalsozialismus verfaßt hat, das Bestseller-Auflagen erreichte (über eine Million) _(Walther Hofer: "Der Nationalsozialismus. ) _(Dokumente 1933-1945". Frankfurt 1982. )

ausgerechnet ihn, der nicht zuletzt dafür mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden ist. Der Eidgenosse fühlte sich an "jene unseligen Zeiten erinnert, wo ein gewisser Dr. Goebbels von Berlin aus den ''Kleinvölkern'' ihre Erbärmlichkeit unter die Nase rieb". Ein Vergleich, der einem NS-Experten wohl nur einfallen kann, wenn er außer sich gerät.

Jetzt ist wieder aufgefackelt, was seit Jahr und Tag schwelt und schwelt: der ermüdende Streit darüber, wer, am 27. Februar 1933 den Reichstag angesteckt hat. Die Zunft hält sich da raus. Der Laie, selbst der zeitgeschichtlich interessierte, wird aus der giftigen Gelehrten-Polemik nicht mehr klug. So verkleistert sind mittlerweile Fakten und Fälschungen, Interpretationen und Unterstellungen.

Dabei gibt es im Grunde nichts zu drehen und zu deuteln. Seit Fritz Tobias'' _(Mit einem von ihm verwandten ) _(Kohleanzünder. )

SPIEGEL-Serie (1959/60), allemal seit der erweiterten Buchfassung des Autors (1962), in der er seine Belege und Beweise aufblätterte, steht fest. Es war der Einzelgänger Marinus van der Lubbe, ein holländischer Rätekommunist, der, vier Wochen nach Hitlers Machtübernahme, das Reichstaggebäude in Flammen aufgehen ließ. Es gab weder kommunistische Hintermänner, weder deutsche noch russische, noch nationalsozialistische Drahtzieher.

Inzwischen haben zahlreiche Fachhistoriker, widerstrebend und widerwillig zunächst, den historischen Befund des Amateurs Tobias, seinerzeit Oberregierungsrat im niedersächsischen Innenministerium, akzeptiert. Hans Mommsen, unbestritten ein Meister seines Faches, hatte gründlich geprüft und zum Durchbruch verholfen (was ihm erst einmal kollegiale Schmähungen und gezielte Zweifel an seiner Kompetenz einbrachte).

Im "Ploetz" ("Das Dritte Reich", erschienen 1983), dem allseits anerkannten Nachschlagewerk, steht denn auch ohne Wenn und Aber: "Der ehemalige holländische Kommunist Marinus van der Lubbe setzt am Abend Teile des Reichstagsgebäudes in Brand, er wird am Tatort festgenommen." Neue, echte Dokumente sind seither nicht aufgetaucht, neue, seriöse Interpretationen ebensowenig.

Aber: Professor Hofer und ein "Internationales Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges mit Sitz in Luxemburg, gegründet 1968, gehen verbissen und verwegen gegen die Tatsache von Lubbes Alleintäterschaft an, die sie, absichtsvoll, zur "NS-Unschuldsthese" oder zur "Gestapo-Legende" stempeln, womit sie, vorsätzlich, auch die Verfechter dieser angeblichen Legende zu verunglimpfen suchen.

Wieso dieser Eifer, dieses Eifern? Die Suche nach der Wahrheit kann es nicht gewesen sein, die derart in die Irre führte. Hier wird "Volkspädagogik" zur Methode, die, gleich nach dem Kriege, auch renommierte Historiker beflügelte.

"Wenn nämlich bewiesen werden könnte", legt Hofer seinen Forschungsansatz offen, "daß die Nationalsozialisten zu Unrecht verdächtigt werden, den Reichstagsbrand inszeniert zu haben, so könnte versucht werden, den gleichen ''Beweis'' auch für die anderen Verbrechen ... zu erbringen". Das wäre "volkspädagogisch gefährlich". Auschwitz wäre dann nicht mehr Auschwitz?

In der ersten Auflage seiner NS-Dokumentation hielt es Hofer 1957 für "geschichtlich erwiesen, daß es Nationalsozialisten waren, die den Brand organisierten. Hauptbeteiligte waren Goebbels und Göring, die wahrscheinlich, aber nicht erwiesenermaßen, mit Wissen Hitlers handelten. Der später als Brandstifter hingerichtete geistesschwache holländische Kommunist van der Lubbe spielte nur die Rolle eines vorgeschobenen Statisten". So ähnlich stand es 1933 auch schon im kommunistischen "Braunbuch des Agitprop-Leiters Willi Münzenberg.

Auch die Motive der Nazi-Brandstifter lagen scheinbar nahe: Das Feuer im Reichstag, aufständischen Kommunisten angelastet, sollte das Signal sein für die Jagd auf den roten Todfeind. Außer acht blieb dabei, was Hans Mommsen einwandte, daß Unruhen im Reich Hitler keinesfalls in den Kram gepaßt hätten. Denn dann hätte womöglich daß Militär die vollziehende Gewalt übernommen - Pläne dafür lagen vor -, was Hitlers eigene Machtentfaltung empfindlich, vielleicht sogar entscheidend hätte stören können.

Die Hofer-Version entsprach in den fünfziger Jahren durchaus dem Stand der Forschung - doch was heißt das schon? Die Forschung hatte sich um dieses dramatische Kapitel kaum gekümmert. Einer schrieb vom anderen ab, fortan hauptsächlich von Hofer, und so stand es bald in fast allen Schulbüchern.

Als einen dokumentarischen Beweis präsentierte Hofer Auszüge aus einer "Denkschrift" des deutschnationalen Reichstagsabgeordneten Ernst Oberfohren. Darin hieß es: Nazis "warteten im vertrauten Kreise ... auf ihren Brand". Nur: Diese "Denkschrift ist, was dem Forscher entgangen war, eine kommunistische Fälschung.

In der Neuauflage von 1963 hielt sich der Schweizer Historiker merklich zurück; _(Von John Heartfield zum Jahrestag des ) _(Reichstagsbrandes; aus der ) _(kommunistischen ) _("Arbeiter-Illustrierten-Zeitung", Prag. )

er hatte ganz offensichtlich das Tobias-Werk noch nicht verkraftet. Hofer, verunsichert: "Wenn es bis heute auch nicht gelungen ist, eine nationalsozialistische Mittäter- oder Mitwisserschaft dokumentarisch nachzuweisen, so kann andererseits keine Rede davon sein, daß das Gegenteil einwandfrei bewiesen wäre. Er befürchtete schon, vielleicht werde "die Wahrheit über den Reichstagsbrand nie ans Tageslicht kommen".

Dann kam sie angeblich doch, 1982, in Hofers "überarbeiteter Neuausgabe". Nun lägen "genug neue Dokumente und Zeugenaussagen vor, so daß auch der ''positive'' Beweis für die Urheberschaft der NSDAP als erbracht gelten kann".

Hofer stützte sich dabei unter anderem auf Bruchstücke einer Rede, die der damalige Reichstagspräsident und preußische Innenminister Hermann Göring auf einem "Geheimtreffen mit Nazi-Größen und SA-Führern am 23. März 1933 in der Reichskanzlei gehalten haben soll - ausgerechnet an diesem Tag, an dem Görings Reichstag das "Ermächtigungsgesetz (alle Macht dem Führer) verabschiedete und folglich vollauf beschäftigt war.

Göring, dem alles daran gelegen haben mußte, daß die Nazis nicht noch mehr unter Verdacht gerieten, soll sich gebrüstet haben:
" Die Kerls (die Brandstifter, d. Red.) haben ihre "
" Sache ausgezeichnet gemacht. Ist es nicht schändlich, daß "
" sie von marxistisch verseuchter Polizei und Feuerwehr "
" fast geschnappt worden waren? Die Bude hätte an allen "
" Ecken brennen sollen. Wenn ich an den kolossalen Sog im "
" Plenarsaal denke, war das ein phantastischer Kamin, und "
" dann waren diese Schwachköpfe auch gleich mit ihren "
" Schläuchen zur Hand, um das Haus der Volksverderber zu "
" retten, ich hätte sie am liebsten in die Flammen werfen "
" lassen... Trotzdem haben sie unsere Pläne nicht "
" vermasselt. "

Herkunft und Überlieferung dieses "Schlüsseldokuments" sollen sich aus einer ominösen Notiz ergeben: "Kirschb. (Aktenvermerk K. E.)". Das Luxemburger Komitee dechiffrierte: SA-Gruppenführer Karl Ernst ("K. E."), angeblich der Chef des Brandlegerkommandos, habe während der Göring-Rede eifrig mitgeschrieben (was höchst ungewöhnlich gewesen wäre). Sein Adjutant Kirschbaum hätte sodann diese Aufzeichnungen vom Staatsgeheimnis herumgereicht. Kirschbaum war jedoch nie Ernst-Adjutant, noch gehörte er je dem Berliner SA-Stab an.

Sollte da ein Fälscher bei dem Fälscher Rauschning abgeschrieben haben? In dessen nachgedichteten "Gesprächen mit Hitler" findet sich jedenfalls eine nach Diktion und Intention verblüffend ähnliche Enthüllung: "Göring schilderte, wie seine ''Jungs'' (!) durch einen unterirdischen Gang aus dem Präsidentenpalais in den Reichstag gelangten, wie sie wenige Minuten Zeit gehabt hätten und fast entdeckt worden wären (!). Er bedauerte, daß nicht ''die ganze Bude'' (!) niedergebrannt sei. In der Eile hätten sie keine ''ganze Arbeit'' leisten können."

Das Göring-Dokument findet sich auch, neben anderen kuriosen Neuerscheinungen, in der 1978 veröffentlichten Dokumentation, für die das Luxemburger Komitee verantwortlich zeichnet _(Walther Hofer, Edouard Calic, Christoph ) _(Graf, Friedrich Zipfel (Hrsg.): "Der ) _(Reichstagsbrand. Eine wissenschaftliche ) _(Dokumentation", Band 2. München 1978. )

- ein "Schwindelunternehmen", das seit Jahren eine einmalige "Forschungsposse" inszeniert, mit "erstklassiger Besetzung" (Backes).

Auf der Liste der Kuratoriumsmitglieder stand politische Prominenz wie Ernst Benda, Horst Ehmke, Carlo Schmid (wohl noch nicht wissend, was gespielt werden sollte), Historiker wie Golo Mann und Henri Michel (Frankreich) und der West-Berliner Verleger Arno Scholz ("Telegraph"). Ehrenpräsidenten waren Willy Brandt (damals Außenminister, der sich bald zurückzog), Frankreichs Staatsminister für kulturelle Angelegenheiten Andre Malraux und Luxemburgs Parlamentspräsident Pierre Gregoire .

Flankenschutz gaben/geben renommierte Wissenschaftler wie Karl Dietrich Bracher, Karl-Dietrich Erdmann, Klaus Hildebrand, Andreas Hillgruber und Eugen Kogon. "Daß sich die Öffentlichkeit samt historisch gebildeten Journalisten und Professoren so lange hat an der Nase herumführen lassen", hält Backes für "ein Phänomen, das den Uneingeweihten rätseln läßt". Und den Eingeweihten?

Drahtzieher, selbsternannter "Generalsekretär des Komitees, war jahrelang Edouard Calic alias Edoardo Chialich, Jahrgang 1910, italienischer Staatsbürger kroatischer Herkunft, der lange in West-Berlin lebte. In seinem Buch "Ohne Maske" _(Edouard Calic: "Ohne Maske. ) _(Hitler-Breiting-Geheimgespräche 1931". ) _(Frankfurt a.M. 1968. )

hatte er 1968 angebliche Protokolle von Hitlers

Geheimgesprächen mit dem Chefredakteur der "Leipziger Neuesten Nachrichten". Richard Breiting, aus dem Jahre 1931 veröffentlicht - laut "Zeit" eine der "unverfrorensten Geschichtsfälschungen dieses Jahrhunderts". Calics Widerrufsklage hat das Landgericht Berlin Ende 1982 kostenpflichtig abgewiesen.

Als "NS-Verfolgter" fand der schillernde Calic schnell Zugang zu Ämtern, Institutionen und einschlägiger Prominenz aus Politik und Wissenschaft. Er gibt an, im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesessen zu haben, ohne allerdings die näheren Umstände - wann, warum, wie lange? - eindeutig aufzuklären. Selbst Calics Leidensgeschichte steckt, fand Janßen heraus, voller Widersprüche .

Wenn er nicht sogleich Gehör fand, half er nach. Dann machte er "unmißverständlich fühlsam, daß man sich als eine Art Nazisympathisant anzusehen habe, wenn man die geforderte Hilfe verweigere oder gar die Version Calics von der NS-Täterschaft bezweifle", berichtet der Bonner Historiker Manfred Funke über eigene Erfahrungen: "Geschickt übte Calic mit balkaneskem Timbre ebenso Druck aus wie mit den wohlklingenden Namen im Komitee."

Inzwischen brachte sich der Generalsekretär aus der Schußlinie: er zog sich nach Salzburg, ins Private, zurück. Am Ende mochte auch Hofer, der Calics Forschungsposse jahrelang gedeckt und geduldet hatte, nicht mehr. Der "redet viel und schwätzt viel daher", findet der Professor verspätet, "was sicher nicht alles auf einen Nenner zu bringen ist".

Kann denn Hofer, der Vorsitzende der "Reichstagsbrand-Kommission" in der Luxemburger Briefkastenfirma, das alles auf einen Nenner bringen? Jene angeblichen Dokumente eingeschlossen, die seine Kritiker jetzt in der Luft zerfetzen? Sie seien, urteilt der West-Berliner Historiker Köhler, "samt und sonders Fälschungen".

Oft erforderte der Nachweis umfängliche historische Analyse und Rekonstruktionen. Manchesmal gelang es auf Anhieb, die Klitterei aufzudecken - beispielsweise bei Johann Bernhard Wittkowskis "Erklärung"; Wittkowski war zur Tatzeit einer der Heizer im Reichstagsgebäude.

Der Tatort-Zeuge gab laut Calic zu Protokoll, daß
" Görings Vertrauensmänner vor dem Brand In einen Saal "
" des Hauptgeschosses eingewiesen wurden. Er (Wittkowski, "
" d. Red.) hat als Heizer bald eine Gelegenheit gefunden, "
" genau am Nachmittag des 27. (Februar 1933, dem Tag des "
" Reichstagsbrandes, d. Red.) in den Saal hinaufzusteigen "
" und anzufragen, ob die Heizung richtig eingestellt sei. "
" Er hat ein Dutzend Männer in Zivil angetroffen, die auf "
" Pritschen lagen, Zeitung lasen. Bier tranken und Karten "
" spielten. Das waren, so Wittkowski, die Brandstifter. Sie "
" wären am Abend nach dem Brand nicht mehr dagewesen. "
" Wittkowski wurde von der Gestapo so eingeschüchtert, daß "
" er heute noch Angstzustände hat. "

Wittkowski übergab seine "Erklärung" - wahrlich, wie die angebliche Rede Görings, ein "Schlüsseldokument" - dem Verleger Scholz in Berlin, einem Kuratoriumsmitglied des Luxemburger Komitees. Und zwar 1969 - sechs Jahre nach seinem Tod; laut Sterbeurkunde "am 24. Juli 1963 um 16 Uhr 50 Minuten".

Die Dokumente, vermerkt Köhler, "werden entweder Personen zugeschrieben, die bereits seit Jahren verstorben waren - wie im Fall des einstigen Reichstagspräsidenten Paul Löbe, SPD, unter den Nazis vorübergehend noch Vizepräsident - "oder aber sie stammen aus der DDR ... und sind deshalb nicht zugänglich".

Löbe erwähnte den Reichstagsbrand in seinen 1954 erschienenen Memoiren nur am Rande. Er wußte darüber nichts genaues, nahm aber, wie die verfolgten Sozialdemokraten und Kommunisten allgemein,

an, die Nazis hätten gezündelt oder zündeln lassen.

Als 1959 die SPIEGEL-Serie über den Brandanschlag und den Brandstifter erschien, schrieb Löbe in einem Leserbrief:
" Mit großem Interesse verfolge ich die "
" Veröffentlichungen... Ich bin schon wißbegierig auf die "
" weiteren Fortsetzungen und die sich ergebenden Resultate. "
" Wenn ich von mir aus keine weiteren Beobachtungen "
" hinzufügen kann, so wurde das durch folgende Umstände "
" verschuldet: In der Brandnacht weilte ich in meinem "
" Wahlkreis in Schlesien und hielt Versammlungen in Breslau "
" und Oels ab. Ich konnte erst nach Berlin eilen, als die "
" Nachrichten über das Verbrechen dort hingelangten. "
" Während des Prozeßverlaufes war ich Schutzhäftling im "
" Gefängnis am Alexanderplatz, und die Informationen kamen "
" nur sehr spärlich und unregelmäßig zu mir. So also ist es "
" zu erklären, daß ich über den Ablauf der Dinge kaum in "
" Kenntnis gesetzt war, obwohl ich seinerzeit formell noch "
" als Vizepräsident des Reichstages galt... Auch in "
" späterer Zeit bin ich in Unkenntnis über die Einzelheiten "
" geblieben. "

Aber: Genau am 30. Jahrestag des Reichstagsbrandes erinnerte sich der nun 88jährige Löbe auf einmal an Einzelheiten, die er zuvor nie geäußert hatte. Haben Komitee-Historiker ihm auf die Sprünge geholfen?

Jetzt soll Löbe wissen: "Um die Nation zu erwecken und Hindenburg ein Ultimatum zu stellen, brauchten die Nazis einen großen Skandal". Jetzt kennt Löbe auf einmal auch den Haupttäter - Goebbels, der sich den Brand als "Stimulans für die erwachende Nation ausgedacht habe.

"Hierbei handelt es sich um eine besonders plumpe Fälschung", analysiert Köhler. Ebenso unverfroren und dreist wäre die Manipulation, die Calic, wie Tobias in dem Sammelband, bisher unwidersprochen, enthüllte, an einem Brief der Witwe des Vorsitzenden Richters am Leipziger Reichsgericht, Wilhelm Bünger, vorgenommen hat. Bünger von der "Deutschen Volkspartei", vor 1933 Justizminister und kurze Zeit auch Ministerpräsident von Sachsen, hatte van der Lubbe im Dezember 1933 zum Tode verurteilt, die mitangeklagten Kommunisten, unter anderen den KPD-Fraktionschef im Reichstag, Ernst Torgler, und den Bulgaren Georgi Dimitroff, damals Leiter des Westeuropäischen Büros der Komintern, aber freigesprochen.

Brieflich hatte Calic am 1. September bei der Witwe Dr. Doris Hertwig-Bünger, wohnhaft in Radebeul/DDR, nach Hintergründen des Brandes und des Brandstifter-Prozesses angefragt. Er wollte natürlich Bestimmtes wissen, unter anderem:
* "War Ihr Mann ganz frei, oder stand er unter dem Druck
der damaligen Regierung?"
* "Warum war Ihr Mann mit van der Lubbe so hart?"
* "Warum hat Ihr Mann nicht das Prinzip ''in dubio pro
reo'' angewendet,

wo van der Lubbe krank war und man ihm nicht nachweisen konnte, daß er der einzige Täter war?"
* "Wußte Ihr Mann etwas über die Hintergründe des Brandes
oder des Prozesses? Wie glaubte er, daß der Brand
zustande gekommen war?"

Frau Bünger antwortete am 12. September. Über den Prozeß habe ihr Mann "nie" mit ihr gesprochen. Sicher habe er "unter starkem politischem Druck" gestanden. Sie glaube, van der Lubbe sei "in eine Nazifalle gegangen", aber: "Der Grundsatz: in dubio pro reo paßt insofern nicht auf den Angeklagten, als er tatsächlich überführt worden war, mit einer Brandfackel durch die Räume gelaufen zu sein, wodurch der Brand entstand."

Was Frau Bünger da, zurückhaltend - handschriftlich - zu Papier gebracht hatte, stellte Calic keineswegs zufrieden. Er wollte ein neues "Dokument für sein Dogma von der Nazi-Brandstiftung. Also legte er, so Tobias, selbst Hand an den Brief der Witwe, die 1968 gestorben ist, und fuhr fort: "Entschuldigen Sie bitte, daß ich mit der Maschine weiterschreibe; ich möchte einen Durchschlag für eine Freundin und einen anderen für mich zurückbehalten. Sodann habe Calic getextet, als sei es ein Stück von ihr:
* "Der damaligen Regierung konnte er (mein Mann, d. Red.)
sich nicht offen widersetzen. Er sagte mir damals immer
wieder: ich muß versuchen, aus diesem großen Schwindel
das Beste zu machen."
* "Es ist mir bekannt, daß ein Sonderbote ununterbrochen
Druck auf meinen Mann ausübte... Dieser Mann wurde bei
Kriegsende mit mehreren Mitgliedern seiner Familie
ermordet. Der Regierungsbote war überzeugt, oder er tat
wenigstens so - mein Mann glaubte jedenfalls nicht
daran -, daß van der Lubbe im Auftrag der Kommunisten
gehandelt hatte."
* "Van der Lubbe weigerte sich, zum Hinrichtungsplatz zu
gehen, und schrie den Richtern zu: ''Und die anderen?''"
* "Natürlich war mein Mann mit der Hinrichtung von van
der Lubbe nicht einverstanden. Er konnte sich der
Urteilsvollstreckung nicht entziehen, das hätte seinen
sicheren Tod bedeutet."

Das hörte sich schon besser an.

Hofer, der über all das seinen Gelehrten-Mantel deckt, hat auf die Vorwürfe skandalöser Fälschungen, auf den "Rufmord" - und in der Tat ist sein Ruf beschädigt -, bisher mit vernebelndem Palaver reagiert. Mit einer "erheblichen Portion Widerwillen".

Uwe Backes, Karl-Heinz Janßen, Eckhard Jesse, Henning Köhler, Hans Mommsen, Fritz Tobias: "Reichstagsbrand. Aufklärung einer historischen Legende". Piper Verlag, München; 326 Seiten; 36 Mark. Walther Hofer: "Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945". Frankfurt 1982. Mit einem von ihm verwandten Kohleanzünder. Von John Heartfield zum Jahrestag des Reichstagsbrandes; aus der kommunistischen "Arbeiter-Illustrierten-Zeitung", Prag. Walther Hofer, Edouard Calic, Christoph Graf, Friedrich Zipfel (Hrsg.): "Der Reichstagsbrand. Eine wissenschaftliche Dokumentation", Band 2. München 1978. Edouard Calic: "Ohne Maske. Hitler-Breiting-Geheimgespräche 1931". Frankfurt a.M. 1968.

DER SPIEGEL 16/1986
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