14.04.1986

PRESSEZietung russich

Die „Prawda“ ist auf deutsch erschienen - eine verblüffende Idee aus Frankreich. *
Die Zeitung sieht aus wie ein Propagandablatt, liest sich langweilig wie ein Parteiorgan und das ist sie auch: die Moskauer "Prawda", das Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union.
Schon auf Seite eins, wo in westlichen Blättern die Weltnachrichten und in der Boulevardpresse die Sensationsgeschichten stehen, macht sich der triste Alltag der Planwirtschaft breit: "Schadensdiagnose an den Getreidekombinen", "Planaufgaben des Fünfjahresplanes nicht erfüllt", "sozialistische Verpflichtungen der Werktätigen".
Die Verfasser der Artikel zeichnen als "Meister der Verwaltung", "Held der sozialistischen Arbeit" oder schlicht als "Redaktions-Kollektiv". Politik kommt nur im langatmigen Protokollstil vor: "Der XXVII. Parteitag der KPdSU hat unserem Land neue Perspektiven eröffnet."
Doch ein wesentliches Detail unterscheidet die "Prawda", die seit Freitag letzter Woche in westdeutschen Zeitungsläden zu haben ist, von der "Prawda" in Moskau, und genau das macht sie so lesefreundlich: Sie erscheint in deutscher Sprache.
Diese Idee, vermutet der französische Zeitschriftenverleger Philippe Hayat, wirke auf westliche Zeitungsleser so verblüffend, daß er sich davon einen geschäftlichen Erfolg verspricht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Philippe Jost, dem das alles einfiel, brachte Hayat eine deutschsprachige Nummer der sowjetischen KP-Zeitung auf den Markt, zunächst nur dieses eine Mal.
Statt vier Kopeken verlangen die Verleger vier Deutsche Mark. Mit orthographisch fehlerhafter, aber knalliger Schlagzeile "Sein Sie heute einmal ein Russe" ködern sie neugierige Käufer.
Die beiden Partner (Hayat: "Ich bin völlig unpolitisch") sind zuversichtlich, einen Großteil der 300000 gedruckten Exemplare verkaufen zu können. Denn von zwei ausländischen Vorläufern, die das Duo produzierte, wurden Anfang des Jahres bereits rund 250000 Exemplare in französischer und 200000 in italienischer Sprache abgesetzt.
Für die Deutschen wählten die findigen Pariser Kaufleute die Moskauer Ausgabe vom 18. März aus, ganz zufällig, um "keine Angriffsfläche zu bieten" (Hayat). Von einem Kölner Sprachendienst wurde der Text "peinlich genau übersetzt" (Verlagsmitteilung).
Die seither verstrichene Zeit, so das Kalkül der Franzosen, werde interessierte Leser vom Kauf nicht abhalten. Die dargebotenen Nachrichten sind ohnehin belanglos: die Verleihung des "Roten Banners der Arbeit" an das Westsibirische Hüttenkombinat, die Heimreise des vietnamesischen KP-Generalsekretärs von einem Urlaub in der Sowjet-Union, der Beginn der Feldarbeit in Nord-Ossetien.
So ganz wollte sich Herausgeber Hayat auf die Attraktivität der alten, aber unbekannten Ware doch nicht verlassen. Denn er ist selbst gelernter Journalist, arbeitete früher für "Le Monde" und "L'Express" und gewann sogar einen Literaturpreis der Academie Francaise. Jost wiederum ist Mitarbeiter des Wochenmagazins "Vendredi-Samedi-Dimanche". Beide zogen es vor, die sechsseitige "Prawda" in ein Mantelblatt mit roter Balkenzeile einzuhüllen: "Die Prawda in deutscher Sprache".
Der deutsche Kontaktmann Manfred Klutmann in Erkrath, der wie Hayat Auto-Spezialzeitschriften ("Autokraft", "Chrom & Flammen") herausgibt und den Franzosen aus der gemeinsamen Brüsseler Druckerei ihrer Blätter kennt, besorgte schnell noch einen besonderen Gag für die Mantel-Rückseite: eine Zigarettenanzeige mit dem Marlboro-Cowboy.
Klutmann: "Ich fand's sagenhaft, daß das typische Cowboyprodukt 'ne Russengeschichte sponsert, nachdem Lada und Simex mit ihren Sowjetprodukten abgesagt hatten."
Ihn ärgert nur, typisch deutsch, daß der in Paris getextete Umschlag, typisch französisch, mit Setzfehlern wie "Zietung" und "russich" übersät ist - anders als die sorgsame "Prawda"-Übersetzung. "Ein Versuchsballon", so der studierte Werbekaufmann Klutmann, "muß perfekt gemacht sein."
Den Versuchsballon hat der Deutsche selbst steigen lassen. Er schlug den Abdruck eines Antwort-Coupons vor, um das Interesse an einem deutsch- oder englischsprachigen "Prawda"-Abonnement zu testen: bei Jahreskosten von 1500 Mark für den täglichen Bezug, 70 Mark für zwölf Monatsausgaben oder 20 Mark bei vierteljährlichem Erscheinen. Zugleich sollen die Leser mitteilen, ob sie die "Prawda" (Sowjet-Auflage: 10,7 Millionen Exemplare) in deutscher oder englischer Sprache lesen möchten.
Hayat favorisiert eine anglisierte Ausgabe, "weil die meisten Europäer Englisch sprechen". Eine tägliche "Prawda" würde der Verleger von "Stereo Auto Mobile" und "Option Auto" allerdings nicht mitherausgeben, sondern dem Kollegen Jost und vielleicht dem Amerikaner Charles Cox überlassen, der in Chicago bereits im Januar eine US-"Prawda" startete. Hayat: "Mir wäre es zu politisch."
Dabei durfte er für die Frankreich-Ausgabe ein Lob der Sowjetagentur Tass einheimsen, daß "den französischen Lesern zum ersten Mal die Gelegenheit" zum Kennenlernen der "Prawda" geboten werde. Eigentlich, scherzt Hayat, müßten "wir von den Russen ja dafür bezahlt" werden; aber: "Es gab keinen Kontakt und gibt keinen Kontrakt mit Moskau." So kostete alles zusammen - Übersetzung, Druck und Papier für die deutsche Ausgabe - um die 50000 Mark.
Seine "Prawda"-Leser hofft Hayat in Bibliotheken, in der Wirtschaft, bei Schülern, Studenten, Diplomaten und bei Neugierigen zu finden. SPIEGEL: "Und bei Kommunisten?" Hayat: "Oh, die hatte ich ganz vergessen."

DER SPIEGEL 16/1986
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