09.06.1986

„Der Kanzler wünscht das so“

Wie Helmut Kohls Küchenkabinett die Bundesrepublik regiert Eine kleine Schar von Kohl-Günstlingen beherrscht das Kanzleramt in Bonn. Der Kanzler hört vornehmlich auf alte Spezis. Ihre Macht geht weit über die formalen Kompetenzen Ihrer Stellen hinaus. Einzig Amtschef Schäuble stemmt sich gegen Inkompetenz und Mißmanagement in der Regierungszentrale: Er versuchte es jetzt wieder mit einer Umorganisation.
Der Patriarch wiegte bedenklich sein Haupt, das, befand er, könne nicht gut enden.
Die Warnung stammte von Heinrich Krone, Jahrgang 1895, der Konrad Adenauer jahrelang als Fraktionsführer und Minister gedient hatte. Sie war gerichtet an den selbsternannten Adenauer-Enkel, Bundeskanzler Helmut Kohl.
Mit Freunden hatte der alte Herr, den Adenauer gern zu seinem Nachfolger als Kanzler gemacht hätte, vor kurzem über die Art und Weise diskutiert, in der Helmut Kohl das Land, immerhin die zweitstärkste Handelsnation der Welt, mit einem "Küchenkabinett" aus ihm ergebenen Spezis regiere. Der einst so mächtige Apparat des Kanzleramtes verkümmere, die Ressorts machten, was sie wollten. Leerlauf und Pannen, wohin man blicke.
Daß Kohl nicht - neben Amtschef und Regierungssprecher - wie ehedem üblich auch den Vorsitzenden der Unionsfraktion morgens zur Lagebesprechung bitte, um die Legislative rechtzeitig ins Geschäft der Exekutive einzubinden, veranlaßte Krone zum Tadel: Wer nicht "alle Beine des Tisches" im Blick habe, mache einen großen Fehler.
Doch "Papa Krones" weiser Rat verfängt beim Kanzler nicht. Fraktionschef Dregger mag er nun einmal nicht jeden Morgen dabeihaben, wenn sich der "inner circle" trifft. Kohl umgibt sich lieber mit seinen Vertrauten, Leuten, die ihm meist schon zu Mainzer Zeiten zuarbeiteten. Anders als frühere Kanzler- Helmut Schmidt hörte auf ein Kleeblatt aus zwei Staatssekretären und einem Staatsminister - hat er die Mitglieder seines Clans mit Machtbefugnissen ausgestattet, die bei einigen weit über die formellen Kompetenzen ihrer Planstelle hinausreichen. Da gibt es Ministerialdirektoren, die wesentlich mehr Macht haben als Staatssekretäre. Titel sagen im Kanzleramt alles über die Besoldung, aber nichts über den politischen Einfluß.
Wer bei Hofe wohlgelitten ist, darf sich allmorgendlich in Kohls Büro zur "kleinen Lage" einfinden. Die Autoren Werner Filmer und Heribert Schwan nennen in ihrem Buch "Helmut Kohl"* diese handverlesene Schar "eine Ordensgemeinschaft: eingeschworen bis zur Hörigkeit, bedürfnislos bis zur Selbstpreisgabe". Die Bediensteten der Behörde spotten über Kohls "Logen-Brüder", über die Philo-, Polito- und sonstigen -logen, die beim Herrn ein- und ausgehen dürfen.
Zur Klub-Klasse gehören: neben Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble und Presseamts-Staatssekretär Friedhelm Ost die Abteilungsleiter Horst Teltschik (Politologe) und Eduard Ackermann (Dr. phil.), Wolfgang Bergsdorf, Chef der Inlandsabteilung des benachbarten Bundespresseamts und studierter Politologe, Soziologe und Psychologe, der Leiter des Kanzlerbüros, Franz-Josef Bindert (Politologe), und Juliane Weber, für den Kanzler persönlich tätig und nach Filmer/Schwan "Kohls subtilster Manager".
Ohne den Kanzler und seine sieben läuft nichts im Staate Bundesrepublik. Die Crew kann schalten und walten, wie es ihr gefällt, sich Kompetenzen anderer Ressorts anmaßen, mißliebige Beamte abschieben, andere befördern. Jedes Mitglied aus dem Kreis, die eine mehr, der andere weniger, weiß, der Chef deckt alles. Seit Adenauer gab es, so beobachteten Filmer/Schwan, "keinen Kanzler, der politische Macht so ungeniert und ungebrochen handhabt wie Kohl".
Um so unverkrampfter ist der Umgang des Kanzlers mit seinen Favoriten. Er ruft sie zu sich, wann immer er ein Bedürfnis verspürt. Wenn sich Kohl oder Juliane Weber am Telephon melden, hat jeder zu spuren, Besucher können gefälligst warten. Unter dem sprunghaften Verlangen des Kanzlers nach Nähe zu seinen Vertrauten leidet auch die Regierungsarbeit: Minister, allen voran Finanzminister Gerhard Stoltenberg, klagen über das improvisierte Regieren. Ohne jede Vorwarnung und ohne Rücksicht auf anderer Leute Terminkalender bläst Kohl zum Appell, Kabinettsvorlagen werden nicht pünktlich fertig, Akten landen auf falschen Schreibtischen oder verschwinden gar auf Nimmerwiedersehen.
Wenigstens etwas Ordnung und Regelmäßigkeit versucht Wolfgang Schäuble in Kohls Amtsführung zu bringen. Kohl hievte den Protestanten 1984 aus der Fraktionsgeschäftsführung in seinen schwarzen Zirkel und auf den Sessel des Kanzleramtschefs. Der Badener Jurist sollte das Chaos-Regiment seines Amtsvorgängers, Kohls Schulfreund Waldemar Schreckenberger, beenden.
Unerledigte Aktenberge auf dem Schreibtisch hatten Schreckenberger im Amt den Spitznamen "Mountain-Climber" (Bergsteiger) eingetragen. Korrespondenzen und Dokumente verschwanden in seinem Amtsbereich, "Bermuda-Dreieck", wie es bald hieß.
Bis hinunter in die Requisitenkammer des Amtes stiegen kürzlich Kanzlerhelfer, um ein Adenauer-Bild ausfindig zu machen, für das die Rechnung offenstand. Das Kunstwerk fand sich schließlich - in den Räumen Schreckenbergers.
Selbst Kohl war zuviel, was "Schrecki", der Kumpel von einst, in seinem Hause anrichtete. Immer wieder bedeutete er ihm, daß er seinen Posten nicht seiner Leistung verdanke. Sogar vor Untergebenen schimpfte der Kanzler: "Waldemar, das Büro ist Scheiße."
Schäuble ist es zwar gelungen, die Kabinettssitzungen wieder als regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen zu etablieren, über die, wie es sich gehört, Protokolle angefertigt werden. Doch der kleine Badener ist überfordert. Auf ihm lastet nicht nur die schwierige, durch Kohls eigenwilligen Regierungsstil stets neu gefährdete Verwaltung des Kanzleramts; er muß sich zusätzlich noch um die Deutschlandpolitik und die Verbindung zum Parlament kümmern. Und einen Wahlkreis hat er schließlich auch zu bedienen.
Dabei sitzen im Kanzlerbau drei hochbezahlte Herren, die - abgeklemmt von der Gnade des Kanzlers - langsam, aber sicher versauern.
Einer von ihnen ist Schreckenberger- und noch immer muß Schäuble für ihn den Ausputzer spielen. Auch nach seiner Ablösung als Amtschef blieb er Staatssekretär, gemäß dem vertraulichen "Geschäftsverteilungsplan des Bundeskanzleramtes" zuständig für Europapolitik Medienpolitik, Kommunikationstechnologie, Koordinierung der Nachrichtendienste und die Dienstaufsicht über den Bundesnachrichtendienst. Doch wenn es ernst wird, muß Schäuble ran, ob Libyen oder Tschernobyl, wann immer das Kanzleramt geheimdienstliche Erkenntnisse wünschte, verhandelte Schäuble mit den Spähern in Pullach.
Auch Staatsminister Friedrich Vogel zuständig für die Pflege der Beziehungen zu den Bundesländern, und Staatssekretär Peter Lorenz, der sich um Berlin zu kümmern hat, gehören zu den Unterbeschäftigten im Amt. Ihren Gönner, dem sie ihren Prestigejob verdanken, sehen sie in der Regel nur einmal in der Woche, am Kabinettstisch. Dort sitzen beide meist schweigend, da Kohl ihnen schon öfters rüde das Wort abgeschnitten hat. Wenn sie um einen Termin beim Kanzler nachsuchen, müssen sie sich einen Monat und länger gedulden.
Neidvoll blicken die Kraftfahrer anderer Häuser auf einige Kollegen in der Regierungszentrale. Wenn dort die Herrschaft Leerlauf hat, bleibt auch den Kutschern nichts zu tun. Einer eröffnete seiner Frau ein Sonnenstudio, wo er sich häufig tagsüber nützlich macht; ein anderer schlägt die Zeit in seiner Kneipe tot, dort zapft er Pils und Kölsch, bis er gerufen wird.
Zu den Gestreßten der Kohlschen Herrschaft zählt dagegen Regierungssprecher Friedhelm Ost. Er ist - Pech und Glück für ihn zugleich - dem Kanzler so wichtig geworden, daß Kohl den freundlichen Blonden aus Castrop-Rauxel am liebsten immer um sich haben will. Der Mann aus dem Ruhrpott hat sich seit seinem Amtsantritt im Juni 1985 wie noch keiner seiner Vorgänger zu einem Verkünder Kohlscher Leistungskraft und Unfehlbarkeit entwickelt, ohne jeden Ansatz von Kritik und Distanz. Gebetsmühlenartig predigt er die paradiesischen Verhältnisse unter Kohls fürsorgender Politik für die Wirtschaft, Ost: "Kohlonomics." Landauf, landab beglückt er vor allem schwarze Parteizirkel aller Art mit froher Kunde aus Bonn.
Wie selbstverständlich nimmt Friedhelm Ost bei CDU-Veranstaltungen, so beim ersten gemeinsamen Parteitag der rheinischen und der westfälischen Christdemokraten in Düsseldorf, Platz auf der Bühne für Parteihonoratioren, für den Sprecher einer Koalitionsregierung ein ungewöhnlicher, weil parteilicher Ort.
Unter den Beamten des Bundespresseamtes wird erste Kritik laut: Sie verargen ihrem Chef, daß er zu oft als Nachläufer Kohls und zu selten als eigenständiger Leiter einer großen Behörde in Erscheinung tritt. Auch Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble läßt neuerdings schon mal die eine oder andere Spitze gegen den Kanzlerfreund von nebenan fallen. Dem Minister paßt es nicht, wenn sich Ost gelegentlich zu sehr nach vorne spielt und gute Nachrichten, die selten genug sind, allein seiner Propagandatätigkeit für den Kanzler gutschreibt.
Als Kohl im Herbst 1982 von Helmut Schmidt die Macht am Rhein übernahm, interessierte ihn beim Umzug ins Kanzleramt nur zweierlei: Sozialdemokraten möglichst rasch aus allen Schlüsselstellungen zu vertreiben und seinen Spezis hochdotierte Posten zu verschaffen.
Außer Schreckenberger, den er zum Amtschef beförderte, wurden Horst Teltschik und Eduard Ackermann zu Abteilungsleitern. Damit sorgte er sofort für Klassenkampf in diesen Besoldungsrängen, bei jenen Abteilungsleitern, die von Kohl ignoriert werden.
Teltschik, der Kohl schon in Mainz zu Diensten gewesen war und ihn 1976 nach der verlorenen Bundestagswahl aus der rheinland-pfälzischen Provinz ins Bonner Amt des CDU/CSU-Fraktionschefs gedrängt hatte, avancierte zum außenpolitischen Berater. Er durfte sich mit FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher anlegen - zum Schaden des Koalitionsbildes. Teltschik schlüpfte in eine Rolle, die es am Sitz der amerikanischen Präsidenten, nicht aber in Bonn gibt: in die eines Sicherheitsberaters seines Kanzlers. Der "dritte Sohn", wie der zweifache Vater Kohl ihn zu nennen pflegt, agierte in brenzligen Situationen, zum Beispiel der Bitburg-Feier und beim Sternenkrieg-Programm SDI mit Kohls Billigung an der offiziellen AA-Linie vorbei.
Ähnlicher Wertschätzung beim Vorgesetzten erfreute sich lange Zeit auch Eduard Ackermann, der offiziell die Abteilung 5 ("Gesellschaftliche und politische Analysen, Kommunikation") erhielt, in Wahrheit aber das blieb, was er schon 25 Jahre in Diensten der CDU-Fraktion betrieben hatte, ein guter Pressesprecher. Er besorgt für Kohl das, was Ost nicht schafft: den kontinuierlichen Dialog mit dem kritischen Teil des Bonner Pressekorps.
Neuerdings mehren sich freilich Stimmen, daß die Gnadensonne Kohls nicht mehr so hell über dem "Ackerdoktor" (Bonner Jargon) leuchte. Ackermann gehört zu den wenigen im engsten Kreis, die gelegentlich auch mal etwas Kritisches anmerken. So war er es, der kürzlich tadelte, daß der Kanzler öffentlich um Verständnis für den umstrittenen österreichischen Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim geworben hatte.
Ackermann besitzt auch den Mut schon mal einen anderen Auswuchs Kohlscher Pfründenwirtschaft aufs Korn zu nehmen: die Tätigkeit von Wolfgang Bergsdorf, des Leiters der Abteilung "Inland" im Presseamt. Bergsdorf hat sich frühzeitig um Helmut Kohl verdient gemacht. Als Vize-Sprecher der CDU sorgte er vor 15 Jahren im Vorfeld des Saarbrücker Parteitags für Stimmung in der Partei gegen Rainer Barzel, für den damals unterlegenen Herausforderer Helmut Kohl. Fortan war er bei dem Pfälzer vorgemerkt. Zwei Jahre später wurde Kohl Parteichef, Bergsdorf sein Büroleiter.
Für Kohl ist Bergsdorf unverzichtbar. Um ihn zufriedenzustellen, ließ er nach seiner Wahl zum Kanzler eigens eine Ministerialdirektorenstelle aus dem Stellenvorrat des Kanzleramtes ins Presseamt transferieren. Dort hatte sich Bergsdorf anfangs mit einer Ministerialdirigentenstelle zufriedengeben müssen, entschädigt durch ein Aufgeld aus der CDU-Kasse.
Als Büroleiter des Parteivorsitzenden hatte er Zeit genug, sich nebenbei an der Bonner Universität zu habilitieren. Im Wintersemester 1985/86 hielt der Presseamtsabteilungsleiter dort ein Seminar über "Politische Massenkommunikation". Im Amt gilt er - wen wundert''s - als wenig präsent. Er ist schließlich auch noch für den Kanzler da: Ihn versorgt er mit dessen Lieblingskost, demoskopischen Umfragen aller Art.
Bergsdorf habe sich, weiß man im Amt, einen Namen als "Scherenarbeiter" gemacht, als einer, der anderer Leute geistige Arbeit in Kanzlerlagen als Eigenbau ausgebe, indem er schriftlichen Expertisen die Briefköpfe abschneide.
Ackermann hat sich im Kollegenkreis bitter über Bergsdorfs mangelnden Amts-Eifer beklagt. Der Inlandsabteilungsleiter verschwinde viel zu häufig in sein Ferienhaus in der Eifel und rufe dann bei Ackermann an, ob in Bonn etwas passiert sei.
Unorthodox geht es auch im engsten Bereich des Kanzlers zu. Dort wirken als Leiter "Kanzlerbüro" und Leiterin "Persönliches Büro des Bundeskanzlers" die beiden Verwaltungsangestellten Franz-Josef Bindert und Juliane Weber, wobei - verkehrte Welt - die untergeordnete Dienststellen-Leiterin den Chef des übergeordneten Kanzlerbüros inthronisiert hat.
Binderts Vorgänger, Ministerialrat Wolfgang Burr, ein penibler Beamter, hatte mit der ihm formal unterstellten Kanzler-Vertrauten Weber Krach bekommen, weil er sich von Informationen und Terminen abgeschnitten fühlte. Burr mußte in die Planungsabteilung des Amtes verschwinden, und Juliane Weber holte aus dem Kohl-Büro im Adenauer-Haus Bindert, einen Neffen von Frau Hannelore Kohl.
Der fügte sich von Anfang an dem Regiment der resoluten Frau Juliane. Im Amt gilt er als der "Lächler", immer freundlich, aber nichtssagend. Die Saarbrücker Zeitung" nannte ihn "Kanzler Kohls Kofferträger".
Bürochef Bindert hat im Gegensatz zur "Persönlichen" des Kanzlers keinen Einblick in die Termine seines Herrn. Er widmet sich Petitessen und Petitionen. Auf Reisen wird er nur selten mitgenommen. Mit Juliane Weber verbindet ihn: Beiden verweigerte der Bundespersonalausschuß die Verbeamtung.
Im Amt blicken viele auf Binderts weißen BMW mit dem Kennzeichen BN - CU 10. Dieser Wagen war - so wissen die Kollegen - einst Binderts Dienstwagen im Konrad-Adenauer-Haus. Das Fahrzeug ist - dank Kohls Fürsorge - auch heute noch auf die CDU zugelassen. In der Regierung gibt''s Dienstwagen nur vom Staatssekretär an aufwärts.
Unumschränkte Herrscherin in Kohls Amtsstube ist Juliane Weber. "Wer zu Kohl will, geht auch durch die "Pforte ihrer Sinne"'', schrieben Filmer/Schwarz und fuhren fort: "Zwischen beiden gibt es einen geheimnisvollen Zusammenhang, den manche Außenstehende aufzuspüren versuchten. Allein mit dem Intellekt läßt sich dieser Beziehung nicht beikommen. "
Juliane ist dabei, wenn Kohl spät am Abend seinen Clan zum Essen und Trinken ausführt, mal zu Pasta im Bonner Italiener-Restaurant "Cäcilienhöhe" bei Bruno, ein andermal zu Bratkartoffeln und fetter Sülze im Gasthaus "Sankt Peter" an der Ahr. Sie dirigiert ihre Umgebung im Kanzleramt mit der einfachen Formel: "Der Kanzler wünscht das." Da wagt keiner nachzufragen oder gar zu widersprechen.
Sie liefert Kohl - schon mal sogar in Fäkalsprache - bei Diskussionen über Personen oft die Stichworte, auf die er wartet. Wer bei ihr verspielt hat, hat auch beim Kanzler keine Chance.
Dran glauben mußten zwei Hausbedienstete, die im Kanzlertrakt fürs Frühstück zuständig waren und im Verdacht standen, Details vom Frühstückstisch des Kanzlers verraten zu haben. Sie wurden - ohne Angabe von Gründen - entfernt.
Besonders mißtrauisch ist die Dame gegenüber jenen Boten, die im Kanzleramt täglich Berge von Akten von einem Büro ins andere transportieren. "Sozenpack", zischt sie häufig hinter den Bediensteten her. Sie argwöhnt, die Boten könnten etwas ausplaudern, seien womöglich gar Sozialdemokraten.
Auch wenn sich Kohl um den großen Rest seines Amtes kaum kümmert, dank seiner Interventionen hat er auch dort einiges Unheil angerichtet.
So ernannte er zum Leiter der Abteilung 6 ("Bundesnachrichtendienst; Koordinierung der Nachrichtendienste des Bundes") seinen pfälzischen Landsmann Hermann Jung, wie Kohl Jahrgang 1930 und Gymnasiast in Ludwigshafen.
Jung wurde Kohl schon früh politisch nützlich. Als er, noch unter Gerhard Schröder, den Auswärtigen Ausschuß des Bundestages betreute, steckte er Kohl, den er schon von der Schule her kannte, die eine oder andere Neuigkeit aus Gerhard Schröders Arbeit in der Außenpolitik und im einflußreichen Evangelischen Arbeitskreis der CDU/ CSU.
In seiner jetzigen Position hat Jung bei den Kollegen im Amt und in den Diensten mangels Substanz den Beinamen "die Flöte" erhalten. Seine Erkenntnisse über Geheimes der weiten Welt, so heißt es im Amt, verdanke er der peniblen Lektüre der "Neuen Zürcher Zeitung". Seit er in der Tschernobyl-Sache unter Schäuble nichts Rechtes zuwege brachte - gestochen scharfe Bilder von Evakuierungen um den Reaktor herum blieben ungedeutet -, heißt Jung nur noch die "Pikkolo-Flöte". Vom Chef des Bundesnachrichtendienstes, Hans-Georg Wieck, wird berichtet, daß er sich weigere, dem für Pullach zuständigen Jung vorzutragen. Wieck sei die "Zeit zu schade", mit Jung zu reden lohne nicht: "Da rasier'' ich mich lieber und schaue mich im Spiegel an."
Auch der Leiter der zentralen Abteilung 1 ("Recht und Verwaltung"), Franz Josef Fischer aus der Kanzlei des früheren Saarbrücker CDU-Ministerpräsidenten Werner Zeyer, gilt nicht gerade als kompetenter Kanzlerhelfer. Immer wieder werde er, der einst von Schreckenberger engagiert wurde, von erfahrenen Staatssekretären und Ministerialdirektoren anderer Häuser ausgetrickst.
Zum Beispiel soll Fischer auch die Personalpolitik der gesamten Regierung koordinieren. Als im Innerdeutschen Ministerium im vorigen Jahr eine Abteilungsleiter-Stelle frei wurde, versuchte Fischer vergeblich den Kandidaten des Kanzleramtes durchzusetzen. Auf dem Ministerialdirektoren-Sessel landete Walter Priesnitz, bis dahin Stadtdirektor in Ahlen/Westfalen, einer aus dem Wahlkreis des Ministers Heinrich Windelen.
Vergeblich stemmt sich Amtschef Schäuble gegen Kohls Günstlingswirtschaft an. Ihm bleibt nur die Chance, durch organisatorische Verbesserungen die schlimmsten Schwachstellen zu beseitigen. So hat er schon mehrere Abteilungen neu zugeschnitten. Jüngster Fall: In der vorigen Woche verfügte er die weitere Entmachtung des Leiters der Abteilung 3 ("Innere Angelegenheiten; Sozialpolitik und Planung") des Schreckenberger-Freundes Prof. Dr. Dr. Klaus König. Schon früher hatte Schäuble König Referate und Kompetenzen weggenommen, da es dem Verwaltungswissenschaftler nicht gelungen war, sein theoretisches Wissen in praktische Arbeit umzusetzen.
Schäuble reduzierte nun die ursprünglich stark besetzte Abteilung auf zwei Gruppen, deren Leiter - an König vorbei - ihm direkt zuarbeiten. So bleibt dem Professor genügend Zeit, seiner Bonner Lieblingsbeschäftigung zu frönen: dem Besuch kulinarisch veredelter Abendveranstaltungen in den Bonner Botschaften der Bundesländer.
Schäubles Anstrengungen zum Trotz, die Arbeit des Amtes zu straffen, Kohl funkt immer wieder dazwischen. Nach dem Tokioter Wirtschaftsgipfel verlangte der Kanzler, für seinen Günstling Johannes Ludewig außer der Reihe in der Abteilung 4 ein neues Referat ("Gesamtwirtschaftliche Entwicklung Grundsatzfragen; Sonderaufgaben") zu schaffen.
Der forsche CDU-Vorsitzende der Bonner Nachbargemeinde Alfter, der seine Vorgesetzten in Kohls Gunst längst abgehängt hat, durfte die Staatsbesuche in Indien und Thailand mitmachen, er formulierte für den Kanzler wirtschaftliche Texte. Und frei nach der Führungsmethode Juliane Weber läßt auch Ludewig, wenn''s mal klemmt, die Zauberformel fallen: "Der Kanzler wünscht das so."
Eine weitere Verfügung des Wolfgang Schäuble kann jedoch Helmut Kohl und seiner Juliane Weber kaum gefallen: Der einst aus dem Kanzlerbüro geschaßte Wolfgang Burr wurde von der unwichtigen Planung befreit und - unter Fischer - zum Unterabteilungsleiter für "Personalangelegenheiten der Bundesregierung" befördert. Von dem engagierten Christdemokraten erwartet vor allem die Parteiführung im Adenauer-Haus, daß er CDU-Mitglieder an Schlüsselpositionen schleust.
Nach seiner Entlassung aus Kohls Vorzimmer war Burrs Popularität im Kanzleramt sprunghaft angestiegen. Die Bediensteten der Regierungszentrale wählten ihn zu ihrem Sprecher, zum Vorsitzenden des Personalrats.
*Werner Filmer/Heribert Schwan: "Helmut Kohl". Econ Verlag; 432 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 24/1986
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