14.04.1986

„Wir Österreicher wählen, wen wir wollen“

Der Mann, der am 4. Mai zum Präsidenten Österreichs gewählt werden möchte, hat sich und sein Land weltweit in Verruf gebracht. Kurt Waldheim, lange Generalsekretär der Uno, hat gerade jene Zeit aus seinem Lebenslauf verdrängt, in der er Hitlers Wehrmacht im Partisanenkrieg auf dem Balkan diente. Als Juden ihn deshalb angriffen, kam alter Antisemitismus hoch: Die Österreicher möchten sich ihre Lebenslüge nicht nehmen lassen.
Es ist ein sonderbares, ein unmögliches Land. Eigentlich ist es Deutschland, aber es heißt ganz anders. Eigentlich ist es berühmt wegen so hübscher Dinge wie Bergromantik und Sachertorten, tiefgrüner Seen und weißer Lipizzaner, Mozart und Mozartkugeln und einer prächtigen Schar von fast zwei Dutzend Kaisern.
Es ist ein Land verwirrender Gegensätze. Aus ihm kam der teuflische Adolf Hitler, um Deutschland zu zerstören und Europa zu verderben. Aus ihm kam aber auch der harmlose Kurt Waldheim, um die Welt als Generalsekretär der Uno durch Geschmeidigkeit am Laufen zu halten, gewiß kein Nazi und erst recht kein Kriegsverbrecher, Symbolfigur vielmehr jenes anpasserischen homo austriacus, des Schlawiners, der sich''s richtet, wie immer die Umstände sind, Strandgut der historischen Kämpfe und seelischen Krämpfe um die deutsche Nation.
Zweimal in kaum 50 Jahren waren die Österreicher trotz ihrer deutschen Zungen aus Deutschland herauskatapultiert worden: 1866 durch die Preußen, 1918 durch die Westalliierten. Damals, als das Vielvölker-Unikum der k. u. k. Monarchie zusammenstürzte, durften alle größeren Bestandteile - Tschechen, Ungarn, Rumänen, Polen, Südslawen - ihr Selbstbestimmungsrecht ausüben, nur die Deutsch-Österreicher nicht.
So hatten sie denn ein besonderes Nachholbedürfnis an deutschpatriotischer Nestwärme und warfen sich dem Hitlerismus in die Arme. Wie nachhaltig, das enthüllt völlig unerwartet die Kampagne um die Wahl des österreichischen Bundespräsidenten am 4. Mai 1986.
Gerade war ein wenig in Vergessenheit geraten, daß das kleine, gemütliche Alpen-Dorado Österreich eine Republik voll großer, häßlicher Skandale ist (SPIEGEL 35/1985), gerade hatten die italienischen Winzer mit ihrem Todeswein den österreichischen Glykoltropfen noch übertrumpft, da zwang Kurt Waldheim der zweiten österreichischen Republik unversehens die bislang quälendste, rufschädigende Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit auf. Denn Kurt Waldheim hatte in seinen Biographien einiges verschwiegen - vor allem, daß er als Stabsoffizier der Wehrmacht im Krieg auf dem Partisanenkampfplatz Balkan stationiert war.
Im letzten Monat prangerte daraufhin Israel Singer, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses und österreichischer Abkunft, den Kandidaten Kurt Waldheim als Nazi und Kriegsverbrecher an und drohte Österreich für den Fall der Wahl mit Konsequenzen - eine grobschlächtige, ungeschickte Darstellung.
Doch in der Karwoche gab Michael Graff, Generalsekretär der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP), deren Kandidat Kurt Waldheim ist, die Antwort. Er warnte vor "antisemitischen Emotionen, die wir alle nicht haben wollen - und löste sie damit erst richtig aus.
Wenig später bezeichnete Graff "die verblendeten Funktionäre des Jüdischen Weltkongresses und ihre gewissenlosen österreichischen Handlanger in der Umgebung des (sozialistischen) Kanzlers Sinowatz" als Urheber der "beispiellosen Verleumdungskampagne gegen Dr. Waldheim".
"Infame Niedertracht", "Menschenjagd", "Psychoterror", holzte der sonst farb- und glücklos agierende ÖVP-Parteichef Alois Mock hinterher. Auf Waldheims Wahlplakate wurde die Trotzparole "Jetzt erst recht" geklebt.
An Ostern, dem höchsten katholischen Feiertag, gingen vollständig neue Plakate in Druck. Auf grellgelbem Grund, der viele gleich an die Farbe der Judensterne erinnerte, verschärften die Waldbeim-Anhänger ihren Appell an Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus ihrer Landsleute nochmals: "Wir Österreicher wählen, wen wir wollen" - das zweite "wir" deutlich unterstrichen.
Die Österreicher begriffen: Nicht die Juden in New York sollten bei ihnen das Sagen haben.
Die bürgerliche Tageszeitung "Die Presse" schrieb, daß "schlummernde Primitivgefühle wiedererweckt worden seien - aber keineswegs durch die ÖVP.
Gemeint war vielmehr Israel Singer. Er hatte Waldheim im Fernsehen einen "Lügner", "Nazi und "Unwürdigen" genannt. Wer auf diese "primitivste Weise die Österreicher provoziere, müsse
Antisemitismus "zwangsläufig hervorrufen", stellte die "Presse" fest.
Das Parteiorgan der ÖVP, das "Neue Volksblatt", formulierte noch schärfer. Schlagzeile am 28. März: "Das Blut an den Fingern israelischer Politiker! - Offenbar kein Thema für den Jüdischen Weltkongreß".
Auf der Welle des Antisemitismus prophezeite das Massenblatt "Neue Kronen-Zeitung" einen "triumphalen Wahlsieg'' Waldheims am 4. Mai.
Eine unter Verschluß gehaltene Meinungsumfrage signalisierte dem Kandidaten Waldheim mehr Zustimmung als je zuvor: 65 Prozent der Wähler hätte er hinter sich scharen können, wenn bereits vorletzte Woche gewählt worden wäre.
So überzogen die Urteile, so maßlos die Hysterie in und um Österreichs fatale Präsidentenwahl in diesen Wochen scheinen mögen, so schrill das Geschrei und erschreckend die Tiraden für und gegen den Kandidaten in einem Wahlkampf klingen, in dem es nicht einmal um die Macht im Staate, eher um eine Repräsentationsfigur geht, sehr überraschen kann das alles nicht.
Denn nicht allein der nie und nirgends dabeigewesene Kandidat wird nunmehr von seiner Vergangenheit bedrängt. Die So weit weggeschobene Vergangenheit hat jäh ganz Österreich eingeholt.
Anno 45 ersparten sich die Österreicher ihre Stunde Null, weil aus besonders eifrigen Mittätern durch die Gunst der Stunde plötzlich unschuldige Opfer geworden waren.
"Worum es wirklich geht, ist das Selbstverständnis dieses Landes, sein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, die Unfähigkeit, mit der lange und liebevoll gehätschelten Lebenslüge aufzuräumen. Österreich hatte zu den ersten Opfern Hitlerdeutschlands gezählt. Diese Lüge ist eine der tragenden Säulen der Nachkriegsgeschichte Österreichs, eine Tatsache, an der alle drei Parlamentsparteien in diesem Land Schuld tragen. Und das rächt sich jetzt ganz fürchterlich", schreibt Martin Pollack vom linken "Wiener Tagebuch".
In einer Gesellschaft, in der "das Aufdecken der Vergangenheit schon immer ein größeres Verbrechen war als die Untaten der Hitlerei selbst", so der Wiener Zeitgeschichtler John Bunzl, mag sich natürlich kaum jemand daran erinnern, daß die charmant-neutrale "Insel der Seligen" des jüdischen Weltmannes Bruno Kreisky der Nazibarbarei besonders viele Schergen für den Vollzug ihrer Verbrechen lieferte und auch noch die wichtigsten geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus; ebensowenig daran, daß im walzer- und weinseligen Wien dazu noch ein eigenständiger Austrofaschismus ausgebrütet wurde.
In diesem Land hegt auch nach neuesten Untersuchungen noch weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung antisemitische Gefühle, zwischen Alpen und Donau blühen etwa ein halbes Hundert rechtsextremer Vereine und Bünde - und das sind keineswegs nur spinnerte Sektierer, die in einer Masse aufrechter Demokraten verschwinden.
Es ist durchaus nicht immer nur ein stiller Faschismus. "Krieg fordert allezeit Opfer: Tote, Verwundete, Gefangene. Das hätte das Weltjudentum bedenken müssen, als es Deutschland den Krieg erklärte." Diese irre Deutung des Holocaust findet sich nicht auf einem heimlichen Flugblatt, sondern in der "Bundesturnzeitung", dem amtlichen Mitteilungsorgan des öffentlich subventionierten "Österreichischen Turnerbundes" (75000 Mitglieder).
"Es sei aber auch daran erinnert, daß es Freiwillige aus fast allen Staaten Europas waren... die im Zweiten Weltkrieg die Kultur des Abendlandes gegen den Ansturm aus dem Osten verteidigt haben - so das Bild der SS in "Der Kamerad", dem Verbandsorgan des Österreichischen Kameradschaftsbundes (etwa 300000 Mitglieder, davon 50000 unter 30 Jahren).
Es war auch nicht etwa purer geographischer Zufall, daß gerade Österreich der Welt den Adolf Hitler bescherte. Das Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts lieferte dem Verderber des 20. die
Grundlagen seiner krausen Ideen: den deutschtümlerischen Chauvinismus, den krankhaften Arier- und Rassenwahn, den extremen Antisemitismus.
Der Sekretär des späteren christsozialen österreichischen Kanzlers Ignaz Seipel, August Maria Knoll, brachte dies 1937 auf die Formel: "Der Nationalsozialismus ist jene Bewegung, die das preußische Schwert der österreichischen Narretei zur Verfügung gestellt hat."
Hitler selbst schilderte es so: "Ich kam als 17jähriger Mensch nach Wien... Ich ging von Wien weg als absoluter Antisemit."
Einschlägige Erkenntnisse vermittelten Hitler die Schriften des deutschnationalen Abgeordneten im Wiener Reichsrat Georg Ritter von Schönerer aus Wien, der so antiklerikal ("Los von Rom!") wie antisemitisch war und seine Gefolgschaft mit dem Reim einstimmte: "Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei."
"Wer a Jud ist, bestimm i", dekretierte ein anderer Wiener Antisemit jener Jahre, der nach Hitlers Urteil "gewaltigste deutsche Bürgermeister aller Zeiten", Karl Lueger: "Die Juden sind der Lindwurm, der die Deutschen in Fesseln geschlagen hat. Dieser Lindwurm muß erlegt werden."
In der Hauptstadt der Vielvölker-Monarchie, in der um die Jahrhundertwende etwa 170000 der 1,2 Millionen Juden des Habsburgerreiches lebten, hatten alle studentischen Burschenschaften einen Arierparagraphen. Der Antisemitismus galt in diesen Kreisen vor allem der akademischen und intellektuellen Konkurrenz, fanden sich doch unter den Wiener Juden Namen wie Sigmund Freud, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Gustav Mahler, Stefan Zweig und Theodor Herzl.
Es wurde auch nicht anders, als die großflächige Donaumonarchie zur kleinen Alpenrepublik verkümmerte. Die nannte sich "Deutsch-Österreich" und betrachtete sich laut einstimmigem Beschluß der Nationalversammlung vom 12. November 1918 als "Bestandteil der Deutschen Republik". Die Siegermächte verboten jedoch den Anschluß. Ihre übelsten Traditionen retteten die Österreicher in den "Staat, den keiner wollte" (so der Autor Hellmut Andics) mit hinüber.
Der christlichsoziale Kanzler Seipel wollte die neue Republik "ganz gründlich von den Juden scheiden". Sein Parteifreund Leopold Kunschak wußte auch gleich wie. Er forderte 1919 "die sofortige Abschiebung aller seit August 1914 eingewanderten Juden", in jenen Fällen, in denen dies nicht möglich sei, ihre "allgemeine Internierung in Flüchtlingslagern" - der grausigen Wirklichkeit 20 Jahre voraus.
Daß derselbe Leopold Kunschak nach 1945 dann erster Parlamentspräsident der Zweiten Republik werden konnte, unterstreicht die Verdrängungskraft der Österreicher, der auch der Kandidat Kurt Waldheim erliegt, wenn er seine blaßbraunen Flecken mit dem eifrigen Bekenntnis wegzuwischen sucht, daß er und seine Familie ja überzeugte Anhänger des christlichsozialen Kanzlers Kurt Schuschnigg gewesen seien.
Schuschnigg stand jenem Ständestaat vor, der in den dreißiger Jahren den europäischen Faschismus um eine eigene österreichische Abart bereicherte. Tausende politische Gegner in Anhaltelager sperrte, einige sogar hängen ließ. Seine bewaffneten Heimwehr-Verbände liefen 1938 zum Teil geschlossen zu den Nazis über.
Als im März 1938 endlich der Anschluß kam, nach heutigem amtlichen Geschichtsverständnis die brutale Vergewaltigung Österreichs durch Hitler, wehrte sich niemand. Schuschnigg, von seinen Parteifreunden heute als Widerständler gegen Hitler gefeiert, kroch mit einer liebedienerischen Ergebenheitsadresse an den Führer zu Kreuz. Der Sozialist Karl Renner, Kanzler zu Beginn der Ersten wie der Zweiten Republik, forderte seine Genossen und Landsleute auf, bei einer Volksabstimmung mit "Ja" für den Anschluß zu stimmen, da der "ein geschichtlicher Fortschritt" sei. Seinen Segen dazu gab auch Wiens Kardinal Innitzer.
Die Nazis zählten dann auch 99,73 Prozent Ja-Stimmen. Mögen es in Wahrheit und von Herzen nur 60 Prozent gewesen sein, wie Renner nach dem Krieg meinte - jene halbe Million Ostmärker, die am 15. März auf dem Wiener
Heldenplatz wie im Delirium dem Führer Adolf Hitler zujauchzten, sind immer noch die größte Menschenmenge, die je in Österreich an einem Ort zusammenkam - zu Füßen eines Reiterstandbilds des Erzherzogs Karl ("Dem beharrlichen Kämpfer für Deutschlands Ehre").
Die nur etwas über acht Prozent Ostmärker im Reich stellten von Anfang an einen weit überproportionalen Anteil am Personal von Hitlers Kriegs- und Vernichtungsmaschine. In einer Dokumentation, die Simon Wiesenthal, Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, 1966 dem damaligen Bundeskanzler Klaus zustellte, wird nachgewiesen daß "Österreicher während der NS-Zeit am Tod von etwa drei Millionen Juden schuldig wurden".
Kurz nach dem Anschluß kam Adolf Eichmann, selbst Österreicher, aus München nach Wien und organisierte dort die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Österreich wurde zum Exerzierfeld für die Judenverfolgung im Dritten Reich. Die jüdische Bevölkerung Wiens sank bis Ende 1939 von 220000 auf weniger als 70000. Juden wurden vom Nazimob gezwungen, mit Zahnbürsten die Straße zu schrubben. "Gegen die Kristallnacht von Wien war die in Berlin ein gemütliches Weihnachtsfest", urteilt Simon Wiesenthal. Das Kriegsende erlebten noch etwa 200 Wiener Juden.
Chef des berüchtigten Reichssicherheitshauptamtes wurde nach dem Tod Reinhard Heydrichs der Österreicher Ernst Kaltenbrunner. Überall, wo es um die infernalische Endlösung ging, wimmelte es von Ostmärkern: *___Franz Novak, Eichmanns Transportchef, organisierte die ____Verfrachtung von 1,7 Millionen Juden in ____Vernichtungslager. *___Der Österreicher Odilo Globocnik organisierte die ____Juden-Vernichtung im Gebiet von Lublin, die in Galizien ____sein Landsmann Gustav Wächter (der nach dem Krieg im ____Vatikan untertauchte und dort unter falschem Namen ____starb). *___SS- und Polizeiführer im besetzten Warschau wurde der ____Österreicher Dr. Sammern-Frankenegg. *___Die Gettos von Wilna und Riga "säuberten" die Ostmärker ____Franz Murer und Eduard Roschmann. *___Die Brüder Anton und Alois Brunner leisteten die ____Vernichtung der Juden in Österreich, Griechenland und ____der Slowakei. *___Hermann Krumey transportierte Ungarns Juden in die ____Gaskammern. Theodor Dannecker war für die Juden in ____Paris zuständig. *___In den Konzentrationslagern Theresienstadt, Treblinka, ____Plaszow kommandierten Ostmärker. *___Für die Juden-Verfolgung in Holland, der über 110000 ____Menschen zum Opfer fielen, war der Grazer Erich ____Rajakowitsch zuständig.
In der Ostmark gab es verhältnismäßig mehr Mitglieder der NSDAP als im übrigen Reich - etwa zehn Prozent der Bevölkerung (sieben Prozent im "Altreich"). Das traditionell deutschnationale Kärnten etwa galt mit über 46000 Parteigenossen als "des Führers treuester Gau". Aber auch 40 Prozent der Wiener Philharmoniker glaubten nicht ohne Parteibuch geigen und flöten zu können.
1945 wollte es dann keiner gewesen sein. Gierig griffen die Österreicher nach dem ihnen von den Alliierten in der sogenannten Moskauer Erklärung von 1943 ausgestellten Persilschein, sie seien das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggression gewesen. Nun waren "die Deutschen" allein für alles Böse verantwortlich. Den Österreichern gelang es 1955 buchstäblich in letzter Stunde, einen Mitverantwortungshinweis aus dem Staatsvertrag mit den Kriegsalliierten zu entfernen, der das befreite Österreich dann im Gegensatz zu Deutschland auch von seinen Besatzern befreite: felix Austria.
Die totale Verdrängung geriet zur nationalen Tugend. "Die Österreicher haben sich verhalten wie ertappte kleine Kinder, die ihre Schuld sofort auf andere abwälzen", meint der Wiener Historiker Karl Stuhlpfarrer. "Eine Aufarbeitung der eigenen Schuld konnte daher nie stattfinden."
In den ersten Wochen seiner Provisorischen Regierung verkündete der von Stalin selbst gekürte Kanzler Renner _(Bislang unveröffentliches Photo, das der ) _(Zeitung "To Vima" in Athen zugespielt ) _(wurde; mit General Gyldenfeldt (2), ) _(Oberstleutnant i.G. Willers (3) und ) _(General Felmy (4) im Hotel "Grande ) _(Bretagne". )
noch, die Nationalsozialisten sollten "nach demselben Ausnahmerecht behandelt werden, das sie selbst den anderen aufgezwungen haben". Dies wurde, erkennbarer Unsinn, schnell vergessen: Über 600000 Österreicher, zehn Prozent der Bevölkerung, hätten drakonisch bestraft werden müssen.
Schon im Spätherbst 1945 wollte die christlichsoziale ÖVP die Nazis, die zunächst das Wahlrecht verloren hatten, wählen lassen. Kommunisten und auch die Sozialisten, die sich daraus damals noch zu recht wenig Zuwachs erwarten konnten, lehnten ab. Doch die ÖVP, deren Spitzenfunktionär Alfred Maleta forderte, "das Erforschen der Vergangenheit den Professoren zu überlassen", plakatierte ihr Verlangen, köderte so die Angehörigen und gewann die Wahl.
Das Wählerpotential von gut einer halben Million, mit Angehörigen mindestens doppelt so viele, wurde fortan wichtiger als die von Besatzern und Regierung verordnete Entnazifizierung, 1949 durften die Parteigenossen wieder wählen, gut neun Zehntel von ihnen hatten als Minderbelastete ohnedies schon die Generalabsolution bekommen. Vom Rest der gut 40000 Belasteten wurde etwa die Hälfte vor Gericht gestellt. Heraus kamen in den folgenden Jahren über 13000 Schuldsprüche.
Eine vollständige Säuberung etwa der Bürokratie von Nationalsozialisten wäre unmöglich gewesen, da bei konsequenter Durchsetzung "ein Viertel der Bevölkerung direkt oder indirekt betroffen" gewesen wäre, so der Historiker Oliver Rathkolb. Es hätte kaum noch Beamte, Lehrer, Richter und Professoren gegeben.
Am gleichen Dilemma scheiterte die ursprüngliche Absicht der Amerikaner, in Österreich mit allen faschistischen Relikten aufzuräumen, einschließlich des Austrofaschismus: Da hätten sie noch die halbe Regierung und einen gut Teil des Parlaments entfernen müssen.
Außerdem ließ der beginnende kalte Krieg das Interesse an der Entnazifizierung schwinden. Die Nazis konnten nützlich sein gegen die Kommunisten. "Die Entnazifizierung wurde zugunsten einer hastigen Reintegration sowohl der kleinen wie der großen Nazis als Mittel zur Stärkung des antisowjetischen Potentials des Westens fallengelassen", schreibt der US-Historiker Knight. Die Denazifizierung wandelte sich vielerorts zur Renazifizierung.
Bei den Sozialisten wurde der "Bund Sozialistischer Akademiker" (BSA) zu einem Hort der Gestrigen, und in Kärnten fand die Mehrheit der antiklerikalen Nazis Aufnahme bei den antiklerikalen Sozialisten. NS, früher für Nationalsozialisten, stand nun für Neusozialisten.
Um den Konservativen, die sogar mit ehemaligen Nazigrößen um Stimmblöcke schacherten, gleichwohl die große Masse der Nazis abspenstig zu machen, förderte der sozialistische Innenminister Oskar Helmer vor den Wahlen von 1949 gegen den Widerstand der Westalliierten, aber eigenartigerweise mit Hilfe der Sowjets, die Gründung einer neuen vierten Partei - des Verbandes der Unabhängigen (VdU).
Dieses Sammelbecken der Ehemaligen, stets geführt von mehr oder minder prominenten Nazis, erreichte gleich beim ersten Mal zwölf Prozent, bevor es an inneren Streitigkeiten ein- und in der Freiheitlichen Partei (FPÖ) aufging, die heute mit den Sozialisten in der Regierung sitzt.
Der langjährige FPÖ-Chef Friedrich Peter, vorletzte Woche als Abgeordneter in den Ruhestand getreten, bekannte sich stets zu seinem freiwilligen Eintritt in die SS. Er diente als Obersturmführer in einer Einheit, die an Massenexekutionen von Juden in der Sowjet-Union beteiligt war.
Der frühere Parteichef Alexander Götz, der es zum Bürgermeister von Österreichs zweitgrößter Stadt Graz brachte, denkt noch heute laut wie einst bei der Hitlerjugend.
Der Kärntner FPÖ-Spitzenfunktionär Otto Scrinzi, einstiger SA-Sturmführer,
der laut eigenem Bekenntnis "immer rechts stand, auch in der NSDAP", kandidiert als unabhängiger "nationaler Kandidat" gegen Waldheim bei den Präsidentschaftswahlen - genug Unterschriften für die Kandidatur bekam er.
FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager verdiente sich den Beifall der Gestrigen durch die offizielle Begrüßung des 1985 aus italienischer Haft entlassenen Kriegsverbrechers Walter Reder.
Auch Österreichs Sozialisten, die in den letzten Wochen Waldheims unfreiwillige Vergangenheitsbewältigung durch gezielte Informationen in Gang zu setzen halfen, haben Spitzengenossen mit brauner Tradition.
Der Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner brüstet sich, ein "hochgradiger Hitlerjunge gewesen zu sein. BSA-Genossen, denen der eigene Kandidat und auch Waldheim zu links sind, unterschrieben für Rechtsaußen Scrinzi.
Und der Jude Bruno Kreisky, einsame Spitze unter den Nachkriegspolitikern Österreichs, entzückte Österreichs Antisemiten nicht nur, als er die Juden ein "mieses Volk" nannte. Er bestätigte alle Vergangenheitsverdränger, indem er die sozialistischen Minister seiner verschiedenen Regierungen mit einem halben Dutzend Ex-Nazis garnierte, dem SS-Mann Hans Öllinger etwa, den er zum Landwirtschaftminister machte, oder dem SA- und NSDAP-Mitglied Otto Rösch, der an einer der Nazi-Eliteschulen (Napola) unterrichtet hatte und der Republik als Innen- und Verteidigungsminister dienen durfte.
"Kurtis Kameraden", wie das Szeneblatt "Wiener" solche Politiker mit NS-Vergangenheit nannte, sind gewiß keine Nazis mehr. Sie weichen nur, wie das ganze Land, der jüngeren Geschichte aus, leben mit der Lüge, nirgendwo dabeigewesen zu sein und nichts getan zu haben, dessen sie sich womöglich schämen müßten.
Insofern dienen sie natürlich jenen wahren Faschisten, Neonazis und Ewiggestrigen als Alibi, die sich in Österreich offener darstellen als in anderen Ländern. Deren Leitfigur Norbert Burger erreichte 1980 bei den Präsidentschaftswahlen fast 141000 Stimmen - 3,2 Prozent aller gültigen Stimmen, in einzelnen Orten mehr als zehn Prozent.
In ihren Publikationen findet sich Nazi-Närrisches zu allem und jedem: _____" Das Deutschtum in Österreich soll vernichtet werden, " _____" damit der Weg frei wird für den Vormarsch des " _____" Panslawismus ("Klartext", Zeitung der NDP). " _____" Österreich ist ein Eldorado für Ausländer, die in " _____" Ihren Heimatländern überflüssig sind, weil sie entweder " _____" nichts können, oder weil bei ihnen sonst etwas nicht " _____" stimmt ("Das Neue Wort", Organ der "Volkssozialistischen " _____" Bewegung Österreichs"). " _____" Partisanen, außerhalb des Völkerrechts stehende " _____" Plünderer und Mörder, werden mit Dankadressen geehrt - " _____" hört niemand einen Aufschrei der Empörung? ("Der Junge " _____" Bund", Zeitschrift der Turnerjugend). "
In einem solchen Umfeld findet der Autor eines "Heimatbuches" über "Das tausendjährige Mauterndorf" noch 1967 nichts dabei, unter den zwölf Ehrenbürgern des Ortes den 11. so zu preisen: "Hermann Göring war viele Jahre ein aufrichtiger Freund Mauterndorfs. Er hat der Marktgemeinde beim Bau der Hochquellenwasserleitung durch die Beschaffung der notwendigen Rohre große Dienste erwiesen. Und als 1985 das niederösterreichische Deutsch-Wagram zur Stadt erhoben wurde, freute sich Festschriftautor Professor Otto Schilder: "1984 ist die Stadt Deutsch-Wagram judenfrei."
Wen wundert''s, wenn Zeitungen und Magazine, die aus Anlaß des Falles Waldheim zur Vergangenheitsbewältigung aufrufen, nun massenweise Leserbriefe bekommen, in denen sie als "Judenschweine tituliert werden. "Gebt''s endlich a Ruah", "Hert''s mit dem oltn Bledsinn auf" ist der Tenor.
Helmut Qualtinger hat vor fast drei Jahrzehnten in einem Monolog seines "Herrn Karl" die Vergangenheitsbewältigung nach Wiener Art beschrieben: _____" Da war a Jud im Gemeindebau, a gewisser Tennenbaum... " _____" sonst a netter Mensch... da ham''s so Sachen gegen de Nazi " _____" g''schrieben g''habt auf de Trottoir... und der Tennenbaum " _____" hat des aufwischen müaßn... net er allan... de andern " _____" Juden eh aa... hab i ihm hing''führt, daß ers aufwischt... " _____" Nachn Kriag is er z''ruckkumma, der Tennenbaum. Is " _____" eahm eh nix passiert... Hab i ihm auf der Straßen " _____" troffen. I gries eahm freundlich: "Habediehre, Herr " _____" Tennenbaum!" Der hat mi net ang''schaut. Hab i ma denkt... " _____" na bitte, jetzt is er bees... Dabei - irgendwer hätt ''s " _____" ja wegwischen müaßn... "
Viel anders hört sich''s beim Herrn Kurt letzlich auch nicht an, ein bißchen gebildeter halt.
Daß sein Ex-Freund Bruno Kreisky dem Kandidaten Waldheim nun vorwirft, er habe "sein ganzes Leben auf einer Lüge aufgebaut", ist ein bißchen unfair, denn der Kanzler Kreisky hat die Lebenslüge des ganzen Landes durchaus gefördert. "Wenn endlich Gras über eine Sache gewachsen ist, kommt so ein Kamel daher und frißt es wieder weg", pflegte er Debatten über Österreichs Vergangenheit zu kommentieren.
Waldheim hat gerade seine Lebenslüge, die ihn nun einholt, früher so hoch hinauf gebracht: Hätte er die für ihn heute "uninteressanten" Stationen seiner Wehrmachtskarriere nicht so konsequent aus allen Lebensläufen weggelassen, wäre er mit Sicherheit nie Generalsekretär der Uno geworden. Auch ohne bewiesene persönliche Schuld wäre ein NS-Student, SA-Reiter und Stabsoffizier im Partisanenkrieg niemals zum Kandidaten für das höchste Uno-Amt aufgestiegen.
Und wenn Kurt Waldheim als Argument für die offensichtliche Haltlosigkeit aller Vorwürfe gegen ihn immer wieder ins Feld führt, seine Vergangenheit sei vor seiner Uno-Wahl doch bestimmt von West und Ost-Geheimdiensten penibel untersucht worden, so kann dies freilich auch einen ganz anderen Sinn machen: "Vielleicht", vermutete vor zwei Wochen die "New York Times", "hielten die Supermächte ihr Wissen für nützlich, um Waldheim unter Kontrolle zu halten." Doch nur zwei
Geheimdienste wußten mit Sicherheit Bescheid - Jugoslawiens UdBA und Moskaus KGB.
Im Westen wurde Waldheim nach Kriegsende keineswegs so genau überprüft, wie er glauben machen möchte. Gesichert ist nur, daß gegen Waldheim ein Entnazifizierungsverfahren eingeleitet wurde. Da er als Minderbelasteter galt, wurde es - wie bei Hunderttausenden anderen Österreichern auch - nach seiner Anstellung als Sekretär des Außenministers Karl Gruber nie abgeschlossen.
Die Amerikaner hatten gegen Waldheim keine Bedenken, da er schon damals seine in NS-Dokumenten festgehaltene Zugehörigkeit zur SA und dem Nationalsozialistischen Studentenbund auf eine Mitgliedschaft zum NS-Reiterkorps zu reduzieren verstand. Als er sich 1971 um den Generalsekretärsposten bei der Uno bemühte, teilten die US-Stellen offenbar eine Überlegung, die auch Nazi-Jäger Simon Wiesenthal anstellte: Die Sowjets würden wohl niemanden als Uno-Generalsekretär dulden, wenn auch nur die geringste NS-Belastung vorhanden wäre.
Doch seit dem 18. Dezember 1947 wurde Waldheim von der Jugoslawischen Kommission für Kriegsverbrechen als Nummer 724 auf einer Liste von 791 mutmaßlichen Kriegsverbrechern geführt. Waldheim wird in diesem Dokument - Akte F/25572 - mit Morden, Massakern, Geiselerschießungen und dem Niederbrennen von Siedlungen in Verbindung gebracht.
So abwegig die Beschuldigungen auch klingen, so sehr die namentlich angeführten Belastungszeugen in der Kriegsgefangenschaft in Bedrängnis gewesen sein mögen: Als Druckmittel eigneten sich Akten dieser Art allemal - nicht nur für Belgrad.
"Selbstverständlich", erinnert sich Milovan Djilas, bis 1954 zweiter Mann nach Tito, "hatte die Sowjet-Union damals jede Möglichkeit, in Jugoslawien alle Akten einzusehen und zu kopieren." Auch nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin im Juni 1948 war es für den sowjetischen Geheimdienst "ein leichtes, alle gewünschten Unterlagen zu bekommen", so Djilas zum SPIEGEL.
Leichten Zugang hatte die sowjetische Besatzungsmacht auch in Wien zu den Entnazifizierungspapieren, zu den Akten im Justiz- und Außenministerium, wo - laut Waldheim fälschlicherweise - seine Mitgliedschaft in SA und NS-Studentenbund vermerkt sind.
Der namhafte Militärschriftsteller Janusz Piekalkiewicz ist "überzeugt, daß das KGB von den Kriegsverbrecher-Akten und Waldheims Nazi-Verbindungen nicht nur wissen konnte, sondern auch tatsächlich gewußt hat. Die Sowjets wußten schon etwas damit anzufangen, wenn sie die Schwächen eines so ehrgeizigen Menschen wie Waldheim kannten".
Der Sowjet-Union, die bei den Mehrheitsverhältnissen in der Uno nie eine Chance hatte einen eigenen Kandidaten durchzubringen, die aber dauernd schwere Konflikte mit ihr wenig freundlich gesinnten Uno-Chefs wie Dag Hammarskjöld hatte, konnte in einem Kandidaten wie dem geschmeidigen Wiener Waldheim mit lückenhaftem Lebenslauf nur einen Glücksfall sehen.
Waldheim verdankt es der Sowjet-Union, daß er 1971 ins höchste Amt der Uno gewählt wurde. Der sowjetische Delegierte legte bei den anderen Kandidaten, die in die engere Wahl kamen, sein Veto ein: Gegen den favorisierten und selbstbewußten finnischen Uno-Botschafter Max Jakobson hatte kein anderes Land etwas einzuwenden - ebensowenig wie gegen den argentinischen Uno-Mann Ortiz de Rozas.
Nur gegen Waldheim stimmten zunächst Großbritannien und China. Als die beiden Länder sich jedoch im dritten Wahlgang der Stimme enthielten, war der Weg für den Österreicher frei.
Waldheims Teilnahme als deutscher Offizier am Rußlandfeldzug war bekannt, seine Wahl - nur 26 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs - wurde als Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung gewertet.
Moskau, schrieb die "Süddeutsche Zeitung", habe in Waldheim "besonderes Vertrauen", weil er 1968 nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag erklärt hatte, das Nachbarland Österreich fühle sich dadurch nicht bedroht. Was Waldheim damals als Außenminister wirklich anordnete, war bisher nicht bekannt (siehe Kasten Seite 148).
Der britische "Guardian" argwöhnte: "Es besteht der Verdacht, daß die Sowjet-Union Waldheim zuließ, weil sie ihn für vorsichtig und fügsam hält."
Bei einem Besuch in Belgrad verlor Waldheim kein Wort über das Land, das er so gut kannte. Staatschef Tito überreichte Waldheim trotzdem einen der höchsten jugoslawischen Orden. Waldheim ist damit weltweit wohl der einzige, der sich sowohl mit einem kommunistischen _((c) Manfred Deix/"Titanic" )
wie auch mit einem faschistischen Orden aus Jugoslawien schmücken kann: 1942 hatte er wie viele deutsche Soldaten vom Nazi-Marionettenstaat Kroatien den Kronorden des Königs Zvonimir erhalten - rein routinemäßig, wie er sagt.
In New York umgab sich der Uno-General gern mit Landsleuten Titos. Völlig überraschend machte er den Jugoslawen Rudolph Stajduhar - in seiner Heimat ein unbekannter Provinzjournalist - zu seinem Pressesprecher. Stajduhar zählte während der Uno-Zeit Waldheims zu dessen engsten Vertrauten.
Auch die Sowjet-Union fühlte sich von Waldheim, der offiziell für die Besetzung der etwa 4000 Uno-Jobs verantwortlich war, gut bedient. Während seiner Amtszeit erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten aus der Sowjet-Union im Generalsekretariat auf über 250.
Bei seinen Besuchen in der Sowjet-Union erhielt Waldheim von der Regierungszeitung "Iswestija" stets das gleiche Lob: "Er erhöhte die Effektivität der Uno." Im ebenfalls routinemäßig publizierten Lebenslauf wurde die Kriegszeit Waldheims, seine Teilnahme am Rußlandfeldzug, mit keinem Wort erwähnt.
Daß Waldheim gern und so oft Ostblockstaaten besuchte, erklärten wohlgesinnte Mitarbeiter in seinem Stab mit seiner Vorliebe für Repräsentation. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wurde er in den Oststaaten stets wie ein Staatsoberhaupt empfangen. "Mit leuchtenden Augen", erzählt ein früherer Vertrauter Waldheims, "hat er bei seiner Rückkehr vom Zeremoniell erzählt."
Als sich Waldheim 1981 auch noch um eine dritte Amtsperiode als Uno-Generalsekretär bewarb, sagte Moskaus damaliger Uno-Botschafter Oleg Trojanowski: "Waldheim paßt uns wie ein alter Schu h."
Nur weil China unbedingt neue Stiefel wollte und sein Veto gegen Waldheim auch nach 16 Wahlgängen nicht zurückzog, ist der Österreicher, der in der Uno seine zehn Amtsjahre lang "Mister Pudding" hieß, heute nicht mehr Uno-Chef.
So sehr sich Moskau in New York für Waldheim einsetzte, so zurückhaltend verhält sich die Sowjet-Union, seit Details aus Waldheims Vergangenheit veröffentlicht wurden. Das Parteiorgan "Prawda" schweigt dazu - wie fast alle Zeitungen des Ostblocks. Sogar Österreichs kommunistische "Volksstimme", die auch in Moskau verkauft wird, hält sich vornehm zurück. Dabei tut sich das Blatt üblicherweise bei der Verfolgung von alten Nazis besonders hervor, selbst wenn es sich nur um Lokalpolitiker handelt.
Vergangene Woche äußerte sich der Chefredakteur der "Prawda", Wiktor Afanasjew, in einem Interview in der Wiener Tageszeitung "Die Presse": "Die Österreicher müssen selbst über ihren Präsidenten entscheiden. Wir werden den Gewählten respektieren."
Waldheim und seine Wahlhelfer erklären seit Wochen kategorisch, daß die "Verleumdungskampagne in sich zusammengebrochen ist", nachdem der Jüdische Weltkongreß eine angekündigte Pressekonferenz kurzfristig abgesagt hatte. Dabei war das auf ausdrücklichen Wunsch jüdischer Freunde in Wien geschehen, die ein weiteres Anheizen der antisemitischen Stimmung fürchten.
Als vergangene Woche ein Dokument auftauchte, das belegt, daß Waldheims Abteilung im Krieg von den Judendeportationen aus Griechenland gewußt haben muß, berichteten zwar fast alle großen internationalen Zeitungen ausführlich darüber, in Österreich ging aber nur das Nachrichtenmagazin "Profil" näher darauf ein.
Dafür erhielt in den letzten Tagen jeder österreichische Haushalt die Broschüre: "So wollten sie Kurt Wahlheim fertigmachen!" Darin heißt es: "Das ist die Wahrheit - der bekannte Militärhistoriker Professor Fleischer von der Universität Kreta sagt, Waldheim sei unschuldig."
Fleischer dazu: "Das ist eine Schweinerei. Waldheim war beim Ende der Besatzungszeit 1944 der bestinformierte Wehrmachtsoffizier in Griechenland. Der von Waldheim als Entlastungszeuge angeführte Fleischer ist davon überzeugt, daß Waldheim nach der Kapitulation der Italiener im September 1943 "auch an Verhören gefangener italienischer Offiziere teilgenommen hat".
Dabei geht es nach wie vor nicht etwa um den Vorwurf, daß Waldheim selbst Kriegsverbrechen begangen habe, sondern nur um seine Wahrnehmungsfähigkeit. Er will Partisanen nicht gesehen, von Judendeportationen nichts gehört, Kriegsgefangene nicht verhört haben.
Vorige Woche bekamen österreichische und israelische Beamte im Uno-Archiv Zugang zur Waldheim-Akte, eine von 40000 Dossiers. Mehr als die jugoslawische Kriegsverbrecher-Akte war darin offenbar nicht enthalten.
Kurt Waldheim, zehn Jahre lang Uno-Generalsekretär: "Ich wußte nicht mal was von der Existenz der Akte."
Bislang unveröffentliches Photo, das der Zeitung "To Vima" in Athen zugespielt wurde; mit General Gyldenfeldt (2), Oberstleutnant i.G. Willers (3) und General Felmy (4) im Hotel "Grande Bretagne". (c) Manfred Deix/"Titanic"

DER SPIEGEL 16/1986
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