27.01.1986

ZWANGSARBEITERIn Zugzwang

Erstmals öffnet Daimler-Benz die Werksarchive: Der Konzern läßt seine NS-Verstrickungen erforschen. *
Erst kaufte sich die Daimler-Benz AG, mit dem Erwerb von MTU, Dornier und AEG, in die Zukunft ein. Nun bewältigt der Konzern Vergangenheit.
Die allgemeine Empörung über Flick hat die Autobauer aufgestört. Der Flick-Konzern hatte sich jahrelang geweigert, für die Untaten an ehemaligen KZ-Zwangsarbeitern Entschädigung zu zahlen. Erst nach dem Verkauf an die Deutsche Bank will die Firmengruppe das alte Unrecht nun pauschal mit fünf Millionen Mark abgelten (SPIEGEL 3/1986).
Neun Tage vor dem 100jährigen Firmenjubiläum trat Daimler-Benz, am Montag voriger Woche, die Flucht nach vorn an: Noch vor Ablauf des Jubeljahres wollen die Untertürkheimer, so ihre Ankündigung, eine ungeschönte Geschichte der Mercedes-Schmiede unterm Hakenkreuz veröffentlichen.
Zudem dürfen Daimlers ehemalige Arbeitssklaven, soweit sie noch am Leben sind, auf "Entschädigung" hoffen. Ganz "spontan" (Firmensprecher Bernd Gottschalk) wurden Zusatzrecherchen in Auftrag gegeben, wo, in welchem Umfang und zu wessen Lasten das Unternehmen
während der NS-Zeit von Zwangsarbeit profitiert hatte. "Wir möchten nicht darauf warten", so Gottschalk, "daß uns dieses von außen vorgegeben wird." Er kündigte an, der Vorstand werde nach Vorliegen des Materials im Herbst über eine Entschädigung entscheiden, keinesfalls streng juristisch.
Das Symbol für deutsche Tüchtigkeit - nun auch eines für deutsche Anständigkeit?
Den heiklen Auftrag, NS-Verstrickungen behutsam zu entwirren, hatte Daimler-Benz bereits 1983 an den Bonner Wirtschaftshistoriker Hans Pohl, 50, vergeben. Der sitzt zugleich dem Beirat der 1977 gegründeten Kölner Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) vor; in deren Vorstand wiederum macht sich Daimler-Chef Werner Breitschwerdt nützlich.
Eine Reihe anderer Großkonzerne läßt sich im GUG-Kuratorium vertreten von Bosch bis VW, von Karstadt bis Siemens. Dieser "unabhängigen und wissenschaftlich ausgewiesenen" Gesellschaft (ein Mercedes-Sprecher) öffnete Daimler-Benz bereitwillig die Werksarchive. Professor Pohl fand dort, nach eigenem Bekunden, umfängliches und bislang ungesichtetes Material.
Das allerdings erstaunte einen Essener Historiker, der den Konzern um Unterstützung für Forschungsarbeiten zum nationalsozialistischen Fremdarbeiter-Einsatz gebeten hatte. Ihm war 1983, just als Pohl seinen Auftrag erhielt, mitgeteilt worden, "daß für Ihr spezielles Thema in unseren Archivbeständen keine Unterlagen vorhanden sind".
Stutzig war im vergangenen Jahr auch der Mercedes-Maschinenschlosser und Kleinstaktionär Helmut Bauer aus Stuttgart geworden. Auf der Hauptversammlung monierte er, die Sperrung sämtlichen Archivmaterials mit NS-Bezug wirke
"wie Verdunkelung". Daimler-Chef Breitschwerdt beruhigte ihn mit der Versicherung, "sobald das Aufarbeiten der Bestände durchgeführt" sei, "sind sie selbstverständlich frei".
Der Heidelberger Historiker Andreas Graf von Bernstorff, grüner Abgeordneter im Stuttgarter Landtag, zieht aus solchen Ungereimtheiten seine Schlüsse. Die Kölner GUG, so sein Kommentar nach Lektüre diverser "Jubiläums- und Festschriften" für Konzerngeburtstage, verstehe sich wohl weniger auf wissenschaftliche Arbeit als auf "historische Gefälligkeitsforschung".
Ob Gefälligkeit oder schüttere Aktenlage - die hastig zusammengekratzten Fakten, zum Jubiläum vorab auf fünf Sonderdruckseiten veröffentlicht, sind dürftig.
Professor Pohl steuert einen dürren Satz über die verstärkte Beschäftigung von Zwangsarbeitern nach Kriegsbeginn bei, nichts aber über die oft katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Rüstungsfabriken des Konzerns.
Bemüht stellt er die "schweren Nachteile und Gefahren" dar, die dem Vorstandsvorsitzenden Wilhelm Haspel von 1942 an wegen "jüdischer Versippung" drohten. Kein Wort aber verliert er beispielsweise über den ungenierten Versuch einer Daimler-Benz-Filiale im besetzten Riga, sich an jüdischem Getto-Eigentum zu bereichern mit der Behauptung, das Firmenpersonal sei "Gefolge der Wehrmacht".
Pohl erwähnt auch nicht ein Angebot von Daimler-Benz-Direktoren an die SS, das Konzentrationslager Neckarelz auf eigene Kosten räumen zu lassen, damit die Häftlinge nicht den Alliierten in die Hände fielen.
Der NS-Musterbetrieb habe sich, so Pohls vorweggenommenes Resümee, lediglich mit dem Regime "arrangiert", es "aber nicht über das Unumgängliche hinaus" gefördert. Wieder wird eine Allianz von Industrie und Hakenkreuz mit Sachzwängen und angeblichem Notstand gerechtfertigt. Das aber hat nicht die neue moralische Qualität, die von "taz" ("fast schon eine moralische Entscheidung") bis "Handelsblatt" ("als würdig zu bezeichnen") gelobt wurde.
Neu ist die vage Zusage einer Entschädigung für ehemalige Daimler-Zwangsarbeiter, ohne daß bislang auch nur eine konkrete Forderung an den Konzern bekanntgeworden wäre. Ein halbes Dutzend Großunternehmen, darunter Siemens, Krupp und zuletzt Flick, hat bisher an die zentrale jüdische Wiedergutmachungs-Instanz "Claims Conference" insgesamt 15 Millionen Dollar gezahlt - als "humanitäre Hilfe", auf die kein Rechtsanspruch besteht.
Den Begriff "Entschädigung" haben die Firmen stets abgelehnt. Andere Konzerne wie BMW, die ebenfalls jahrelang Zwangsarbeiter beschäftigt haben, befürchten nun, so ein BMW-Sprecher, "in Zugzwang" zu geraten.

DER SPIEGEL 5/1986
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