27.01.1986

ÖLPREISE

Verdiente Lektion

Die Ölpreise fallen immer tiefer, Experten sprechen von chaotischen Verhältnissen. *

Auf den internationalen Ölmärkten brach der Frühling mitten im Winter aus. Mit einem abrupten Sturz auf unter 20 Dollar je Barrel (159 Liter) erreichten die Ölpreise vergangene Woche einen Pegel, den die Fachleute erst für den Beginn der milderen Jahreszeit vorausgesagt hatten.

Öl, der wichtigste Schmierstoff der industrialisierten Weltwirtschaft, ist damit wieder so billig wie gegen Ende der siebziger Jahre. Nach dem Preisschock von 1979/80, als Ölexporteure am freien Markt bis zu 40 Dollar je Barrel kassieren konnten, hat sich der Preis für sofort lieferbares Öl, der sogenannte Spot-Preis, ungefähr halbiert.

Ein beträchtliches Stück dieser langen Rutschpartie haben die Ölpreise erst in diesem Monat zurückgelegt. Seit Jahresbeginn, als der Preis für Nordsee-Öl noch über 26 Dollar lag, sackte diese Notiz zunächst um einen Dollar pro Woche, beschleunigte ihre Fallgeschwindigkeit in der vorletzten Woche auf zwei Dollar und plumpste vergangene Woche sogar um über drei Dollar.

"Es kündigt sich eine Zeit der Preis-Anarchie an", klagte Kuweits Ölminister Ali Chalifa el-Sabah nach diesem Kollaps. "Ich glaube, wir haben jetzt ein völliges Chaos im Ölgeschäft", stellte erschreckt der New Yorker Ölexperte Rosario Ilacqua fest.

Die Verbraucher profitierten schnell von dem Rohöl-Preissturz. In der Bundesrepublik fielen die Heizölpreise seit Jahresanfang um rund 13 Pfennig je Liter. Die Benzinpreise gaben um zehn Pfennig nach.

Ein aktueller Anlaß für den rapiden Preisverfall war in den vergangenen Wochen

nicht auszumachen. Zwar fiel das Januar-Wetter in Westeuropa und USA nicht so frostig wie gewöhnlich aus; aber einen Preiseinbruch von über 25 Prozent können ein paar milde Winterwochen normalerweise nicht bewirken.

Der Preissturz läßt sich nur mit den Folgen eines Ereignisses erklären, das schon ein paar Monate zurückliegt und zunächst kaum beachtet wurde. Im vergangenen September hatte Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Saki el-Jamani die Petro-Welt wissen lassen, daß für Saudi-Öl fortan nicht mehr der hohe Tarif des Ölkartells Opec, sondern nur ein marktgerechter Preis zu zahlen sei.

Der Saudi war es endgültig leid geworden, den Kartell-Deppen zu spielen. Als einziges Opec-Mitglied hatte sein Land stets den offiziellen Preis (seit März 1985: 28 Dollar) gefordert. Dabei verlor Jamani immer mehr Kunden an weniger disziplinierte Kartell-Partner und an nicht organisierte Exportländer wie Großbritannien oder Mexiko.

Wie es zuvor schon andere Opec-Länder getan hatten, bot der Saudi seinen Abnehmern von Anfang Oktober an sogenannte Netback-Kontrakte. Bei diesem Preissystem wird kein Rohöl-Tarif festgesetzt, sondern nur eine bestimmte Gewinnspanne für die Gesellschaft vereinbart, die das Öl zu Benzin und Heizöl raffiniert und dann verkauft.

Der Rohöl-Lieferant erhält den Rest der Erlöse aus dem Verkauf der Ölprodukte, der nach Abzug der Transport-, Weiterverarbeitungs- und Vertriebskosten sowie der Gewinnspanne übrigbleibt. Der Ölproduzent allein trägt das Risiko für sinkende Produkt-Preise.

Mit dem Netback-System wurden die zuvor gemiedenen Saudis schlagartig zur begehrtesten Adresse für Öleinkäufer. Ihre Produktion schnellte binnen kurzem von gut zwei Millionen Barrel täglich auf 4,5 bis 5 Millionen hoch.

Auf die anderen Rohölpreise wirkte es sich zunächst überhaupt nicht aus, daß nun der letzte Stützpfeiler des maroden Opec-Kartells gefallen war. Erst als die Opec im Dezember offiziell erklärte, sie werde fortan um einen "angemessenen Anteil" auf dem Weltmarkt kämpfen, gerieten die Ölhändler in Europa und den USA in Panik. In nur zwei Tagen stürzte der Nordsee-Preis schon damals auf unter 22 Dollar, erholte sich dann aber von einer Viertelstunde auf die andere um rund 4,50 Dollar.

Ähnlich heftige Preisausschläge nach oben oder weiter nach unten sind auch nach der jüngsten Talfahrt der Preise nicht auszuschließen. Mit Öl, dem weit aus wichtigsten Energieträger, wird inzwischen auf den großen Spot- und Termin-Märkten Rotterdam, London und New York ebenso wild spekuliert wie mit Devisen oder Aktien.

Reiche Ölländer wie Saudi-Arabien und Kuweit allein könnten, selbst wenn sie wollten, den Ölpreis nicht mehr unter Kontrolle bringen. Wie die vergangenen Jahre gezeigt haben, reichten ihre Förderkürzungen nicht, um eine weltweite Ölschwemme abzuwenden.

Daß dies mißlang, ist in erster Linie auf das Vordringen von Ölexporteuren zurückzuführen, die nicht der Opec angehören. Diese Ölproduzenten forderten zwar ebenso hohe Preise wie die Opec-Mitglieder, taten aber nichts, um das Tarif-Niveau des Kartells zu stützen. Im Gegenteil: Mit Öl aus neu erschlossenen Quellen trugen sie entscheidend zum Zusammenbruch der Preise bei.

Vor allem der Aufstieg Großbritanniens zum zweitgrößten Ölexporteur der westlichen Welt (nach Saudi-Arabien) ärgert Opec-Strategen wie Jamani. Ein hochentwickeltes Land wie Großbritannien dürfe seine Zahlungsbilanz nicht durch erhöhte Ölausfuhren auf Kosten armer Rohstoff-Staaten sanieren, schimpfen die Opec-Herren.

Die Umstellung des saudischen Preis-Systems auf das Netback-Verfahren wird daher vor allem als Kampfansage gegen die Briten angesehen. Denen müsse "endlich die verdiente Lektion gegeben werden", grollte vergangene Woche ein Opec-Funktionär.

Die Briten würden gewiß auch zu den Verlierern eines Preiskriegs zählen. Das zeigte sich bereits vergangene Woche. Fast ebenso steil wie der Preis des Nordsee-Öls schoß der Pfundkurs in die Tiefe.

Zu den Verlierern des Preiskampfs gehören ebenfalls die westlichen Ölgesellschaften, die selbstgefördertes Rohöl nicht mehr so teuer verkaufen können. Auch sitzen die Unternehmen nun auf Vorratslagern, die weit weniger wert sind als noch vor Wochen.

Die Experten rätseln derweil, wie weit der Ölpreis noch fallen wird. Einige tippen auf 15 Dollar, andere halten einen noch niedrigeren Preis für möglich.

Kuweits Ölminister el-Sabah glaubt zumindest zu wissen, wie lange die "Preis-Anarchie" noch dauern wird. "Nach ungefähr drei Monaten", meint der Morgenländer, "werden die Produzenten einsehen, daß sie sich auf eine vernünftige Lösung einigen müssen."

Die Opec könnte dann außerhalb des Kartells einige neue Freunde finden.

[Grafiktext]

PREIS-STURZ BEIM NORDSEE ÖL Preis des Nordsee-Öls (Spot-Preis) in Dollar je Barrel am Beispiel von Brent-Oil

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 5/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 5/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖLPREISE:
Verdiente Lektion