17.02.1986

BRASILIEN

Manipulierter Markt

Dürre in Brasilien, Krieg in Mittelamerika - Kaffee könnte in Europa bald zum Luxusprodukt werden. *

Sebastiao da Silva ahnte noch nicht wie gefährlich seine Arbeit geworden war, als er, wie gewohnt, seinen VW-Bus vor der Bäckerei in der Rua Cosmos in Rio de Janeiro parkte. Plötzlich blickte er verstört in die Mündungen zweier schwerer Revolver - Überfall!

Barsch befahlen ihm die Gangster, das Auto zu verlassen. Dann suchten sie mit der wertvollen Beute das Weite: Der Lieferwagen war mit Kaffee der Firma "Papagaio" vollgeladen.

Der Raub spornte die Militärpolizei von Rio zu ungewohnter Tüchtigkeit an. Fünf Patrouillenwagen umstellten das Gebiet, Streifen nahmen die Fahndung auf. Die Kaffeefahrt der "Bill" und "Lau" genannten Gangster endete in einer mörderischen Schießerei. Sie starben auf dem Weg ins Krankenhaus.

In Volta Redonda, etwa 50 Kilometer westlich von Rio, überwältigten sechs mit Messern und Revolvern bewaffnete Männer den Nachtportier der Firma "Cafe Favorito" und luden gleich 216 Sack zu je 60 Kilo grüner Kaffeebohnen auf einen mitgebrachten Lastwagen. Sie entkamen.

Beinahe täglich berichtet die Polizei nun über Kaffee-Klau. Lastwagen fahren nur noch bei Tageslicht und in Konvois von mindestens sechs Fahrzeugen über die Landstraßen. Das speziell für Transportfirmen gegründete Sicherheitsunternehmen Salvacarga stellte seine 300 bewaffneten Wachleute fast ausschließlich zum Schutz von Kaffeefrachten ab. Seit Wochen schon ist brasilianischer Kaffee zu einem wertvollen und deshalb höchst begehrten Gut geworden, eine Mangelware. Der Preis stieg von 530000 Cruzeiros pro 60-Kilo-Sack im September auf rund vier Millionen Cruzeiros im Januar.

Ursache des Preissprungs ist eine über 200 Tage währende Dürre, die knapp die Hälfte der brasilianischen Ernte vernichtete. Die sonst im September beginnende Regenzeit blieb bis Ende des Jahres aus - und auch im Januar lagen die Niederschläge noch weit unter den üblichen Werten.

"Im November regnete es ein paar Tage lang, und die Kaffeebäume standen sogleich in Blüte", sagt Exporteur Rolf Graf in der Hafenstadt Santos, "doch der Grundwasserspiegel war zu tief abgesunken. Um zu überleben, warfen die Bäume ihre Blüten wieder ab."

Die neuen Äste der dunkelgrün belaubten, bis fünf Meter hohen Bäume, die allein Frucht tragen, sollten im Februar schon über 15 Zentimeter lang sein, sind aber bloß um Daumenbreite gewachsen. So gilt die nächste Ernte, die im Juli eingeholt werden müßte, in den besten Anbaugebieten als verloren.

Die Naturkatastrophe, die auch noch die Ernte von 1987 schädigen könnte, wenn es bis März weiterhin so spärlich regnet, trifft aber nicht nur die einheimischen Konsumenten.

Brasilien ist nicht nur der größte Verbraucher von Kaffee, sondern vor allem auch der größte Produzent der Welt.

Das Land liefert fast ein Drittel jener 63 Millionen Sack Exportkaffee, die unter den in der Internationalen Kaffeeorganisation

zusammengeschlossenen Staaten gehandelt werden. Der 1962 geschlossene Kaffeepakt, dem heute 50 Produktionsländer und 25 Käufernationen angehören, stabilisierte mit seinem Quotensystem den Weltmarkt.

Doch nun gibt es mangels Masse nichts mehr einzuteilen. Die Erntekatastrophe macht das Quotensystem sinnlos. Am Mittwoch dieser Woche läuft es aus, und vorerst reguliert der freie Markt die Preisentwicklung.

Nervosität hat die Branche erfaßt. Schon klettert der Supermarkt-Preis in Europa. Die gegenüber dem Dollar steigende Mark hat deutsche Konsumenten bislang vor größerer Teuerung bewahrt. Doch von September an, so glauben die Händler in Brasilien, wird weltweiter Mangel auch die internationalen Kaffeepreise in die Höhe treiben.

Wie stark die Preise steigen werden, wagt niemand vorauszusagen. Der Markt ist gegenwärtig unsicher wie nie zuvor.

Die brasilianischen Kaffeepflanzer und -händler sind indessen über die Abschaffung der Quoten fast erleichtert: "Inzwischen ist das Abkommen zu einer Zwangsjacke geworden", klagt Jose Carlos Jordao vom Nationalen Kaffeerat, dem Verband brasilianischer Kaffeepflanzer. "Jahrelang sind wir den Preisen hinterhergehinkt. Wenn wir nur die Inflation in den Industrieländern berechnen, müßte der Marktpreis längst auf 2,40 Dollar pro Pfund stehen." Statt dessen lag der Preis bisher bei 1,50 Dollar.

Auch Isaac Ferreira Leite ist davon überzeugt, daß die Industrieländer dank des Vertrages bevorzugt wurden. Er leitet in Guaxupe, etwa 300 Kilometer nördlich von Sao Paulo, die mit über 4000 Mitgliedern größte Kaffeebauern-Kooperative der Welt. "Die armen Nationen exportieren jährlich für rund 14 Milliarden Dollar Kaffee", rechnet Ferreira, "das Geschäft der Kaffeefirmen in den Käufernationen aber wird auf 80 Milliarden Dollar bewertet. Das ist eine gewaltige Profitmarge."

Diese Gewinnspanne ist möglich, weil etwa ein halbes Dutzend Unternehmen den Markt kontrollieren. In den USA, dem größten Abnehmer, sind das etwa General Foods, Procter & Gamble oder Nestle. In der Bundesrepublik, einem der größten Kaffeemärkte, beherrschen außer dem führenden europäischen Rohkaffeeimporteur Rothfos die Firmen Jacobs, Tchibo und Aldi den Handel.

"Diese wenigen Unternehmen manipulieren den Markt", klagt Ferreira, "sie kontrollieren weltweit alle Informationen über den Handel." Diese Daten sind ausschlaggebend im risikoreichen Geschäft mit dem Kaffee. Vor allem die Schätzungen vorhandener Kaffeevorräte können Preisstürze oder wilde Spekulationskäufe verursachen.

"Die Exporteure", so ein Kaffeepflanzer im Norden des Bundesstaates Sao Paulo, "glauben immer noch den Statistiken des US-Landwirtschaftsministeriums, die den Teufel des Überangebotes an die Wand malen."

Die Zahlen aus Washington werden in Brasilien bestritten. "Die Amerikaner lügen", behauptet rundweg Jose Carlos Jordao. "Durch den Bluff eines angeblichen Überangebotes wollen sie die Preise niedrig halten. Ich bezweifle diese Statistiken schon seit Jahren."

Tatsächlich erscheinen die Berechnungen des Department of Agriculture, das über 50 Millionen Sack Kaffeereserven zählt, arg zweifelhaft. Zudem ist nicht jede Kaffeesorte exportierbar. Für die Bundesrepublik, zusammen mit Norditalien, Skandinavien und Japan der anspruchsvollste Markt der Welt, kommt beispielsweise nur die edle "Arabica" in Frage. Die aber dürfte bald rar werden.

In Mittelamerika etwa, wo die feinste Arabica gepflückt wird, haben schlechte Witterung und vor allem der Bürgerkrieg in El Salvador und Nicaragua die Lieferungen um ein Viertel reduziert. Kolumbien, das 16 Prozent des Weltexports stellt, würde zwar gern die Ausfuhren steigern. Doch die kümmerliche Infrastruktur, unzulängliche Straßen und Häfen erlauben höchstens die Verschiffung von einer Million Sack pro Monat bisher 600000 Sack).

Großproduzent Brasilien schließlich wurde gerade zu einem besonders kritischen Zeitpunkt getroffen: Nur 2,6 Millionen Sack können die staatlichen Lagerhäuser anbieten. Allein die höheren Preise gleichen die Verluste durch die Dürre - vorerst - aus.

Profitiert von der Krise haben bislang vor allem jene Exporteure und Bauern,

die auf vollen Lagern sitzen. Das staatliche Brasilianische Kaffeeinstitut spricht von einem Kaffeeberg von 24 Millionen Sack. Pflanzer mit Reserven können derzeit abkassieren.

In Guaxupe stürmten Kaffeepflanzer die Geschäfte. Beim VW-Händler Libanio Leite etwa entspricht der Preis eines VW-Käfers 19 Sack Kaffee. Leite: "Die Kunden glauben es kaum, daß sie für so wenig Kaffee ein Auto kriegen."

Die meisten Händler wissen jedoch daß sie nun 18 Monate ohne Einkommen ausharren müssen, bei steigenden Ausgaben. Erst 1988 dürfen die Kaffeeproduzenten wieder mit guten Ernten rechnen. Es sei denn, nach der Dürre träfe nun auch noch Kälte die Kaffeefarmer: Alle drei bis vier Jahre überfällt Frost die brasilianischen Plantagen. "Die nächste Frostkatastrophe ist eigentlich schon überfällig", sagt düster ein Händler.


DER SPIEGEL 8/1986
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