09.06.1986

MEDIZINSchnitt in den Geist

Mit Spateln und Eispickern traktierten sie das verstörte Gehirn, zwei Jahrzehnte lang. Ein amerikanischer Neurowissenschaftler hat die bizarren Heilmethoden der Psychochirurgie beschrieben. *
Die Prozedur schien eher fürs Gruselkabinett geschaffen, doch ihr Erfinder, ein Arzt und Staatsmann von edler Lebensart und hoher Reputation, pries sie als durchaus "harmlos" und "segensreich": Da bohrte der Chirurg dem lokal anästhesierten Patienten zwei oder mehr Löcher in den Schädel, stieß mit einem Instrument in Form eines Buttermessers blindlings ins Gehirn vor und durchschnitt oder zerquetschte mit rotieren den Bewegungen, wie man sie etwa beim Entkernen eines Apfels vornimmt, die Nervenbahnen in der Stirnlappenregion.
"Präfrontale Leukotomie" nannte der portugiesische Neurologe Egas Moniz diese operative Methode, die er 1935 in einem Hospital in Lissabon erstmals auf gut Glück erprobte. Und wie dürftig auch ihre theoretische Basis, wie unglaublich primitiv und roh der Eingriff, wie fragwürdig die Resultate - die neue "Psychochirurgie" empfahl sich schon bald in den Heilanstalten und Universitätskliniken Europas und der Vereinigten Staaten, wo sie den Namen, "Lobotomie" erhielt, als wunderbar wirksames Verfahren zur Behandlung von Schizophrenie und manisch-depressiven Psychosen. 1949 empfing Professor Moniz den langersehnten Nobelpreis.
Zehntausende von Geistesgestörten rund um die Welt, so berichtet der amerikanische Neurowissenschaftler Elliot Valenstein in seinem Buch über "Aufstieg und Niedergang der Psychochirurgie", wurden während der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre leuko- und lobotomisch traktiert, zuweilen doppelt und mehrfach und ungeachtet der oft schweren organischen Hirnschäden, die der Patient davontrug. Erst die Entdeckung von Chlorpromazin und anderen Psychopharmaka hat der Seelenkur mit Messers Schneide ein unrühmliches Ende bereitet. _(Elliot S. Valenstein: "Great and ) _(Desperate Cures. The Rise and Decline of ) _(Psychosurgery and Other Radical ) _(Treatments for Mental Illness". Basic ) _(Books, New York; 338 Seiten; 19,95 ) _(Dollar. )
"Desperate Heilmethoden": Bis in die Gegenwart hinein markieren sie die vielfach abenteuerlichen Wege der modernen Neurologie und Psychiatrie in die Tiefen geistiger Umnachtung. Hydroelektrische Bäder, Schlaftherapien, psychische und zerebrale Stimulation mittels Spritzen und Drogen, Injizierung von Pferdeblut ins Rückenmark, Entfernung endokriner Drüsen - "alle erdenklichen Verfahren wurden angewandt", schreibt Valenstein, "sofern sie nur die Behandlung möglichst vieler Patienten bei einem Minimum an hochqualifiziertem Personal erlaubten"; und nur die wenigsten Methoden erwiesen sich als so effektiv und gefahrlos wie die Malaria-Therapie, die der Wiener Psychiater und spätere Nobelpreisträger Julius Wagner von Jauregg 1917 gegen die progressive Paralyse einführte.
So verfocht der amerikanische Arzt Henry Cotton die Theorie, daß mentale Störungen durch Infektionen in verschiedenen Teilen des Körpers verursacht seien, die mutmaßlichen Infektionsherde etwa in den Zähnen, im Darmtrakt, im Gebärmutterhals beseitigte er operativ. Cottons Statistik nach 250 Eingriffen verzeichnete 30 Prozent Todesopfer.
Als der portugiesische Doktor Moniz seine ersten Triumphe feierte, brach gerade auch die große Zeit der Schocktherapien an. Mittels Injektionen von Insulin und Cardiazol oder Stromstößen durchs Gehirn wurde der Patient in Schockzustände bis zum Koma versetzt, wobei die heftigen Konvulsionen nicht selten Körperschäden wie etwa Knochenbrüche verursachten. Bis in die fünfziger Jahre schockten die Psychiater nicht nur bei fast jedweder Geisteskrankheit, sondern auch häufig genug bei seelischen Störungen - und mit Elektroschocks wird noch immer traktiert. Doch wie und warum sie wirken (wenn sie wirken), haben ihre Erfinder nie zu erklären vermocht.
Sie wissen nicht, was sie tun, aber sie tun es: Dies, kurz und bündig, ist die Lehre, die Valensteins schreckliche Geschichte der Psychochirurgie und anderer somatischer Praktiken zur Behandlung von Geisteskrankheiten zu bieten hat. Und kaum einer ging dabei so rigoros und bedenkenlos vor wie der berühmte Egas Moniz.
Welche Funktionen die Stirnlappen im Denk- und Empfindungsprozeß ausüben, ist bis zum heutigen Tag noch weitgehend ungeklärt. Moniz jedoch war überzeugt, daß Gedanken und Ideen in den Nervenfaserverbindungen zwischen den präfrontalen Hirnzellen gespeichert und daß "fixierte Gedanken" in pathologisch "stabilisierten" Nervenbahnen abgelagert seien, und er machte sich ans Werk, diese mutmaßlich krankhaften Erstarrungen zu beseitigen. Das Instrument führte für ihn ein junger Kollege, denn die Hände des Professors waren von Gicht verkrümmt.
Als erstes Versuchsobjekt diente eine 63jährige Paranoide mit starken Unruhe- und Angstgefühlen, Verfolgungswahn, Gehörhalluzinationen, Schlaflosigkeit und permanenten Schreikrämpfen. Nach örtlicher Betäubung wurde der Schädel trepaniert und durch die Öffnungen reiner Alkohol in die Stirnlappen eingespritzt. Die Patientin hatte ein paar Tage lang Fieber, danach kam sie zurück ins Irrenhaus. Sie schrie zwar noch immer, aber "nicht mehr mit der früheren Intensität".
Nach sechs weiteren Alkohol-Infusionen änderte Moniz abrupt die Methode, die Zerstörung der Hirngewebe erfolgte nun mit dem "Leukotom". Nach 20 Operationen in knapp vier Monaten unbekümmert um die Kürze der postoperativen Beobachtungsperioden, meldete Moniz sieben komplette Heilerfolge und sieben deutliche Besserungen.
Es sei bald offenkundig gewesen, meint Valenstein, daß die Leukotomie kaum, wenn überhaupt, auf chronische Schizophrenien anschlug. In den meisten Erfolgsfällen bewirkte sie eine Ruhigstellung manisch-depressiv Erkrankter deren Leiden ohnehin so hoffnungslos nicht waren, und in Lissabon stellte ein Professor der Psychiatrie ganz entschieden in Frage, "ob jemand das Recht habe, einem Patienten derart gravierende Hirnschäden zuzufügen, um ihn von einem psychotischen Syndrom zu befreien, das seiner Natur nach auch spontan heilbar ist".
Dennoch, der Ruhm des portugiesischen Entdeckers verbreitete sich rasch. Sein präfrontaler Eingriff in die verstörte Seele wurde sehr bald schon in Italien, Rumänien, Brasilien und Kuba nachvollzogen. Als ihr eifrigster Prophet und Praktiker aber bewährte sich der amerikanische Neuropathologe Walter Freeman, der gemeinsam mit dem Neurochirurgen James Watts eine "Standard-Lobotomie" entwickelte.
Die beiden Ärzte operierten möglichst bei lokaler Anästhesie, sprachen mit dem Patienten, stellten ihm Fragen und ließen ihn rechnen oder singen. Solange keine Schläfrigkeit oder Desorientiertheit auftrat, schnitten und quetschten sie mit dem stumpfen Spatel weiter durch die Gehirnsubstanz, bis die psychische Spannung jäh nachließ, bis (laut Freeman) "der emotionale Kern der Psychose entfernt, der Stachel der Störung gezogen" war.
Ob allerdings die Durchtrennung spezifischer Nervenbahnen tatsächlich eine Heilung herbeiführte - das, so erklärten Freeman und Watts, weitaus vorsichtiger als Moniz, " ließe sich erst nach Jahren "experimenteller Kontrollen" mit Sicherheit feststellen. Zudem rieten sie dringlich, "in Anbetracht gewisser unglückseliger Resultate", daß die Methode präfrontaler Lobotomie nur als "letzter Ausweg" zu sehen sei für "jene Patienten, denen sich wenig Aussicht auf Besserung bietet, die unbefriedigend auf andere Behandlungsweisen reagieren" und "Verfall oder Selbstmord vor Augen haben".
Freeman selbst, ein bravouröser Exzentriker, hat sich diese Ermahnungen nie zu Herzen genommen, weil er immer fürchtete, daß es später zu spät sein könnte, dem Kranken noch zu helfen. Was er jedoch beherzigte, war "eine gute Menge an Mißerfolgen". Denn trotz augenscheinlicher Besserungen unmittelbar nach der Operation hatten viele seiner chronisch schizophrenen Patienten Rückfälle erlitten, wiederholte Eingriffe richteten nur weitere Schäden an, und im Lauf der Jahre betrachtete er _(Szene aus dem Film "Einer flog über das ) _(Kuckucksnest". )
das Freeman-Wattsche Bohrverfahren mit wachsender Skepsis.
1946 erprobte Freeman in seiner Praxis eine neue Methode, die er "transorbitale Lobotomie" nannte. Nachdem er seinen Patienten durch Elektroschock ausgeknockt hatte, durchstieß er die knöcherne Augenhöhle über dem Augapfel mit einem ganz ordinären Eispfriem und zerstörte Nervenfasern und Gehirnzellen in den Stirnlappen - ein "entschieden widerlicher Anblick", wie er bekannte, aber die Prozedur war "ziemlich einfach" und in zehn Minuten bewerkstelligt, der Patient konnte, wenn auch mit blauem Auge und oft beträchtlichen Schwellungen, "innerhalb einer Stunde oder so aufstehen und nach Hause gehen".
Freeman, der später mit einem "transorbitalen Leukotom" praktizierte, das noch immer wie ein Eispicker aussah, ist dann auf langen Tourneen kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten gezogen, um den Kollegen seine Operation vorzuführen. Sie hat sehr schnell Schule gemacht, in Amerika sowohl wie im Europa der Nachkriegsjahre. Die deutschen Neurologen und Psychiater freilich, die infernalischen Experimente der KZ-Ärzte noch vor den Augen, ließen die Finger davon; ihnen schien die ganze weltweit gerühmte Leuko- und Lobotomie nicht geheuer.
1948 lud Lissabon zur Ersten Internationalen Konferenz der Psychochirurgen, ein Jahr danach erhielt Moniz den Nobelpreis für Medizin - die monizische Heilkunst hatte Hochsaison, und überschwenglich kündeten "Time" und "Life" bis hin zu "Reader''s Digest" vom mirakulösen Schnitt in den Geist, der viele hoffnungslos gemütskranke Bürger befreite von ihren Zwangsjacken, aus den Schreckenskammern überfüllter Irrenhäuser, und sie zurückführte ins normale Alltagsleben.
Zunehmend heftiger aber nun auch erhob sich in den psychiatrischen Abteilungen Protest gegen den frevelhaften Eingriff in Geist und Seele, gegen das blinde "Amputieren zerebraler Funktionen" und die als "partielle Euthanasie" bezeichneten Folgen. Denn wenngleich die Durchtrennung der Nervengewebe zwischen "denkendem" und "fühlendem" Hirn ein deutliches Abklingen von schweren Angst- und Unruhesymptomen bewirken konnte, so doch überwiegend um den Preis einer beängstigenden Indifferenz, Apathie, emotionalen Erstarrung.
"Es gibt mir zu denken, wenn ich die vielen Zombies sehe, die diese Operationen hervorbringen. All die weltweit praktizierten Lobotomien, fürchte ich, haben mehr Geisteskranke erzeugt als geheilt", klagte ein zu Freemans Zeiten prominenter Psychiater; und ein anderer Kritiker befand, "daß die Psychochirurgie Psychosen nur kuriert, um sie durch organische Gehirndefekte zu ersetzen".
Doch so groß die Risiken, so enorm die Schäden - in den staatlichen Irrenanstalten,
unterhalten vom guten Geld der Steuerzahler, empfahl sich, wo immer der Elektroschock versagte, die Psychochirurgie weiter als billiges, bequemes und effektsicheres Verfahren zur Beruhigung des Kranken wie zur Entlastung des knappen Pflegepersonals, und viele Patienten konnten heimkehren, bös lädiert zwar, aber frei, in die kummervolle Obhut ihrer Familien. Erst die neuen Sedativ-Therapien mittels psychoaktiver Drogen, in den fünfziger Jahren eingeführt, haben den Lobotomisten schließlich das Handwerk gelegt.
Die bizarren Kuren der Leukotomie, der Lobotomie, der transorbitalen Eispicker-Operationen, vor drei Jahrzehnten noch unumstritten und hochgepriesen, sind längst gründlich vergessen. Der modernen Seelen- und Nervenheilkunde, wie der Medizin allgemein, stehen neuere Erkenntnisse, probatere Mittel, präzisere Instrumente, raffinierte Technologien zu Gebote. Der Geist aus den Zeiten eines Moniz, eines Freeman aber ist lebendig wie eh und je.
Heute wie damals, so lehrt Valenstein in seiner Geschichte der Psychochirurgie, sucht mancher Halbgott in Weiß nach Ruhm und Namen in fragwürdigen Experimenten am lebenden Fleisch. Verfrühte Berichte über spektakuläre Heilmethoden mit angeblich minimalem Risiko werden noch immer kritiklos akzeptiert. Und eher enthusiastischer noch als je zuvor künden die Massenmedien von den Wundern allerneuester Therapien, die sich vielleicht morgen schon als fatale Irrwege erweisen.
Elliot S. Valenstein: "Great and Desperate Cures. The Rise and Decline of Psychosurgery and Other Radical Treatments for Mental Illness". Basic Books, New York; 338 Seiten; 19,95 Dollar. Szene aus dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest".

DER SPIEGEL 24/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 24/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIZIN:
Schnitt in den Geist

Video 00:51

Mars-Animation Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?

  • Video "Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?" Video 00:51
    Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?
  • Video "Webvideos der Woche: Ruuums!!" Video 03:45
    Webvideos der Woche: Ruuums!!
  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit