17.02.1986

Der zähe Schaum der Verdrängung

Von Brumlik, Micha

Micha Brumlik über Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Shoah" Brumlik, 38, ist Pädagogik-Professor an der Universität Heidelberg. *

Zu Beginn dieses Jahres, an dem sich mit den Stimmen des CSU-Abgeordneten Fellner und des CDU-Bürgermeisters Graf von Spee der real existierende Antisemitismus wieder klar und unter Beifall artikuliert, kommt Claude Lanzmanns "Shoah" ins Kino und in die Dritten Programme des Fernsehens.

Das mehr als neun Stunden lange dokumentarische Epos über die industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden ("Shoah" heißt Vernichtung) führt in Wort, Bild und Ton vor, was unter "Bewältigung" der Vergangenheit verstanden werden könnte. Aber diese Vergangenheit kann nicht bewältigt und das heißt stillgestellt, zum Schweigen gebracht werden. Sie kann nur erinnert werden - wir können ihrer nur eingedenken.

Dieses Eingedenken gleicht dem Erwachen aus einem Traum. "Erwachen", so schrieb der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin, "ist nämlich die dialektische, kopernikanische Wendung des Eingedenkens." Die bundesrepublikanische Gesellschaft hat sich zu großen Teilen dem Schlummer der Verdrängung überlassen, einem Schlummer, der endlich neue Alpträume wie die jüngste Welle von offiziösem Antisemitismus geboren hat. Wer sich mit Lanzmann in die Traumlandschaft des heutigen Galizien begibt, wird aus diesem Schlummer erwachen.

Dieser vielstimmige Film hat sich vom Stil der historischen Dokumentation, der Schautafeln und Karten, der schockierenden Schwarzweißbilder und der kaum noch erträglichen Aufnahmen von Leichenbergen gelöst. Er vertraut der Kraft der Erinnerung und Imagination.

Obszön schöne Farbaufnahmen entführen uns zunächst in das Galizien des Schriftstellers Joseph Roth, in jenen verträumten und abgelegenen Winkel der Donaumonarchie mit seinen dunklen Wäldern, grünen Wiesen, den Weilern und Bächen, überwucherten Gleisen, altmodischen Dampfloks und verwunschenen Bahnhöfen mit Vorgärten und Giebeldächern. Die Idylle stimmt - bis auf den Stationsschildern Namen zu lesen sind: Treblinka, Sobibor, Chelmno.

Die Poesie der Landschaft steht in striktem Gegensatz zu den Stimmen, die wir hören, und den Gesichtern, die wir sehen. Laute Stimmen, leise Stimmen, schluchzende, bittere und betont gleichmütige Stimmen. Sie berichten uns, während wir die Landschaft betrachten, was sich in ihr zugetragen hat. Millionenfacher, ausgeklügelter, abgefeimter Mord.

Noch nie ist in einem Film die wohlfeile Botschaft von der versöhnenden Kraft umgreifender bodenständiger Zusammenhänge, anmutiger Landschaften und malerischer Heimaten gründlicher dementiert worden. Viele, die nach wie vor in ihrer galizischen Heimat leben und arbeiten, waren mehr oder minder wohlwollende Zeugen des größten aller Menschenverbrechen.

Man hat Lanzmann vorgeworfen, einen antipolnischen Film gedreht zu haben, weil er mehr als fünfzig Jahre alte polnische Bauern so zeigt, wie sie sind: als Antisemiten. Er bildet sie in ihrem Ambiente ab - in den Farben Grau, Braun und Blau, vor ihren Stallungen, ihrem Federvieh und ihren Kirchen. Frauen mit bunten Kopftüchern, Lokführer mit Schirmmützen, Bahnarbeiter.

Sie sind ganz unbefangen und verspürten durchaus Angst und Ekel, als sie Zeugen des Mordens wurden. Aber sie meinen noch heute: "Ganz Polen war in den Händen der Juden" und "Wenn die Juden von sich aus nach Israel abgereist wären, freiwillig, wäre man vielleicht froh gewesen. Aber daß man sie alle getötet hat, das war sehr unerfreulich." Einem Bauern tun die Juden leid, weil es doch sehr schöne Jüdinnen gab. Das sei damals in der Jugend gut gewesen.

In einer der vielen surreal wirkenden Szenen des Films sehen wir den überlebenden

"Arbeitsjuden" Simon Srebnik inmitten einer Gruppe schwatzender und lachender Polen vor der Kirche von Chelmno. Man feiert den Geburtstag der Heiligen Jungfrau. Srebnik steht mitten unter ihnen, wie entrückt, ganz fremd, letztlich rätselhaft. Wer einmal unter der Folter war, hat Jean Amery sinngemäß gesagt, wird nicht mehr heimisch unter den Menschen.

Der Film "Shoah", der ein realistisches Bild polnischer Bauern zeigt, kann schon deswegen nicht antipolnisch sein, weil der einzige Held, den der Film besitzt, sieht man von den überlebenden Juden ab, ein Pole ist: der heute in den USA lebende Professor Jan Karski, ehemaliger Kurier der Londoner polnischen Exilregierung im Warschauer Getto. Karski, dem nach mehr als dreißig Jahren des Schweigens Tränen in die Augen schießen, wenn er sich des Todes und des Elends im Getto, der Vergeblichkeit aller Anstrengungen, die Juden zu retten und der Gleichgültigkeit der Welt erinnert, tut, wovon hierzulande so viel geredet wird. Er trauert. Er durchlebt noch einmal Angst, Ohnmacht und Scham und bleibt trotzdem präzise bei den Tatsachen, ohne sich selbst oder die Alliierten, die damals gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpften, zu schonen.

Während Karski von den verzweifelten Versuchen jüdischer Emissäre berichtet, die Welt über den Mord an den Juden aufzuklären, umfährt Lanzmanns Kamera in immer engeren Kreisen das Kapitol in Washington. Den polnischen Juden war spätestens im Jahre 1942 klar, daß Hitler zwar den Krieg verlieren, aber ohne besondere Anstrengung der Alliierten vorher die europäischen Juden ausrotten würde. Doch der Krieg gegen Hitler war niemals ein Krieg zur Rettung der Juden.

Während Karski erzählt, wie ihn im Getto eine jüdische Frau umarmte, die begriffen hatte, daß er kein Jude war, beginnt er zu weinen. So sieht die Gegenwart des Vergangenen bei jemandem aus, der unter Lebensgefahr das Seine tat, Juden zu helfen.

Nichts, aber auch gar nichts von alledem findet sich bei den Deutschen, die Lanzmann gefilmt und befragt hat. Verlegenheit, Beflissenheit, Verlogenheit, unbegreifliche Kälte und schlichte Dummheit sprechen aus ihren Äußerungen.

Egal, ob Lanzmann den SS-Unterscharführer Suchomel, den heutigen Bierzapfer Oberhauser, den Schupo Schalling, die Frau des Nazilehrers Michelsohn, den ehemaligen Reichsbahn- und späteren Bundesbahnrat Stier oder den freundlichen Dr. Grassler, damals Assessor beim Kommissar des Warschauer Gettos, befragt - es ist immer und wieder dasselbe. Entweder wußten sie nichts, haben alles vergessen, das meiste nicht mitbekommen oder sind in _(Französische Fassung, Einblendungen; ) _(oben: "Er war Arbeitsjude"; unten: "Das ) _(Ende einer Reise". )

einer Art und Weise um Offenheit bemüht, die an Brutalität grenzt.

Suchomel und Stier waren offensichtlich zu feige, sich der Kamera zu stellen. Lanzmann nahm sie wohl heimlich, in einer Art elektronischem "Sichtangriff" auf. Und er hat recht dran getan. Denn erst ihr Mienenspiel und ihre Gebärdensprache verraten die ganze gewollte Ahnungslosigkeit.

Man muß gesehen haben, wie SS-Mann Suchomel auf Lanzmanns Insistieren hin das Treblinkalied singt, das die Häftlinge am Tag der Ankunft lernen mußten: "Wir kennen nur das Wort des Kommandanten/ und nur Gehorsamkeit und Pflicht/ Wir wollen weiter, weiter leisten/ bis daß das kleine Glück uns einmal winkt. Hurrah!", um sich anschließend zu sagen: "Das kann kein Jude heute mehr." Man muß mit eigenen Augen Zeuge werden, wie Walter Stier, der Züge in die Vernichtungslager dirigiert hat, mit der Unschuldsmiene des beleidigten Biedermanns ableugnet, auch nur das mindeste von Vergasungen gewußt zu haben. Er residierte nur wenige Kilometer von den Todesfabriken entfernt.

Allenfalls - so räumt der Ruhestandsbeamte ein - habe es Ende 1944, nicht früher, Gerüchte gegeben. Man habe gehört, daß Menschen, die nicht ganz gesund waren, die Konzentrationslager aller Wahrscheinlichkeit nach nicht überleben würden.

Man muß beobachtet haben, wie die alte Frau Michelsohn, die es aus Unternehmungslust nach Polen getrieben hat, verklemmt kichert, wenn sie zum besten gibt, daß es in Polen keine ordentlichen Toiletten gegeben habe. Wie unschuldig sie wirkt, wenn sie beteuert, sich in der "Seelenkunde" nicht gut genug auszukennen, um etwas zum Unterschied von Juden und Polen zu sagen.

Frau Michelsohn war Zeugin, wie Juden in Vergasungs-Lastwagen verfrachtet wurden. Freilich - so erläutert sie - habe sie nie in die Gaswagen sehen können. Und schließlich muß man Dr. Grassler zugesehen haben, dem freundlichen Münchner, den man sich gut beim heiteren Beruferaten in einer Musikalienhandlung oder in einer besseren Weinstube vorstellen kann. Er sitzt wie ein nachsitzender Schuljunge oder ertappter Ehemann vor der Kamera, gibt bereitwillig Auskunft und weiß gar nichts mehr. Die Fehlleistungen, die ihm unterlaufen, hätte sich kein Parodist der Psychoanalyse besser ausdenken können.

Kommt die Rede auf den Suizid des Warschauer Judenratsvorsitzenden, Adam Czerniakow, so spricht Dr. Grassler vom Suizid seines Vorgesetzten, des Gettokommissars - entlarvende Fehlleistung. Jener wirkte nach dem Krieg als Rechtsanwalt in Düsseldorf.

Die Ursache von Czerniakows Suizid in Dr. Grasslers Sicht: Sein Traum, mit den Deutschen ehrlich zusammenzuarbeiten, habe sich nach dem Beginn der

Deportation "nach Tre... nach Treblinka" zerschlagen. Dr. Grassler schwitzt während der Aufnahme. Er dankt Gott, daß der Mensch schlechte Zeiten leichter vergißt als schöne Erinnerungen. Nach dem Krieg arbeitete er in einem Verlag für alpine Literatur. Es ging um Berge und Sonne. Wörtlich: "Keine Gettoluft."

Lanzmanns indiskrete Kamera denunziert ihre deutschen Gegenüber nie, zeigt aber etwas an ihnen, wofür wir noch keine Begriffe haben und das mit dem Begriff "Verdrängung" nur unzulänglich benannt ist. Worte alleine könnten nicht preisgeben, was in diesen spießigen und farblosen Tätern, Mitläufern und Schreibtischtätern vor sich geht. Aber ihr Gesicht verrät, daß sie mehr wissen, als sie sagen, und daß das, was sie wissen, keineswegs so tief verdrängt ist, wie man beim Hören ihrer Worte glauben könnte.

Vielleicht sollten wir von einer "verlogenen Verdrängung" sprechen, von einer Verdrängung, die die empfundene Schuld nicht ins Unbewußte einsperrt, sondern nur ins Vorbewußte, jederzeit Abrufbare verweist und sie dort mit aller bewußten Kraft unter Verschluß hält.

Die Indiskretion dieses Films gilt nicht nur den Tätern, sondern in einer beinahe unbarmherzigen Weise auch den Opfern. Ich habe mich gefragt, ob es zulässig ist, die Überlebenden wie ein Kommissar mit Druck und guten Worten unter allen Umständen dazu zu bringen, das Aufwühlendste, das ihnen widerfuhr, der Öffentlichkeit zu verraten.

In der erschütterndsten Szene des Films sehen wir Abraham Bomba, den Friseur von Treblinka, mit Kunden und Angestellten in seinem Frisiersalon in Tel Aviv. Bomba und andere mußten in Treblinka den zum Tode bestimmten und schon nackten Juden die Haare schneiden, damit sie keinen Verdacht schöpften. Frauen durften auf Holzbänken sitzen.

Der Friseur im professionellen Kittel erzählt gefaßt und detailliert. Dann stockt er und verstummt. Endlos lange starrt die Kamera auf den mit seinen Erinnerungen ringenden Mann. Vor dem Verstummen hatte er erzählt, wie ein anderer Friseur in der Gaskammer die eigene Frau und Schwester traf. Nachdem Bomba die Sprache wiedergefunden hat, erzählt er, wie dieser Friseur, ein Freund, ein wenig länger bei Frau und Schwester blieb, sie umarmte und küßte, ohne ihnen jedoch mitzuteilen, daß sie in nur wenigen Minuten würden sterben müssen.

Auch solche Überlebende, die besonnen und reflektiert von dem Mordgeschehen berichten können, verlieren ihr Gleichgewicht, wenn sie an Residuen des Menschseins, an Liebe und Würde im Schatten der Krematorien denken.

Filip Müller, der als Angehöriger eines Sonderkommandos die Leichen aus den Gaskammern bringen mußte, erzählt mit unglaublicher Sorgfalt, mit Anteilnahme und Mitgefühl. Er bleibt sogar ruhig, wenn er die Todeskämpfe in den Kammern, die Verrenkungen und Blutungen der gequälten Leiber schildert.

Doch kann auch er nicht mehr an sich halten, wenn er darstellt, wie eine Gruppe von Menschen das Auskleiden vor dem Vergasen verweigerte und dann die zionistische Hymne Hatikwa sowie die tschechische Nationalhymne anstimmte. Indem Lanzmann nur heutige Landschaften, heutige Gesichter und Stimmen zeigt, evoziert er die Jetztzeit des Grauens, wie dies kein historisierender Dokumentarfilm vermöchte. Seine Respektlosigkeit, sein Sarkasmus und seine Schonungslosigkeit durchlöchern den zähen Schaum der Verdrängung, der auf dem Verbrechen liegt. Mit Takt, Dezenz und Zurückhaltung ist der verlogenen Verdrängung nicht beizukommen.

Freilich: Solche Indezenz ist nur auf der Basis einer selbstverständlichen Solidarität mit den Opfern möglich. Dies unterscheidet Lanzmanns Taktlosigkeit von den selbsternannten Enttabuisierern in Frankfurt, die Fassbinders "Müll" auf die Bühne zwingen wollten. Wenn Lanzmann Abraham Bomba auffordert, weiter zu sprechen, gewinnt seine Stimme einen fast zärtlichen Unterton, während sie bei polnischen Bauern und den Deutschen nur nach Distanz, Spott und Bitterkeit klingt.

An der Rezeption von "Shoah" wird sich weisen, wie authentisch der hierzulande so oft bekundete Wille zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist. Lanzmann jedenfalls glaubt, daß "Shoah" der erste befreiende Film seit 1945 sei - für die Deutschen.

Französische Fassung, Einblendungen; oben: "Er war Arbeitsjude"; unten: "Das Ende einer Reise".

DER SPIEGEL 8/1986
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