04.08.1986

Angst vor dem „politischen Super-Gau“

Schlacht um die Kernkraft (III): Mit Atomenergie in den Überwachungsstaat? Atomgegner gehen verstärkt mit einer neuen Strategie - „Alle Tage Sabotage“ - in den Untergrund, das Bundeskriminalamt baut eine Spezialeinheit gegen Nuklear-Terroristen auf. Das Risikopotential der Atomwirtschaft, warnen Rechtswissenschaftler, werde die Bonner Politiker bald zu einer verschärften Gesinnungsschnüffelei und zur elektronischen Beschattung der Bundesbürger zwingen. Experten befürchten, daß der papierne Berstschutz der Verfassung dem Druck nicht standhalten könnte - droht ein „politisches Tschernobyl“? *
Vor fünf Jahren machte sich der Heidelberger Verfassungsrechtler Alexander Roßnagel daran, einer Frage von beträchtlicher politischer Brisanz nachzugehen: "Bedroht die Kernenergie unsere Freiheit?"
Im Auftrage der renommierten Vereinigung Deutscher Wissenschaftler recherchierte Roßnagel in mehreren europäischen Ländern und in den USA bei Geheimdienstlern und Politikern, Sicherheitstechnikern und Reaktorexperten, welche politischen Gefahren die Kernenergie, neben ihren vielfältigen technischen Risiken, in sich birgt.
Dns Resultat fiel so beängstigend aus, daß der Jurist zunächst zögerte, seine Prognosen niederzuschreiben: Horror-Szenarien, wußte er, werden von vielen Zeitgenossen nur "als Hirngespinst karikiert und lächerlich gemacht", als pure Paranoia, bestenfalls als Science-fiction gewertet.
Erschreckend nahmen sich Roßnagels Prognosen in der Tat aus: Vieles spreche dafür, signalisierten seine Forschungsergebnisse, daß mit dem Ausbau der Atomenergie gegen den Widerstand eines Großteils der Bevölkerung bürgerliche Freiheitsrechte abbrennen würden wie Kernbrennstäbe im Reaktor.
Seit dem Erscheinen der Studie _(Alexander Roßnagel: "Bedroht die ) _(Kernenergie unsere Freiheit". Verlag C. ) _(H. Beck, München; 315 Seiten; 22 Mark. )
sind kaum drei Jahre vergangen, da kann sich der Rechtsgelehrte auf das schaurigste bestätigt sehen: Nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl läßt, wie der Zukunftsforscher Robert Jungk formuliert, ein "Menschenbeben" die Bundesrepublik erzittern, das bereits massive politische Verwerfungen bewirkt hat.
Das Beben ist dermaßen stark, daß konservative Politiker in CDU und CSU schon glauben, die von ihnen favorisierte
Atomenergie nur noch mit martialischen Polizeiwaffen und massiven Polizeieinsätzen verteidigen zu können.
Ebendies hatte die Roßnagel-Studie, neben anderem, vorausgesagt: Die Durchsetzung der Nukleartechnik könnte "für die Austragung innenpolitischer Konflikte eine völlig veränderte Situation entstehen" lassen, "vergleichbar der Veränderung, die der Bau der Atombombe für die internationale Politik bewirkt hat".
Daß die Zukunft der Atomenergie plötzlich zum "umstrittensten Thema der letzten Jahrzehnte" (Gewerkschaft der Polizei) aufgerückt ist, spiegelt sich bereits in den staatlichen Haushalten wider. Während der Anteil der Bundesbürger, die, Umfragen zufolge, den Bau neuer Nuklearanlagen ablehnen, auf 81 Prozent emporschnellte, zischten in Bayern die Kostenvoranschläge für "überörtliche Einsätze der Polizei", vor allem zum Schutz der geplanten atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf, raketengleich in die Höhe: *___Zunächst hatte der Münchner Landtag für diesen Bereich ____einen Haushaltsansatz von immerhin 2,55 Millionen Mark ____beschlossen. *___Am 26. Mai beantragte Polizeiminister Karl Hillermeier ____bei Finanzminister Max Streibl 30,75 Millionen Mark, ____unter anderem für neue Gasgranaten. *___Am 4. Juni forderte Hillermeier wegen der "spätestens ____seit der Katastrophe von Tschernobyl" verschärften ____Einsatzlage eine weitere Aufstockung dieses Etatpostens ____- auf insgesamt 50,7 Millionen Mark.
Das Argument der Münchner Sozialdemokraten, das Kabinett Strauß sei "drauf und dran, Bayern in einen Atom-
und Polizeistaat zu verwandeln", stützt sich auch auf eine Fülle von rechtlich zumindest fragwürdigen Gesetzen und Gesetzesvorhaben. Um das WAA-Projekt gegen massiven, teils militanten Widerstand durchzusetzen, haben die bayrischen Christsozialen beispielsweise *___beschlossen, im Bundesrat eine Gesetzesinitiative zur ____Verschärfung des Haft- und des Demonstrationsrechts ____einzubringen, *___dem für Wackersdorf zuständigen, aber der ____Staatsregierung nicht genehmen Landrat Hans Schuierer ____durch ein eigens erlassenes Gesetz einen Teil seiner ____Kompetenzen weggenommen, *___einen Vorstoß angekündigt, um rund um eine Vielzahl ____"gefährdeter Objekte" Bannzonen einzurichten, in denen ____Demonstrieren verboten ist (SPIEGEL 31/1986).
Schon ist abzusehen, daß die Atomenergie spätestens seit dem GAU in der Ukraine bei Bundesbürgern auf dermaßen starken Widerspruch stößt und bei einer Minderheit soviel kriminelle Energie mobilisiert, daß Schlimmes zu erwarten steht.
Bereits jetzt gibt es reichlich Anhaltspunkte dafür, daß Polizei und Geheimdienste - wenn die Regierenden starr an ihrem Pro-Atom-Kurs festhalten - es nicht nur mit gewalttätigen Demonstrationen zu tun haben werden. Mehr und mehr wenden sich radikale Atomgegner einer neuen Strategie zu: Statt am Bauzaun, direkt vor den Video-Kameras und Wasserwerfern der Polizei, zu agieren, verlegen sie sich auf Sabotageakte im Hinterland - nach dem holprigen Leitspruch: "Wackersdorf ist überall - wir auch."
Dort, wo die Polizei selten präsent ist, operieren sie vergleichsweise gefahrlos - und dennoch wirkungsvoll. Zielobjekte sind vor allem Energiekonzerne sowie Kraftwerksbauer und deren Zulieferer.
Trotz zeitweiliger polizeilicher Nachrichtensperre ist das Ausmaß der Aktivitäten im Untergrund kaum mehr zu übersehen. Seit dem GAU in der Sowjet-Union und den Gewaltdemonstrationen in Brokdorf und Wackersdorf vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Sabotagetrupp zuschlägt: *___In Heidelberg warf eine "Proletarische Aktionsgruppe" ____einen Molotow-Cocktail in das Verwaltungsgebäude einer ____Fabrik, die Zement für Wackersdorf liefert; *___bei Frankfurt, Hanau, Würzburg und Ludwigsburg sägten ____"Revolutionäre Heimwerker" und ähnliche Kommandos ____Strommasten um; *___in Hannover beging eine Gruppe namens "Widerstand im ____Hinterland" Anschläge auf Firmen, die "alle am ____Atomgeschäft beteiligt" sind; *___in der Nähe von Göttingen leisteten "Revolutionäre ____Pyrotechniker" ihren "Beitrag zu den Aktionen" in ____Brokdorf und Wackersdorf und setzten ____Bundesbahn-Baumaschinen in Brand; *___bei Gorleben verübten Unbekannte in der Nacht zum 7. ____Juli einen Sprengstoffanschlag auf ein unterirdisches ____Stromkabel, bei dem die Beton-Abdeckung der ____20000-Volt-Leitung vierzig Meter durch die Luft ____geschleudert wurde; *___in einer Fabrik im bayrischen Schwandorf, die Beton für ____die WAA liefert, richteten Brandstifter am Montag ____vorletzter Woche Sachschaden in Höhe von ____schätzungsweise 2,5 Millionen Mark an.
Bislang hat es, wie Verfassungsschützer wissen, bereits weit über tausend solcher "Straftaten mit umweltpolitischem Hintergrund" gegeben. So klebte eine einzige norddeutsche Gruppe, die sich "Gesundheitsdienst der Anti-Strahler-Kommission" nennt, gleich in 300 Fällen im Raum Kiel/Hamburg Türen von Banken, Versicherungen und, vor allem, Elektrizitätswerken zu. Doch die meisten Öko-Gruppen belassen es nicht bei solchen eher symbolhaften Aktionen.
Auf Sabotage konzentrieren sich die Öko-Terroristen verstärkt, seit ihnen im Januar letzten Jahres ein besonders spektakulärer Coup gelang: Eine Gruppe "Hau weg den Scheiß" sprengte als "unsere Antwort auf die Bedrohung durch diesen Atomstaat" (Bekennerbrief) in der Nähe des Kernkraftwerks Krümmel einen 70 Meter hohen Strommast, in Hamburger Randgemeinden fiel stundenlang der Strom aus.
Ein Trupp "Jugend forscht" bekannte sich dazu, die Reifen und Bremsleitungen diverser Fahrzeuge von Baufirmen "angeschaut und sie auf ihre Belastbarkeit geprüft" zu haben. Und Ende letzten Monats konnte in Gundremmingen nur knapp ein Anschlag verhindert werden, bei dem eine Gruppe "Edelweiß-Piraten" an zwei Strommasten in der _(Mit Klaus Vack, Sekretär des Komitees ) _(für Grundrechte und Abrüstung. )
Nähe des Kernkraftwerkes sage und schreibe 40 Kilo Sprengstoff deponiert hatte.
Wer sich hinter Phantasie-Bezeichnungen wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" oder "Vereinigte Sägewerke GmbH" (Firmenzeichen: Säge über fünfzackigem Stern und Anarcho-A) verbirgt, ist den Fahndern so gut wie unbekannt: Die Öko-Aktivisten arbeiten ohne Unterstützer oder Mitwisserkreis. "Unsere Erkenntnislage", klagt ein hoher westdeutscher Verfassungsschützer, "war selten so schlecht wie in diesem Bereich."
Nur so viel ist nach Einschätzung der Experten sicher: Wenngleich einige Anschläge auf das Konto "Revolutionärer Zellen" gehen, rechnen Verfassungsschützer das Gros der Gruppen nicht der Roten Armee Fraktion (RAF) oder deren engerem Umfeld zu. Schwer zu beschaffender Sprengstoff, wie ihn "Hau weg den Scheiß" und die "Edelweiß-Piraten" benutzten, ist laut Verfassungsschutz "die große Ausnahme" - bis jetzt jedenfalls.
Staatsschützer gehen davon aus, daß sich die Öko-Terroristen großenteils aus Autonomen rekrutieren, die es leid geworden sind, immer nur gegen gut gesicherte Bauzäune anzurennen. Diese Vermutung wird durch etliche Bekennerschreiben und anonyme Selbstdarstellungen gestützt.
Weil es "symbolisch nicht weiterging" und "massenhaft militant auch nicht", gab beispielsweise ein Aktivist der alternativen "Tageszeitung" zu Protokoll, sei der Protest "verlagert" worden auf "Firmen und Infrastruktur". Das laufe ohne "direkte Konfrontation mit den Bullen" und funktioniere "am einfachsten".
Für einen Anschlag auf einen Strommast würden lediglich "ganz einfache Handsägen" gebraucht, ferner Sägeblätter ("so 15 bis 20 Stück") und "eine Menge Öl zum Kühlen der Schnittstelle", verlautbaren die "Revolutionären Heimwerker" in der Alternativpresse. Auf dem Flugblatt einer "Sägenden Zelle" heißt es: "Ein Griff zur Säge, zwei Stunden schwitzen, und schon sind zwei Strommasten hin." Sachschaden pro Mast: rund 250000 Mark.
Wo sie ihre Sägen und Sprengsätze am besten plazieren, können militante Atomgegner mittlerweile diversen Schriften entnehmen. Ein Faltblatt nennt, von Armaturen-Herstellern bis Zaunfabrikanten, rund 30 Adressen von "Betreibern und Firmen" in Norddeutschland, die "am Atomenergiegeschäft profitieren". In der Juni-Ausgabe des Autonomen-Blattes "Wackerland News" finden sich die Namen von weiteren 27 Unternehmen. Verfassungsschützer befürchten, "daß die Szene diese Listen nun abarbeiten wird".
Zwar hat die Polizei "verstärkte Streifentätigkeit" vor allem in der Oberpfalz angekündigt. Doch wirksamen Schutz gegen solche Anschläge gibt es kaum: Schließlich, argumentieren Staatsschützer, könne nicht neben jedem Strommast und Bauwagen ein Schutzmann postiert werden. Die Autonomen durch Polizeigewalt und Demo-Verbote in den Untergrund zu drängen, halten hohe Verfassungsschützer und Polizeiobere für "das Dümmste, was wir machen können".
Schon heute denken Polizeistrategen voller Schrecken an den Tag, an dem auf der Straße oder der Schiene die ersten sogenannten Castor-Behälter mit nuklearem Material nach Wackersdorf rollen. Untergrundkämpfer, steht zu erwarten, werden sich die Chance _("News" von Rainer Erler mit Mark Lee und ) _(Birgit Doll. )
nicht entgehen lassen - und dabei auch Menschenleben riskieren.
Erfahrung in Sachen Transportsabotage haben Öko-Attentäter bereits sammeln können. Im Raum Lüchow-Dannenberg etwa zerstörten Unbekannte zwei Vorsignale, lösten 170 Schwellenschrauben, sägten ein Weichengestänge durch. Sie bewirkten damit, wie das niedersächsische Innenministerium urteilte, neben erheblichem Sachschaden auch "beträchtliche Gefahr für Menschen".
Eine andere Gruppe (Motto: "Schweine ins Weltall") beschädigte Anfang Juli südlich von Freiburg auf einer Strecke von 800 Metern eine Bundesbahn-Oberleitung. "Wir haben die DB zum Angriffspunkt gemacht", heißt es in dem Bekennerbrief, "weil sie Atommüll nach Gorleben und Brennstäbe nach Wackersdorf transportieren soll."
Auch in Wackersdorf selber haben Autonome schon gezeigt, wozu sie fähig sind, wenn sie nicht "am Bauzaun nagen" (Szene-Jargon): Etwa hundert Vermummte stoppten Pfingsten per Notsignal den Eilzug Schwandorf-Amberg, zertrümmerten Fensterscheiben und nahmen Feuerlöscher mit.
Ein paar Stunden später wurde ein Güterzug nach Schwandorf mittels Baumbarrikaden angehalten. Demonstranten koppelten die Lokomotive ab und deckten den Lokführer mit einem Hagel von Steinwürfen ein, bis der mit der Lok allein die Flucht ergriff. Später mußte die eingleisige Bahnstrecke gesperrt werden, nachdem Randalierer Schienen gelockert und aus dem Boden gewuchtet hatten.
Wie Anschläge gegen Bundesbahn-Transporte ausgeübt werden, zeigt ein "Handzettel Nr. 12", der in Niedersachsen kursiert: _____" Besorge einen 41er Maulschlüssel und ''nen kleinen " _____" Spaten. Nun gehe zur Castor-Bahnstrecke " _____" Uelzen-Dannenberg. Begib dich mit Umsicht dorthin. Am " _____" Bahndamm angelangt, triffst du auf sauber geschichteten " _____" Schotter, der Schwellen aus Holz oder Beton Halt bietet. " _____" Die Schienen selbst sind mit gut sichtbaren " _____" Sexkantmuttern auf Grundplatten an den Schwellen " _____" befestigt. "
Und dann folgt eine detaillierte Handlungsanweisung, wie an den Schwellen die Muttern zu lösen, die Schraubenschlüssel anzusetzen und in welche Richtung die Schrauben zu drehen sind. Es fehlt auch nicht an mahnenden Gefahrenhinweisen ("Doch Vorsicht: Du popelst an einer modernen Gleisanlage"), die vor Verletzungen schützen sollen. Die Arbeitsanleitung schließt mit einem flotten Reim: "Merke: Nur die Schiene ohne Schwelle kriegt ''ne richtig große Delle." Daß die Szene solche Anleitungen ernst nimmt und befolgt, selbst auf die Gefahr hin, daß dabei Unbeteiligte getötet werden - daran haben Experten keinen Zweifel. "Seit Tschernobyl", sagt ein hoher Hamburger Verfassungsschützer, "haben alle eher noch was draufgelegt." _(Pfingsten 1986; Autonome stoppen einen ) _(Zug. )
Wohin das unweigerlich führen werde, wenn Tag für Tag Gefahrgut-Transporte mit frischen oder abgebrannten Brennstäben durchs Land rollen, hat Zukunftsforscher Roßnagel bereits 1983 errechnet:
In einigen Jahrzehnten wären, neben rund 60000 sonstigen Beschäftigten, 13300 Mann Wachpersonal notwendig, wahrscheinlich nach amerikanischem Vorbild mit Maschinenwaffen und Schießbefehl ausgestattet. Wegen der Gefährlichkeit des Transportgutes - schon zehn Millionstel Gramm Plutoniumoxidstaub können Lungenkrebs auslösen, eine Bastel-Bombe aus Pu-Oxid, gezündet in einem Fußballstadion, kann bis zu 100000 Menschen tödlich verstrahlen - müssen die Fahrtstrecken peinlich genau überwacht werden.
Auch Nuklearanlagen gelten den Experten mehr und mehr als potentielles Sabotagerisiko. Am 5. Juli ging in der Hamburger Zentrale der Deutschen Presse-Agentur ein maschinegeschriebener Brief ein, in dem eine - bislang unbekannte - Gruppe "Die Roten Ratten" mit Sprengstoff-Anschlägen auf westdeutsche Kernkraftwerke droht. Wortlaut: _____" Die Spiele sind vorbei. Es ist nichts mehr harmlos. " _____" Es ist fünf nach 12. Die Ereignisse von Seveso, Bhopal, " _____" Harrisburg, nicht zuletzt der Fall Tschernobyl, haben " _____" gezeigt, daß die Großkonzerne und Regierungen in West und " _____" Ost, in Süd und Nord um jeden Preis gewillt sind, ihre " _____" menschenverachtende Politik fortzusetzen. Dabei haben sie " _____" auch die Vernichtung des menschlichen Lebens in ihre " _____" Rentabilitätsrechnung einbezogen. " _____" Jeder, der diese Politik weiterhin unterstützt oder " _____" auch nur duldet, macht sich mitschuldig an der Ermordung " _____" seiner Mitmenschen. Heute kann keiner mehr sagen, er habe " _____" von nichts gewußt. Daher sehen wir keinen Grund mehr, " _____" Rücksicht auf das Leben und Sterben, die Angst und " _____" Wünsche der ewig schweigenden Mehrheit zu nehmen. " _____" Als erste Drohung an alle haben wir sechs Sprengsätze " _____" in die Kühlwasserkreisläufe verschiedener deutscher " _____" Atomkraftwerke eingebaut, deren Wirkung auch für uns " _____" nicht vorhersehbar ist. Dies ist eine letzte Chance. " _____" Nutzt sie. Die Roten Ratten. "
Um Überfälle und Anschläge auf Kraftwerke und Atomunternehmen zu verhindern, müssen die Verantwortlichen darauf bedacht sein, die Reaktoren ebenso wie die Nukleartransporte in wenigen Jahren mit dem gesamten Arsenal technischer Sicherheitsvorkehrungen schützen zu lassen - einem Instrumentarium, das schon heute phantastisch anmutet.
Roßnagel berichtet, aus Geheimhaltungsgründen zum Teil ohne Detailangaben, über elektronische Ausweislesegeräte und Strahlenbarrieren, Licht- und Mikrowellenschranken, über Robotkameras und Wärmemodule, die es ermöglichen, selbst einen 1,5 Kilometer entfernten Angreifer aufgrund seiner Körpertemperatur aufzuspüren.
Noch in der Entwicklung, in einigen Ländern aber bereits versuchsweise in Reaktorgebäuden installiert, seien diverse "passive Abwehrsysteme": Wenn Attentäter gewaltsam in Sperrzonen eindringen, sorgen grelle Lichtblitze für Desorientierung. Hochfrequente Töne aus einer "Squawk Box" lösen Krämpfe und Übelkeit aus. Verbotene Korridore füllen sich mit Seifenblasen, kaltem Rauch oder, lendenhoch, mit dickem, klebrigem Schaum; Pumpen saugen Sauerstoff ab, verborgene Düsen versprühen Säuren und Gase.
Mit dem theoretischen Studium solcher Möglichkeiten befassen sich auch westdeutsche Experten. Und in aller Stille hat das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) eine Spezialisten-Gruppe rekrutiert, die, so ein BKA-Sprecher, der "Nuklearkriminalität in unterschiedlichsten Formen" vorbeugen soll: terroristischen Anschlägen auf Kernenergieanlagen ebenso wie dem Diebstahl von spaltbarem Material oder dem Handel mit Informationen über Lagerung und Sicherung von Kernbrennstoffen.
Die Angst vor Atomterrorismus hat einen realen Hintergrund. Auf einer Konferenz in Genf schockierte der ehemalige Uno-Hochkommissar Prinz Sadruddin Aga Khan die Teilnehmer, darunter eine Gruppe von Rüstungskontrollbeobachtern des US-Senats, mit der Feststellung, eine "nukleare Aktenkoffer-Bombe" sei bereits "herstellbar", eine "Rucksack-Bombe" _(Im März 1984; Kripo bei der ) _(Spurensicherung an der Bahnstrecke ) _(Lüneburg-Dannenberg. )
stehe sogar schon "zur Verfügung".
Auch US-Vizepräsident George Bush prophezeit, die Sicherheitskräfte müßten "auf dramatische Terrorakte der Zukunft vorbereitet sein - ein Risiko, das Russen und Amerikaner schon an einen Tisch gebracht hat: Laut US-Außenminister George Shultz ist in Gesprächen mit den Sowjets das Problem angeschnitten worden, "daß Terroristen möglicherweise Nuklearwaffen besitzen oder sich aneignen könnten".
Ob dabei tatsächlich ein "Geheimabkommen" über gemeinsames Vorgehen gegen Atomterrorismus geschlossen wurde, wie der demokratische US-Senator Sam Nunn behauptet, ist offiziell bisher nicht bestätigt worden; Außenminister Shultz räumte immerhin ein, daß die USA der Sowjet-Union die Einrichtung sogenannter Risikominderungszentren vorgeschlagen haben.
Die Sicherheitsexperten müssen sich auf eine Vielzahl von Tätergruppen einstellen; manches Szenario erinnert an Szenen aus dem James-Bond-Film "Octopussy" (Nuklearterrorismus) oder dem TV-Streifen "News" (Plutoniumschmuggel). Wie groß der Überwachungsbedarf des Atomstaates ist, der durch die Möglichkeit von Brennstoffdiebstahl und Kraftwerkssabotage erpreßbar wird, stellt Roßnagel in seinem jüngsten Buch _(Alexander Roßnagel: "Radioaktiver ) _(Zerfall der Grundrechte?" Verlag C. H. ) _(Beck, München; 320 Seiten; 24 Mark. )
mit verschiedenen Beispielen dar: _____" Schwerbewaffnete Mitglieder einer fanatisierten Sekte " _____" erobern ein Kernkraftwerk und sprengen es in einer " _____" "kultischen" Selbstmordaktion in die Luft. " _____" Organisierte Kriminelle erpressen Beschäftigte von " _____" Brennelementfabriken, heimlich Plutonium abzuzweigen, und " _____" bieten es auf einem internationalen Schwarzmarkt an. " _____" Terroristen überfallen eine Wiederaufarbeitungsanlage " _____" und rauben eine ausreichende Menge Plutonium, um einen " _____" atomaren Sprengsatz herzustellen. " _____" Mit der Drohung, die Atombombe in einer Großstadt zu " _____" zünden, erpressen sie die Regierung. " _____" Feindliche Agenten beschießen den Transport " _____" abgebrannter, hochradioaktiver Brennelemente mit " _____" tragbaren Raketen. " _____" Ein Wahnsinniger entführt ein Großraumflugzeug und " _____" läßt es auf eine Atomanlage abstürzen. " _____" Böswillige Insider lösen durch Sabotage das Schmelzen " _____" eines Reaktorkerns aus. "
Solche Vorfälle, resümiert Roßnagel, dürften sich "wegen ihrer katastrophalen Folgen nie ereignen". Ihnen vorzubeugen, notfalls auf Kosten von Bürgerrechten und Bürgerfreiheiten, sei daher ein unausweichlicher "Sachzwang der Kernenergie".
Die Gefahr, daß nicht nur Putsch und offener Verfassungsbruch, sondern auch schleichende strukturelle Veränderungen der Energiepolitik Grundrechte beeinträchtigen können, haben auch hohe und höchste Richter erkannt.
Die für Kalkar geplante Brüter-Technologie, mahnte bereits 1978 das Oberverwaltungsgericht Münster, erfordere "Überwachungsvorkehrungen", die "alle bisher bekannten Sicherheitsmaßnahmen bei weitem zu übertreffen geeignet wären". Die Frage aber, ob dabei "die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Freiheiten gewährleistet werden könne sei "bisher unbeantwortet".
Um beispielsweise einem Fall von Nuklearterrorismus durch Reaktor-, Transport- oder Wachpersonal vorzubeugen, würde es nicht genügen, einen Angestellten erst dann auszuschließen, wenn bekanntgeworden ist, daß er zu einer kriminellen Handlung erpreßt, verführt, _(Arbeit mit einem "Manipulator" in der ) _(Kernforschungsanlage Jülich. )
bestochen, überzeugt oder überredet worden ist. "Als Sicherheitsrisiko", so Roßnagel, "wird er schon dann untragbar sein, wenn er erpreßbar, verführbar, bestechbar, überredbar oder überzeugbar zu sein scheint." Aus solchen Überlegungen zieht der Rechtswissenschaftler den Schluß, daß bei verstärkter Nutzung der Atomenergie eine Fülle von Sachzwängen Politiker unweigerlich veranlassen werde, *___das gesamte, nach Zehntausenden zählende Personal des ____Nuklearkomplexes samt Kontaktpersonen vor und nach der ____Einstellung, innerhalb wie außerhalb der Dienstzeit ____schärfster Überwachung zu unterwerfen - durch Ausbau ____der Radikalenerlaß-Praxis nach westdeutschem Vorbild, ____durch (formal freiwillige) Teilnahme an Psycho- und ____Lügendetektor-Tests wie in den USA, ferner durch ____regelmäßige Drogenkontrollen sowie durch Einschleusung ____von V-Männern in die Belegschaften; *___die "Sicherungslinie" weit in das Vorfeld des ____Nuklearbereiches vorzuverlegen - vor allem, wie es eine ____"Special Safeguards Study" der US-Atomenergiekommission ____empfiehlt, durch "rechtzeitige und intensive ____Datensammlung" mit Hilfe "elektronischer und anderer ____Überwachungsmittel" sowie durch "Infiltration der ____Gruppen" potentieller Täter und Risikopersonen, etwa in ____der Öko-Szene.
Diese Zukunft hat schon begonnen. Der Arbeitskreis II der Innenministerkonferenz schlug bereits 1980 vor, die Kontrolle der Kernkraftwerksmitarbeiter zu verschärfen und es nicht mehr bei der üblichen Karteiabfrage beim Verfassungsschutz und der Auskunft aus dem Bundeszentralregister zu belassen. Auch Dritte sollten befragt werden - was bis dahin nur bei Leuten üblich war, die Zugang zu streng geheimen Verschlußsachen erhielten.
Im Mai 1981 ging die Arbeitsgemeinschaft der Innenminister daran, das Wachpersonal von Kernkraftwerken aufzurüsten. "Notfalls", hieß es nun, müßten die Sheriffs zur "Abwehr von Angriffen und unberechtigten Eingriffen" von Schußwaffen Gebrauch machen - und das nicht nur gegen Eindringlinge von außen. "Entsprechende Maßnahmen" seien "auch gegen erkannte Störungen oder Störversuche durch Innentäter zu ergreifen".
Seit 1983 gilt praktisch jeder Mitarbeiter einer Atomanlage als potentieller Saboteur: Er soll auf Schritt und Tritt überwacht werden - durch scharfe Kontrollen _(Oben: im April 1984 im Landkreis ) _(Lüchow-Dannenberg; ) _(unten: mobiles Datenfunkgerät der ) _(Polizei. )
beim täglichen Betreten und Verlassen des Werkes sowie während der Arbeitszeit. Teils geplant, teils realisiert sind Maßnahmen wie *___kodierte Ausweiskarten, mit deren Hilfe jeder Zu- und ____Fortgang eines Mitarbeiters und jede Bewegung von einem ____Betriebsbereich in den anderen im Computer festgehalten ____werden; *___ständige Überwachung der Arbeitsplätze durch Kameras, ____gelegentliche Telephonüberwachung, Taschen- und ____Körperkontrollen; *___bewaffnete Wachleute nicht nur an den Toren, sondern ____auch innerhalb der Anlagen; um "Vertrautheit zwischen ____Wachpersonal und Betriebspersonal" zu verhindern, ____werden die Wachleute ständig ausgetauscht.
In nordrhein-westfälischen Atomkraftwerken haben solche Maßnahmen bereits vor drei Jahren zu erheblichem Unmut bei den Belegschaften geführt. "Widerstand und Widerwille", ja "Mescalero-Denken" kennzeichne die allgemeine Stimmungslage, fand das Düsseldorfer Institut für angewandte Sozialpsychologie heraus. Viele Bedienstete machten sich Gedanken, wie sie "die Sicherungsmaßnahmen überlisten könnten. Einige sagten sogar, sie würden sich "über jeden gelungenen Sabotageakt klammheimlich freuen".
Bei der Bespitzelung des Kraftwerkspersonals und seiner Verwandten und Bekannten bleibt es nicht. Die jüngsten Anti-Kernkraft-Proteste und -Attentate werden, so ist zu erwarten, die "Vorverlegung der Sicherungslinie" (Roßnagel) beschleunigen. Was das praktisch bedeutet, haben die Bewohner der Gebiete rund um die Nuklearprojekte in der Oberpfalz und im Kreis Lüchow-Dannenberg schon zu spüren bekommen: Dort ist die von Datenschützern beschworene Vision vom "Überwachungsstaat" bereits weitgehend Wirklichkeit geworden.
Im niedersächsischen Wendland sind rund 2000 Kernkraftgegner fürsorglich in einer Spezialdatei erfaßt worden - manche, obwohl die einzige "Erkenntnis" über sie darin bestand, daß sie eine Funktion in der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg innehatten. Erfaßt wurden zum Beispiel auch Hoteliers, bei denen "möglicherweise finstere Personen abgestiegen waren, wie das hannoversche Innenministerium erläuterte, sowie ein Bundestagsabgeordneter der Grünen, dessen Telephonnummer einmal auf einem Flugblatt gestanden hatte.
Im Umkreis der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf werden selbst harmlose Bauern von der Polizei "Tag für Tag ausspioniert, beim Jauchefahren kontrolliert, registriert und "von vorn und von hinten photographiert", wie viele von ihnen beklagen. Kein Wunder, wenn sich Einheimische in Feindesland wähnen: "Haben wir denn schon Rußland?"
Nicht zuletzt um die Datenfülle über potentielle Nuklearterroristen zu bewältigen, hat das Bundeskriminalamt Anfang des Jahres seinen ohnehin üppigen Beständen eine weitere - problematische - Sammlung zugefügt: eine sogenannte Arbeitsdatei Pios - Innere Sicherheit, kurz "Apis".
Das bisherige Aktenauswertungssystem "Pios - Terrorismus", in dem Daten über "Personen, Institutionen, Objekte,
Sachen" systematisch erfaßt und verknüpft werden, soll nun um alle polizeibekannten Vorgänge aus dem Staatsschutz-Bereich erweitert werden. Nach der "Errichtungsanordnung" für "Apis" werden außer Beschuldigten auch Verdächtige gespeichert.
Im Computer soll jemand landen, wenn etwa "Anhaltspunkte dafür vorliegen", daß er "als Rädelsführer, Hintermann, Mitglied oder Unterstützer" einer Organisation angehört, "bei der der Verdacht besteht, daß sie sich an bestimmten Straftaten beteiligt hat. Auch "andere Personen" sollen in die Sonderdatei geraten, wenn sie "in Verbindung mit solchen Personen oder Organisationen stehen" - ein Ziel ohne Grenzen.
Der hessische Datenschutzbeauftragte Professor Spiros Simitis bezweifelt die "Notwendigkeit einer Erweiterung der bisherigen Datei Pios-Terrorismus auf nahezu den gesamten Bereich des Staatsschutzes". Und er bemängelt die "unklare Festlegung des einzuspeichernden Personenkreises" ebenso wie den "vage definierten Katalog von in Betracht kommenden Straftaten".
Besonders beunruhigt Simitis der Umstand, daß auch "Bagatelldelikte" samt den dazugehörigen Tätern und Verdächtigen gespeichert werden können, "sofern nur ''die Angriffsrichtung'' oder ''das Motiv'' des Delinquenten den Verdacht einer Zielsetzung im terroristischen oder ''staatsgefährdenden'' Bereich wecken".
Zwar sind solche Speicher-Praktiken nicht neu. In ihren elektronischen Archiven sammelt die Polizei seit langem nicht nur Straftäter und Verdächtige, sondern auch Rand- und Kontaktpersonen. Schon die bloße Anmeldung einer Demonstration genügt, den Anmelder ins System zu nehmen, auch wenn es sich, wie im Bundesland Hessen geschehen, um einen gewiß gewaltfreien Juristen-Protest gegen die Novellierung des Richtergesetzes handelt.
Zu befürchten steht nun, daß die Breite des Anti-Atom-Protests, der Trend zur Nuklearsabotage und das Schadenspotential dieser Großtechnik dazu führen, daß sich die Datenbestände ebenso wie das gesamte bundesdeutsche Sicherheitssystem noch mehr aufblähen werden als bisher. Es drohe, bringt Jurist Roßnagel die Gefahr auf eine Formel, ein "radioaktiver Zerfall der Grundrechte".
Die Zunahme von gewaltsamen Groß-Demonstrationen könnte beispielsweise jenen Polizeipolitikern Auftrieb geben, die sich seit langem schon für einen Ausbau des 1982 eingerichteten BKA-Meldedienstes "Landfriedensbruch und verwandte Straftaten" einsetzen.
Der Nutzen dieses Systems mutet auf den ersten Blick verführerisch an: Bei Kontrollen rund um Demonstrationsorte lassen sich mit elektronischen Lesegeräten die Besitzer der EDV-gerechten neuen Plastik-Personalausweise, Typ "Erika Mustermann", blitzschnell daraufhin überprüfen, ob sie beim BKA zum Beispiel als "reisender Gewalttäter" (Kripo-Terminus) gespeichert sind.
Auf diese Weise würde allerdings ein elektronisches Schleppnetz entstehen, das weltweit einzigartig wäre und die Bürgerrechte der Westdeutschen massiv gefährden würde. Denn technisch ist es schon heute ohne weiteres möglich, die Namen von überprüften Demo-Teilnehmern zentral zu speichern und im Laufe der Zeit komplette "Bewegungsbilder zu erstellen, Polit-Profile aller bundesdeutschen Aktivbürger.
Die politischen Risiken liegen auf der Hand. Wenn die von Unionsrechten verlangten Änderungen der Demonstrations- und der Haftgesetze, des Datenschutz- und des Polizeirechts wirksam werden, sind bald schon Szenarien wie diese alltägliche Realität:
Ein friedlicher Kernkraft-Kritiker gerät auf einer nicht verbotenen Demonstration in einen rechtswidrigen Gasgranaten-Einsatz der bayrischen Polizei. Er versucht, sich notdürftig gegen den CS-Reizstoff zu schützen, indem er sich seinen Schal fest um Mund und Nase wickelt, wird daraufhin wegen Verstoßes gegen das verschärfte Vermummungsverbot
von einem Greiftrupp festgesetzt und im Polizeicomputer gespeichert. Folge: Bei jeder künftigen Demonstration wird er zumindest besonders scharf gefilzt, womöglich an der Weiterfahrt gehindert oder gar in "Vorsorgehaft" genommen; überdies sind ihm fortan alle Arbeitsplätze im sicherheitsempfindlichen Bereich verschlossen.
Durchsetzbar ist die von der Union angestrebte Rechtslage, die derlei ermöglichen würde, freilich nur dann, wenn anhaltend militante Anti-Atom-Aktionen, womöglich mit Todesopfern, entsprechende Gesetzesänderungen mehrheitsfähig machen. Denn der Ausbau der Polizeielektronik und der Ausbau der Kernenergie sind gleichsam politische Zwillinge, die zum Zwecke ihrer Durchsetzung einander bedürfen.
Mit anderen Worten: So wie einerseits, Brennstäbe den Weg in den Überwachungsstaat säumen, läßt sich, andererseits, der Plutoniumstaat nur unter dem Schutz jenes elektronischen Stahlnetzes installieren, das einen jeden Bürger zum Mustermann macht.
Diese Verquickung könnte erklären, warum die radikalsten Streiter für eine Verschärfung des Polizeirechts genau dort zu finden sind, wo auch am verbissensten an der Durchsetzung der Kernenergie festgehalten wird (und umgekehrt): am rechten Rand der Union, in der Strauß-Partei.
Aus dem technisch bedingten Sachzwang, der dazu führt, daß im Atomstaat die Bürgerfreiheit verkürzt werden muß, haben Rechtskundige wie Roßnagel dagegen ein juristisches Plädoyer für den Ausstieg aus der Kernenergie entwickelt: Vonnöten sei eine "verfassungsverträgliche" Technik; daher müßten Alternativenergien entwickelt werden, deren Rechtsfolgen abschätzbar sind.
Mit solchen Thesen findet sich Roßnagel in prominenter Gesellschaft. Das von ihm bearbeitete Forschungsprojekt "Sozialverträglichkeit von Energiesystemen" stand unter der Verantwortung des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, des Ökonomen Bertram Schefold sowie des Ökologen und Hamburger Wissenschaftssenators Klaus Michael Meyer-Abich (SPD).
Und in Großbritannien hat bereits 1976 eine "Königliche Kommission" die Gefahr beschrieben, daß die bürgerlichen Freiheitsrechte, von Polizei und Atomwirtschaft in die Zange genommen, entweder millimeterweise oder auf einen Schlag verkürzt werden: "Am meisten zu befürchten" seien, so die Royal Commission, *___"eine schleichende Zunahme der Überwachung als Antwort ____auf eine zunehmende Bedrohung, da die Menge des ____vorhandenen Plutoniums und die Vertrautheit mit seinen ____Eigenschaften immer weiter anwachsen", sowie *___"die Möglichkeit, daß es aufgrund eines einzigen ____ernsthaften Vorfalls künftig in der Tat notwendig ____werden könnte, die Sicherungsmaßnahmen und die ____Überwachung in einem Maß auszuweiten, das als völlig ____unakzeptabel zu betrachten ist".
Daß der Gesellschaft von der Kernenergie eine Art politischer Super-GAU droht, weil die Atomkraft sich als nicht demokratieverträglich erweist - diese Sorge hatte die westdeutschen Atomgegner jahrelang weniger umgetrieben als der Zweifel an der Umweltverträglichkeit der Nuklearenergie. Doch das hat sich nach Tschernobyl und den Gewaltszenen in Brokdorf und Wackersdorf entscheidend geändert.
Selbst in den Reihen der Polizei wird plötzlich diskutiert, ob die Durchsetzung neuer Nuklearanlagen, gegen den Willen von mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung, den hohen gesellschaftlichen Preis wert ist, der sich nun allmählich abzeichnet - und ob die Polizei nicht "für nackte Kapitalinteressen verheizt" wird, wie IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans Janßen fragt.
Vielen Polizeibeamten schwant: Mit keiner denkbaren Polizeitaktik - ob noch so brutal, ob noch so raffiniert - kann es in einer Demokratie auf Dauer gelingen, von der Bevölkerung so vehement abgelehnte Großprojekte durchzuboxen. "Wie kommt es denn eigentlich, fragt Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Schnoor (SPD), "daß Polizeibeamte in Wackersdorf nicht mehr in eine Gastwirtschaft gehen können? Weil man in der Polizei den Repräsentanten einer Regierung sieht, die der Bevölkerung etwas aufzwingt, was sie nicht haben will. Da gibt es keine Antwort mit anderen Gesetzen und keine Antwort mit Gummigeschossen."
Im Kampf um Wackersdorf werde das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Polizei ramponiert, fürchtet Günter Schröder, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei: "Alles, was sich an Wut, Ohnmacht oder Contra beim Bürger aufgespeichert hat, spielt sich ab beim Kontakt zwischen Bürger und Polizist, nicht zwischen Bürger und Innenminister Zimmermann beispielsweise."
Die Gewerkschafter ärgert, daß sich, wenn es zu Übergriffen kommt, stets der einzelne Beamte vor Gericht zu verantworten habe, nicht aber derjenige, der den Einsatz angeordnet hat. Schröder: "Kein Innenminister, kein Innensenator, kein Polizeipräsident hat jemals vor Gericht gestanden."
Schröder vergleicht Wackersdorf schon mit dem Schnellen Brüter, den die NRW-Regierung nicht in Betrieb setzen will: "Wir sind ja auch zehn Jahre nach Kalkar gefahren und haben dort geschützt, _(Vor dem Kernkraftwerk Gundremmingen. )
und nach zehn Jahren will man möglicherweise ein Denkmal daraus machen."
Eine Reihe von Beamten hat es bereits satt, jenen umweltpolitischen Konsens herbeizuknüppeln, den die Politiker nicht mehr herstellen können. Im saarländischen Innenministerium etwa meldeten sich Polizisten, die "auf keinen Fall in Wackersdorf eingesetzt werden" wollen. In Frankfurt hat die Polizeiführung für vergleichbare Fälle mit dem Personalrat schon vor Jahren vereinbart: "Beamte, die sich von der Startbahn und den dortigen Polizeieinsätzen distanzieren, werden nicht eingesetzt."
Immer häufiger dringen aus der Polizei Äußerungen, die fast schon an Meuterei denken lassen. "Wenn es nicht aufhört, daß unsere Kollegen zwanzig Stunden und mehr verheizt werden", warnt der hessische Polizei-Gewerkschafter Hansgeorg Koppmann, "braucht sich die Polizeiführung nicht zu wundern, wenn ihr eines Tages die Polizisten den Gehorsam aufkündigen und nach Hause gehen."
Schwer verständlich ist für viele Beamte vor allem, daß sie im Steinhagel ihren Kopf für Projekte hinhalten sollen, von denen sich Politiker sämtlicher Parteien distanzieren und die, wie auch der Bremer Polizeisenator Volker Kröning einräumt, von "der Mehrheit der Bevölkerung" abgelehnt werden (siehe Kasten Seite 66).
Zunehmend Widerhall finden Wissenschaftler, die darauf hinweisen, daß eine direkte Endlagerung von Atommüll dem Bau einer WAA vorzuziehen sei. Bei einer Wiederaufarbeitung, heißt es in einem letzten Monat veröffentlichten "warnenden Aufruf" von 377 Münchner Physikern, werde tausendmal mehr Radioaktivität an die Umwelt abgegeben als bei einer direkten Endlagerung der abgebrannten Brennelemente; außerdem fielen nicht weniger, sondern mehr radioaktive Rückstände an.
Nicht nur daß der DGB, die Sozialdemokraten und Grünen bundesweit den Ausstieg aus der Kernenergie fordern und speziell die WAA für "ökologischen und ökonomischen Unsinn" (SPD Bayern) halten, auch FDP-Landesverbände fordern einen Baustopp in Wackersdorf. Und innerhalb der Union herrscht "gigantische Verunsicherung", wie ein Augsburger Delegierter auf dem letzten CSU-Parteitag berichtete.
Während sich CDU-Prominente wie Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Professor Kurt Biedenkopf skeptisch zur Atomkraft äußern und die CDU im Saarland "gegen die Bedrohung durch Cattenom" kämpft, läßt der Stuttgarter Ministerpräsident Lothar Späth schon die Chancen für die Nutzung von Alternativenergien bis zum Jahre 2020 ausloten, fördert sein niedersächsischer Kollege Ernst Albrecht, ebenfalls voll im Trend, die Entwicklung der Solarkraft.
Aus Kalkar wird Forschungsminister Heinz Riesenhuber von Parteifreunden bestürmt, den Schnellen Brüter nicht länger zu fördern: "Die Meinung", sagt der christdemokratische Bürgermeister Karl-Ludwig van Dornick, "hat umgeschlagen."
Auch in der CSU wachsen die Zweifel. Der Münchner Parteichef Erich Kiesl propagiert eine "Denkpause" in Wackersdorf, zumal Energiemanager wie der Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder versichern, in dieser Angelegenheit bestehe "kein Zeitdruck".
In der Industrie wächst ohnehin die Neigung, einer direkten Endlagerung des Atommülls den Vorzug vor einer WAA zu geben. Bennigsen-Foerder vorsichtig: "Die Entscheidung über Wackersdorf muß unter Beachtung der politischen Diskussion fallen."
Sogar im Münchner Kabinett hat sich ein WAA-Skeptiker zu Wort gemeldet: Justizminister August Lang erklärte letzten Monat überraschend, die Entscheidung der Landesregierung über die zweite Teilerrichtungsgenehmigung für Wackersdorf sei noch offen - zunächst müsse "die Energiewirtschaft klar und überzeugend dartun, ob die Wiederaufbereitung heute und in Zukunft notwendig und nach wie vor wirtschaftlich sinnvoll ist".
Nur: Franz Josef Strauß bekennt sich weiterhin "ohne Wenn und Aber" zur Atomkraft und zum Bau der Atomfabrik in Wackersdorf - womöglich auf die Gefahr hin, daß sein Beharren das Land eben jenem "Bürgerkrieg" näherbringt, von dem er unablässig redet.
Vielleicht haben, wer weiß, die bayrische Sozialdemokraten mit ihrer Vermutung recht, der "atomare Starrsinn" (SPD-Spitzenkandidat Karl-Heinz Hiersemann) des Ministerpräsidenten deute darauf hin, daß es den einstigen Verteidigungsminister in eine Schlacht um Wackersdorf dränge, so wie es seine politischen Freunde - Ronald Reagan und Margaret Thatcher in die Kleinkriege um Grenada und Falkland gezogen habe.
Wahrscheinlicher jedoch mutet eine andere Interpretation an: Ob die WAA genehmigt wird oder nicht - ein paar Krawall-Monate in der Oberpfalz könnten der CSU in jedem Fall politisch ganz genehm sein.
Denn eine Kette von Gewaltdemonstrationen vor der Bayern-Wahl am 12. Oktober böte den Christsozialen aufs neue die Möglichkeit, gegen die "unheilige Allianz" von SPD und Grünen mit "Chaoten und Kriminellen" zu wettern. Außerdem stiege die Chance, die zur Zeit von den Liberalen blockierten CSU-Vorschläge zur Verschärfung des Demonstrationsrechts früher oder später doch noch in Bonn durchzusetzen. Der streitbare Wackersdorf-Landrat Hans Schuierer fragte schon vor Monaten am Bauzaun: "Was soll hier eigentlich die Polizei vor wem schützen?" Schuierer gab sich selber die Antwort: Der Polizeieinsatz in Wackersdorf verteidige letztlich nur die "Ein-Mann-Demokratie" in München, "den Regierungswillen Straußscher Prägung".
Ein Strauß-Kollege hatte sich vor Jahren als weniger starrsinnig erwiesen: Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Albrecht verzichtete 1979, unter dem Eindruck einer Protestwelle, auf den geplanten Bau der WAA in Gorleben, weil das Projekt ihm politisch nicht durchsetzbar schien.
"Ich will", erklärte Albrecht damals, "keinen Bürgerkrieg im Land."
Ende
Alexander Roßnagel: "Bedroht die Kernenergie unsere Freiheit". Verlag C. H. Beck, München; 315 Seiten; 22 Mark. Mit Klaus Vack, Sekretär des Komitees für Grundrechte und Abrüstung. "News" von Rainer Erler mit Mark Lee und Birgit Doll. Pfingsten 1986; Autonome stoppen einen Zug. Im März 1984; Kripo bei der Spurensicherung an der Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg. Alexander Roßnagel: "Radioaktiver Zerfall der Grundrechte?" Verlag C. H. Beck, München; 320 Seiten; 24 Mark. Arbeit mit einem "Manipulator" in der Kernforschungsanlage Jülich. Oben: im April 1984 im Landkreis Lüchow-Dannenberg; unten: mobiles Datenfunkgerät der Polizei. Vor dem Kernkraftwerk Gundremmingen.

DER SPIEGEL 32/1986
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