21.04.1986

Spur 3799: Richtige Fährte, falsches Raster

Anatomie einer Mord-Serie Monatelang hielt der „Hammermörder“ die Bevölkerung um Stuttgart in Atem. Die aufsehenerregende Serie von Morden und Banküberfällen wurde erst aufgeklärt, nachdem der Täter, ein Polizist, seine Familie und sich selbst umgebracht hatte. Jetzt legt der Jurist und Schriftsteller Fred Breinersdorfer einen „dokumentarischen Roman“ vor, der - teils Fiktion, teils Reportage - das spektakuläre Verbrechen nachzeichnet. Ermittlungsfehler und Fahndungspannen, wie sie Breinersdorfer beschreibt, werden von der Polizei zugegeben. *
Eine mysteriöse Mordserie verbreitete Angst und Schrecken in der schwäbischen Provinz. Nacheinander kamen drei Männer ums Leben - alle drei auf abgelegenen Waldparkplätzen, jedesmal durch Kopfschuß und exakt im Abstand von sieben Monaten.
Im Mai 1984 wurde an der Murr bei Marbach die Leiche eines 47jährigen Ingenieurs und Handlungsreisenden aus Aschaffenburg gefunden. Im Dezember 1984 stolperte ein Jogger nahe Backnang über den mit Laub getarnten Körper eines 37 Jahre alten Engländers, der in Nürnberg gelebt hatte. Im Juli 1985 entdeckten Arbeiter zwischen Ilsfeld und Flein im Kreis Heilbronn den Leichnam eines 26jährigen Elektrikers aus dem benachbarten Beilstein, der unter einer Plastikplane versteckt war.
Die Autos der Ermordeten tauchten alsbald an anderen Tatorten wieder auf - als Fluchtfahrzeuge bei Überfällen auf ländliche Bankfilialen. In Erbstetten bei Backnang betrug die Beute ganze 4790 Mark, in Cleebronn (Kreis Heilbronn) plünderte der Täter auch den Tresor und entkam mit 79000 Mark; in Spiegelberg (Rems-Murr-Kreis) türmte der maskierte Eindringling, nachdem der Filialleiter der Raiffeisenbank rechtzeitig Alarm geschlagen hatte.
Weil der Räuber stets mit einem schweren Vorschlaghammer die Sicherheitsverglasung der Bankschalter zertrümmerte, hieß der geheimnisvolle Unbekannte im Volksmund wie bei der Polizei der "Hammermörder", obschon das wuchtige Werkzeug nicht die Mordwaffe war.
Knapp anderthalb Jahre nach dem ersten Verbrechen tappten die Ermittler noch immer im dunkeln, wenn auch die eingesetzte "Sonderkommission Hammer" beachtlichen Aufwand trieb, mit Hundertschaften das Gelände durchkämmte und schon mal 37 Tonnen Erde abbaggern ließ, um nach einem Geschoß zu suchen. Die Kosten der Fahndung wurden später mit zwei Millionen Mark angegeben.
Die Ermittler verfolgten 4482 Spuren, aber sie wurden nicht fündig. Wichtige Indizien ließen die Fahnder außer acht. Den Täter, in ihrer elektronischen Hinweisdatei als Nummer 3799 registriert, vernahmen sie zwar, schöpften aber keinen Verdacht.
Aufgeklärt wurde der spektakuläre Kriminalfall erst, nachdem im Oktober vorigen Jahres vier weitere Leichen entdeckt worden waren: die des Polizeiobermeisters Norbert Poehlke, 34, aus Backnang-Strümpfelbach, seiner gleichaltrigen Ehefrau Ingeborg und der beiden Söhne Adrian, 7, und Gabriel, 4. Jetzt erst erkannte die Polizei: Poehlke war der "Hammermörder".
"Man hat doch Spuren gehabt", sagte Poehlke zu seiner Frau, ehe er mit der Dienstpistole seine Familie und zuletzt sich selbst erschoß, "immer hat''s Spuren gegeben." Und sie, eine ehemalige Kripo-Beamtin, die ihrem Mann auf die Schliche gekommen war, ahnte: "Du hast die Spuren absichtlich gelegt. Hast nur so mit allem leben können, weil du sagst, sie sind selbst verantwortlich, wenn sie dich nicht finden."
Diesen Dialog, kurz vor dem blutigen Finale, hat der Stuttgarter Rechtsanwalt und Kriminalschriftsteller Fred Breinersdorfer, 39, ebenso erfunden wie andere Szenen aus dem Familienleben der Poehlkes, Begebenheiten im Kollegenkreis oder Begegnungen mit den Mordopfern. Die Beschreibung der Banküberfälle wie der Polizeipannen hingegen entspricht der Wirklichkeit.
In einem "dokumentarischen Roman" (Untertitel), der diese Woche erscheint, unternimmt Breinersdorfer einen "Erklärungsversuch", wie es zu "einer der größten Verbrechensserien der letzten Jahrzehnte in der Bundesrepublik kam und weshalb die Polizei den Verdachtsmomenten, die auf Poehlke als Täter deuteten, nicht gebührende Beachtung schenkte _(Fred Breinersdorfer: "Der ) _(Hammermörder". Factor Verlag, Stuttgart; ) _(208 Seiten; 19,80 Mark. )
.
Er habe, schreibt Breinersdorfer im Nachwort, "Fiktion und Reportage gleichberechtigt nebeneinandergestellt". Die Umstände der Gewalttaten und die Arbeit der Polizei schildert er mit betonter Sachlichkeit, die erzählerischen Passagen ("Fiktion mit solider Tatsachenbasis") erheben Anspruch auf Plausibilität.
Diese Literaturgattung, in Deutschland jedenfalls für einen Krimi ohne Vorbild, hat sich in den USA als "faction" (von "fact" und "fiction") spätestens 1965 mit Truman Capotes "Kaltblütig" etabliert, dem laut Untertitel "wahren Bericht von einem mehrfachen Mord und seinen Konsequenzen". Norman Mailers 1979 erschienene Biographie des Doppelmörders Gary Gilmore, der mit Nachdruck seine Hinrichtung _(Vorn: Tochter Cordula, die im März 1984 ) _(an einem Gehirntumor starb. )
betrieb ("Das Lied vom Henker"), ist das wohl eindrucksvollste Beispiel dieser Sparte (SPIEGEL-Serie 33-38/ 1979).
Zwei Monate nach der Aufklärung des "Hammermörder"-Falls hatte Breinersdorfer sein Manuskript schon abgeschlossen. Aber kein Verlag wollte den literarischen Schnellschuß kurzfristig ins Programm nehmen - auch Rowohlt nicht, in dessen Thriller-Reihe der schwäbische Jurist bislang sieben Krimis veröffentlicht hat. Kurzerhand gründete der Autor seinen eigenen Verlag, organisierte Herstellung und Vertrieb.
Das "seltene Genre des dokumentarischen Romans" erscheint Breinersdorfer im Fall Poehlke als "angemessenes Medium", durch eine Mischung von Fakten und Fiktion "zu einer in sich schlüssigen Analyse zu gelangen, die freilich hypothetisch bleiben muß".
Denn das mutmaßliche Motiv für Poehlkes gewaltsame Geldbeschaffung - die hoffnungslose Überschuldung fürs Häusle durch eine 300000-Mark-Hypothek bei einem monatlichen Netto-Einkommen von 2500 Mark - erklärt ja nicht die Brutalität, Autobesitzer nur deshalb umzubringen, um ihre Fahrzeuge für Beutezüge benutzen zu können.
"Die Zeugnisse seiner Persönlichkeit", konstatiert Breinersdorfer, "sind spärlich." Nachbarn und Kollegen, die der Autor befragt hat, geben nur vage Auskunft über Poehlke: "Sympathisch" sei er gewesen und "kinderlieb", ein "idealer Familienvater". An freien Tagen, auch an den Wochenenden, beschäftigte sich Poehlke mit Arbeiten an dem halbfertigen, teilweise noch unverputzten Haus, oder er wienerte seinen weißen Mercedes-Kombi - Schaustücke bürgerlich-schwäbischer Ehrbarkeit.
Seine "seelische Verfassung" und die "inneren Beweggründe für die kriminellen Handlungen" lassen sich nur ausdeuten. Breinersdorfer: _____" Der Modus operandi weist auf einen Täter hin, der " _____" einerseits sehr berechnend handelte, der aber " _____" andererseits - fast schon grob fahrlässig - jedesmal " _____" signifikante Spuren hinterließ. Er entfernte die " _____" Projektile, ließ aber die Patronenhülsen völlig " _____" unbeachtet zurück; er maskierte sein Gesicht jedesmal " _____" anders, Kleidung und Vorschlaghammer blieben aber im " _____" Auto. Eine Leiche wurde versteckt, die andere blieb offen " _____" liegen. " _____" Es mag sein, daß es für alles eine rationale " _____" Erklärung gibt; möglich ist aber auch, daß der Modus " _____" operandi ... auf eine gespaltene Persönlichkeit deuten " _____" könnte: Während der Mann verbrecherisch handelt, zwingt " _____" ihn sein Unterbewußtsein dazu, Spuren zu legen, die für " _____" ihn selbst sehr gefährlich sind. Das Unterbewußtsein " _____" "sühnt" das Verbrechen und macht es ihm möglich, mit der " _____" Erinnerung an seine Taten zu leben. "
Daß den Ermittlern, trotz markanter Hinweise, "schlimme Fehler unterlaufen sind, räumte Heinz Hertlein, ranghöchster Kriminalbeamter im badenwürttembergischen Innenministerium, unlängst bei der Vorlage eines offiziellen Untersuchungsberichts unumwunden ein. Buchautor Breinersdorfer weist darauf hin, es sei "mit Recht die Frage gestellt worden, ob man bei sorgfältiger Bearbeitung" der Spur 3799 "die Kinder und Poehlkes Frau hätte retten können".
Immerhin war die "Sonderkommission Hammer", durch Zufall, am 28. September 1985 auf Poehlke aufmerksam geworden; sie holte ihn noch nachts zur Vernehmung und setzte sie auch am Sonntag fort. Bei einer Fahndung nach Terroristen hatte die Polizei die Schließfächer im Bahnhof Ludwigsburg geöffnet - in einem fand sie Teile einer Uniform und eine an Poehlke adressierte Gerichtsladung.
"Gelassen und ohne Anzeichen eines schlechten Gewissens", berichtet Breinersdorfer, habe Poehlke die Gegenstände als die eigenen identifiziert. "Er gab an, er habe am Tag zuvor seine Schwiegermutter in der Nähe von Münster in Westfalen besuchen müssen, die Geburtstag gehabt habe." Die Zeit habe nicht gereicht, die Uniform zu Hause abzugeben, er habe sie aber auch nicht auf die Reise mitnehmen wollen und sie deshalb im Schließfach deponiert.
Die Fahnder fielen auf das Märchen herein. Breinersdorfer: _____" Man machte sich an die Arbeit, die Angaben des " _____" Kollegen zu überprüfen. Dazu wurde der " _____" Bereitschaftsdienst beim Einwohnermeldeamt in Münster " _____" eingeschaltet, um zu ermitteln, wann Poehlkes " _____" Schwiegermutter Geburtstag hat. Seine Angaben wurden " _____" bestätigt. Man glaubte ihm demzufolge seine, wie sich " _____" später herausstellte, unzutreffende Aussage. Keiner der " _____" Ermittlungsbeamten kam auf die Idee zu ermitteln, ob " _____" Poehlke tatsächlich zur Schwiegermutter gefahren war, um " _____" dort Geburtstag zu feiern. "
Mit einer plumpen Ausrede brachte Poehlke zudem die Vernehmer davon ab, ihn sofort einer Blutprobe zu unterziehen: _____" Er behauptete, es bedeute für ihn eine Demütigung, " _____" wenn er sich im Krankenhaus (in Marbach) das Blut " _____" abnehmen lassen müsse; schließlich kenne man ihn doch, er " _____" sei mit einigen Ärzten gut bekannt, und jeder würde sich " _____" einen Reim darauf machen, wenn Poehlke sonntags von der " _____" Kriminalpolizei geschickt würde. "
Spätestens die Blutprobe hätte Poehlke überführt. Denn beim ersten Bankraub hatte sich der "Hammermörder" verletzt - und auf einem Kuvert, das auf dem Kassentresen lag, fand sich ein Blutfleck, der, so Landeskriminaldirektor
Hertlein, "eindeutig dem Täter zuzuordnen" war und sich "aufgrund der seltenen Zusammensetzung der Blutfaktoren" zur Identifizierung eignete.
Ebenso versäumten es die Ermittlungsbeamten, Poehlkes Dienstplan zu überprüfen - sonst wären sie darauf gestoßen, daß der Diensthundeführer bei der Landespolizeidirektion Stuttgart II jedesmal zum Zeitpunkt der Parkplatz-Morde und der Banküberfälle dienstfrei hatte. Dabei bestand längst der Verdacht, "der Täter könnte in Polizeikreisen zu suchen sein" (Hertlein).
Für diese Annahme sprach, daß als Mordwaffe eine "Walther P 5" ausgemacht wurde, die zur Standardausrüstung der baden-württembergischen Polizei gehört, und daß die am ersten Tatort sichergestellte Patronenhülse aus einer Lieferung an die Polizei stammte. Zudem schien der "Hammermörder" mit Polizeigepflogenheiten vertraut: *___Der Zeitpunkt der Banküberfälle, mittags kurz vor ____Schalterschluß, fiel mit dem Ende der Frühschicht bei ____der Polizei fast zusammen. Um 13 Uhr wechseln die ____Besatzungen der Streifenwagen und der Polizeiposten. ____Eine geringere Einsatzbereitschaft der Ordnungskräfte ____ist die Folge - günstig für Straftäter. *___Zwischen den Tatorten, wo die Morde und Überfälle ____begangen wurden, lagen jeweils Kreisgrenzen, an denen ____die Bereiche der Polizeidirektionen enden - bis ____Zusammenhänge festgestellt und Maßnahmen koordiniert ____waren, gewann der Täter einen zeitlichen Vorsprung. *___In der Umgebung einer "Hammermord"-Leiche wurden ____breitwürfig verstreute Nägel gefunden, die anscheinend ____die Suche nach Projektilen und Patronen mittels ____Metalldetektoren behindern sollten.
Reihum wurden deshalb die Dienstpistolen zu der laut Hertlein "größten Waffenbeschußaktion der Kriminalgeschichte Deutschlands" eingezogen, angefangen bei den Polizeidirektionen Ludwigsburg, Heilbronn und Waiblingen, in deren Bereichen der "Hammermörder" getötet und geraubt hatte. Insgesamt 7672 "P 5"-Pistolen wurden auf Laborschießständen abgefeuert, Projektile und Hülsen spurentechnisch analysiert.
Die Waffe Poehlkes, der zwar in unmittelbarer Nähe der Tatorte wohnte, aber in der 35 Kilometer entfernten Landeshauptstadt Dienst tat, war erst am 28. August dran. Und es dauerte noch einmal bis zum 21. Oktober, ehe das Bundeskriminalamt die Identität der Lade- und Verfeuerungsspuren an den Patronenhülsen feststellte - aber da hatte die Familientragödie schon ihren Lauf genommen.
Die vernehmenden Beamten aus der Sonderkommission, notiert Autor Breinersdorfer, "erklärten später, daß das Raster, das aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse über den Täter ausgearbeitet worden war, sie abgelenkt habe". Das Bild, das sie sich nach Augenzeugen-Beobachtungen vom Täter machten, paßte nicht zu Poehlkes Aussehen:
Der erste Fahndungsaufruf beschrieb den Mörder und Räuber als "schlanken" Enddreißiger mit "dunkelblondem, glattem Haar". Nach dem dritten Überfall wurde die Altersschätzung zwar modifiziert ("ca. 25 Jahre"), aber die Statur unverändert als "auffallend schlank bis hager" bezeichnet. Zudem wollten die Zeugen, obschon sie den Täter allenfalls für Sekunden ohne Gesichtsmaske gesehen haben konnten, "braune Augen und dunkelbraune, kurze gelockte Haare mit Rotstich" beobachtet haben.
Tatsächlich war Poehlke jedoch, so Breinersdorfer, "ein stattlicher Mann, breitschultrig und massig, mit leichtem Bauchansatz", hatte einen "markanten schwarzen Vollbart" und trug die Haare "fast militärisch kurz".
Während die vagen, teilweise widersprüchlichen Angaben über Gesichtsform sowie Augen- und Haarfarbe und eine entsprechende Phantom-Zeichnung die Vorstellung der Fahnder von dem Täter prägten, blieben "wichtige Auffälligkeiten" (Breinersdorfer) unbeachtet, die als objektive Merkmale zur Erkennung hätten beitragen können.
Zwei Zeugen hatten - unabhängig voneinander bei zwei verschiedenen Überfällen - den seltsamen "Watschelgang" des Täters bemerkt; Poehlkes linkes Bein, notiert dazu Breinersdorfer, "war um etwa einen Zentimeter kürzer als das andere, als Folge einer infektiösen Erkrankung in der Kindheit".
Der eine Zeuge berichtete zudem, dem Mann habe "von der Stirn ein Pflaster heruntergehangen" - später wurde deshalb die Vermutung geäußert, Poehlke habe sich vielleicht den Bart mit Leukoplast überklebt; damit wäre auch das im Wagen des ersten Mordopfers gefundene Pflaster zu erklären, an dem Haare hafteten.
So fahndete die Polizei nach einem bartlosen Mann von leptosomer Gestalt, obwohl die Suche einem athletischen Bartträger hätte gelten müssen. Die falsche Personenbeschreibung wurde obendrein, wie Kriminaldirektor Hertlein moniert, "überbewertet" - weil Poehlke nicht ins falsche Raster paßte, wurden wichtige Beweismittel übersehen.
Daß Fahnder einem Trugbild nachlaufen, kommt, angesichts der zweifelhaften Qualität von Zeugenaussagen, häufig vor. "Es existiert", schreibt Breinersdorfer, "kaum ein Kapitalverbrechen, zu dem nicht miteinander völlig unvereinbare Aussagen aufgenommen werden und jeder der Zeugen, trotz Vorhalt der Protokolle über die Berichte des anderen, felsenfest auf der Richtigkeit seiner Erinnerung beharrt."
Die Pannen hätten auch ohne Computer passieren können. Wenn das Fahndungsraster nicht stimmt, sind falsche Schlüsse unausweichlich. Bei der automatisierten Recherche ist die Fehleranfälligkeit freilich besonders groß.
Die elektronischen "Spurendokumentationssysteme" registrieren und verknüpfen oftmals Tausende von Hinweisen mit unzähligen Details, die kein Mensch im Kopf behalten könnte: in komplexen Fällen sind sie mithin unentbehrliche Hilfsmittel für die Polizei.
Aber, klärt Breinersdorfer auf, "die grünlich schimmernden Buchstaben und Zahlenbilder auf dem Bildschirm" können "sehr trügerisch sein, in der Logik
und der Vollständigkeit der Datenverarbeitung bestechend, aber höchst gefährlich. Wenn man sich nur auf den Schirm verläßt".
Denn "die Datenfülle und die Perfektion ihrer Speicherung sowie die unbeschränkte Verfügbarkeit" geben, wie "erfahrene Polizisten beklagen", den Fahndern "zu oft ein Gefühl falscher Sicherheit". Dies behindert Spürsinn und kriminalistische Intuition, unterdrückt Zweifel, ob die Prämissen überhaupt stimmen. Deshalb wurde die Spur Poehlkes voreilig als "nicht mehr vordringlich" herabgestuft.
Eine weitere eklatante Fehlleistung unterlief den unter Erfolgszwang geratenen Ermittlern im August 1985, als sie einen jungen Polizisten namens Roman Gianoncelli der Öffentlichkeit vorschnell als Verdächtigen präsentierten.
Franco Villaverde, 22, wie ihn Breinersdorfer pseudonymisiert, war an dem Tag, an dem er seine Dienstpistole zur Beschießung hätte abgehen müssen, nicht zum Dienst erschienen. Tags darauf fanden Arbeiter des Autobahnamtes auf einem Rastplatz an der Strecke Stuttgart-Heilbronn in einem Papierkorb eine Schachtel für eine Pistole "Walther P 5" und zwanzig Schuß scharfer Munition des Kalibers neun Millimeter, dazu noch einige Ausrüstungsgegenstände und Privatsachen.
Daran knüpfte die Sonderkommission Spekulationen. Obwohl keine objektiven Beweismittel gegen den untergetauchten Polizeibeamten vorlagen, es auch keine Zeugen gab, die ihn auf Photos als den Bankräuber identifiziert hätten, wurde zwei Tage später die öffentliche Fahndung nach dem Vermißten eröffnet. Dafür genügte der Polizei, daß der mit unbekanntem Aufenthalt verreiste Kollege der Phantom-Zeichnung des Erbstettener Gangsters ähnlich sah und daß er ein 15000 Mark teures Toupet trug, das er mit erbeutetem Geld bezahlt haben könnte.
Als Villaverde/Gianoncelli in Italien von dem Verdacht gegen ihn erfuhr, kehrte er sofort nach Deutschland zurück und stellte sich der Polizei. Beim Verhör gab er an, er sei lediglich wegen privater Probleme so überstürzt aufgebrochen, habe "aussteigen" wollen, eines Mädchens wegen oder auch weil er sich seiner Glatze schämte.
Rasch erwies sich, daß seine Dienstpistole nicht die Mordwaffe war und das Blut am Banktresen nicht von ihm stammte.
Der Mißgriff der Ermittler zog noch einen heftigen Disput zwischen der Polizeiführung und dem Staatssekretär im Stuttgarter Innenministerium, Robert Ruder, nach sich. Der Politiker hatte, als einziger, "zutiefst bedauert", was dem jungen Mann geschehen sei. Auch sei es betrüblich, daß die "zuständigen Herren sich zu einer solchen Äußerung nicht durchringen konnten".
Der Chef der zuständigen Landespolizeidirektion Stuttgart I, Hanspeter Sturm, wies den Vorwurf mit dem "erstaunlichen Argument" (Breinersdorfer) zurück, der Polizist habe durch sein "sonderbares Verhalten" selbst verschuldet, daß er in Verdacht geraten sei.
Tatsächlich enthüllt die Einlassung des Polizeipräsidenten, daß bei der elektronischen Rasterfahndung die Beweislast einfach umgekehrt wird. Daß die Spur Nummer 2457 Merkmale aufwies, die nach Ansicht der Polizei auch auf den gesuchten Täter zutrafen, genügte den Ermittlern, den Beamten bloßzustellen - ihm bürdeten sie auf, Belege für seine Unschuld beizubringen.
Nicht nur wegen der voreiligen Preisgabe des Namens eines Unschuldigen und des schlechten Stils der Verantwortlichen in diesem Einzelfall legt sich Breinersdorfer mit den Polizeiführern und Staatsanwälten an. Der Kriminalschriftsteller hält ihnen zudem "rechtsstaatlich zweifelhafte" Ermittlungsmethoden vor, etwa die "flächendeckende" erkennungsdienstliche Behandlung von mehr als 300 Erbstettener Bankkunden. Sie verleitete obendrein zu einem Fehlschluß: Als die Vergleiche mit einem Fingerabdruck, der an einer Glasscherbe gefunden wurde, negativ ausfielen, nahm die Polizei irrigerweise an, er sei dem Täter zuzuordnen.
Kritisch merkt Breinersdorfer auch an, daß "in einigen, zahlenmäßig nicht bekannt gewordenen Fällen" Telephongespräche abgehört wurden, ohne daß die Betroffenen hinterher, wie es die Strafprozeßordnung vorschreibt, benachrichtigt wurden.
Bisweilen schildert er die polizeiliche Praxis sogar harmloser, als sie tatsächlich ist, so die "nicht unumstrittene" Ringalarmfahndung, wie sie nach dem dritten Poehlke-Raubzug ausgelöst wurde.
Anders als im Roman, wo Poehlke ein freundliches Gespräch mit dem kontrollierenden Kollegen führt, wurden in Wirklichkeit die Autofahrer, die Kontrollstellen passierten, nicht angehalten. Vielmehr wurden heimlich 25000 Kennzeichen notiert und die Fahrer mit dem Täterraster verglichen.
Poehlke fiel, mangels Übereinstimmung, auch hier durchs Fahndungsnetz.
Fred Breinersdorfer: "Der Hammermörder". Factor Verlag, Stuttgart; 208 Seiten; 19,80 Mark. Vorn: Tochter Cordula, die im März 1984 an einem Gehirntumor starb.

DER SPIEGEL 17/1986
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