17.03.1986

Lieber noch mal etwas Sinnvolles tun

Von Ihlau, Olaf

SPIEGEL-Reporter Olaf Ihlau über den diplomatischen Aussteiger Gerhard Fischer bei den Leprösen in Indien *

Katuwela ist wieder aufgetaucht. Vier Tage lang hatte der Leprakranke hilflos in der Gosse der südindischen Distriktstadt Salem gelegen. Mit seinen von verdreckten Bandagen umwickelten Bein- und Armstümpfen war er nur fähig, mühsam voranzukriechen, und auf Almosen angewiesen.

Irgendeiner erbarmte sich des Aussätzigen schließlich, verständigte die deutsche Ärztin Elisabeth Vomstein, Chefin der Leprahilfestation im nahen Chettipatty. Von dort fuhr sofort eine Ambulanz los, um Katuwela aufzulesen, diesen altbekannten, schwierigen Patienten.

Vor drei Wochen erst hatte man den 48jährigen zur Operation in eine andere Lepraklinik geschafft, um sein linkes Auge zu retten. Am Tag darauf aber war Katuwela verschwunden.

"Jetzt müssen sie ihn erneut operieren, um die Entzündungen und sich weiterfressenden Geschwüre zu stoppen", seufzt Gerhard Fischer und versucht, das auf einer Bahre liegende Menschenwrack aufzumuntern. Ein Lächeln dankt ihm dafür aus einem ausgebrannten Gesicht. Katuwela hat die typische Sattelnase der Leprösen, wegrasierte Brauen, ein bereits erblindetes Auge. Er hat hohes Fieber, ihm bleibt wohl nur noch wenig Hoffnung.

Um Aussätzigen wie Katuwela, den Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft, zu helfen, nahm Gerhard Fischer, 64, vor drei Monaten vorzeitig seinen Abschied vom diplomatischen Dienst. Er war damals Botschafter in Bern und verzichtete auf das letzte Jahr seiner B-6-Bezüge, "um lieber noch mal auf der anderen Seite der Welt etwas Sinnvolles zu tun, solange mir dies meine Gesundheit erlaubt".

Ein Aussteigen, aber kein Ausflippen war dieser ungewöhnliche Beschluß. Und gewiß keine verspätete Midlife Crisis oder die Folge der Fluchtsehnsüchte eines Zivilisationsmüden. Doch am Ende einer 35jährigen diplomatischen Karriere, die ihn als Missionschef nach Kuala Lumpur, Dublin, Den Haag und Bern geführt hatte, war es Fischer "langweilig geworden, weiter die Exzellenz zu spielen, weil die Arbeit nichts Aufregendes bot".

Im fehlte zuletzt die "challenge", die Herausforderung, wie der Ex-Diplomat seinen Drang beschreibt, "ständig im fünften Gang zu fahren". Schon immer galt Gerhard Fischer deshalb bei seinen Kollegen als Sonderling. Allerdings wirkt er weit weniger extrovertiert als sein im selben Metier tätiger Bruder Per, derzeit bundesdeutscher Botschafter in Peking.

In China hatten die Söhne eines Sinologen und Diplomaten die prägenden Jahre ihrer Jugend verbracht. Hier hatte Gerhard Fischer auch 1940 mit dem Studium der Medizin begonnen, die er als Berufung seines Lebens ansah. "Menschen und Krankheiten haben mich von jeher fasziniert", erinnert er sich.

Der Krieg zwang ihn zur Kurskorrektur. Nach acht Jahren als Soldat und Gefangener besaß er weder Geld noch Zeit für die Ausbildung zum Mediziner. Gerhard Fischer studierte Jura und verdingte sich beim Auswärtigen Amt.

Als Konsul in Madras konnte er sich später in Südindien von Menschen und Krankheiten zur Genüge faszinieren lassen. Für Gerhard Fischer war dieser Posten "der forderndste, der ergiebigste Job" seiner diplomatischen Tätigkeit.

Bewundernd verfolgte der Protestant, wie die katholische Ärztin Elisabeth Vomstein in Chettipatty im Bundesstaat Tamil Nadu, sieben quälende Autofahrtstunden von Madras entfernt, eine Leprastation errichtete. Das sind Projekte, fühlte er damals, die einem Leben Erfüllung geben können.

In einem Alter, in dem andere Diplomaten nur mehr zum Gin-Glas und Golfschläger greifen oder Bücher schreiben, die niemand lesen will, beschließt Gerhard Fischer, seinem Leben noch einmal eine Wende zu geben. Er steigt aus und bricht auf nach Chettipatty, um sich der Ärztin als "Handlanger" anzubieten.

Gerhard Fischer macht sich nützlich. Der ausgebildete Sanitäter begleitet ein Team aus Chettipatty, das auf regelmäßigen Jeep-Fahrten etwa 4600 Lepröse in den umliegenden 840 Dörfern versorgt. Er betreut Krankentransporte nach Madras. Er koordiniert Pläne zur Errichtung und Finanzierung dringend erforderlicher Erweiterungsbauten, heuert Arbeiter aus dem Nachbardorf an.

Nicht immer indes führt sein Betätigungsdrang zu den erwünschten Ergebnissen. Als Fischer zur 25-Jahr-Feier der Leprastation Ende Februar einige dschungelartige Busch-Enklaven roden läßt, überflutet aufgescheuchtes Otterngezücht in mehreren Wellen das Gelände: hochgiftige Kobras und Kraits. Sie müssen vorsichtshalber zu Dutzenden erschlagen werden, denn das Schlangenserum im Kühlschrank, warnt der indische Stationsarzt Mutho Resu, "ist leider schon ein bißchen alt".

Ein kleines Zimmer, ein Holztisch, ein Sessel sowie zwei Bettpritschen mit Moskitonetzen - es gibt hier noch endemische Malaria -, das ist die neue Residenz des Ex-Botschafters. Daheim am Chiemsee hütet derweil seine amerikanische Frau Ann ein stattliches Bauerngehöft. Sie sei "nicht erstaunt" gewesen über seinen Schritt, behauptet Fischer, sondern "voll dabei". Sie verstehe, "daß ich einfach noch etwas tun muß".

Natürlich hätte er den Dienst nicht quittiert, dieses Eingeständnis rutscht ihm heraus, wenn er nochmals nach Indien geschickt worden wäre, wie das ursprünglich geplant war. Doch den Botschafterposten in Neu-Delhi bekam ein anderer, und dies war wohl die bitterste Enttäuschung in der diplomatischen Laufbahn von Fischer.

Ende April, wenn in Chettipatty die Temperaturen auf über 45 Grad steigen, wird Fischer der Hitze der südindischen Sommermonate vorübergehend entfliehen und nach Europa "auf Betteltour gehen". 50000 Mark, so hat er grob

errechnet, brauchte die Leprastation, um einen neuen Brunnen für die landwirtschaftliche Selbstversorgung anzulegen, einen Mahindra-Jeep anzuschaffen und eine tragbare Lautsprecheranlage zur Aufklärungsarbeit in den Dörfern zu erstehen.

Um zweckgebundene Spenden für diese Projekte will Fischer bei Freunden, vor allem Rotariern und Industriellen, vorsprechen. "und damit wäre es dann zunächst auch genug, denn wir wollen ja keine Potemkinschen Dörfer bauen".

Dabei könnte Chettipatty durchaus mehr Investitionen vertragen, etwa für die Rehabilitation seiner geheilten Leprösen, die als Gezeichnete nirgendwo mehr Unterschlupf finden, auch nicht bei ihren eigenen Familien. Sie bleiben wie Indiens vier Millionen Leprakranke Verjagte und sozial Geächtete, sind in der hinduistischen Kastengesellschaft dazu verdammt, ein Dasein in schrankenloser Entwürdigung zu fristen, noch unter den unberührbaren Parias als Niedrigste der Unreinen.

Das Stigma der sozialen Diskriminierung hält Zehntausende davon ab, bei den ersten Leprazeichen - einem weißen Fleck auf der Haut - schnelle Behandlung zu suchen.

Dabei gibt jetzt ein Kombinations-Präparat hinreichend Aussicht auf eine Heilung dieser biblischen Infektionskrankheit. "Wer sich zwei Jahre lang damit füttern läßt" der hat eine große Chance, daß er durch ist", sagt Fischer mit Blick auf die Erfahrung der Leprahelfer von Chettipatty.

Aber trotz aller Aufklärungskampagnen halten sich nur wenige Lepröse konsequent an einen festen Behandlungsplan. Die meisten laufen davon, sobald sie sich etwas besser fühlen. So kann die Krankheit sich ausbreiten, die Nervenzellen zerstören und die Gliedmaßen verfaulen lassen.

Wenn es zu spät ist, kommen diese Aussätzigen dann nach Chettipatty zurück. Vom Tode gezeichnet wie der armselige Katuwela, schwerstens geschädigt wie der Brahmane Subramaniam, dem sie nach den Zehen des rechten nun auch einen Teil des linken Fußes amputieren müssen.

Gerhard Fischer läßt Selbstzweifel am Sinn seiner Mission durchaus erkennen. Manchmal kotze ihn das alles an, habe er Depressionen niederzukämpfen, sagt er. Das sind dann Augenblicke, in denen er sich oft zu den Polio-Kindern flüchtet, denen er gerade eine eigene Klinik baut, um sie von den Leprösen abzuschirmen. Aus der unbändigen Lebens- und Spielfreude dieser Kleinen schöpft Fischer neue Kraft.

"So", sagt er zufrieden, bevor er bei ihnen am Abend schließlich das Licht ausdreht. Und "so" quietschen die Kinder jedesmal vergnügt hinter diesem hochaufgeschossenen Mann her, der mit glückerfülltem Gesicht in die Nacht entschwindet.


DER SPIEGEL 12/1986
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