24.02.1986

„Die Marketenderin“

Juliane Weber- seit Jahren die engste Vertraute des Helmut Kohl
Wenige Wochen nach seinem Wahlsieg vom 6. März 1983 betrat der Kanzler in Begleitung einer Dame das Gasthaus "Zur Glocke" im rheinischen Kerpen-Türnich. Die Herrschaften orderten etwas Kräftiges - "hier gibt es das beste Steak im Umkreis von 100 km um Bonn" (Kohl).
Kurze Zeit später kam ein weiteres Paar, Bernhard und Hildegard Worms aus Pulheim. Beim gemeinsamen Essen ging es um einen Coup: den Kohl-Gegner Kurt Biedenkopf als Spitzenkandidaten für die nordrhein-westfälischen Landtagswahlen im Jahre 1985 abzulösen und Kohls Günstling Worms zu küren.
Am Polit-Klüngel wortreich beteiligt: die Dame an des Kanzlers Seite. Juliane Weber; im Vorhof der Macht wie im Vorzimmer des Regierungschefs allgegenwärtig.
Die attraktive Brünette ist immer dabei, wo Kohl zugange ist - im Weißen Haus zu Washington, im Moskauer Kreml oder beim Spaghetti-Essen auf der Bonner "Cäcilienhöhe" beim Italiener Bruno.
Die Verwaltungsangestellte und Persönliche Referentin weiß um ihre Stellung und schert sich nicht um Etikette oder Hierarchie. Wie selbstverständlich sitzt sie auf Auslandsreisen beim Kanzler vorn, in der Luxuskabine für den Chef. Bei den vertraulichen Morgenlagen im Kanzleramt gehört sie zum engsten Zirkel - neben Minister Wolfgang Schäuble, Presse-Staatssekretär Friedhelm Ost und den Abteilungsleitern Eduard Ackermann, Horst Teltschik (beide Kanzleramt) und Wolfgang Bergsdorf (Presseamt).
Und doch ist sie mehr als die männlichen Mitglieder des Kohl-Kreises. Juliane Weber blockierte sieben Wochen lang dem Berlin-Bevollmächtigten der Bundesregierung, Peter Lorenz, den Weg zur Nummer eins. Seinen Termin-Wunsch rückt die Vorzimmerdame immer wieder nach hinten: Staatssekretär Lorenz sollte ruhig merken, daß er, einst Vorsitzender der Berliner CDU, in Bonn nur noch ein Gnadenbrot verzehrt.
Sie ist seit nunmehr 21 Jahren für den Pfälzer da, und wer ihr nicht paßt, der fliegt. Der frühere Leiter des Kanzlerbüros, Wolfgang Burr, geriet mit der allmächtigen Juliane aneinander, weil er sich von wichtigen Informationen abgeschnitten fühlte. Er kannte des öfteren weder Termine noch Absprachen des Kanzlers mit anderen Häusern. Als Burr dem Vorgesetzten die Vertrauensfrage stellte, wurde er in die Planungsabteilung versetzt. Juliane Weber sorgte dafür, daß ein braver Pfälzer den Job bekam, Franz-Josef Bindert, ein weitläufiger Verwandter von Kohls Ehefrau Hannelore, der sich freiwillig der Regie der brünetten Eminenz fügt.
Helmut Kohl vertraut voll nur einer Person in seiner Umgebungseiner Juliane, die er als junger Fraktionsvorsitzender im rheinland-pfälzischen Landtag 1965 unter mehreren Bewerberinnen ausgewählt hatte. Der Enkel Adenauers, so leutselig er sich gerne gibt, ist in Wahrheit verschlossen und auf der Hut vor jedermann. Ihr allein öffnet er sich rückhaltlos. Er folgt ihrem Urteil über Menschen, wer unter Politikern oder Journalisten Freund, wer Feind sei.
Die Wächterin im Vorzimmer renkt wieder ein - am Telephon oder in persönlichen Gesprächen - was Kohl unbedacht angerichtet hat. Oder sie läßt Anrufer spüren, daß die bei Hofe derzeit nicht gelitten sind.
Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß beklagte sich kürzlich bei CDU-Größen, daß Juliane ihn abgeblockt habe, als er Kohl dringend sprechen wollte. Dahinter habe natürlich Kohl gesteckt.
Hans-Dietrich Genscher hingegen, den der Kanzler braucht, hat keine Probleme mit der Mittlerin: Für ihn hole sie ohne Hemmungen den Kanzler jederzeit ans Telephon - "sie hat einen klaren vernünftigen Kopf und gesunden Menschenverstand".
Andere haben Kohl vor Juliane gewarnt. Dem später ermordeten Hanns Martin Schleyer, einst tatkräftigem Förderer der Karriere des Helmut Kohl, war die enge Beziehung zwischen dem verheirateten Spitzenpolitiker und seiner Mitarbeiterin nicht recht. Dem weltläufigen Industriemanager erschien auch Kohls Beraterstab als zu provinziell.
Nach Kohls Umzug aus Mainz in die Bundeshauptstadt im Jahre 1976 fürchtete Schleyer aus dem Oppositionsführer werde nichts: "Erst muß das Zigeunerlager weg, einschließlich der Marketenderin."
Die Gerüchte wucherten. Kohl hatte Frau Hannelore bei den Kindern in Ludwigshafen-Oggersheim gelassen. Juliane Weber und Fahrer Eckard Seeber bezogen Zimmer im Bonner Vorort Wachtberg-Pech, unter einem Dach mit Helmut Kohl.
Heute macht es den Kanzler unruhig, daß auch sein damaliger Freund, Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch, Gerüchte aus der Privatsphäre transportiert haben soll. Entsprechende Aktenvermerke sollen in den bislang von der Justiz unter Verschluß gehaltenen Politiker-Dossiers enthalten sein. Damals, als Juliane Weber zum Spendenempfang zu von Brauchitsch geschickt wurde, hatte sich keiner vorstellen können, daß der Gönner solche akribischen Aufzeichnungen anlegen würde, erst recht nicht, daß die eines Tages in staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren gelangen könnten - wie jene über die geschenkte Dose Kaviar für Hannelore Kohl.
An den Gerüchten sei nichts dran. Ungefragt vertraute Juliane Weber einem "Bild"-Reporter an: "Ich habe nichts mit Kohl." _(Bei Kohls Besuch in Peking 1984. )
Bei Kohls Besuch in Peking 1984.

DER SPIEGEL 9/1986
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