17.03.1986

Vom Hinkemann zum Nusser

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über die Kroetz-Bearbeitung von Ernst Tollers Stück in München *
Wenn sich der Vorhang hebt, bleibt es dunkel auf der Bühne. Auf einmal zerreißt ohrenbetäubender Schlachtenlärm mit zuckendem Mündungsfeuer die Dunkelheit. Mit dem Geballer, das dem Publikum auf die Nerven gehen will imitiert das Theater die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Man hört nur die Kanonen und Gewehre auf beiden Seiten, sieht sie in ihrem eigenen Feuerwerk aufblitzen. Menschen sieht man nicht.
Dann ein Schrei. Es ist ein gellender Schmerzensschrei, wie man ihn in der Lautstärke und Endlosigkeit wohl noch nie auf dem Theater gehört hat.
Dann kriecht ein feldgrauer Soldat mit schmerzgekrümmtem Leib aus den Verwüstungen des Schlachtfelds. Es ist Tollers Hinkemann. Kroetz hat den expressionistischen Invaliden mit einem expressionistisch grellen Ausbruch zurück auf die Bühne gebracht.
1924 hatte das "Hinkemann"-Drama des Dichters und Räte-Revolutionärs Ernst Toller in Berlin seine Uraufführung. Den traurigen Helden der als Krüppel aus den Stahlgewittern heimkehrt, spielte ein besonders kräftiges und männliches Mannsbild: Heinrich George, der Prototyp des Kernigen, Bulligen, Potenten, ein Kerl, der vor Kraft schier nicht laufen konnte.
Für den Hinkemann war Georges geballte Manneskraft eine tragisch-groteske Attrappe. Denn Hinkemann heißt Hinkemann, weil ihm im Krieg seine Genitalien weggeschossen worden sind. Hinkemann ist der tragische Witz einer phallokratischen Zeit, die im Weltkrieg vom Kampf "Mann gegen Mann" sprach, in Wahrheit aber riesige feuerspeiende Stahlrohre zur Menschenvernichtung einsetzte.
Das expressionistische Heimkehrerdrama der zwanziger Jahre war von dem Fronterlebnis der Materialschlachten in Frankreich geprägt. Die rechten Expressionisten feierten das Stahlbad als Läuterungsstation für einen neuen Menschen, einen neuen Kameraden. Die linken, die pazifistischen Expressionisten zeigten, wie die Kriegsmaschine die Menschen an Körper und Psyche zerstört hatte, wie sie arm, geschändet und verstümmelt in die Welt der Kriegsgewinnler und Arbeitslosen zurückkehrten. Toller fand im Hinkemann ein besonders schreiendes Symbol für ein Kriegsopfer: aus einem Menschen macht der Krieg einen Eunuchen.
Kroetz hat von seinen ersten Stücken an Krüppel als Opfer auf die Bühne gebracht. In "Hartnäckig" (1971) verliert ein Gastwirtssohn bei der Bundeswehr sein Bein - und damit die Braut, das Erbe, die Arbeit. Es ist klar, daß Kroetz sich zu "Hinkemann" thematisch hingezogen fühlte, daß er in Toller einen Verwandten im Geiste erblicken mußte.
Aber der "Hinkemann" ist nur in der Themenfindung groß, weil er zeigt, wie Büchners "Woyzeck" im Vorführen der getretenen, entwürdigten Kreatur auf das expressionistische Jahrzehnt gewirkt und es angeregt hat. In seinem szenischen Fleisch ist "Hinkemann" ein Stück, das seine Thesen teils zu grellen Plakaten vereinfacht, teils zu schrillen Symbolen umformt. Von der eigentlichen Handlung (Hinkemanns Frau betrügt den Entmannten mit seinem besten Freund; symbolisch deutlich heißt der Großhahn) hat Kroetz nur die Grundzüge übernommen und hat das Stück weiterentwickelt. In einem schönen Bild an einer Flußlandschaft gibt es jetzt zwei Paare, Hinkemann und Frau und Großhahn und Freundin. Hier beim Baden, Biertrinken und wechselseitigen Anbandeln kommt Hinkemanns schaurig-traurige Wahrheit ans Licht. Dieses Bild, in dem Kroetz Toller weiterdichtet, hat die enthüllende Kraft und atmosphärische Dichte eines Horvath- oder Fleißer-Stücks aus den frühen dreißiger Jahren.
In vielen expressionistischen Dramen ist der Held ein Stellvertreter des leidenden Christus. Um diesen Opfergang zu _(Mit Peter Brombacher, Gundi Ellert, ) _(Josef Bierbichler und Monika ) _(Baumgartner. )
zeigen, jagte Toller seinen Krüppel durch eine schrille Symbolhandlung: Hinkemann, der auf dem Jahrmarkt als muskelbepackte Attraktion auftritt, wie er Ratten und Mäusen die Köpfe abbeißt.
Kroetz, der Nachdichter und Regiseur, hat die Jahrmarktswelt Tollers durch die nazistische Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk ersetzt: Die Mäuse- und Rattennummer, bei der das Blut dem Hinkemann nur so vom Mund spritzt, während er Rattenköpfe abbeiß ist in eine Art "Fliegender Holländer"-Szenerie eingebaut. Zum Gesamtkunstwerk gehören bei Kroetz auch grausige bewußt verletzend geschmacklose Anspielungen auf KZ-Szenen.
Das expressionistische Drama war auch ein Drama des rhetorischen Dampfs (und Leerlaufs). Auch Hinkemanns Leid wird von Station zu Station weniger gestaltet und mehr bloß aufgesagt. Das gibt dem Toller-Drama eine gewisse Larmoyanz. Es badet im Leid wie im lauen Wasser.
Da ist es dann schon gut, wenn man den Leidensweg des Hinkemann einen Schauspieler wie Sepp Bierbichler anvertrauen kann: ein sperriges Trumm Mensch, das mit scheinbar groben Gliedern auf die sanfteste Weise die unbeholfensten Gesten machen kann. Wenn Bierbichler am Flußufer mit einem Ball spielt oder mit seinem Freund rauft, dann zeigt er mit wunderbar linkischen Hemmungen seine Verstümmelung und Verwundung an. Mit seiner heiser krächzenden Stimme, die wie im Eunuchen Diskant singt, verlagert er das Stück aus dem Plakat-Hochdeutsch Tollers in Kroetz-Bairische.
"Hinkemann" heißt auf bayrisch "Der Nusser". Und Nusser nennen bayrische Metzger einen schlecht verschnittener Eber mit ungenießbarem Fleisch.
Kroetz, der sich gern selbst als Mannsbild aufführt, hat seinen "Nusser" auch als Hohn auf eine Männergesellschaft geschrieben: Hinkelmann, der am Ende anstelle des Heilands einen Phallus als "großen Gott" lobt und ansingt.
Vor allem aber: Während sich der gockelhafte Großhahn (Peter Brombacher), mit dessen Manneskraft es auch nicht gerade immer zum besten steht, dadurch erhebt, daß er auf Hinkemann grinsend herabblickt, zeigt der die Würde des Entwürdigten. Er ist zwar kein Mann, aber ein Mensch.
Am Ende läßt Kroetz aus dem Lautsprecher die Sportpalastrede von Goebbels und die frenetische Zustimmung zum "totalen Krieg" ins Publikum dröhnen - eine durchaus folgerichtige Fortsetzung der agitatorischen Mittel, deren sich Toller bediente.
Kroetz weiß eben mehr als Toller. Einen ganzen Weltkrieg mehr. Vom nächsten Krieg steht zu befürchten, daß er sich um einzelne Gliedmaßen und Körperteile keine Gedanken mehr zu machen braucht.
Mit Peter Brombacher, Gundi Ellert, Josef Bierbichler und Monika Baumgartner.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 12/1986
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