14.07.1986

Planet Erde im Irrgarten der Zeit

Der Münsteraner Gelehrte Hans Blumenberg hält Kontakte mit fernen Sternenwelten und eine präzise Erkenntnis des Universums vom Wandelstern Erde aus für nicht möglich. Er sieht darin „die Verlorenheit des Menschen in der Zeit“ - die sich als vierte und wohl entscheidende, also endgültige Kränkung der menschlichen Eigenliebe verstehen läßt. *
In einem berühmten kleinen Aufsatz beschrieb Sigmund Freud 1917 - also zu Beginn des seit 1914 andauernden Zeitalters der Weltkrise - die drei großen "Kränkungen", die dem "allgemeinen Narzißmus", der "Eigenliebe der Menschheit" zugefügt worden seien.
An erster Stelle nannte er die "kosmologische, die Weltraum-Kränkung" der Menschheit durch Nikolaus Kopernikus: Der Astronom aus Thorn verwandelte die Erde in einen Wandelstern und verabschiedete sie aus ihrer Zentralstellung im Weltall.
Im 19. Jahrhundert folgte die "biologische Kränkung durch Charles Darwin, der dem Menschen dessen Abstammung aus der Tierwelt vor Augen führte - und schließlich die angeblich wichtigste, die "psychologische Kränkung" durch Forscher Freud himself, denn die Psychoanalyse zeige, "daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.
Doch dieses psychische Unzuhause verdrängter Triebwünsche und unbewußter Versagungen erscheint fast als diskret angeschwärzter Charme der Bourgeoisie angesichts einer Menschheit, die buchstäblich nicht mehr weiß, was an der Zeit ist - zu schweigen von Sätzen wie: "Als aber die Zeit erfüllet ward ...".
Dieser vierten Kränkung der menschlichen Eigenliebe durch "die Verlorenheit .. in der Zeit" widmet der Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg, 66, sein großartiges neues Buch über das Verhältnis von Lebenszeit und Weltzeit. _(Hans Blumenberg: "Lebenszeit und ) _(Weltzeit". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; ) _(380 Seiten; 48 Mark. )
Wie in allen seinen großen Werken - "Die Legitimität der Neuzeit" (zuerst 1966) "Die Genesis der kopernikanischen Welt" ( 1975); "Arbeit am Mythos" (1979) und "Die Lesbarkeit der Welt" (1981) - umkreist der gegenwärtig wohl bedeutendste Denker (und Wissenschaftshistoriker) der Bundesrepublik sein Grundthema: die Frage nach Sinn oder Unsinn des Menschenlebens, nach Vergeblichkeit oder "Unvergeblichkeit" des Daseins.
"Zeit", meint Blumenberg, "ist das im meisten Unsrige und doch am wenigsten Verfügbare." Mit diesem Paradoxon zielt er auf den "Urkonflikt" des Menschen, auf die "unschlichtbare Rivalität" zwischen eigener und fremder Lebenszeit wie kürzlich unverfügbarer Weltzeit.
Den historischen Beginn dieser vierten, dieser entscheidenden Kränkung der menschlichen Eigenliebe durch die Verlorenheit und Entzweiung in der Zeit datiert Blumenberg auf das Jahr 1676, als der Astronom Olaf Römer die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit (rund 300000 Kilometer pro Sekunde) entdeckte. Doch erst mit der Erkenntnis der immensen Entfernungen im Weltraum setzte sich dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Einsicht durch, "daß die Weite des Raumes die Zeit frißt, daß Raumdistanzen in Zeitdistanzen übersetzt werden müssen und daß dabei die Weltzeit der Lebenszeit endgültig unfaßlich wird".
Um 1900 schätzte der Astronom Karl P. Th. Bohlin die Entfernung zwischen Erde und Andromedar-Nebel auf rund 20 Lichtjahre: Das auf der Erde empfangene Nebel-Licht wäre also um 20 Jahre später hier eingetroffen - über eine Entfernung von 189,26 Billionen Kilometer.
Diese Entfernung und die ihr entsprechende Zeit hätten laut Blumenberg für die durchschnittliche Lebenszeitspanne genügt, um einen (damals noch unmöglichen) Funkspruch abzusenden und rund 40 Jahre auf eine Andromedar-Antwort zu warten.
Um 1950 wurde die Entfernung zum Andromeda-Nebel auf fast eine Million Lichtjahre geschätzt, jetzt auf weit mehr als zwei Millionen. Damit aber waren subjektive Lebenszeit und menschliche Geschichtszeit aus dem Spiel: Jeder Gedanke an eine Kommunikation mit fernen Sternenwelten hatte sich als illusorisch erwiesen.
So fordert Blumenberg von den Propheten der Astronauten-Götter a Ia Däniken und erst recht von zu optimistischen Astrophysikern, die auf Kunde aus dem Weltall hoffen, sie sollten den Einwand ernst nehmen, "die kosmischen Entfernungen könnten einen alles Menschengeschichtliche überschreitenden Zeitbedarf für Kontakte mit anderen Vernunftwesen erfordern" - schlicht: Die außerirdisch Vernünftigen (wenn es sie gäbe) sind für Kontakte zu weit weg und auch Weltraumsonden helfen da nicht weiter.
Allerdings gibt es noch viele Naturforscher, die einerseits mit fast religiöser Inbrunst auf den Fortschritt der Wissenschaft schwören, andererseits aber mit dem Weltall hantieren, als seien sie die überweltlich-überzeitliche Intelligenz, die sich der französische Mathematiker und Astronom Pierre Simon de Laplace (1749 bis 1827) in der Nachfolge Newtons erdacht hatte: Diese Intelligenz könnte Vergangenheit und Zukunft souverän ignorieren, weil sie imstande wäre, "für jeden beliebigen Zeitpunkt den Weltzustand in Differentialgleichungen anzugeben".
Vor allem junge Natur-Gelehrte schwelgen auch weiterhin in Modellen, die das sich ausdehnende Weltall vom Erst- bis zum Letztknall beschreiben und ein homogenes Weltall postulieren, das allen Beobachten ohne Rücksicht auf ihren Ort als gleich erscheint.
Laplace hatte die Naturforscher nur dazu aufgefordert, der von ihm fingierten Super-Intelligenz nachzustreben, aber ihm war klar, daß der menschliche Geist von ihr "immer unendlich weit entfernt bleiben wird".
Und Blumenberg beschreibt noch einmal die vierte, die entscheidende Kränkung der Menschheit: "An der Größe der Lichtgeschwindigkeit im Verhältnis zu den sich auftuenden kosmischen Entfernungen zeigte sich ein begrenzter Wirklichkeitszugang des Menschen, eine wachsende Verspätung seiner Erfahrung von der Totalität des Universums... Das Licht, beherrschende Metapher für Wahrheit und Erkenntnis, wandelte sich in deren Hindernis und zur Isolierung des vom Standort Erde her zugänglichen Weltausschnitts, entgegen dem Postulat der Austauschbarkeit aller Beobachterpositionen."
Es gibt also kein homogenes Weltall, von dem objektive Erkenntnis (oder Beschreibung) möglich wäre. Von seinem Standort Erde her bekommt der Mensch niemals das Alles des Alls, dessen Totalität zu Gesicht - schon Immanuel Kant hatte das Weltall als Ganzes, eine Idee (und nicht etwa eine Tatsache) genannt.
So ist der Mensch auf seinem utopischen blauen Planeten wie nie zuvor dem Zeit-Labyrinth ausgeliefert. In diesem Irrgarten gibt es kein absolutes Wissen mehr, nur eine Perspektivik, der die eigene Lebenszeit, menschliche Geschichtszeit und sogar die Evolutionszeit des Lebens als pure Episoden oder Zwischenfälle der Weltall-Geschichte, als asynchrone Verspätungen im Vergleich zur Weltzeit erscheinen müssen.
Dieses "Bewußtsein der menschlichen Episodizität" hat sich laut Blumenberg in den vergangenen 50 Jahren durch die "Möglichkeiten eines selbstmächtigen Untergangs" noch verschärft - und es hatte ja auch schon Adolf Hitler gegeben, der in "absolutem Narzißmus" eine "Konvergenz von Lebenszeit und Weltzeit", das Zusammenfallen des eigenen Endes mit dem der geschichtlichen Menschenwelt (zumindest in Deutschland) erzwingen wollte.
Ende 1944 hatte er gesagt: "Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen." Und Blumenberg kontrastiert diese Äußerung Napoleons berühmtem Wort über die Politik als Schicksal: Für Hitler sei sie eher "Schicksalsersatz, Lebenssurrogat" gewesen, "und als solche auf unbedingte Totalität ... angewiesen".
Für Hitler gab es nur ein Leben: das eigene. Damit wurde ihm der Konflikt zwischen Lebens- und Weltzeit unerträglich, die unbestreitbare Tatsache, daß die Welt vor diesem angeblich einzigartigen Führer-Leben schon bestanden hatte und auch nach ihm weitergehen würde.
Blumenberg formuliert hier eine Art stoischen Moral-Minimums: Die Fähigkeit, die Gleichgültigkeit der Welt dennoch zu ertragen, beruhe "allemal auf der Fähigkeit zur Relativierung des eigenen Lebens". Und er fügt hinzu: "Anders ausgedrückt: auf dem Besitz des Welthorizonts. Hitler hatte keine Welt. Deshalb gebraucht er den Ausdruck
(Welt) mit dem unbestimmten Artikel."
Hitlers absoluter Narzißmus, aus dem 1945 seine (nicht befolgten) Befehle hervorgingen, die Überlebensgrundlagen der Deutschen endgültig zu zerstören, charakterisiert Blumenberg mit dem Satz: "Ein einziges Leben definiert sich seinen Sinn gerade dadurch, daß es zu sein beansprucht, wonach nichts mehr kommen darf.
Hätte Hitler die Atomkraft besessen, wäre er womöglich global an das Ende der Geschichte, zur Vollendung seines ebenso autistischen wie totalen Nihilismus gelangt.
Doch Blumenberg zitiert auch den Aufklärer Fontenelle - gewissermaßen als Zeugen für die auch einen Hitler überdauernde Stupidität der Menschheit: "Alle Menschen gleichen sich so sehr, daß es kein Volk gibt, dessen Torheiten uns nicht erzittern lassen müßten."
Hans Blumenberg: "Lebenszeit und Weltzeit". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 380 Seiten; 48 Mark.

DER SPIEGEL 29/1986
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