Von Ihlau, Olaf
Die Menge wird in ihrem Freudentaumel lebensgefährlich, das Objekt der Bewunderung nahezu erdrückt. Wie ein Blatt in reißendem Strom treibt die grazile Frauengestalt hilflos in den Wogen von Menschen, die jauchzend um sie herumtoben, die sämtliche Absperrungen niedergerissen haben.
Die Frau droht unterzugehen. Nur ihre hochgereckte rechte Hand ist in dem Strudel noch zu sehen. Verzweifelt dreschen Ordner mit Bambusknüppeln und Fäusten auf die Masse ein. Endlich taucht die Frau wieder auf, aschfahl und nach Luft ringend, wild um sich schlagend.
Mit letzter Kraft schaffen ihre Begleiter es, sie auf die rettende Treppe zum Eisengerüst des Rednerpults zu hieven. Mühsam zieht die Frau sich hoch, sackt erschöpft in einen Sessel, krümmt sich zusammen.
Knapp eine Minute braucht sie, um sich zu fangen. Dann richtet sie sich auf, tritt nach vorn an die Brüstung und grüßt lachend, mit über den Kopf erhobenen Händen rhythmisch klatschend, ihre Anhänger.
Deren Freudenrausch steigert sich zur Raserei. "Benasir, Benasir", rufen Hunderttausende. Trommeln dröhnen, die Menschen tanzen, singen, streuen Rosenblätter, weinen verzückt. In peitschenden Sprechchören rufen sie ihrem Idol zu: "Benasir bringt die Revolution" und "Sia kuta, Sia dschawej, dschawej" - "Sia ist ein Hund, Sia muß weg, muß verschwinden".
Benasir Bhutto, 32, Pakistans Oppositionsführerin, kehrt im Triumph heim aus dem europäischen Exil. Und mit dieser Rückkehr in den Moslem-Staat auf dem Subkontinent beginnt ihr politischer Sturmlauf gegen jenen Mann, den sie für den Mörder ihres Vaters hält: General Sia-ul Hak, 61, Präsident und Armeestabschef, 1977 an die Macht gelangt durch einen Militärputsch gegen Pakistans zivilen Staatschef und Premier Sulfikar Ali Bhutto, einen Volkstribun mit despotischen Allüren.
Die "lächelnde Kobra", wie der Volksmund Sia nennt, ließ Bhutto unter Mordanklage stellen und nach einer Justizfarce im April 1979 hinrichten. Wenige Stunden vor der Exekution, beim Abschiedsbesuch im Zentralgefängnis von Rawalpindi, nahm Bhutto seiner Lieblingstochter Benasir, in der er die "pakistanische Indira" sah, das Versprechen ab, seine "Mission" weiterzuführen.
Die emotionale Aufwallung läßt ihre schrille Stimme umkippen, wenn Benasir bei ihren Reden auf diese letzte Begegnung mit ihrem Vater zu sprechen kommt. "Ich habe ihm geschworen, mein Leben für diese Mission, für die Rechte des Volkes einzusetzen", verkündet sie mit flammendem Pathos, "ich weiß, daß ich einen dornenreichen Pfad beschreite, der mir ebenfalls den Tod bringen kann."
"Lang wirst du leben", brüllt die Menge, "Benasir muß Präsidentin werden", fordern Millionen, die an den Straßen ihres Jubelzugs durch das Fünfstromland des Pandschab stehen, Pakistans dominierender Provinz.
"Prozessionen" nennt die Bhutto-Volks-Partei PPP diese Rundfahrt ihrer jungen Führerin. Der Korso, mit einem vergoldeten Thronsessel auf dem Lastwagen an der Spitze, kommt wegen des enormen Zulaufs nur im Schrittempo voran, so daß die Großkundgebungen in den Städten mit neun, gar zwölf Stunden Verspätung oft erst in den frühen Morgenstunden beginnen können.
Aber Hunderttausende harren geduldig aus, warten wie auf eine Heilsbringerin. "Niemals zuvor in Pakistan haben sich um eine Person spontan solche Menschenmassen geschart", notierte die Zeitung "Dawn".
"Ich komme, nicht um Haß zu säen und Rache zu suchen, sondern um einen
friedlichen Wechsel herbeizuführen", predigt Benasir, ihre Anhänger zu Ruhe und Disziplin ermahnend. Dabei hat sie selber bisweilen Mühe, von ihren Gefühlen nicht mitgerissen zu werden.
"Gestern hätten wir die Regierung stürzen, Lahore in Brand stecken können, niemand hätte uns aufgehalten", sagt sie nach dem Massenspektakel am Tag ihrer Rückkehr nach Pakistan. "Wer kann schon Millionen erschießen?"
Erschreckt über das Ausplaudern dieses Gedankenspiels setzt sie beschwichtigend hinzu: "Aber der Preis wäre zu hoch gewesen, wir wollen nicht über Gewalt und Blutbäder an die Macht gelangen."
36 Monate verbrachte Benasir in pakistanischen Gefängnissen oder unter Hausarrest, gut zwei Jahre danach im westeuropäischen Exil. Das "kleine, verzogene Mädchen", wie Sia die Bhutto-Tochter abfällig zu nennen pflegt, ist für den General zu einer gefährlichen Gegnerin gereift.
Und zu einer attraktiven Erscheinung mit aristokratischer Autorität, die gelegentlich die herrische Attitüde des Vaters durchschimmern läßt. Von ihrer persischen Mutter, Begum Nusrat, die in Frankreich mit Lungenkrebs auf dem Sterbebett liegt, hat Benasir das schmal geschnittene Gesicht geerbt mit der schlanken Nase und den kohlrabenschwarzen Augen.
Gekleidet ist Benasir stets in einen Schalwar Kamis, das traditionelle Gewand der Pakistaner mit langem Hemd und mit bauschigen Hosen, wobei sie Schwarz und Beige als Farbtöne bevorzugt. Ein Schleier bedeckt ihr kurzgeschnittenes, lockiges Haar. Kein Mullah, und darum geht es ihr wohl, könnte Anstoß nehmen an dem Äußeren dieser Oxford- und Harvard-Absolventin, die sich als "demokratische Sozialistin" versteht und vor dem Flug nach Pakistan als Pilgerin Mekka besuchte.
Benasirs Make-up ist dezent. Sie trägt keine Ringe. Einziger Schmuck außer simplen Ohrclips ist eine goldene oder silberne Halskette mit dem Buchstaben-Anhänger "Allah" oder mit "Ali", dem Vornamen ihres Vaters.
Wie der versteht sie es, die Massen zu elektrisieren. Dies sei "ein schlechtes Jahr für Diktatoren", ulkt sie in jeder Rede, und die Sprechchöre antworten ihr "Marcos, Sia bhai bhai" (Marcos und Sia sind Brüder).
Doch natürlich weiß sie, daß die Analogie zu den Philippinen bislang nur in einem Punkt zutrifft: "daß da zwei Frauen gegen zwei Despoten antreten". Anders als Cory Aquino im fernöstlichen Inselreich, der die katholische Kirche und der am Wechsel interessierte amerikanische Schutzherr beistanden, kann Benasir in Pakistan auf solch mächtige Verbündete nicht bauen.
Sia mag zwar manchem seiner Generäle üble Bereicherungsmanöver gestatten. Sein eigener Lebensstil aber gilt als bescheiden, läßt sich mit der Verschwendungssucht des Marcos-Clans gewiß nicht vergleichen.
Die sowjetische Besetzung Afghanistans war für Sia der rettende Glücksfall, aus dem sein Regime von den Amerikanern und Golf-Arabern bis heute Kapital zu schlagen versteht. Soeben erst hat Washington der Regierung in Islamabad für die nächsten sechs Jahre ein weiteres Militär- und Wirtschaftshilfeabkommen in Höhe von 4,02 Milliarden Dollar zugesagt.
"Es wäre besser, wenn die Amerikaner sich auf die Seite des Volkes stellen würden", formuliert Benasir behutsam ihre Kritik an Washingtons Pakistan-Politik. Unter den Aktivisten ihrer Volkspartei freilich lodern die antiamerikanischen Ressentiments, wurden bei den Kundgebungen Bilder von Gaddafi mitgeführt und Sternenbanner verbrannt, schon bevor die Bomben auf Tripolis gefallen waren.
Diese US-Aktion zwingt dann auch Benasir zu militanteren Tönen. Sie überzieht dabei jedoch keineswegs, und es wird spürbar, daß hier jemand seine Rolle als möglicher Ansprechpartner der westlichen Supermacht nicht verspielen möchte, sollte der General Sia schließlich doch fallen.
Der dürfte unterdessen längst bereuen, daß er sich - bedrängt von den Amerikanern - zu einem Experiment überreden ließ, welches er jetzt nur noch schwer stoppen kann: der Öffnung seines Kasernenstaates für demokratische Zugluft.
Das begann vor über einem Jahr mit den Wahlen zu einer neuen Nationalversammlung, an denen sich indes keine Parteien beteiligen durften. Darauf folgte die Ernennung von Mohammed Khan Dschunedscho zum zivilen Premier, der wie die Bhuttos zu den Großgrundbesitzer-Clans der Südprovinz Sind gehört.
Und zum Jahreswechsel - der entscheidende Schritt - hob Präsident Sia das Kriegsrecht auf, "um der Demokratie eine Chance zu geben". Verbunden allerdings mit der Warnung, bei überzogener politischer Agitation werde er erneut den Ausnahmezustand verhängen.
Benasir Bhutto, der nach dieser Liberalisierung die Rückkehr aus dem Exil nicht länger zu verwehren war, will nun die Aufrichtigkeit dieses Demokratisierungsprozesses einem Test unterwerfen: mit einer Konfliktstrategie, die den General zum Zurückweichen und schließlich zur Kapitulation oder zum Zurückschlagen zwingen muß.
Um einen "ehrenhaften und friedvollen Machtwechsel" zu ermöglichen, verlangt die kühne Herausforderin, zunehmend aggressiver, baldige Neuwahlen und den Rücktritt Sias. Der Präsident gibt sich bislang gelassen, nennt die Parteikundgebungen spöttisch "Zeitverschwendung".
Die Wucht der frontalen Attacke jedoch hat die Regierung ganz offensichtlich überrascht. Der Zulauf für Benasir, stärker noch als für ihren Vater in dessen besten Zeiten, beginnt die Militärs nervös zu machen. Hat Sia sich verkalkuliert? Mit einer Serie weiterer Massenveranstaltungen hofft die Bhutto-Erbin, diese Konfrontation zuspitzen, Unruhe in die Streitkräfte tragen zu können.
Benasir, die ihr Parteiprogramm erst Anfang Mai vorstellen will, ist sicher, daß eine gewaltsame Beendigung ihrer Mission, ihr Scheitern auch dem Lande einen bitteren Preis abverlangen würde: "Denn der Wandel in Pakistan wird kommen, dann aber wohl nicht mehr friedlich, sondern mit Chaos und Anarchie."
DER SPIEGEL 17/1986
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