14.07.1986

FILMRevolutionäre Tunte

„Der Kuß der Spinnenfrau“. Spielfilm von Hector Babenco. Brasilien/USA; 1985. 124 Minuten; Farbe. *
Ihre unglückseligen Neigungen haben die beiden ins Junta-Gefängnis gebracht, und nun müssen sie ihr Schicksal in einer gemeinsamen Zelle aussitzen, obwohl sie sich eigentlich gar nicht ausstehen können.
Der Macho-Aktivist Valentin ist in die Revolution vernarrt und erregt sich bei dem Gedanken an permanenten Kampf zur Befreiung der unterprivilegierten Klassen. Molina hingegen, der schwuchtelige Schaufensterdekorateur, treibt es mit minderjährigen Knaben zu weit und berauscht sich an abgestandenen Kinodrogen aus den Illusionsfabriken von Babelsberg bis Beverly Hills.
Wie dieses ungleiche Paar dennoch eine Seelenverwandtschaft entdeckt und sogar eine Art körperlicher Beziehung entwickelt, beschreibt der argentinische Erzähler Manuel Puig, 54, in seinem 1976 erschienenen Roman "Der Kuß der Spinnenfrau", der seither in 14 Sprachen übersetzt worden ist.
Puig verknüpft in kunstvoller Montage literarisch sacht überhöhte Dialoge. Exzerpte aus einem imaginären Polizeiprotokoll, wissenschaftlich dröge Fußnoten zum damals aktuellen Stand der Homosexualitäts-Forschung und nahezu surrealistische innere Monologe in einem stilistischen Tour de Force, für den "Newsweek" wie "Washington Post'' nur ein Wort übrig hatten: "Brillant."
Sein Landsmann Hector Babenco, 40, hat den ambitionierten Seelenstriptease vor Jahresfrist als Kinostück aufbereitet und damit jede Menge Festival-Ehren und Kritiker-Lobpreisungen eingeheimst. Die in Sao Paulo für nur 1,8 Millionen Dollar gedrehte amerikanischbrasilianische Koproduktion wurde mit vier Oscar-Nominierungen bedacht; Molina-Interpret William Hurt kassierte, wie bereits in Cannes, den Hauptdarsteller-Preis. Das US-Publikum versagte sich den nahezu einhelligen Kritikerempfehlungen nicht ("New York Times": "Großartig von Anfang bis Ende") und trug viele Millionen Dollar an die Kassen der Filmkunsttheater. Das Außenseiter-Filmchen mit der delikaten Thematik avancierte zum Mainstream-Hit.
Interessantes Detail: Kurz vor der US-Premiere von "Kiss of the Spiderwoman" ließ der sterbenskranke Rock Hudson angesichts des nahen Aids-Todes seine lebenslange Karrierelüge vom "Frauenhelden" dementieren und wurde zum tragischen Heros der Schwulenbewegung. Ein unglücklicherer Zufall hingegen: In der Woche, da "Der Kuß der Spinnenfrau" endlich auch in deutsche Kinos gelangte, verkündete der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, daß sogar private homosexuelle Praktiken nicht verfassungskonform seien. Die Ablehnung und Verfolgung der Männerliebe habe schließlich "uralte Wurzeln in der westlichen Zivilisation"; jede andersgeartete Rechtsprechung "würde Jahrtausende der Morallehre über den Haufen werfen."
Das eherne Verdikt aus Washington erging einen Tag, nachdem Bürgermeister Ed Koch in New York die kunterbunte Parade der 12000 zum alljährlichen "Christopher Street Day" angeführt hatte, bei der schwules Selbstbewußtsein gefeiert und die Chance auf Selbstverwirklichung gefordert wird. Nun aber, frohlocken christliche Fundamentalisten um den TV-Prediger und Reagan-Freund Jerry Falwell, dürfen warme Brüder wieder kaltgestellt werden, "denn pervertiertes Moralverhalten wird in diesem Land nicht akzeptiert".
Wenn es nach der angeblichen "moralischen Mehrheit" ginge, bliebe den 2O Millionen US-Homos nur noch der Rückzug ins stille Kämmerlein und die Rückkehr zum "safe sex" jahrzehntelang geübter Ersatzbefriedigung in der illusionären Gegenwelt überlebensgroßer Kino-Legenden.
Hier lebten auch "Spinnenfrau"-Regisseur Babenco und Autor Puig einst ihre pubertären Träume aus. Kino war die Ausstiegsdroge auf der Flucht vor der Langeweile eines kleinstädtischen Mittelklasse-Lebens und den Anforderungen der mörderischen Männerwelt.
"Vor der Leinwand konnte ich für zwei Stunden vergessen, wer ich war und wo ich war", beschreibt Babenco seine Ausreißer-Trips. Auch Kino-Freak Puig ließ sich von den Exzessen und Ekstasen der Hollywood-Göttinnen betören. Bereits in seinem ersten, halb autobiographischen Roman "Verraten von Rita Hayworth" (1968) klingt das Leitmotiv all seiner Bücher auf: Kitsch, Schnulze, Schmalz und grelle Romantik bieten in einer sinnentleerten Welt wenigstens die Illusion von Geborgenheit. Solidarität und Selbstwert. Regisseur Babenco sagt fatalistisch: "Jeder ist ein romantischer Gefangener seiner Phantasien."
Genau das lehnt der Revolutionär Valentin im "Kuß der Spinnenfrau" ab. Selbstvergessenheit im Kitsch schwächt _(Mit Raul Julia und William Hurt. )
die Kampfbereitschaft. Movie-Träume höhlen das politische Bewußtsein aus. Deshalb verachtet er Molina zunächst, der sich sogar an Nazi-Schinken labt, bei denen bisweilen die Grenze zwischen Propaganda und Porno zu verschwimmen scheint. Im Buch erzählt Molina seinem Mitgefangenen seitenlang aus der verklärten Erinnenung die Inhalte klassischer B-Filme wie "Cat People" oder "I Walked With a Zombie". Er schwelgt dabei in einer orgiastischen Beschreibung von Reichtum, Verschwendung und allesverzehrender Leidenschaft, nimmt aber diese Filme ernst; sie haben schließlich seinen Sehnsüchten ihre Richtung gewiesen.
In der Kinoversion denunziert Babenco jedoch Molinas aufrechte Gefühle durch den Stil der nachgestellten Schnulzenfilm-Szenen (mit Sonia Braga als "Spinnenfrau"), die in ihrer geschmäcklerischen Farb-Dramaturgie an Videoclip-Imitationen großer Hollywood-Produktionen erinnern. Während bei Puig Valentin Molinas Erzählungen geduldig und nicht ohne Neugier aufnimmt ("Mich interessieren die Nazifilme als Propagandamaterial"), macht die Kinofigur (blaß gespielt von Raul Julia) den effeminierten Schwarmgeist gleich zur schwulen Sau: "Halt''s Maul, du Tunte. Ich finde dich einfach langweilig."
Da sich Fußnoten mit soziologischen Theorienmaterial schlecht verfilmen lassen, tut sich der Film auch schwer mit einer Kernaussage des Buches: Molina ist genausosehr Revolutionär, wie Valentin romantischer Träumer ist. Molina verweigert sich der kapitalistischen Gesellschaft und ihrem Leistungsdruck; schon sein Lebensstil ist Provokation, die bürgerliche Normen in Frage stellen mag. Und er wird vollends zum Revolutionär, indem er die vom Vater angebotene Rolle des "Ausbeuters" verwirft und sich - äußerste Form der Rache am repressiven System - provokant in die Rolle der "Tunte" hineinsteigert, die die Gesellschaft am meisten verachtet und mit Haß verfolgt, weil die Grenzüberschreitung der Geschlechter-Reservate am meisten verunsichert.
Valentin hingegen merkt erst spät, daß sein romantisches Rebellentum genauso klischeeüberfrachtet ist wie eine x-beliebige Kino-Schmonzette. Er hat Angst vor Emotion, weil Gefühl als bourgeoises Relikt gelten könnte; gleichzeitig gibt er zu, daß es ihn in seinen Träumen mehr zu der in voller Sinnlichkeit erblühten bürgerlichen Marta hinzieht als zu seiner tugendhaften Kampfgenossin, die er eher aus Pflichtgefühl liebt. Und er schämt sich, daß er gerade Marta begehrt, die sich von ihm abgewandt hat, als er in den Untergrund ging.
Doch Träume können nach Terror-Verhör und Folterung wie ein erlösender Schuß Morphium sein. Das Irrationale kann wichtig werden in einem Kampf, der eigentlich ein exklusives Engagement des Geistes verlangt. Denn - Valentin kommt schließlich darauf - nicht leiden müssen in einem System, daß sich die Zerstörung des Individuums zum Ziel gesetzt hat, ist auch eine Form von Subversion. "Wenn mehr Männer wie Frauen wären, hätten wir weniger Qualen und Folter", gibt ihm Molina zu bedenken, der am Schluß seine femininen Attitüden aufgeben kann, ohne Verlust an der Intensität seiner Hingabe und Opferbereitschaft.
"Du bist die Spinnenfrau", erkennt Valentin. Er ist der Menschlichkeit des Molina ins Netz gegangen. Aber auch Molina hat sich einfangen lassen von Valentins Courage und schlichter männlicher Sanftmut. "Niemand kann uns mehr trennen", sagt Valentin am Ende des Buches. "weil wir dem Schwierigsten auf den Grund gekommen sind: herauszufinden,. daß ich in deinem Denken lebe und dich so für alle Zeiten begleite, und du nie mehr allein sein wirst." Ein Schlußwort wie im Kino. Barry Graves
Mit Raul Julia und William Hurt.
Von Barry Graves

DER SPIEGEL 29/1986
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