17.03.1986

AUTOMOBILEWo's langgeht

Viele Auto-Veredler, das sprach sich auf dem Frühjahrssalon in Genf herum, sind in finanzieller Bedrängnis - nicht nur, weil der Dollar fiel. *
Guntram Huber, Chef der Karosserie-Entwicklung für Mercedes-Personenwagen, schlenderte auffallend gut gelaunt durch die Stände des Automobilsalons in Genf, wo bis Sonntag letzter Woche viel Blech, aber kaum Novitäten gezeigt wurden. Mitten zwischen den bunten Plastik-Verschlägen der Auto-Veredler, deren Schaustücke ihn in den vergangenen Jahren öfter mal vergrämt hatten, verkündete Huber: "Na,es werden ja nun bald ein paar weniger."
In der Tat, die Reihen lichten sich. Christian Hahn aus Schenefeld bei Hamburg hat seine "Styling Garage" bereits im Februar dem Konkursverwalter überlassen müssen. Andere, darunter so renommierte Unternehmer wie Rainer Buchmann ("bb") aus Frankfurt und Erich Bitter (Bitter-Automobile) aus Schwelm, die der Industrie gern "zeigen" wollten, "wo's langgeht" (Buchmann), sind ebenfalls bankrott.
Buchmann, der sich vom Chef einer Hinterhofwerkstatt zum Schickeria-Lieferanten gemausert hatte, wurde am Messestand in Genf von der Konkurseröffnung informiert. Schon vorher hatte er fast die Hälfte seiner 42 Mitarbeiter entlassen müssen. Die noch verbliebenen Monteure schraubten oft stundenlang ohne Lohn. Das fast 300000 Mark teure Oben-ohne- Modell "Magic Top", ein Mercedes-Coupe, dessen festes Dach mit Hilfe von mikroprozessorgesteuerten Elektromotoren auf den Kofferraumdeckel abgesenkt werden kann, geriet zum Ladenhüter: Gerade zehn Exemplare wurden in den letzten zwei Jahren ausgeliefert, zu wenig um die Entwicklungskosten in Höhe von 1,5 Millionen Mark hereinzuholen.
Ex-Rennfahrer Bitter darf schon seit Monaten allein keinen Scheck mehr ausstellen. Wegen Überschuldung wurde vorletzte Woche der Konkurs eröffnet. Bitter in Genf: "Es ist so traurig."
Beim Kollaps der Styling Garage (1,5 Millionen Mark Schulden) verloren 51 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz, und zahlreiche Gläubiger hoffen nun, wenigstens einen Teil ihrer Forderungen eintreiben zu können.
Andere Vertreter der Zunft bauen zwar weiterhin auf "weltweit reiche Kundschaft", wie der Leonberger Umrüster Uwe Gemballa, und glauben fest, daß es "unseren Käufern egal ist, was das kostet" (Trasco-Chef Hans Peter Siegenthaler). Doch die Goldgräberzeiten der Branche sind vorbei.
Der Niedergang bedroht ein Gewerbe, das sich erst Ende der 70er Jahre als Anhängsel der Automobil-Industrie etabliert hatte. Damals begannen einige Spezialisten, eine Marktnische zu nutzen, die von den großen Herstellern vernachlässigt worden war: Sie rüsteten Serienwagen zu Prestige-Autos für Betuchte um. Je nach Kundenwunsch wurden Karosserien verändert, Plastikteile am Armaturenbrett durch poliertes Wurzelholz ersetzt, Leder-Fauteuils eingeschraubt, Plüsch-Teppiche zugeschnitten oder Bars und Fernseher installiert.
Die derart aufgemotzten Autos rollten zu Preisen in den Verkehr, wie sie sonst nur gezahlt werden, wenn Einfamilienhäuser den Besitzer wechseln: Fast eine halbe Million Mark verlangt beispielsweise die deutsch-schweizerische Firma Trasco für einen verlängerten Sechssitzer-Mercedes mit allem Komfort.
Zu den Käufern zählten bislang vor allem Araber, amerikanische Geschäftsleute und High-Tech-Anhänger aus Geldadel und Jet-set, aber auch "Königshäuser und Leute, die von Beruf Sohn sind" (Gemballa).
Solchen Interessenten war jahrelang kaum ein Wunsch zu bizarr oder zu kostspielig. Für Herbert von Karajan mußte Veredler Hahn, ein ehemaliger
Schiffsingenieur, einen Mercedes 500 zersägen und um 65 Zentimeter verlängern. Hollywood-Star Eddie Murphy ("Beverly Hills Cop") bestellte ein Coupe mit gewaltigen Flügeltüren.
Besonders gern erinnert sich Hahn an "den Auftrag meines Lebens". Der kam aus Abu Dhabi: Der Kronprinz orderte zum Transport seiner eigenen Hochzeitsgäste gleich 40 Mercedes-Limousinen auf einen Schlag, alle in leuchtenden Regenbogenfarben. Hahn lieferte pünktlich.
Auch bb-Chef Buchmann war lange Zeit blendend im Geschäft. Seine auffällig umgebauten und lackierten Porsche-Kabrios waren etwa bei Bewohnern des Frankfurter Bahnhofsviertels beliebt, veredelte Golf-Versionen entzückten Boutique-Besitzerinnen. Sogar die VW-Manager aus Wolfsburg fragten schon mal bei Buchmann um Rat und überließen ihm gelegentlich kleinere Aufträge zur Verschönerung von Volkswagen.
Ledergestühl, Videoanlagen und Kühlschränke baut der Belgier Frederic Duchatelet in Mercedes-Modelle der S-Klasse ein, auch Kristallaschenbecher und Cartier-Uhren. Der Meister, der "keine Kompromisse kennt" (Werbeprospekt), denkt sogar an Details: "Ein silberner Ausguß ermöglicht es, sich überschüssiger Getränke zu entledigen."
Autobauer Bitter ging über den bloßen Einbau von Schnickschnack noch hinaus: Er entwarf eigene Karosserien, die in Italien gebaut und in der Bundesrepublik auf solide Großserienfahrwerke vom Opel Senator geschraubt wurden. Vor allem in den USA fand Veredler Bitter Hunderte von Interessenten für das Schaf im Wolfspelz: Zuverlässige Opeltechnik, versteckt im Ferrari-Look - das war es, was sich reiche Amerikaner wünschten.
Zu Beginn der 80er Jahre tummelten sich immer mehr Jungunternehmer im Veredelungsgewerbe: "An unseren Erfolg", mault Buchmann, "haben sich inzwischen mindestens 100 Firmen angehängt." Aber wachsender Konkurrenzdruck ist nur einer der Gründe für den nun bevorstehenden Untergang vieler Auto-Maßschneider. Weitere Ursachen: *___Der Sturz des amerikanischen Dollar hat die Preise der ____Wagen aus deut schen Edel-Werkstätten innerhalb eines ____Jahres auf wichtigen Auslands märkten wie Nahost und ____USA um rund 50 Prozent verteuert. *___In Saudi-Arabien, dem wichtigsten Abnehmer-Land der ____Hochpreis-Au tos, wurde 1985 ein neues Gesetz erlassen, ____das den Import umgebauter Serienfahrzeuge limitiert; ____die Einfuhr schrumpfte um die Hälfte. *___Abgeschreckt durch Pfusch und man gelnden Sachverstand ____einiger Umrü ster, "wollen viele nie wieder ein um ____gebautes Auto fahren (Buchmann). *___Firmen wie Porsche wollen sich "in Zukunft stärker ____engagieren" und in dividuelle Wünsche (gegen Aufpreis) ____selber befriedigen; der Gang zum Veredler wird damit ____überflüssig.
Porsche reagiert damit auf allzu abstruse Modifikationen, die dem Image der Marke langfristig schaden könnten. Nicht wenige der aufgemotzten Fahrzeuge, mokierte sich Porsche-Vorstand Heinz Branitzki, seien "so abscheulich anzusehen, daß man nur noch die Augen schließen kann".
Die Stuttgarter Sportwagen-Hersteller mußten auch "bereits mehrfach Firmen verklagen", weil sie Porsche-Modelle so sehr verändert hatten, daß sie bei hohen Geschwindigkeiten nicht mehr verkehrssicher waren. "Lebensgefährlich",
schimpfte Branitzki, solche Umbaumethoden seien "einfach kriminell".
Unterdes suchen die in Konkurs gegangenen Veredler wieder ins Geschäft zu kommen. So möchte Bitter seine Firma auch nach der Pleite weiterführen: "Natürlich werde ich dem Konkursverwalter ein Kaufangebot machen." Buchmann spekuliert auf Rettung durch reiche Partner. VW-Chef Carl Hahn erzählte in Genf, er habe seinen Leuten Order gegeben, "dem Mann zu helfen, wenn es irgendwie geht".
Vermutlich geht es nicht. Herbert Schäfer jedenfalls, Design-Chef in Wolfsburg, suchte den menschenfreundlichen Elan des Chefs schnell abzubremsen. "Solche Firmen", fürchtet Schäfer, "können für uns keine verläßlichen Partner sein."

DER SPIEGEL 12/1986
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