19.05.1986

„Meir Kahane - ein jüdischer Nazi“

Uri Avnery über den rechtsextremistischen Knesset-Abgeordneten Meir Kahane Autor Avnery, 62, in Beckum in Westfalen geboren und 1933 nach Palästina emigriert, ist Herausgeber der Zeitschrift „Haolam Haseh“. Er gilt als einer der profiliertesten israelischen Linken und gehörte einige Jahre der Knesset an. *
Es geschah in Umm-el-Fahm, dem größten arabischen Dorf in Israel, am 29. August 1984.
Ein Steinhagel fiel auf die Landstraße. Wolken von Tränengas bedeckten die Abhänge auf beiden Seiten. Mehrmals knallten Schüsse. Verwundete wurden von Kameraden weggetragen. Ein Wunder, daß es keine Todesopfer gab.
All dies geschah, weil der Rabbiner Meir Kahane, der einen Monat davor mit 25907 Stimmen in die Knesset gewählt worden war, verkündet hatte, daß er an diesem Tage das Dorf besuchen werde. Er wollte den Einwohnern mitteilen, daß sie das Land verlassen mußten.
Tausende von Menschen - praktisch die ganze männliche Bevölkerung- hatten sich am Dorfeingang versammelt, um dem Rabbiner mit Gewalt den Zutritt zu verwehren. Hunderte von Juden aus allen Teilen Israels waren gekommen, um den Arabern zu helfen. Ihnen gegenüber standen Hunderte von Polizisten und Grenzschutzsoldaten, schwer bewaffnet. Ihr Auftrag war, Kahane zu schützen, ihm den Besuch im Dorf zu ermöglichen.
Fernsehreporter aus aller Welt liefen zwischen Tränengaswolken hin und her, um über das Ereignis zu berichten. Aber der Rabbiner kam nicht.
Eine Polizeisperre hatte ihn auf der Landstraße, etliche Kilometer vor dem Dorf, aufgehalten. Er begnügte sich mit einer kleinen symbolischen Demonstration, dachte aber nicht daran, eine Konfrontation mit den wütenden Einwohnern zu riskieren.
Aber er hatte sein Ziel erreicht. Zwei Tage lang stand er im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Seine Investition: zwei Stunden seiner Zeit und das Geld für drei gemietete Autobusse, die halb leer ankamen. So einfach war es ihm gelungen, ganz Israel auf den Kopf zu stellen.
Wie konnte dieser Mann mit ein paar Worten einen solchen Wirbel verursachen? Wie kam es, daß er in der Nacht nach den Wahlen zum Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit in Israel und in der Welt wurde?
Sein Hebräisch ist dürftig, sein schwerer amerikanischer Akzent verletzt das israelische Ohr. Er leidet an nervösem Augenzwinkern. Wenn er eine Rede hält, ist sein Gesicht oft von Haß verzerrt.
Als Redner ist er unbedeutend. In einem Land, das einen Demagogen wie Menachem Begin gekannt hat, einen brillanten Redner wie Abba Eban und simple, aber überzeugende Redner wie Mosche Dajan, ist er eine Null.
Was also hat dieser Mann an sich, das es ihm ermöglicht, so leidenschaftliche Reaktionen bei Anhängern und Gegnern hervorzurufen, daß die Erwähnung seines Namens genügt, bei Hunderttausenden Entsetzen, aber auch bei Zehntausenden Begeisterungsausbrüche hervorzurufen?
Die Antwort liegt in zwei Worten, deren Aneinanderreihung sich wie eine Sprachschindung anhört, ein jüdischer Nazi.
Noch vor wenigen Jahren war es schwer, in Israel die Worte "jüdische Faschisten zu benutzen. Die Juden waren die Opfer des Faschismus, die Faschisten waren die Mörder der Juden. Aber vor wenigen Monaten plädierte ein israelischer Staatsanwalt vor dem obersten Gericht in Jerusalem, daß Meir Kahane in jeder Hinsicht ein Nazi sei
und seine veröffentlichten Erklärungen, Taten und Pläne der Weltanschauung Adolf Hitlers entsprächen.
Als Ähnlichkeiten zwischen dem Programm Kahanes und den Nazi-Theorien sah der Staatsanwalt unter anderem: *___Kahane fordert, wegen "Unreinheit sexuelle Beziehungen ____zwischen Juden und Nichtjuden mit einer Strafe von fünf ____Jahren Gefängnis für Jüdinnen zu ahnden, die mit ____Arabern verkehren, und für Araber, die Jüdinnen ____"verführen". *___Kahane fordert, Ehen zwischen Juden und Nichtjuden als ____Straftat anzusehen. Der Staatsanwalt zitierte das ____"Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der ____deutschen Ehre" und das "Gesetz zum Schutze der ____Erbgesundheit des deutschen Volkes ____(Ehegesundheitsgesetz)" von 1935 und erklärte, daß ____Kahanes Vorschläge dem Geist dieser Gesetze ____entstammten. *___Kahane ruft dazu auf, arabische Kaufleute zu ____boykottieren und nur bei Juden zu kaufen, vergleichbar ____dem Judenboykott der Nazis. *___Kahane fordert, alle in Israel und den besetzten ____Gebieten ansässigen Araber in arabische Länder zu ____deportieren und sofort allen nichtjüdischen Bürgern ____Israels das Bürgerrecht zu entziehen. Der Staatsanwalt ____zitierte aus dem 25-Punkte-Programm der NSDAP, das ____einen vergleichbaren Absatz enthält.
Es besteht kein Zweifel, daß Kahane die Bücher Hitlers und seiner Anhänger gelesen hat. Sogar zwischen seinem Lebenslauf und dem Hitlers besteht eine gewisse Ähnlichkeit. Ebenso wie dieser nicht in Deutschland, ist Kahane nicht in Israel geboren worden. Er kam als Sohn des Rabbiners Charles Kahane am 1. August 1932 in Brooklyn zur Welt.
Der Vater war ein fanatischer Revisionist - ein Anhänger der rechtsradikalsten zionistischen Partei. Den Jungen schickte sein Vater in die revisionistische Jugendbewegung des radikalen Wladimir Jabotinski, die Betar.
Dort war sein Jugendführer ein junger Mann namens Mischa Arens - der viele Jahre später in Israel Verteidigungsminister wurde, mit Namen Mosche Arens.
Aber Betar war dem jungen Kahane nicht extrem genug. Er trat der religiösen Jugendbewegung "Die Söhne Akivas" bei, benannt nach Rabbi Akiva. einem der Anführer des jüdischen Aufstandes gegen die Römer in den Jahren 132 bis 135.
Die auffallendste Tatsache in der Biographie des jungen Adolf Hitler war seine Erfolglosigkeit. Er hatte die Realschule nicht absolviert und träumte davon, ein großer Maler zu werden. Er wurde von der Kunstakademie als talentlos abgelehnt, und da er kein Abitur hatte, wurde er auch nicht als Architekturstudent angenommen. Er trieb sich in Wien herum, wohnte in einem Männerheim, bis er schließlich ins deutsche Nachbarland auswanderte.
Der junge Meir Kahane lernte in einer Jeschiwa, einem religiösen Seminar, und abends in einem College. Seine Kameraden von Betar und den Söhnen Akivas wanderten begeistert ins neue Israel ein, Kahane blieb in Amerika. Er versuchte eine Anwaltskarriere, fiel aber bei der Prüfung durch. Er wurde als Rabbiner approbiert, aber es gelang ihm nicht irgendeine Gemeinde für längere Zeit zu behalten.
Zum erstenmal hat Kahane Israel 1963 besucht, als er schon 31 Jahre alt war. Er hielt nach einer neuen Karriere Ausschau, bekam aber keinen Posten. Enttäuscht und frustriert kehrte er nach Amerika zurück.
In einer Hinsicht besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Hitler und Kahane - und zwar zuungunsten Kahanes. Hitler diente vier Jahre lang als Frontsoldat. Kahane hingegen hat an keinem der Kriege Israels teilgenommen.
Während des Unabhängigkeitskrieges im Jahre 1948 war Kahane erst 16 Jahre alt, aber als der Sinaikrieg 1956 ausbrach und Zionisten aus aller Welt nach Israel eilten, war Kahane im besten Alter, 24 Jahre alt. Doch er kam nicht. Auch nicht im Juni 1967, als Israels Armee im Sechstagekrieg ihre Feinde besiegte. Kahane war damals 34 Jahre alt. Zehntausende von israelischen Frontsoldaten in diesem Krieg waren älter. Kahane hat auch nicht im Jom-Kippur-Krieg gekämpft, nicht im Litanikrieg von 1978, nicht im Libanonkrieg 1982.
Der Mann, der sich als Testamentsvollstrecker der Helden Israels aller Generationen ausgibt, ist nicht nach Israel eingewandert, als die Existenz des Staates auf dem Spiel stand. Nach den Maßstäben, die er an andere anzulegen pflegt, kommt das einer Desertion gleich. Schlimmer noch: Erst im 37. Lebensjahr zog er nach Israel.
Hitler kam auf dunklen Wegen zur Politik. Ähnlich, mit Hilfe eines gewissen Joseph Churba, geschah es mit Kahane. Churba, Jude, wie Kahane in Flatbush aufgewachsen und ebenfalls früher Mitglied der Betar-Bewegung, wurde Dozent bei der Air University in Maxwell (US-Staat Alabama). Er galt später als ein Mann, der direkten Zugang zu Informationsquellen der amerikanischen Streitkräfte hatte.
Zu der Zeit waren die amerikanischen Streitkräfte und Sicherheitsdienste wegen des Wachsens der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung auf den amerikanischen Universitäten besorgt. Sie gründeten viele Organisationen, die als Studentenverbindungen, Forschungsinstitute und politische Gruppen getarnt waren.
Joseph Churba gründete ein fiktives Institut unter dem Namen "Institute for Research in Foreign Affairs", mit Postfach und Telephon. Sein Partner war ein gewisser Michael King, alias Meir Kahane, angeblich Korrespondent einer afrikanischen _(1984 bei der Vereidigung in der Knesset. )
Nachrichtenagentur und Presbyterianer, also Christ.
Warum hat er seine jüdische Abstammung verleugnet? Warum hat er sich als Goji ausgegeben, genau wie einer jener verachteten Gettojuden, über die er in seinen Büchern Feuer und Schwefel ausschüttet?
Laut eigener Aussage: "Um eine bessere Position zu erlangen und einen besseren Eindruck zu machen". Einige Jahre später, als er wieder gefragt wurde, konnte er sich nicht mehr erinnern warum er sich als Christ ausgegeben hatte. Als die Existenz Israels bedroht war schwenkte der ehemalige Betar-Mann die amerikanische Fahne.
Wie wurde aus King wieder Kahane? Das geschah im Jahr 1968, und der Zeitpunkt war nicht zufällig.
Kahane hatte eine große Entdeckung gemacht. Der Sechstagekrieg, von dem, er sich so sorgfältig ferngehalten hatte, rief in der amerikanischen jüdischen Jugend ungezügelte chauvinistische Leidenschaften hervor. Kahane witterte hier endlich die große Gelegenheit, auf die er sein ganzes Leben lang gewartet hatte. Er gründete die Jewish Defense League, die jüdische Verteidigungsliga.
Der Zeitpunkt war ausgezeichnet gewählt. Die amerikanischen Geheimdienste sahen mit Besorgnis die neue Aggressivität der Schwarzen, die militante Gruppen wie die Black Panthers gründeten und auch die jüdischen Gemeinden beunruhigten. Die Juden waren oft die Hausbesitzer. Geschäftsinhaber und die Lehrer in den schwarzen Gettos, und die Schwarzen wollten sie von dort vertreiben.
Die Liga behauptete, sie wolle die Juden vor den Schwarzen schützen und schwarze Gewalttaten vergelten. Zum erstenmal zeigte sich das wirkliche Talent von Kahane: Propagandatricks zu erfinden, deren realer Wert gleich Null oder sogar negativ ist, die aber den Massenmedien angepaßt sind.
Er selbst sagte: "Ich habe immer gewußt, wie man Menschen erweckt und ihre Einbildungskraft entflammt" - ein Satz, der auch von Hitler hätte kommen können. Er war auch stolz auf seine Fähigkeit, Nachrichten zu produzieren, die ihn "von Seite 40 in der Zeitung auf Seite 1" brachten.
Kahanes junge Männer taten sich, ausgerüstet mit Stahlketten, als Beschützer von Juden hervor, die auf dem Weg zur Synagoge durch Schwarze belästigt worden waren. Die Patrouillen waren im Fernsehen und in den Zeitungen zu sehen. Das einzige Ergebnis war ein abgrundtiefer Haß zwischen Juden und Schwarzen, die damals anfingen, in den Juden
die Vorposten des Weißen Rassismus zu sehen.
Der Kampf mit den Schwanen genügte nicht, um für längere Zeit Schlagzeilen zu liefern. Kahane beschloß, den Kampf um die Auswanderungsfreiheit der Juden in der Sowjet-Union auf seine Weise zu führen. Seine Liga trat in Aktion. Bei Vorführungen sowjetischer Künstler wurden Stinkbomben geworfen; Frauen und Kinder der Sowjetdiplomaten auf dem Weg zum Supermarkt oder zur Schule belästigt; Büros gingen in Flammen auf, und es kam sogar zu einem Mord. Die Sekretärin eines jüdischen Impresarios, der sowjetische Künstler betreut hatte, verlor ihr Leben bei einer Explosion.
Polizei, FBI und die Gerichte behandelten die Ligaleute mit ungewöhnlicher Toleranz. Meist wurden die Täter nicht gefunden oder nur zu lächerlichen Strafen verurteilt.
Als Präsident Nixon beschloß, seine Wiederwahl auf eine amerikanisch-sowjetische Detente zu stützen, begriff Kahane, daß es mit der Toleranz und heimlichen Unterstützung des FBI vorbei war. Seine Leute wurden verhaftet, die Prozesse wurden ernst.
Kahanes Antwort war einfach. Wenn das FBI sich gegen ihn wendete, mußte die notwendige Unterstützung von der Organisation kommen, die vom FBI am meisten verfolgt wird, der Mafia.
In New York gibt es fünf "Familien der Mafia, die sich gegenseitig bekämpfen. Eine von ihnen unterstand Joe Colombo. Die Colombo-Leute hatten eine Deckorganisation gegründet, vorgeblich, um die Rechte von Amerikanern italienischer Abstammung zu verteidigen. Die jüdische Verteidigungsliga schloß mit ihr ein offizielles Bündnis.
Die gemeinsamen Interessen und Geschäfte dieser beiden Körperschaften liegen im dunkeln. Aber das FBI fing an. Kahane das Leben schwerzumachen. Auch innerhalb der Liga wuchs der Widerstand gegen ihn. Er wurde praktisch ausgeschlossen.
Dann erst fiel es Kahane ein, daß die Zeit gekommen sei, nach Israel auszuwandern. Er erklärte, daß er das Oberkommando der Liga nach Israel verlege, und kam in Israel an, übrigens ohne seinen amerikanischen Paß aufzugeben oder die israelische Staatsbürgerschaft oder gar den Status eines jüdischen Einwanderers zu beantragen.
Später versuchte Kahane, seine Verbindungen zur Mafia zu rechtfertigen. Er behauptete, er habe beabsichtigt, die Beziehungen zwischen den "weißen ethnischen Gruppen", und besonders zwischen Juden und Italienern, zu verbessern. Er verherrlichte den Erzgangster
Colombo als wäre der ein italienischer Freiheitskämpfer.
Nach Israel brachte Kahane auch sein ideologisches Gepäck mit. 1971 erschien in den USA sein Buch "Never again" ("Niemals wieder"). Auf dem Umschlag stand: "Das schockierendste Buch über amerikanische Juden, das jemals geschrieben wurde".
Als intellektuelles Werk ist das Buch wertlos. Sogar Adolf Hitlers unglaublich langweiliger "Mein Kampf" ist tiefgründig im Vergleich dazu. Die Probleme Israels werden in ihm nicht einmal erwähnt. Das Buch ist ein schlauer Versuch, die Ängste, Vorurteile und Schuldgefühle der kleinen amerikanischen Juden auszubeuten.
Kahane sagt ihnen, daß man die Ansichten der Nichtjuden nicht berücksichtigen solle, daß alle Gojim Judenhasser seien, daß man jeden Gegner mit Gewalt zusammenschlagen; solle, aber daß man auch mit Antisemiiten Bündnisse schließen könne. Das Buch versucht, die Terroraktionen gegen Schwarze und Sowjetbeamte zu rechtfertigen und auch die Verbindung mit der italienischen Mafia.
Kahane benutzt einerseits die Nazi-Greueltaten, um die jüdischen Ängste zu verstärken, andererseits imitiert er Parolen und Symbole der Nazis und wendet sich an die unbewußte Sehnsucht der Opfer, selbst Herrscher zu sein und andere zu unterdrücken.
Zuerst fiel es Kahane schwer, in Israel Fuß zu fassen. Die komische Bande, die mit ihm erschien, wirkte wie ein lächerlicher Fremdkörper. Dazu kam, daß der rechte Flügel der israelischen Politik schon besetzt war. Dort hatte sich eine faschistisch-chauvinistisch-religiöse Bewegung etabliert, die starke Wurzeln im Lande hatte: der Gusch Emunim (Block der Getreuen). Im Gegensatz zu Kahnes Leuten befaßte sich diese Bewegung mit imponierenden Aktionen, besiedelte sie die besetzten Gebiete.
Die Kahane-Leute sprengten Versammlungen und Demonstrationen für jüdischarabische Zusammenarbeit und Gleichberechtigung. In israelischen Universitäten überfielen sie kleine Gruppen von arabischen Studenten, die sich nicht wehren konnten. Sie lauerten linken Aktivisten auf und schlugen sie im Dunkeln zusammen.
Alle Aktionen waren schlau angelegt. Kahane selbst erschien nur, wo maximale Publicity gesichert war, wo aber kein Risiko für seine persönliche Sicherheit bestand. Er kam nie, wenn eine gewalttätige Konfrontation bevorstand.
Am Anfang benutzte Kahane auch in Israel den Namen der Jewish Defense League. Als aber die Führer der Liga in Amerika sich das verbaten und ihm mit Prozessen drohten, gab Kahane ganz einfach den Namen auf und wählte einen anderen.
In der Untergrundzeit war das offizielle Symbol der Begin-Organisation ein erhobener Arm mit einem Gewehr, mit der Parole: "Rak Kach" (Nur so). Kahane stahl die Hälfte der Parole und nennt seine Bewegung Kach (So).
Kahane hat noch eine andere wichtige Lektion bei Hitler gelernt: den Tanz auf dem dünnen Sea zwischen Legalität und Illegalität. Als Hitlers Putsch 1923 mißlang, hielt dieser fanatisch an der Auffassung fest, die Macht müsse mit legalen Mitteln errungen werden. Die Radikalen in seiner Bewegung gaben ihm den Spitznamen "Adolphe Legalite".
Das entspricht völlig Kahanes Ansichten. Bei jedem Wahlgang versuchte er sein Glück, aber zur selben Zeit befaßte er sich mit illegalen Aktionen, die ihn selbst und seine Anhänger ins Gefängnis brachten.
Eines der Mitglieder, das von Kahane enttäuscht war und aus seiner Organisation austrat, erzählte von einem Gespräch mit ihm, in dem Kahane vorgeschlagen hatte, vier Leute umzubringen: den Kommunistenführer Meir Wilner; einen damaligen Abgeordneten der Arbeitspartei, Jossi Sarid, der sich für den Frieden eingesetzt hatte; die Abgeordnete Schulamit Aloni, die für Bürgerrechte eintrat - und mich selbst.
Als das ehemalige Mitglied spöttisch fragte "Vielleicht wollen Sie auch _(Bei einer Demonstration in London 1971. )
Menachem Begin umbringen?", sprang Kahane auf und schrie: "Begin, dieser Verräter! Er ist eine Mumie, die man auf dem Tel Aviver Rathausplatz aufhängen muß!"
Zum erstenmal hatte Kahane einen Zusammenstoß mit dem israelischen Sicherheitsdienst Schin-Bet im August 1975. Er wurde verdächtigt, einen Anschlag auf Henry Kissinger, den jüdischen amerikanischen Außenminister, geplant zu haben.
Eines der größten Mysterien der Kach-Bewegung ist die Herkunft ihrer Gelder. Kahane hat es nie an Geld für seine Aktionen und Schauoperationen gemangelt. Die Mitglieder seiner Bewegung zahlen keinen Mitgliedsbeitrag, bis zu seiner Wahl in die Knesset hat er natürlich keine Staatssubventionen bekommen.
Auch die Mitglieder, die dem Führer nahestehen, haben keine Ahnung. Sie wissen nur, daß Kahane von Zeit zu Zeit nach Amerika fährt und mit einer großen Summe Geld zurückkommt. Über diese Einnahmen gibt er niemandem Rechenschaft, auch nicht über die Ausgaben.
Der Versuch der Kach-Leute sich vom Image einer Randgruppe zu befreien, gelang zum ersten Mal Anfang 1982 als Gusch Emunim eine "Bewegung zur Verhinderung des Rückzuges aus dem Sinai" aufstellte. Der Widerstand gegen den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag hat damals alle rechtsradikalen Strömungen in Israel vereint.
Während Gusch Emunim Massen von Anhängern aus allen ihren Siedlungen nach Nordsinai brachte, konnte Kahane nur einige Dutzend Anhänger mobilisieren. Aber diese stahlen den anderen die Schau.
Ein paar von Kahanes Leuten verschanzten sich in einem Bunker in Jamit und verkündeten, daß sie dort Selbstmord verüben würden, im besten Stil von Massada.
Vor den Fernsehkameras kamen die beiden Oberrabbiner Israels zum Bunker, beugten sich zum Luftschacht hinab und beschworen die "Selbstmordkandidaten", von ihrer Absicht abzulassen.
Als das nicht half, wandten sich die israelische Regierung und der Generalstab der israelischen Armee an Kahane, der vorsorglich in Amerika weilte, und baten ihn untertänig, sofort nach Israel zu kommen, um seine Leute zu beeinflussen. Kahane reiste auf Regierungskosten nach Israel. Ein Armee-Hubschrauber flog ihn zum Bunker, wo er seine Leute davon "überzeugen" konnte, herauszukommen.
Es war ein typischer Kahane-Trick. Investition: null. Gewinn: gewaltige Publicity. Und was noch wichtiger war: Auf diese Art haben die israelische Regierung und auch die Armee Kahane als nationalen Führer akzeptiert und die ihm bis dahin fehlende Legalität gegeben.
Im Jahr 1980 benutzten die israelischen Sicherheitsdienste gegen Kahane ein Instrument, das gewöhnlich nur gegen Araber verwendet wird. Sie verhafteten ihn und setzten ihn in Administrationshaft - ein Verfahren, zu dem kein Gerichtsverfahren erforderlich ist. Es war einst von der britischen Mandatsverwaltung gegen jüdische Untergrundkämpfer eingeführt worden.
Die Sicherheitsdienste bedienen sich dieser Methode, wenn sie jemanden verhaften wollen, ohne die Herkunft des gegen ihn vorliegenden Materials aufzudecken.
Es wurde nicht bekannt, worin der Verdacht gegen Kahane bestand und warum es so wichtig war, ihn auf diese außergewöhnliche Art zu verhaften. Inoffiziell hieß es, daß Kahane im Begriff gewesen sei, die beiden islamischen Heiligtümer auf dem Tempelberg, die
Al-Aksa-Moschee und den Felsendom, sprengen zu lassen.
Im Gefängnis schrieb Kahane noch ein Buch. Die Übersetzung des hebräischen Titels lautet: "... Zu Dornen in euren Augen..." Es ist ein Zitat aus Vers 55 des 33. Kapitels im 4. Buch Mose: "Werdet ihr aber die Einwohner des Landes nicht vertreiben vor eurem Angesicht, so werden euch, die, so ihr überbleiben laßt, zu Dornen werden in euren Augen und zu Stacheln in euren Seiten."
Die Ähnlichkeit zwischen diesem Buch und Hitlers ebenfalls im Gefängnis verfaßtem "Mein Kampf" ist frappant. Hitlers Hauptthemen sind die Vertreibung der Juden aus Deutschland und die Erweiterung des deutschen Lebensraums im Osten. Das Hauptthema des Kahane-Buches erscheint auf dem Umschlag: "Die Araber in Israel sind eine nackte Gottesschändung. Die Vertreibung der Araber ist mehr als eine politische Handlung, sie ist ein religiöser Akt"
Auf diese Art wird die Vertreibung von zwei Millionen Menschen - den Arabern, die heute will Israel und den besetzten Gebieten leben - zur wichtigsten religiösen Botschaft. Die Konzentration auf das arabische Thema war wahrscheinlich das zweite wichtige Ergebnis von Kahanes Haftzeit in Ramla, das schicksalhafte Folgen für die Zukunft Israels haben kann.
Die Strafvollzugsanstalt in Ramla ist das Zentralgefängnis in Israel. Dort kam Kahane zum erstenmal in engste Berührung mit den orientalischen Juden und ihren Problemen, Nöten und Sehnsüchten.
Bisher hatte Kahane in einer Welt von Außenseitern gelebt, von fanatischen Neueinwanderern aus Amerika und der Sowjet-Union. Minderwertigen, deren Komplexe in seiner Bewegung Widerhall fanden. Jetzt lernte er zum erstenmal eine Bevölkerung kennen, die den Großteil der Juden in Israel ausmacht: Menschen, die sich diskriminiert und gedemütigt fühlen, die tiefe Ressentiments gegen das aschkenasische Establishment - die aus Europa stammenden Judenhegen, deren Nöte sich in einem abgrundtiefen Haß auf die Araber ausdrücken. Kahane beschloß, sich auf dieses Publikum zu konzentrieren.
Nach drei vergeblichen Anläufen schaffte er 1984 den Sprung in die Knesset, mit 25907 Stimmen, 1,24 Prozent. Kahane bekam, was er wollte: parlamentarische Immunität, Staatsfinanzierung und Respektabilität.
Schon 1981 hatte der Vorsitzende der zentralen Wahlkommission, ein Richter des obersten Gerichtshofs, vorgeschlagen, die Liste Kahanes zu verbieten. Seine Begründung "Es besteht kein Zweifel, daß diese Liste nicht mehr und nicht weniger als die Einführung der Nürnberger Gesetze in Israel vorschlägt - mit dem Unterschied, daß, wo im Nürnberger Gesetz "arisch" stand, jetzt "jüdisch" stehen würde, und wo "jüdisch" stand, "arabisch" stehen wird". Der Vorschlag des Oberrichters wurde von den Beauftragten des rechten Likud wie der linken Arbeitspartei abgelehnt.
Als 1984 das Wahlergebnis bekannt wurde, rief Kahane: "Unsere erste Forderung in der neuen Knesset ist die Freilassung aller jüdischen Untergrundkämpfer. Wir werden die Knesset in eine Synagoge verwandeln!"
Kahane hatte seinen höchsten Prozentsatz in den Bevölkerungszentren der orientalischen Juden erzielt, in den Armenvierteln der Städte und den sogenannten Entwicklungsstädten, in denen die Neueinwanderer aus den arabischen Ländern in den 50er Jahren angesiedelt wurden.
Auf einen mit sechs Prozent hohen Stimmenanteil kam Kahane in den jüdischen Siedlungen der besetzten Gebiete. Viele dort zogen den Drückeberger aus Brooklyn dem faschistischen Kriegshelden Rafael Eitan, dem im Lande geborenen ehemaligen Generalstabschef, sowie General Ariel Scharon vor. Die beiden Generäle des Libanonkrieg mit seinen Massakern waren ihnen sogar noch zu gemäßigt.
Besonders intensiv wirbt Kahane mit sexuellen Themen neue Anhänger. Die Verbindung zwischen Rassismus und Sex ist eine bekannte Erscheinung. Radikale rassistische Bewegungen haben eine besondere Anziehungskraft für Männer mit
Minderwertigkeitskomplexen, die versuchen, sich auf diese Weise über ihre Mißerfolge hinwegzusetzen.
Solche Leute leiden oft auch unter dem Gefühl sexueller Minderwertigkeit. Sie wollen ihren Mißerfolg auf diesem Gebiet durch die Wut auf den Fremdling abreagieren, dem sie eine besonders starke sexuelle Potenz zuschreiben.
Dieser seltsame Glaube, daß der Andersrassige eine besonders große Sinnlichkeit und Potenz besitze, scheint eine Begleiterscheinung des Rassismus zu sein. Die deutschen Rassisten waren davon überzeugt, daß die verhaßten Juden sich gerade auf diesem Gebiet auszeichneten und daß das ein Teil ihres östlichen, semitischen Erbgutes sei.
Jetzt verbreitet sich dieser Glaube in Israel den Arabern gegenüber. Kahane schrieb: "Es besteht kaum ein Zweifel daß die sexuellen Verbrechen, die von Arabern an jüdischen Frauen begangen werden, von dem Willen herrühren, den Feind anzugreifen und zu demütigen. Je mehr Araber in jüdische Bezirke kommen, desto mehr werden sie Verbrechen, und besonders sexuelle Verbrechen, gegen Juden begehen"
Dasselbe haben Leute vom Schlage Kahanes über die Schwarzen in Amerika gesagt, als diese in die jüdischen Viertel übersiedelten. Dasselbe wird auf angedeutete Weise von aschkenasischen Rassisten in Israel über die orientalischen Mitbürger gesagt, die in bisher aschkenasische Bezirke übersiedeln. Kahane sagte es den Orientalen über die Araber.
Wenn ein Jude eine Jüdin vergewaltigt, erregt das wenig Interesse. Wenn ein Araber eine Jüdin vergewaltigt, erregt das rassistische Leidenschaften, die nicht so bald abklingen. Wenn ein Jude einen jüdischen Jungen aus sexuellen Gründen ermordet, erregt das natürlichen Abscheu. Als Araber desselben Verbrechens beschuldigt wurden, erklärte Meir Cohen-Avidov, der stellvertretende Vorsitzende der Knesset, öffentlich: "Man muß diesen Leuten den Bauch aufschlitzen und die Augen ausstechen."
In Kahanes Lehre erscheint die jüdische Frau ausschließlich als ein reines Wesen, das dem Mann gehört und dessen Pflicht es ist, Kinder für die Nation und für die Armee zur Welt zu bringen. Es ist leicht für Kahane, das zu vertreten, denn das ist die traditionelle Einstellung der jüdischen Religion, wie sie in Israel gepredigt wird.
Anfang 1984 veröffentlichte Kahane im Organ seiner Bewegung "Der Jüdische Gedanke" das Photo eines jungen Mannes, der ein Mädchen umarmt. Die Überschrift: "Wem macht dieser Greuel etwas aus?" Der arabische Schüler einer landwirtschaftlichen Schule lebe, so hieß es, mit einer jüdischen Freundin zusammen.
Einer von Kahanes Mitarbeitern erzählte in derselben Ausgabe des Blattes, was im Schapira-Viertel, einem der Armenviertel im Süden Tel Avivs, passiert: "Entsetzlich! Die unheilbare Krankheit zehrt, vergiftet und bedroht auch dieses Viertel in Tel Aviv. Ich habe von den Einwohnern dieses Viertels Gerüchte gehört, daß viele jüdische Mädchen sich in der Gesellschaft dieser arabischen Banden amüsieren. Es ist so weit gekommen, daß viele Mädchen Angst haben, sich von ihren "Herren" zu trennen, die ihnen ihre "Liebe" durch Terror und Drohungen aufzwingen..."
Kahane selbst sagte in einem Interview in der "Jerusalem Post": "Araber verkehren mit Juden und erobern die Herzen, das Geld und die Ehre jüdischer Mädchen. Diese Erscheinung wird von Jahr zu Jahr schlimmer, und es ist bestürzend, wie viele Araber auf Kosten jüdischer Mädchen leben. Alle fallen den Israel hassenden arabischen Studenten zum Opfer." "Stürmer"-Stil auf hebräisch.
Kahane scheint sich mit seiner Forderung, sexuelle Beziehungen zwischen Arabern und Jüdinnen mit fünf Jahren Gefängnis zu bestrafen, Nazi-Gesetze zum Vorbild genommen zu haben.
Für Kahane gibt es drei Feinde einer gesunden Wirtschaft: die Reichen, die Arbeiter und die Araber. "Was die Araber betrifft", sagte er einmal, "so werfen wir jedes Jahr Dutzende von Milliarden für Erziehung, Wohlfahrt und Landstraßen im arabischen Sektor hinaus. Wenn diese Leute nicht mehr da sind, werden wir genug Geld haben für Erziehung, für Armenviertel und auch für Neusiedlungen in den befreiten Gebieten"
Als Kahanes Leute begannen, gelbe Hemden anzuziehen und in den Massenmedien wie Sturmabteilungen zu erscheinen, war die Ähnlichkeit zwischen Kahane und dem Nazivorbild beinahe perfekt. Auf der Straße entstand das Schlagwort "Kahanazis".
Vielleicht hat der Aufstieg Meir Kahanes eine gute Seite. Er brach eine Eiterbeule auf, die bis dahin versteckt gewesen war. Vielleicht wird Kahanes Erscheinen es ermöglichen, die israelische Gesellschaft gegen den Rassismus zu mobilisieren.
Anzeichen dafür existieren. Nach den Wahlen hat der Staatspräsident Israels sich geweigert, den neuen Knessetabgeordneten zu empfangen - ein Akt, der in der konstitutionellen Geschichte Israels beispiellos ist. Im Parlament wird Kahane von den meisten Mitgliedern gemieden.
Der neue Polizeiminister und ehemalige Generalstabschef Chaim Bar-Lev weigert sich, Kahane zu erlauben, arabische Dörfer zu besuchen - eine Entscheidung, gegen die Kahane beim obersten Gericht Einspruch erhoben hat.
Der höchste Justizbeamte Israels hat vorgeschlagen, die Immunität von Knessetabgeordneten zu beschränken, um Kahane daran zu hindern, straflos Provokationen zu verüben. Die Regierung hat zwei neue Gesetzesvorschläge ausgearbeitet, um rassistische Hetzaktionen zu verbieten oder auch bei zukünftigen Wahlen Wahllisten verbieten zu können, die ein klares rassistisches Programm vertreten.
Aber es ist fraglich, ob Gesetze und Strafaktionen Kahanes Bewegung aufhalten können. Der wirkliche Kampf wird anderswo ausgetragen - in den Familien, auf der Straße, in den Kindergärten und Schulen. Es ist ein Kampf für viele Jahre.
Eines aber steht fest: Israel hat jetzt eine Nazipartei und einen Naziführer. Wenn der Geist Adolf Hitlers irgendwo in der Hölle schwebt, so schallt dort sicherlich sein Gelächter.
1984 bei der Vereidigung in der Knesset. Bei einer Demonstration in London 1971.
Von Avnery, Uri

DER SPIEGEL 21/1986
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