01.09.1986

KARRIERENKosmische Kräfte

Mit dem Vertrieb von wunderlichen Fernlehrkursen machte ein Industriekaufmann jahrelang schöne Geschäfte. Jetzt bremsen Gerichte die Expansion. *
Im großen Salon des Frankfurter Plaza Hotels kam schnell Spannung auf. Vorn redete, vor bunten Flaggen der "Vereinigten Menschen", ein Könner seines Fachs. Helmut Josef Ament, 29, fesch bekleidet mit einem weißen Seidenanzug, offenbarte den geladenen Gästen "kosmische Gesetze, geheimes Wissen" und verhieß "Glück, Erfolg und Reichtum".
Jahrelang zog HJA, wie Ament sich gern kürzelt, im goldenen Rolls-Royce durch die Lande, um solche Sprüche zu klopfen und um Kunden zu fangen. Wie im Frankfurter Plaza fanden sich immer und überall genug, die mitmachen wollten.
Viele traten sofort der Ament-Firma "United Human Organisation" (UNH) bei; manche orderten spontan einige Dutzend Fernlehrkurse mit dem sinnigen Titel "Bewußtseins-Erweiterungs-Programm", knapp "bep" genannt.
Inzwischen ist die Begeisterung hin. Einstmals HJA-Getreue klagen in einer Reihe von Prozessen. Das Geschäft des Helmut Josef Ament habe "gegen die guten Sitten" verstoßen, urteilten jetzt Frankfurter Richter, die Kläger wurden "nach einem raffiniert ausgedachten Plan um hohe Beträge gebracht". Aments UNH habe ein "unzulässiges Vertriebssystem" betrieben - ein "Schneeballsystem".
Der Chef sieht das anders. Die Kläger seien "die richtigen Versager", weil sie seinen "bep"-Lehrkurs nur schlecht absetzen konnten; überdies würden sie "skrupellos lügen und betrügen".
Der laute Krach vor Gericht offenbart mehr als nur den internen Zank einer seltsamen Sekte. Er zeigt, wie leicht es auch heute noch ist, mit abgegriffenen und mit dummen Sprüchen Kunden zu ködern.
"Bep"-Autor Ament zumindest hat seine Predigten vom großen Erfolg sehr ernst genommen. Der Lehrgang in zwölf Heften, das behauptet er jedenfalls, wurde mehr als 20000mal zum Preis von knapp 1000 Mark verkauft. Der gelernte Industriekaufmann, ein gebürtiger
Österreicher, bescheinigt sich deshalb eine "Bilderbuchkarriere" vom armen Arbeiterkind zum "Millionen-Unternehmer" (Ament).
Kein Wunder auch. Soll doch "bep", wie bunte Prospekte verheißen, eine "Sensation" bringen, sogar für eine "Revolution auf dem Gebiet der Grenzwissenschaften" sorgen. Uralte "kosmische Kräfte" würden bloßgelegt und "geheimes Wissen", das nur "die Eingeweihten" aufbewahren. Bis HJA kam, die "Vereinigten Menschen" schuf, "bep" kreierte - und sich selbst dabei reich machte.
Friedrich-Wilhelm Haack, Sekten-Beauftragter der evangelischen Kirche, hält Aments UNH-Konzern für eine "Psychokultorganisation mit Versatzstücken aus Okkultismus und aus Scientology". Der "bep"-Kurs läßt noch mehr erahnen: ein eher konfuses Sammelsurium von Astrologie, über Bio-Magnetismus, Reinkarnation bis hin zu Telepathie und anderem Psy-pa-po, mit anrüchigen Management-Praktiken unters Volk gebracht.
In dem Ament-Fernlehrkurs werden Plattheiten geboten ("Licht ist immer stärker als die Finsternis") und Lebensweisheiten verbreitet ("Denken Sie an das Positive und Schöne"). Der schönste Wunsch wird Wirklichkeit, wenn Ament hilft: "Wünscht sich jemand von tiefstem Herzen ein Haus, sollte er bereits beginnen, die Vorhänge zu nähen, den Fußabstreifer und das Geschirr zu kaufen." Oder: "Will man zum Beispiel Millionär werden, dann denkt man so, spricht so, kleidet sich so, geht so."
Nicht zu Unrecht zählt Pfarrer Haack die UNH zu jenen "Unternehmen, die im Umfeld der neuen pseudo-religiösen Szenerie auftauchen und ihrerseits mit Sekten-Know-how die Netze nach finanziellem Gewinn auswerfen".
Der war gewiß beträchtlich. Bei seinen Hoteltreffs köderte Ament Verkäufer, die zunächst erst mal selber kaufen mußten. Die neuen "Mitarbeiter" erhielten das " Bewußtseins-Erweiterungs-Programm" zum halben Endverkaufspreis. Sie mußten mindestens 30 Exemplare abnehmen, manche auch mehr.
Geblendet von Aments Show-Auftritten ("Denken Sie positiv! Werden Sie erfolgreich! Das A und O ist der Verkauf!"), kratzten viele ihr Erspartes und Gepumptes zusammen. Einige ließen sich bis zu 200 "bep"-Exemplare aufschwatzen; das kostet dann rund 75000 Mark.
Mit den Ausgaben für die Lehrhefte war es nicht getan. Hatten die neuen Verkäufer erst einmal alle Freunde und Bekannte abgeklappert, wurde der Markt schnell schmal. Die "Mitarbeiter" steckten zusätzlich Geld in Reklame meist vergebens. Die Frankfurter Richter stellten klar, daß "der Großteil der geworbenen Mitarbeiter sein Geld verliert".
"Die können gar kein Geld verlieren", kontert Ament, "die haben höchstens noch Ware zu verkaufen." Schließlich gäbe es doch schon über 20000 zufriedene "bep"-Teilnehmer.
Es gibt, ganz gewiß, auch zufriedene "Mitarbeiter". Denn die womöglich vereinnahmten 20 Millionen Mark sind nicht ganz spurlos versickert. Einige Mitglieder der "Vereinigten Menschen" im UNH-Konzern hatten tatsächlich den erwarteten Erfolg.
Das liegt an dem von Ament praktizierten Schneeballsystem. Jeder könne sich, hatte der Meister richtig versprochen, in einer steilen Karriere zum Versand-Leiter (VL), Versand-Buchhändler (VB), Versand-Direktor (VD) oder gar zum Gouverneur und Präsidenten emporarbeiten. Das ist die für Schneeballsysteme "typisch hierarchische Untergliederung" (Urteilstext).
Ein schönes Schnäppchen winkt den "Mitarbeitern" dann, wenn sie in der Hierarchie schnell nach oben stoßen. Sie können Provisionen von allen Untertanen abkassieren, "ohne dafür noch etwas zu tun", wie ein UNH-Handbuch verklart.
Ganz oben in Aments Management sitzen die Spitzen-Verdiener. "Der Gouverneur ist an dem gesamten Umsatz seines Bundeslandes beteiligt", steht da geschrieben. Und: "Daß der Präsident an dem Umsatz seines ganzen Landes beteiligt ist, versteht sich von selbst."
Warum so viele auf "bep" und Aments Verkaufstricks hereinfielen, kann der "bep"-Schöpfer inzwischen zweifelsfrei klären: "Die eine Gruppe waren 'Superesoteriker', die sich mit Esoterik beschäftigen, aber mit Verkauf weniger im Sinn hatten; die andere Gruppe waren Geldgeier, die nur eine schnelle Mark ohne Arbeit machen wollten."
Um sein Auskommen muß sich Ament keine Sorgen mehr machen, trotz widriger Gerichtsurteile. Die Konzern-Zentrale hat er längst aus dem Frankfurter CP-Hochhaus nach Neuchatel in die steuerschonende Schweiz verlegt.
Zu seinem Imperium zählen inzwischen etliche Firmen, von "Andromeda" (Holland) bis "Vega" (England). Die "AEFT-Akademie" bietet für 5500 Schweizer Franken einen Kurs zum "diplomierten Kosmologen" an, die "New Age Edition" vertreibt "news" und "writings". Eine "United Human Foundation" verkauft bunte Papiere zwischen 100 und 10000 Franken, Aktien genannt.
Als Ersatz für das umstrittene "bep"-Programm hat der "Schriftsteller", so bezeichnet er sich jetzt, schon eine Folge-Serie gefunden, ebenfalls in zwölf Bänden, nun aber in Leder gebunden: "Das Geheimnis der Großen". Für den Vertrieb wurden die neuen Verlage "Aquila" (Deutschland) und "Atlantis" (Schweiz) gegründet.
Schließlich sammelt Ament bei seinen Gläubigern fleißig "Spenden", "Darlehen", "Zuschüsse" und "Wandelanleihen" ein. Damit soll etwa auch "Terrania-City" gefördert werden, ein Milliarden-Neubau ganz nach dem Vorbild und den Ausmaßen der Cheopspyramide.
"Geben ist sicherlich seliger denn nehmen", schrieb der findige Unternehmer Ament in sein "bep"-Programm. "Aber wer nicht nehmen kann, bietet keinem anderen die Möglichkeit zu geben." Sein Rat: "Mit vollen Händen" nehmen. Daran hält er sich.

DER SPIEGEL 36/1986
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