01.09.1986

„Die Generation nach uns ist freier“

Der DDR-Lyriker und Liedermacher Sascha Anderson über die ostdeutsche Kulturszene *
SPIEGEL: Sascha Anderson, Sie sind Jahrgang ''53, ein echtes Produkt der DDR. Sie stammen aus einem sozialistischen Elternhaus, sind im realen Sozialismus aufgewachsen. Warum haben Sie die DDR verlassen?
ANDERSON: Viele meiner Freunde, vor allem Malerfreunde, sind in den letzten vier, fünf Jahren aus der DDR weggegangen. Irgendwann habe ich mir gesagt, wenn der jetzt noch geht, dann gehe ich auch.
SPIEGEL: Ist es Ihnen schwergefallen, die DDR zu verlassen?
ANDERSON: Als es entschieden war, nicht. Die DDR als Gebilde interessiert mich nicht. Das ist doch der Unterschied. Meine Jugendzeit fiel nicht in die Aufbruchphase der DDR. Ich mußte mich nicht identifizieren mit diesem Staatsgebilde. Ich habe mich identifiziert mit einem Freundeskreis, mit einer Landschaft, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe mich identifiziert mit bestimmten Erscheinungen oder Prozessen, aber nie mit dem Staatsgebilde. Dieser Staat ist so souverän, daß er dem einzelnen ständig aufzwingt, sich mit ihm zu identifizieren. Dieses Sich-ständig-identifizieren-Sollen ist so plakativ, daß man ganz selbstverständlich damit überhaupt nicht erst anfängt. Man ist frei vom Staat, weil der Staat einen inhalieren will.
SPIEGEL: Wie lange hat es gedauert, bis Ihr Ausreiseantrag genehmigt wurde?
ANDERSON: Ich habe Mitte Juni einen Ausreiseantrag gestellt, nach sechs Wochen wurde er genehmigt, nach acht Wochen war ich ausgereist.
SPIEGEL: "Normale" DDR-Bürger träumen von solchen Fristen.
ANDERSON: Ja. Ich war, kurz gesagt, nicht normal.
SPIEGEL: Die DDR war froh, Sie loszuwerden?
ANDERSON: Ja, weil die DDR auch nicht normal ist.
SPIEGEL: Es gab eine Generation von DDR-Künstlern, die machten sich die Entscheidung, wegzugehen, schwerer.
ANDERSON: Da ist meine Generation anders. Ich verlasse ein bestimmtes System. Die Leute, die ich nicht verlassen würde, leben in West-Berlin. _(Mit Redakteur Ulrich Schwarz im ) _(West-Berliner SPIEGEL-Büro. )
SPIEGEL: Im Westen wurde Ihr Weggang mit dem Rausschmiß von Wolf Biermann aus der DDR vor zehn Jahren verglichen. Auch Ihr - im Gegensatz zu Biermann - freiwilliger Übertritt in die Bundesrepublik sei eine Zäsur in der ostdeutschen Kulturszene.
ANDERSON: Biermann ist rausgeschmissen worden, ich bin gegangen. Da liegt schon der wesentliche Unterschied. Biermann ist in einer Zeit gegangen, die vielleicht ähnliche Charakteristika hatte wie diese jetzt. Es gab eine ungeheure kulturelle Aktivität, die gibt''s heute auch wieder. Aber mein Weggang ist keine Zäsur wie der Biermann-Rausschmiß, und wenn doch, dann auf einer ganz anderen Ebene.
SPIEGEL: Auf welcher Ebene?
ANDERSON: Wenn man in dem Vergleich bleibt, dann ist mein Weggang eine Zäsur zur Entpersonifizierung einer bestimmten Bewegung. Ich habe gelesen, Anderson begreife sich als Zentrum einer neuen Antibewegung in der DDR. Genau das ist es ja eben nicht. Während zu Zeiten Biermanns eine Gegenbewegung etabliert wurde, ist jetzt eine ganz breite Struktur von kultureller Eigenaktivität vorhanden.
SPIEGEL: Aber Sie sind doch in der DDR so etwas wie die Leitfigur einer ganzen Generation, die aus dem Kunstbetrieb des realen Sozialismus ausgestiegen ist, nur noch für sich selber produziert und wenig Interesse hat, von den offiziellen Verlagen der DDR veröffentlicht zu werden.
ANDERSON: Das ist genau der Bruchpunkt. Vielleicht besteht meine Generation der Anfang bis Mitte 30jährigen noch aus Aussteigern. Nach uns kommt eine Generation, und die halte ich für viel wichtiger, die ist gar nicht erst eingestiegen. Das ist der wirkliche Unterschied zur Situation Mitte der siebziger Jahre. Wir wissen noch Bescheid. Wir kennen sogar noch die Sprache der Macht. Wir haben unsere Aversion gegen die Macht aus der Kenntnis ihrer Sprache, ihres Denkens. Die Generation nach uns versteht die Sprache der Macht nicht mehr, versteht ihr Denken nicht mehr und ist noch freier als wir. Wir mußten uns erst befreien.
SPIEGEL: Was hat sich in den letzten zehn Jahren in der DDR-Kulturszene verändert?
ANDERSON: Sie ist eigenaktiver geworden. Sie hat sich in einer Form gefunden, die frei ist von Verbänden, von Organisationen, von Institutionen. Sie hat sich die Möglichkeit geschaffen zu leben.
SPIEGEL: Die SED sieht das ganz anders. Für sie sind Sie und Ihre Freunde keine Kulturschaffenden, allenfalls Störenfriede, die man soweit wie möglich ignoriert.
ANDERSON: Selbstverständlich sind wir ein Teil der DDR-Kultur. Wenn es eine Spaltung gibt, dann ist die ja nur gut so. Ich glaube, daß eine offizielle Kultur ja auch von der Kultur lebt, die nicht integriert ist.
SPIEGEL: Wie befreit man sich denn in der DDR?
ANDERSON: Ich bin Anfang der siebziger Jahre als förderungswürdig in irgendeiner Akte geführt worden. Ich bin auch zu Lehrgängen des Schriftstellerverbandes nach Moskau und ins Schriftstellererholungsheim Petzow gefahren. Aber wir haben uns nicht einsacken lassen von den Offiziellen, wir haben die Manuskripte, die wir bei Verlagen eingereicht haben, nicht auf Wunsch der Verlage umgeschrieben.
Wir standen vor der Entscheidung, veröffentlichen wir hier ein Buch, auf das wir fünf Jahre warten, schreiben wir ein Manuskript, das in fünf Jahren irgendwann veröffentlicht wird, oder schaffen wir uns unsere eigenen Medien.
SPIEGEL: Und wie schafft man sich die in einem Staat, der alle Medien kontrolliert?
ANDERSON: Da fängt das ganze Problem dieser Kultur an: Wie fixiert sie sich. Sie bleibt ja nicht dadurch, daß man vielleicht zehn oder zwanzig Jahre über sie redet - da gab''s mal was, was eine freie Kultur war -, sondern diese Kultur muß sich ein Archiv schaffen. Das ist das Wesentliche.
SPIEGEL: Nochmals: Wie organisieren Sie das, wenn Ihnen die Medien der DDR verschlossen sind?
ANDERSON: In Form von Kassettenproduktionen, in Form von Mitschnitten von Lesungen, in Form kleiner Auflagen von Zeitschriften und Büchern. Das ist das Neue in den letzten fünf Jahren. Der technische Standard ist ja da, und die Möglichkeit, an ihn heranzukommen, auch. Wenn sie im Intershop Videokameras verkaufen, dann kann die jeder benutzen. Das ist eine Frage der Zeit.
SPIEGEL: Ist diese Methode, Kunst zu verbreiten, nicht frustrierend? Wie viele Leute in der DDR kennen schon Sascha Anderson?
ANDERSON: Da müßte man eine Umfrage machen. Mir ging''s nicht darum, daß mich Leute kennen. Mir ging''s darum, daß ich Leute kenne, mit denen ich zusammenarbeiten kann, und daß diese Zusammenarbeit auch dokumentiert wird. Ich bin mehr ein archivarischer Typ. Ich ging davon aus, daß die Arbeit, die ich mache, in Archivform vorhanden ist als Angebot an die Gesellschaft, aber nie ein großes Publikum erreicht.
SPIEGEL: Haben Sie überhaupt mal versucht, mit den offiziellen Verwaltern der DDR-Kultur ins Geschäft zu kommen, also Texte anzubieten, Bücher zu machen?
ANDERSON: Ja, selbstverständlich. Das Angebot war immer vorhanden. Selbst ich bin mit meinen Manuskripten zum Aufbau-Verlag gegangen und habe gebeten, daß sie von mir ein Buch drucken. Da setzt sich die Lektorin hin und sagt: Herr Anderson, Sie wissen, wie schwierig es ist mit Ihnen und überhaupt mit Ihrer Generation. Ich werde Ihnen die Fahrkarte bezahlen und einen Kaffee. Das können wir öfter machen, kommen Sie ab und zu mal nach Berlin. Das
war zur Zeit, als ich noch in Dresden war. Ich habe dann irgendwann begriffen, da führt, für mich persönlich zumindest, überhaupt kein Weg in die Verlage. Da habe ich''s einfach sein lassen.
SPIEGEL: Sie haben 1985 zusammen mit Ihrer DDR-Kollegin Elke Erb im Westen eine Anthologie herausgebracht, in der sich erstmals 29 Autoren der freien DDR-Kulturszene vorstellen. _(Sascha Anderson/Elke Erb (Hg.): ) _("Berührung ist nur eine Randerscheinung. ) _(Neue deutsche Literatur aus der DDR". ) _(Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 252 ) _(Seiten; 29,80 Mark. )
Vergleicht man die Texte der Anthologie mit denen, die Biermann vor 15 Jahren in der DDR verfaßt hat, so fällt vor allem ein Unterschied auf: Biermanns Texte waren politisch-direkt und aggressiv. Ihre Generation schreibt, wenn Politik überhaupt stattfindet, ichbezogener und verklausulierter.
ANDERSON: Ich verstehe, was Sie meinen. Das Problem ist, daß Sie nur den Text sehen, den der einzelne Autor macht. Die Autoren arbeiten alle auch in anderen Medien. Wenn Sie Lieder von mir kennen würden, dann sehe das anders aus. Der Text ist ein sehr ruhiges Element. Wir schätzen es realistisch ein. Wir sagen ja nicht, der Text ist das, was zur Revolution aufruft, sondern höchstens ein Teil der Evolution. Aber wir machen fast alle in dieser Kulturlandschaft Musik. Da sind die Texte sehr aggressiv, sehr direkt, sehr provozierend; es ist nicht die Biermann-Musik, wo ein großes Publikum dasitzt und ihm lauscht, sondern es ist harte Rockmusik.
SPIEGEL: Es gibt Kritiker, die sagen, Ihre Generation sei unpolitisch geworden. Würden Sie das akzeptieren.
ANDERSON: Das klingt so provozierend, daß ich gar nicht darauf antworten kann. Ich finde, allein das Erscheinen des Buches "Berührung ist nur eine Randerscheinung", was vor zehn oder 15 Jahren überhaupt nicht möglich gewesen wäre, ist ein Politikum, ist eine Reaktion auf diese Gesellschaft, ist eine Art Widerstand gegen eine Praxis der DDR, nicht zu veröffentlichen.
Vor Jahren wäre der Herausgeber eines solchen Buches, wenn es einen so politischen Menschen überhaupt gegeben hätte, zu jedem Autor gerannt; der hätte ihm vorgeflüstert und vorgeweint, daß er ja gerne bei diesem Buch dabeisein möchte, aber es im Westen zu veröffentlichen gibt Probleme, ich versuch''s im Osten, dabei möchte ich''s mit dem Westen nicht verscherzen. Bei dieser Anthologie hat kein Autor gesagt: Nein. Sie sagten: Okay, macht das, ihr verantwortet die Arbeit, die das Buch bedeutet, wir geben unsere Texte.
Dieses Selbstverständnis ist ein politisches Selbstverständnis.
SPIEGEL: Wie, glauben Sie, geht es weiter in der Kulturszene, die Sie verlassen haben? Gibt''s noch eine Perspektive?
ANDERSON: Kontinuität.
SPIEGEL: Indem auch die anderen ausreisen?
ANDERSON: Die Charakteristika dieser unabhängigen Kulturlandschaft liegen darin, daß sie sich ihre Medien selbst geschaffen hat und diese Medien auch tatsächlich etabliert, nicht in offiziellen Verlagen, sondern auf eigenem identischen Raum. Diese Medien werden einfach weiterarbeiten. Es sind diese Kleinzeitschriften, die in der DDR existieren. Wir haben sie im Juni 1986, also erst vor zwei Monaten, in der Samariterkirche in Ost-Berlin ausgestellt. Das war das erste Mal, daß sich die Autoren dieser Medien und ihre Redakteure untereinander verständigen konnten.
SPIEGEL: Wie viele dieser Kleinzeitschriften gibt es?
ANDERSON: Zehn. Mit Auflagen von 30, 35, 50; eine hat 100.
SPIEGEL: Von den 29 Autoren der Anthologie, die 1985 erschienen ist, ist inzwischen fast die Hälfte im Westen.
ANDERSON: Wenn ich jetzt wieder ein Buch machen würde wie "Berührung ist nur eine Randerscheinung", hätte ich ebenfalls 30, 40 Autoren. Es gibt Autoren, die überhaupt nicht bekannt geworden sind, aber sie sind sehr aktiv in diesen Kleinzeitschriften, in der Rockmusik. Die arbeiten alle.
SPIEGEL: Ja, aber wie lange? Eine offene Kulturszene hat in einer geschlossenen Gesellschaft, wie sie die DDR ist, doch keine Zukunft.
ANDERSON: Das stimmt nur, wenn ich die These akzeptiere: Da die DDR als solche keine Zukunft hat, haben auch die in ihr lebenden Künstler keine Zukunft. Das ist aber eben nicht der Fall. Der Widerstand gegen ein System hat nur so eine große Zukunft wie das System selbst. Die Leute, die frei vom System sind, haben natürlich eine andere Zukunft.
SPIEGEL: Weil sie, gar nicht erst eingestiegen, irgendwann ohne seelischen Schaden weggehen können. Und der Staat ist froh, wenn sie gehen. Was ist das für eine Zukunft?
ANDERSON: Meine Freunde haben ungefähr zwei bis drei Jahre gewartet, bis sie das Land verlassen durften. Das ist sehr unterschiedlich. Daß es bei mir so schnell ging, lag ja daran, daß ich für die zur Galionsfigur der ganzen Bewegung geworden bin. Jetzt fehlt der Bewegung in deren Augen die Galionsfigur. Das ist für die Bewegung nur produktiv.
SPIEGEL: Für wie typisch halten Sie sich eigentlich? Wie viele der jungen Leute in der DDR haben Sie hinter sich?
ANDERSON: Natürlich gibt es eine Mehrheit von Angepaßten. Doch ich denke, die Zahl derer, die gar nicht erst einsteigen, wird zunehmen. Aber Sie müssen bedenken, daß ein Nichteinsteigen - wenn Sie in der Schweinedialektik leben - ein Nichteinflußnehmen auf den gesellschaftlichen Prozeß bedeutet. Wahrscheinlich wird das Bewußtsein zunehmen, daß ein Nichteinflußnehmen auf den Prozeß den Prozeß auch nicht ändert. Der Prozeß ist ja unaufhaltsam. Die DDR verändert sich von selbst.
SPIEGEL: Wohin?
ANDERSON: Irgendwann werden die, die frei reisen dürfen, die Mehrheit sein, und die, die nicht reisen dürfen, sind die Minderheit.
Die einzigen Kneipengespräche im Osten, nicht nur in Berlin. vor allem in
der Provinz, sind: Wie viele Tanten habe ich im Westen, die ich besuchen kann? Wann haben sie Geburtstag? Wann sind sie so krank, daß ich einen Antrag auf 14 Tage stellen kann? Wann haben sie ein Jubiläum, daß ich vier Wochen fahren darf? Das ist das dominierende Gesprächsthema in Kneipen. Das wird immer mehr zunehmen. Die DDR-Bürger werden irgendwann reisen können. Aber die Minderheit, die immer dafür war, daß es prinzipiell freier wird, die es auch ausgedrückt hat in der Öffentlichkeit, die wird möglicherweise nicht reisen dürfen.
SPIEGEL: Weil das geschlossene Regime DDR mit Leuten wie Ihnen nie zu Rande kommen wird: Sie und Ihresgleichen stören immer. Sie machen das System kaputt.
ANDERSON: Ich glaube, das System macht sich selbst kaputt. Die, die in das System nicht einsteigen, gehen nicht kaputt an dem System. Es geht nur das System kaputt. Alle, die eingestiegen sind, gehen kaputt. Nicht wir sind im Widerstand, sondern die.
SPIEGEL: Haben Sie eine Vision, wann sich das System so weit verändert hat, daß eine andere DDR draus wird?
ANDERSON: Ja, wenn die Funktionäre nicht mehr im Widerstand sind, dann ist das System kaputt.
SPIEGEL: Im Widerstand gegen wen?
ANDERSON: Gegen die, zum Beispiel, Nichteingestiegenen.
SPIEGEL: Gingen Sie dann zurück?
ANDERSON: Ach Gott!
SPIEGEL: Die freie Kulturszene artikuliert sich nicht zuletzt im Rahmen einer anderen autonomen Bewegung: Räume und Publikum stellt häufig die kirchliche Friedensbewegung. Ist die Kulturszene ein Teil dieser politischen?
ANDERSON: Davon kann keine Rede sein. Die Kulturszene ist nicht homogen. Es gibt unterschiedliche Meinungen. Ich kenne in dieser Kulturszene in der DDR sehr viele Leute, die sagen, das sind Arschlöcher in der Friedensbewegung. Ich gehöre nicht dazu, aber ich kann mir genausogut vorstellen, daß es in der Friedensbewegung einen Haufen Leute gibt, die sagen, diese Kulturszene, das ist Subkultur, Untergrund, Kacke. Es gibt andere, die nicht so denken.
Im übrigen: Nicht die Friedensbewegung gibt die Räume, sondern die Kirche. Die Kirche ist da meiner Meinung nach ein bißchen im Zwang. Sie fühlt sich einerseits als Koalitionspartner des Staates, aber andererseits will sie diesen Freiraum, den sie mit Kultur füllt, behalten. Sie stellt diese Räume zur Verfügung, aber sehr wohl fühlt sie sich dabei nicht.
Wir haben im Dezember vorigen Jahres einen großen Abend gemacht, der von der Schwulengemeinde und den Lesben organisiert wurde. Da sind fünf Rockbands aufgetreten und Lyriker. Das war in der Emanuel-Kirche. Die Kirche war nicht sehr glücklich über die ganze Veranstaltung, aber sie hat die Räume zur Verfügung gestellt.
SPIEGEL: Was erwarten Sie eigentlich im Westen?
ANDERSON: Ich glaube nicht, daß es hier so anders ist. Ich kann mir vorstellen, daß ich hier genauso frei arbeiten kann wie im Osten, vielleicht unter anderen ökonomischen Bedingungen - das ist mir klar. Wenn die ersten Wochen Medienboom vorbei sind, dann bin ich niemand. Und mit dem "niemand" möchte ich ganz glücklich leben. Zehn Tage Rummel, und dann die Anonymität. Diese Anonymität brauche ich, um zu arbeiten. Die hatte ich im Osten verloren.
SPIEGEL: Sie haben 1982 geschrieben, Sie hätten "jedes Verhältnis zur Heimat verloren". Ist es für Sie egal, wo Sie leben, wo Sie schreiben?
ANDERSON: Ich würde sagen, wenn ich 1982 von Heimat gesprochen habe, dann war ich fast in einem sklavischen Verhältnis zu dem Begriff Heimat, der mir angeboten wurde - Heimat als Identifikationsmöglichkeit mit einem Gebilde. Wenn ich heute, vier Jahre später, das Wort Heimat schreiben würde, dann würde es mir unter der Feder zerfließen, weil ich das Angebot nicht mehr annehmen würde; diesen Sinn von Heimat würde ich überhaupt nicht mehr annehmen.
Den werde ich hier genausowenig annehmen, wie ich ihn im Osten angenommen habe.
SPIEGEL: Spielt die spezielle deutsch-deutsche Situation des Schriftstellers für Sie überhaupt keine Rolle mehr?
ANDERSON: In dem Stück, das ich schreibe, spielt Deutschland überhaupt keine Rolle. Möglicherweise spielt die deutsche Sprache eine Rolle in dem Stück, das ich schreiben will, oder das Sprechen der Deutschen. Aber das Wort Heimat ist für mich nicht zu figurisieren.
SPIEGEL: Herr Anderson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
Sascha Anderson *
galt bis zu seiner Ausreise aus der DDR am 15. August bei Anhängern wie bei den Behörden seines Staates als Symbolfigur einer sich seit Jahren entwickelnden freien ost-deutschen Kulturszene. Sie ignoriert ihren Staat und dessen Ansprüche in ähnlicher Weise, wie es jugendliche Alternative in der Bundesrepublik tun - mit dem kleinen Unterschied, daß im Plan des realen Sozialismus Aussteigen nicht vorgesehen, mithin strafwürdig ist. Der gelernte Schriftsetzer, 33, gebürtig aus intellektueller SED-Familie in Weimar (sein Vater war Dramaturg, seine Mutter Architektin), arbeitete in dieser Szene nicht nur als Schriftsteller (vor allem Lyrik) und Musikant, er war auch fünf Jahre lang einer ihrer Antreiber und Organisatoren! Ihren Mittelpunkt hat diese Szene im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg - einem der wenigen Viertel, die den Krieg überdauert haben und die heute mit ihren schmutzigen, bröckelnden Fassaden und endlos trostlosen Hinterhöfen die Slums der DDR-Hauptstadt bilden. Hier treffen sich auf Dachböden, in Wohnungen und Hinterhöfen werdende Dichter, Friedensfreaks und junge Aussteiger aus gutem Sozi-Hause, die den Ideologiezwängen der SED-Gesellschaft entkommen wollen. Sie veranstalten Dichterlesungen, Ausstellungen, Rockkonzerte. Viele von ihnen haben keinen festen Job, heizen nachts irgendwelche Büros, verdingen sich halbtags zum Kirchendienst oder als Putzleute bei Handwerkern und Läden, um sich über Wasser zu halten. Bei privaten Festen strömen Hunderte zusammen, zu Andersons Abschiedsparty kamen 300. Die Organe der ostdeutschen Sicherheit haben ein wachsames Auge auf dieses unruhige Völkchen, halten sich aber meist im Hintergrund. Nur ab und an, wenn es ihnen zu bunt wird, beendet ein Rollkommando Lesungen oder Feiern und zieht den einen oder anderen für kürzer oder länger aus dem Verkehr. Um so besser, wenn der dann irgendwann einmal für immer geht - wie Sascha Anderson. Gedruckt wurde Anderson ohnehin nur im Westen: Im West-Berliner Rotbuch Verlag erschienen bisher drei Bändchen mit Lyrik und Prosa.
Mit Redakteur Ulrich Schwarz im West-Berliner SPIEGEL-Büro. Sascha Anderson/Elke Erb (Hg.): "Berührung ist nur eine Randerscheinung. Neue deutsche Literatur aus der DDR". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 252 Seiten; 29,80 Mark.
Von Schwarz, Ulrich

DER SPIEGEL 36/1986
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