19.05.1986

Der k. u. k. King von Hollywood

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über den achtzigjährigen Filmemacher Billy Wilder *
März 86. Oscar-Preisverleihung in Hollywood. Auf der Bühne drei aktive Veteranen des Kinos. Der sechsundsiebzigjährige Japaner Kurosawa der achtzigjährige Amerikaner John Huston und der achtzigjährige US-Wiener und Beverly-Hills-Berliner Billy Wilder.
Kurosawa stochert nervös im Briefumschlag herum und kann lange den Zettel für den besten Film-Oscar nicht finden.
Während er den Briefumschlag durchwühlt, fällt Wilder etwas Bissiges ein, das er sich nur mühsam verkneifen kann: "Na", will er zu Kurosawa sagen, "Pearl Harbor habt ihr aber schneller gefunden."
Wilder erzählt das mit sichtlichem Vergnügen und sagt, ich solle das bitte nicht schreiben. Möglichst oft erzählen, das ja. Was hiermit geschehen ist.
Wilder galt sein Leben lang, also während seiner 50 Hollywood-Jahre, als gefürchteter Witzbold. Die Anekdoten über ihn, die Wortspiele von ihm gehörten zu Hollywood - wie die Fuß- und Handabdrücke der Stars vor Grauman''s Chinese Theatre. Manchmal erliegt er selbst den Wilder-Anekdoten, man fragt ihn etwas und das hundertfach überlieferte Wilder-Bonmot drängt sich zwischen die Frage und die spontane Antwort - nobody is perfect.
Was soll er gesagt haben, als der gefürchtete Hollywood-Tycoon Louis B. Mager starb und sich zu seiner Beerdigung um die Synagoge am Wilshire Boulevard besonders viele Schaulustige drängten: "Gebt dem Publikum, was es will, und es wird kommen"
Was soll er den Oberammergauern nach 1945 geantwortet haben, als die den Umerziehungsoffizier Wilder baten, der Ex SS-Mann Anton Lang solle doch bitte trotzdem den Christus spielen dürfen? "Unter einer Bedingung. Wenn er am Ende wirklich angenagelt wird"
Beide Anekdoten haben auch einen ernsten Kern. Die Geschichte mit Louis B. Mager erinnert an Billy Wilders lebenslangen Kampf mit Hollywood, der in dem Film "Sunset Boulevard" von 195O kulminierte. Das Drehbuch der Geschichte, wie Hollywood mit seinen alternden Stars und seinen jungen Scriptschreibern umspringt, hatte er wie eine Geheimsache behandelt. Für die Besetzung war er monatelang hausieren gegangen. Als dann die Premiere war, soll Louis B. Mager, damals der mächtigste Film-Boß in Hollywood, ihn zornschnaubend vor dem Kino abgefangen haben: "Sie Bastard, Sie haben die Industrie in den Dreck gezogen, die Sie gemacht und aufgepäppelt hat. Man sollte Sie teeren und federn und aus Hollywood jagen"
Wilder zog seinen Hut ganz tief und antwortete nur "Fuck you". Das war überhaupt nicht witzig und ein wenig so, als würde heute ein römischer Kardinal dem polnischen Papst bei einem öffentlichen Essen in die Borschtsch-Suppe spucken.
An Hollywood, dessen ungekrönter König er gewiß eine lange Zeit war, hat er sich ein Leben lang gerieben. Ein Anpasser war er nie.
Er hat 1945 den ersten Film mit einem Helden, der Säufer war, gedreht. Er hat, in "Apartment", die Doppelmoral des Aufstiegs im Business aufgezeichnet: Betthupfer auf der Karriereleiter. Er hat, in "Küß mich, Dummkopf", gezeigt, daß man seine Frau an einen geilen Sänger verhökern muß, um es in der Unterhaltungsbranche zu was zu bringen. Die US-Frauenvereine standen kopf.
Er hat die korrupten Politiker der Watergate-Ära in "Extrablatt" ("Front Page") parodiert - und hat ihnen die Schlagzeilenjournalisten gleich hinterhergeworfen, nachdem er schon in "Reporter des Satans" die vielgelobte Pressefreiheit zum Gegenstand einer Satire gemacht hatte. "Katharina Blum" mit ihrer "verlorenen Ehre" nimmt sich da neben wie ein frommes Märchen aus.
Nein, die reine Freude hatte sich Hollywood nicht mit ihm eingehandelt - obwohl es ihm eine der erfolgreichsten Komödien ("Manche mögen''s heiß"), einen der spannendsten, Hitchcocks" ("Zeugin der Anklage") und einen der besten Film-Krimis der schwarzen Serie ("Double Indemnity") verdankt. Von "Sunset Boulevard" (Boulevard der _(Mit Pamela Tiffin, James Cagney, Horst ) _(Buchholz. )
Dämmerung"), dem besten Hollywood-Film über Hollywood, ganz zu schweigen.
Und Deutschland? Als ich ihn besuche, freut er sich gerade über Österreich und Waldheim. Und natürlich fällt ihm auch dazu gleich das passende Bonmot ein. "Die Österreicher", so sagt er, "haben das Kunststück fertiggebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen" Und: "Kennen Sie die neueste Krankheit? Die Waldheimersche. Man vergißt alles."
Über Deutschland nach Hitler hat er zwei der boshaftesten Filme gedreht - einen ("A Foreign Affair") mit Marlene Dietrich während der Schwarzmarktzeiten in Berlin. Die amerikanischen Zuschauer konnten sich da freuen, daß ihre GIs die liebevollen Geschenke ihrer Verlobten gegen Nylons eintauschten - und sich dafür deutsche Fräuleins besorgten. Die Deutschen kamen eigentlich ganz gut weg. Sie hatten Hunger und wollten Nylons.
Der andere, "Eins, zwei, drei", handelt vom Kalten Krieg und von Coca-Cola und nimmt beides etwa so ernst wie die italienische Post einen Eilbrief. Die Deutschen kommen wieder gut weg. Sie wollen überleben und bieten dazu das Beste auf, was sie haben: "hackenschlagenden Gehorsam".
Daß Billy Wilders Mutter und Großmutter in Auschwitz umgebracht wurden, hat er stärker den Amerikanern gegenüber betont. Die wollten nämlich, Filmgeschäft ist Filmgeschäft, seinen Film "Stalag 17" auch nach Deutschland bringen. Da der Film in einem Nazi-Gefangenenlager spielt, die Paramount aber deutsche Zuschauer nicht verprellen wollte, hat sie Wilder vorgeschlagen, den Nazi des Films einfach auf einen Polen umzusynchronisieren.
Da ist er aus der Haut gefahren, hat einen finanziell blendend ausgepolsterten Paramount-Vertrag zerrissen und nie wieder für die Paramount einen Film gedreht.
Billy Wilder ist obwohl und weil er Österreich ständig boshaft durchschaut, Österreicher, Karl Kraus und Franz Molnar sind die Vorbilder seiner Jugend, unter seinen Bildern zeigt er besonders liebevoll die Schiele-Zeichnungen. Und ein kleines Bild von Camilla Friedländer. "Da ist nämlich das Wiener Tagblatt drauf, die erste Zeitung, bei der ich gearbeitet habe"
Der alte Herr spricht immer noch Deutsch wie ein Wiener- und Englisch erst recht. Kaum zu glauben, daß er schon in Wien (er ist in Galizien zur Welt gekommen) Billie Wilder hieß. Das schrieb sich fast genauso, sprach sich nur anders aus. In Wahrheit hieß er Samuel, aber seine Mutter träumte von Amerika und nannte ihre Söhne Willie und Billie.
Billy Wilders Filme sind Alp- und Wunschträume von Amerika, in denen manchmal auch vom alten Europa geträumt
wird. In Europa holen sich die Amis zivilisatorischen Schliff. Jedenfalls in Billy Wilders späten Filmen.
Aus Wien hat Billy Wilder auch seine große Spottliebe zu Freud mitgebracht. Psychoanalytiker haben in seinen Filmen nichts zu lachen. Das Publikum (über sie) um so mehr. Wilders Biographen wollen wissen, daß die Freud-Aversion und der Psychoanalyse-Spott Wilders sich kausal erklären ließen: Freud soll den jungen Reporter Wilder in Wien kurzerhand vor die Tür gesetzt haben. Ich glaube das nicht. Wilders Urteil kommt einfach aus seinem scharfsinnigen Witz.
Jedenfalls hat er einmal Reportern als Stoff eines Films folgende Geschichte aufgebunden: Ein Junge verliebt sich in seine Mutter und heiratet sie. Sie leben glücklich zusammen, bis er herausfindet, daß sie nicht seine wirkliche Mutter ist. Jetzt begeht er Selbstmord - Ödipus bei Wilder hätte es schwer. Es wäre eine Komödie, und Jack Lemmon würde ihn spielen.
Von Wien nach Berlin. Und das in den "Roaring Twenties". Die anekdotische Biographie Wilders hat überliefert, daß er sich um ein Haar mit Erich Remarque duelliert hätte, weil er ein Verhältnis mit dessen Frau hatte - Ariane oder die Liebe am Nachmittag.
In seiner Wohnung in Westwood, am Wilshire Boulevard, genau gegenüber der Synagoge, wo Louis B. Mager zu Grab getragen wurde, zeigt er mir unter seinen meist erotischen Bildern und Graphiken auch einige Titelblätter der Zeitschrift "Die Dame".
Bei der Zeitschrift war Remarque Chefredakteur, erzählt er "Ein herrliches Leben. Hübsche Damen, ein hübsches Büro, wenig Arbeit. Eines Tages sagt Remarque mir, er wolle aufhören, Einen Roman schreiben. Bist du verrückt, hab ich gesagt. Er aber, auch weil seine Frau drängte, hat sein Büro aufgegeben und den Roman geschrieben: "Im Westen nichts Neues". Das kommt davon, wenn man nicht auf mich hört"
Eine weitere Anekdote aus Berlin: Weil er in Untermiete wohnte, mußte er einmal den Liebhaber einer anderen Untermieterin vor deren eifersüchtigem Freund verstecken. Der Flüchtling entpuppte sich als Ufa-Gewaltiger, und Wilder nützte die Notlage, um dem Schwitzenden ein Drehbuch anzudrehen: Billy Wilder oder das Apartment.
Weniger anekdotisch war das Jahr 1933. Mit vielen anderen mußte Billy _(Oben: Dreharbeiten zum "Verflixten 7. ) _(Jahr"; ) _(unten: zu "Küß mich, Dummkopf". )
Wilder Berlin verlassen. Ob er die 1000 Dollar Ersparnisse im Hutband oder im Anzug eingenäht mitführte, da mischen sich Erinnerung und Erzählung - je nach Biographie. _(Eine gute, wenn auch umstrittene ) _(Biographie ist die (vergriffene) von ) _(Maurice Zolotow: "Billy Wilder in ) _(Hollywood". )
In Hollywood jedenfalls wurde Billy Wilder Drehbuchschreiber. Der Widrigkeit zum Trotz, daß man in Hollywood nicht berlinerte oder wienerte. Wilder sagte es einem Filmboß ebenso entschieden wie in falschem Englisch: "Ich wollen Filmen geschrieben"
Immerhin kam auf diese Weise eines Tages das Drehbuch zu "Ninotschka" (1939) zustande. Ein Film mit der göttlichen Garbo von dem ebenso göttlichen Lubitsch, mit einem so göttlichen Antikommunismus, daß, "Ninotschka" später zum Plädoyer für die amerikanisch-sowjetische Allianz avancierte - und das trotz des Stalinschen Nichtangriffspakts mit Hitler.
Bevor Wilder in Hollywood einsteigen konnte, mußte er nach Mexiko, um dort auf die nötigen Einreisepapiere zu warten. Er hat 1941 über seine Wartezeit in einem lausigen, dreckigen mexikanischen Hotel "south of the border" geschrieben, ein hinreißendes Drehbuch. Für Mitchell Leisen, einen der wunderlichsten Schwulen unter Hollywoods damaligen Regisseuren, und für den französischen Star Charles Boger, der einen Emigranten an der mexikanischen Grenze spielen sollte. Und der Wilders Karriere entscheidend veränderte.
Wilder hatte (mit seinem langjährigen Partner Charles Brackett) dem Emigranten eine Szene geschrieben, bei der Boger vor dem verschmutzten Spiegel sitzt und ein, Kalkerlake daran hindert, den Spiegel hinaufzukriechen. Er schiebt ihr ein Lineal vor und sagt: "Wo wollen Sie hin? Was ist der Zweck Ihrer Reise? Darf ich Ihre Papiere sehen?" Ein Stück Emigranten-Tristesse auf ein schlüssiges Kino-Bild gebracht.
Im Studio beim Drehen wurde die Szene kurzerhand gestrichen. Wilder wurde beschieden: Mr. Boger pflegt sich nicht mit Kakerlaken zu unterhalten. Er kochte vor Wut. Seine Rache bestand darin, daß er für den Rest des Films Charles Boger so gut wie allen Dialoge strich. Vielleicht wurde deshalb nur dessen Partnerin für den Oscar nominiert.
Und an Leisen rächte sich Wilder, indem er selbst Regisseur wurde. Gleich in seinem ersten Film "The Major and the Minor" (1942) verliebt sich ein hoher US-Militär, obwohl er verlobt ist, in eine Lolita, in eine Minderjährige.
Ging denn das damals, noch dazu mitten im Krieg? Selbstverständlich ging
das nicht. Aber Billy Wilder kannte alle Tricks. Das Mädchen (Ginger Rogers) ist natürlich eine Frau. Mit besonders hervorstechenden weiblichen Merkmalen. Sie kommt als Vertreterin nach New York, und die Männer machen ihr schmutzige Angebote. Also will sie wieder heim aufs Land. Und merkt auf dem Bahnhof, daß sie nicht genug Geld für die Fahrkarte hat.
Das heißt: Für eine Minderjährige würde es reichen. Also geht sie auf die Toilette und macht sich zum kleinen Mädchen. Und der Major im Zug verliebt sich in sie. So geht das.
Übrigens hat Billy Wilder später erzählt, er habe der üppigen Ginger Rogers den Busen für die Minderjährige einschnüren lassen. Sie dagegen hat erzählt, davon könne keine Rede sein, sie habe ihre üppige Brust einfach weggespielt. Schauspieler-Intuition gegen Regie-Omnipotenz.
Billy Wilder zeigt in seinem Schlafzimmer das große Gemälde einer 13jährigen von Balthus: Das Mädchen ist eindeutig jung und eindeutig üppig. Billy Wilder erzählt, wie er dem Lolita-Schöpfer Nabokov eines Tages das Bild gezeigt habe. Der habe, wie aus der Pistole geschossen, den Namen des Malers gewußt. Wie sehr in Hollywood Europas Decadence zu Hause war, McCarthy und John Wayne zum Trotz, erfährt man aus solchen Beiläufigkeiten.
Eigentlich hatte der Wiener Billy Wilder nur noch einmal als Europäer Schwierigkeiten. Als er mit William Holden, Audrey Hepburn und Humphrey Bogart 1954 "Sabrina" drehte - eine Aschenputtel-Version der fünfziger Jahre.
Sabrina, Chauffeurstochter, liebt einen leichtsinnigen Millionär. Nach einem Selbstmordversuch aus Liebeskummer wird sie nach Europa geschickt. Schließlich heiratet sie den älteren, vernünftigeren, steiferen Millionärsbruder.
Das Problem war: Bogart sollte den älteren, steiferen Bruder spielen und Holden den jüngeren, charmanteren. Der wahre Bogart trug damals ein Toupet und war Alkoholiker. Wurde länger als bis 18 Uhr gedreht, bekam er Durst. Wilder wußte das nicht.
Das Problem war: Wilder hatte mit Holden schon gedreht, und Bogart fürchtete, benachteiligt zu werden. Er glaubte immer wieder, die beiden würden das Drehbuch so ändern, daß doch der Holden am Ende die Hepburn bekäme. Auch Holden war Alkoholiker, aber sehr diszipliniert.
Das Problem war: Bogart haßte Europäer, besonders Leute mit deutschem Akzent die er für Nazis hielt. Er haßte den europäischen Touch der Story. Er
haßte Wilder. Er äffte seinen deutschen Akzent nach und nannte ihn einen Nazi.
Wilder erzählt heute, daß er zwar Schwierigkeiten mit Bogart gehabt habe. Und dann ernst: "Nicht, als er wußte, daß er todkrank war. Ich habe ihn besucht. Er ist unerhört tapfer und nobel gestorben."
Sonst ging es auf Billy Wilders Sets ruhig, ausgeglichen, europäisch zu - selbst wenn die Monroe sich um Tage verspätete. Billy Wilder war tolerant genug, auch auf Änderungsvorschläge von Schauspielern einzugehen - notfalls drehte er ihre Anregungen mit laufender Kamera, aber ohne eingelegten Film.
Gespräche über Rollen-Motivationen hat er nicht sehr gemocht. Wenn ihn jemand fragte, Warum er das spielen solle und ob nicht der Vater und der Großvater der Figur vielleicht einen Komplex... dann konnte er antworten: "Vor allem spielst du das, weil du dafür 50000 Dollar die Woche bekommst. Das ist deine Motivatinon" Das klingt nach Hollywood und ist doch Wien, Kapitel Anti-Freud, Anti-Strasberg.
Wilder liebt das Theater, liebt Molnar, die Verkleidungen und Maskierungen, die notwendigen und überflüssigen Lügen, den Schnitzlerschen Reigen der Sexualität. Er liebt den Dialog, den er schreiben kann wie kein zweiter.
Trotzdem sind seine Filme Filme, keine Theaterstücke. Das Schwarzweiß hat er den Bonbonfarben von Technicolor vorgezogen, und ein paar Hollywood-Regisseur-Allmachtsgeschichten gibt es auch von ihm. Etwa: Wie er die Wüste für "Five Graves to Cairo" ("Fünf Gräber bis Kairo") fegen ließ. Wilder hatte für den Rommel-Film einen Drehort in der Yuma-Wüste in Arizona aussuchen lassen. Als er am Morgen an die ausgewählte Düne kam, sah er Autospuren im Sand. Nach einem kurzen Schock ließ er im nächsten Ort ein paar hundert Besen kaufen, und das Team machte sich ans Wüsteblankfegen.
Oder: Wie er 4000 Gänseblümchen für den "Kaiserwalzer" von Kalifornien in die kanadischen Rockies transportieren ließ, damit sie mehr nach Alpen aussahen. Wie er sie dann alle blau einfärben ließ, weil "Weiß beim Filmen so glänzt". Wie er im gleichen Film die Straßen kilometerlang ockerfarben anstreichen ließ. Die Strafe folgte der Großmannssucht auf dem Fuß. Der Film, kaufmännisch äußerst erfolgreich, wurde künstlerisch Wilders schlimmste Geschmacksverirrung.
Aber sonst hat der Regisseur nie den napoleonischen Feldherrn gespielt wie seine Breitwand-Kollegen, für deren biblische und spätrömische Materialschlachten
er nur Hohn und Spott übrig hatte. Er war ein Regisseur, der in die Gesichter schaute, etwa in das alte Gesicht der Gloria Swanson, weil er den Abglanz welkender Majestät liebt - auch das ein österreichisches Erbteil, denn das Wien der Jahrhundertwende gab als welkende Majestät auch eine Art Abschiedsgala.
Die Todsünde ist ihm die Langeweile. Das merkt man seinen Filmen an, die als Komödien kein aufgedrehtes Tempo haben. Das merkt man ihm selbst an, wenn er erzählt, weil er sich bemüht, einen pausenlos amüsant zu unterhalten. Er ist voll von Witzen, Wortspielen, Anekdoten aus zwei Welten. Fällt ihm mal gar nichts Lustiges ein, zitiert er schnell ein paar Toiletten-Graffiti. Bloß nicht langweilen!
Der Achtzigjährige hat auch Glück. Seine Frau Audrey, ehemals Sängerin bei Tommy Dorsey, schmal, elegant, immer noch von einer nervösen Schönheit, sagt ihm beim Abendessen gleich zweimal, daß er sich aber heute eine besonders hübsche Krawatte ausgesucht habe, und er hört es äußerst geschmeichelt.
Als Hollywood ihm in diesem Jahr den "Lifetime Achievement Award" verlieh, hatte er wiederum Glück. Denn diese Trophäe ist sonst das verkörperte schlechte Gewissen Hollywoods; sie wird mit Vorliebe an Stars verliehen, an denen der Oscar-Segen während ihrer aktiven Zeit vorbeiging. Manchmal wirkte sie schon wie der Todeskuß Hollywoods. So war das bei Henry Fonda, bei Alfred Hitchcock.
Bei Wilder ist das anders. Er hat während seiner Erfolgsjahre mehr Oscars eingesammelt als jeder andere: sieben. Er war der erste, der für einen Film drei Oscars eingeheimst hat. Ihn konnte das American Film Institute ohne Panik und schlechtes Gewissen ehren.
Aber merkwürdig ist das schon, daß ausgerechnet dieser Europäer zur Inkarnation der US-Traumfabrik wurde. Genauso merkwürdig wie die Tatsache, daß seine Filme gleichzeitig Ausdruck und schärfste Kritik der 50er Jahre wurden - wie sonst nur noch die des Durchund-durch-Engländers Hitchcock.
Wilders beste Helden sind Amerikaner wie Jack Lemmon, die in Europa lernen, zivilisiert zu werden, ohne aufzuhören, Amerikaner zu sein. Wenn es je eine glückliche Synthese zwischen Wien und Hollywood geben könnte, sie müßte wie BW, aussehen. Und Lubitsch könnte ihn gedreht haben. Allerdings nur nach einem BW.-Drehbuch.
Vielleicht kann man es sich so klarmachen: Wenn beispielsweise Woody Allens Witz unverwechselbar jüdischnew-yorkerisch ist, dann ist der Wilders jüdisch-wienerisch. Aber der Witz mußte nach Kalifornien emigrieren, um zu sich selbst zu kommen. _(In der Mitte mit Hut Ehefrau Audrey ) _(Wilder. )
Mit Pamela Tiffin, James Cagney, Horst Buchholz. Oben: Dreharbeiten zum "Verflixten 7. Jahr"; unten: zu "Küß mich, Dummkopf". Eine gute, wenn auch umstrittene Biographie ist die (vergriffene) von Maurice Zolotow: "Billy Wilder in Hollywood". In der Mitte mit Hut Ehefrau Audrey Wilder.
Von Karasek, Hellmuth

DER SPIEGEL 21/1986
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