01.09.1986

„Ich kaufe mir bald einen Schaukelstuhl“

SPIEGEL-Interview mit Gunter Sachs über seinen Verkauf von Fichtel & Sachs-Aktien *
SPIEGEL: Herr Sachs, sind Sie knapp bei Kasse, oder warum verkaufen Sie fast den gesamten Rest Ihrer Firma?
SACHS: Knapp bei Kasse ist erst mal ein subjektives Empfinden. Gegen Midas bin ich sicherlich knapp bei Kasse, gegen Diogenes sieht die Sache schon besser aus. Aber im Ernst: Die zehn Prozent habe ich abgegeben, weil ich dem Jahre 1988 zuvorkommen mochte. Ich will aus Prinzip nicht einen beträchtlichen Teil meines Vermögens in einem Unternehmen gebunden sehen, in dem ich nur Minderheitspartner _(An der Sachs AG, der Dachgesellschaft ) _(von Fichtel & Sachs, sind bisher ) _(beteiligt: Gunter Sachs mit 12,51 ) _(Prozent, die Erben von Ernst Wilhelm ) _(Sachs mit 37,50 Prozent, der bundesei ) _(gene Salzgitter-Konzern mit 24,98 ) _(Prozent und die Commerzbank mit 25,01 ) _(Prozent. Jetzt gibt Gunter Sachs zehn ) _(Prozent an die Commerz bank ab. )
bin.
SPIEGEL: Was passiert 1988?
SACHS: 1988 läuft die Testamentsvollstreckung für die drei Töchter meines verstorbenen Bruders Ernst Wilhelm aus. Meine drei Nichten werden dann selbst ihre Anteile vertreten und können auch frei darüber verfügen.
SPIEGEL: Fürchten Sie, daß die Nichten an jemanden verkaufen, der Ihnen nicht paßt?
SACHS: Ich fürchte eher, daß sie drin bleiben... aber möglich ist alles.
SPIEGEL: Sind Sie so miteinander über Kreuz?
SACHS: Leider ja.
SPIEGEL: Warum verkaufen Sie nur zehn Prozent und nicht alle 12,51 Prozent?
SACHS: Ich finde, Sachs ist eine hervorragende Aktie. In dieser Größenordnung ist es wohl vernünftig, sie im Portefeuille zu haben. Ich glaube absolut an die Zukunft der Sachs-Aktie, aber auch in Siemens oder IBM würde ich nicht mehr als zweieinhalb Prozent meines Gesamtvermögens anlegen.
SPIEGEL: Stimmt es, daß die Commerzbank die Aktien für 85 Millionen Mark abnimmt?
SACHS: Wir haben vereinbart, über den Preis nicht zu sprechen.
SPIEGEL: Die Rendite bei Sachs, so erzählt man sich, sei etwa zehn Prozent. Wenn Sie sich jetzt Bundesschatzbriefe kaufen, bekommen Sie nur etwa 5,5 Prozent.
SACHS: Wer sagt Ihnen denn, daß ich Bundesschatzbriefe kaufen werde?
SPIEGEL: Was machen Sie mit dem Geld? Kaufen Sie Bilder?
SACHS: Ich werde den Verkaufserlös sinnvoll und ertragbringend anlegen, so wie ich es auch mit meinem übrigen Vermögen getan habe.
SPIEGEL: Wir würden Ihnen gern entlocken, was Sie für sinnvoll halten.
SACHS: Weder Crazy Horse Saloon noch Monte Carlo. In Geldanlagen bin ich sehr konservativ. Ich denke so: ein Drittel in Grundbesitz, ein Drittel in Aktien, ein Drittel in ...
SPIEGEL: ... Gold.
SACHS: ... festverzinslichen Papieren. Das ist meine altfränkische Regel.
SPIEGEL: Legen Sie das Geld in Europa, Japan oder Amerika an?
SACHS: Überall, ziemlich breit gestreut. Die Gewichte verlagere ich von Zeit zu Zeit, je nach der wirtschaftlichen Situation.
SPIEGEL: Das Familienunternehmen Fichtel & Sachs gibt es also in Zukunft nicht mehr?
SACHS: Nein, es blieb bereits auf der Strecke, als der Anwalt meiner Nichten einen Prozeß nach dem anderen vom Zaune brach. Er hat sie alle verloren; die Risse sind geblieben.
SPIEGEL: Werden sich denn die Verhältnisse nach Ihrem Abgang in absehbarer Zeit ändern?
SACHS: Das ist anzunehmen. Künftig wird es eben drei Aktionärsgruppen geben, von denen keine die Mehrheit hat. Es müssen sich also mindestens zwei zusammenfinden. um die Unternehmenspolitik zu bestimmen.
SPIEGEL: Wird die Commerzbank die Aktien in absehbarer Zeit an der Börse verkaufen?
SACHS: Ich denke schon.
SPIEGEL: Hatten Sie nicht irgendwann mal den Drang, sich industriell zu betätigen?
SACHS: Für einen Vollblut-Industriellen halte ich mich nicht. Aber ich war lange Jahre Vorstand der Dachgesellschaft. Dort sah ich meine Aufgabe nicht so sehr im täglichen Kram, sondern in den langfristigen Strategien und personellen Entscheidungen.
SPIEGEL: Und das wäre ab 1988 nicht mehr gegangen?
SACHS: Gegangen vielleicht, aber ich hätte es nicht gewollt. Wer will sich schon Verantwortung aufbürden, wenn er von vornherein fast 40 Prozent gegen sich weiß.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich den Spaß an Ihren früheren, etwas publikumswirksameren Hobbys verloren? In der Regenbogenpresse ist es bedauerlich ruhig um Sie geworden.
SACHS: Bedauerlich - ist nett gesagt. Ich spiele jetzt viel Golf, und mein Haupthobby ist eigentlich zum Beruf geworden - die Photographie. Zur Zeit schreibe ich an einem Theaterstück, komme aber nicht über die Pause raus.
SPIEGEL: Nimmt das Interesse an Gunter Sachs im Vergleich zu seinen wilden Jahren ab?
SACHS: Mag sein. Vielleicht, weil ich seit kurzem Großvater bin. Mein Sohn Rolf hat vor einem Jahr geheiratet und auf den Tag ein Jahr später ist Kindstaufe.
SPIEGEL: Das sind ja geordnete Verhältnisse im Hause Sachs.
SACHS: Ja, in jeder Hinsicht. Ich werde mir auch bald einen Schaukelstuhl kaufen.
An der Sachs AG, der Dachgesellschaft von Fichtel & Sachs, sind bisher beteiligt: Gunter Sachs mit 12,51 Prozent, die Erben von Ernst Wilhelm Sachs mit 37,50 Prozent, der bundesei gene Salzgitter-Konzern mit 24,98 Prozent und die Commerzbank mit 25,01 Prozent. Jetzt gibt Gunter Sachs zehn Prozent an die Commerz bank ab.

DER SPIEGEL 36/1986
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