01.09.1986

KAMERUNTödliches Geheimnis

Eine der schrecklichsten und bizarrsten Giftgaskatastrophen löschte alles Leben in vier Dörfern Nordkameruns aus. Experten befürchten neue Vulkanausbrüche. *
Ein kleiner Beamter, mit dem Motorrad von der nordkamerunischen Ortschaft Wum in sein Heimatdorf Nios unterwegs, war der erste Bote, der die Kunde von dem grauenvollen Geschehen überbrachte.
Zunächst hielt er Freitag, den 22. August, für seinen Glückstag: Eine frisch verendete Antilope lag auf dem Weg. Er hielt an, schnürte den vermeintlichen Festtagsbraten auf sein Gefährt und gab Gas. Doch je näher er Nios kam, um so unheimlicher wurde die Szenerie: Immer mehr tote Tiere lagen herum, schließlich auch tote Menschen, ihre Ziegen, Schweine, Kühe und Hühner, Übelkeit überfiel den Mann, in Panik raste er zurück nach Wum.
Erst am Sonntag konnten Soldaten und Rettungstrupps sich ein Bild von der Katastrophe machen, die in der Nacht zum Freitag fast alles Leben in vier Dörfern - Nios, Souboum, Cha und Fang - ausgelöscht hatte.
Die betroffenen Siedlungen lagen in den fruchtbaren Tälern auf einem Gebiet von etwa 20 Quadratkilometern um den Nios-See, ein Vulkankrater-Gewässer, das die dort ansässigen Stämme der Bamileke und Fulani "guter See" nennen. Er tötete zwischen 1500 und 2000 seiner Anrainer.
Einige der Überlebenden - im 1000-Einwohner-Flecken Nios waren es nur - eine Frau und ein Kind - wollen ein Rumoren gehört haben, bevor der unheimliche Tod die anderen erstickte: beim Essen, im Schlaf, bei den ersten panischen Schritten vor die Hütten - Szenen fast wie im alten Pompeji nach dem Ausbruch des Vesuv.
Und doch war es anders als im Jahre 79 nach Christus. Kein Höllenlärm war zu hören; nicht speiendes Feuer, nicht Aschenregen, nicht Schlamm- oder Magmaflut des Unglückskraters, sondern Gas war der Killer. Farblos, schwach riechend, schwerer als Luft, so kroch es aus der Tiefe und sank über die Täler wie eine erstickende Wolke.
Bis Ende voriger Woche stand nicht eindeutig fest, um welch tödliches Gemisch es sich handelte. Die Kameruner Regierung gab zunächst an, es habe sich um den wie faule Eier stinkenden Schwefelwasserstoff gehandelt, was auch ein Geologe der Technischen Hochschule in Zürich annimmt, der den Nios-Krater analysiert hat.
Die Mehrzahl der internationalen Experten tippt jedoch auf große Mengen Kohlendioxid und -monoxid, möglicherweise noch Blausäure und Schwefelverbindungen.
Kohlenmonoxid ist ein Giftgas, das sich an die roten Blutkörperchen anlagert und die Sauerstoffaufnahme der Lunge verhindert. Kohlendioxid hingegen ist nicht giftig, kann in hoher Konzentration aber tödlich wirken, weil es die Luft verdrängt und die Sauerstoffzufuhr abschneidet.
"Wenn Menschen in eine solche zu Boden sinkende Wolke geraten", so der US-Vulkanexperte Donald Peterson, sei
es "gerade so, als würden sie von Wasser bedeckt - sie kriegen keinen Sauerstoff mehr und können nicht mehr atmen".
Bei jeder vulkanischen Tätigkeit, ganz gleich, ob sie relativ ruhig oder eruptiv verläuft, gelangen auch große Mengen zumeist giftiger Gase in die Atmosphäre. Bei Ausbrüchen von Vulkanen auf Hawaii sind schon bis zu 3,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ausgetreten.
Doch diese Substanzen werden meist mit der Asche in für den Menschen ungefährliche Höhen der Atmosphäre geschleudert: 80 Kilometer waren es beim Krakatau-Ausbruch 1883 in der Sundastraße, bei dem 36000 Menschen in einer nachfolgenden Flutwelle ertranken.
Soweit die Gase schwerer als Luft sind, sammeln sie sich in Vertiefungen - oft in tödlicher Konzentration. Auf der Flucht vor einer Vulkan-Explosion 1979 auf Java kamen 142 Menschen in einer Gaswolke um.
Am tückischsten ist die Umgebung von Vulkanen, die allgemein als relativ ruhig eingeschätzt werden. Dort können Giftgase so langsam austreten, daß sie unbemerkt bleiben und ohne Vorwarnung töten. Schon der römische Dichter Seneca beschrieb 62 nach Christus - 17 Jahre vor dem großen Knall -, wie am Vesuv grasende Schafe an giftigen Gasen erstickten. Ähnliches berichten Isländer von Schafen, die in Rinnen und Bachtälern ihrer von Vulkanen übersäten Inseln fraßen. Und der Braunschweiger Mineralogieprofessor Dietmar Reinsch weiß von Todesfällen beim Aushub einer Baugrube am Stromboli.
Die schleichende Katastrophe, die sich am Nios-Krater abspielte, ist offenbar die schrecklichste und zugleich bizarrste ihrer Art in der modernen Geschichte der Vulkane.
Gastote gab es in den Tälern entlang der sogenannten Kamerun-Linie - einer 1000 Kilometer langen Kette von anscheinend erloschenen, meist wassergefüllten Kratern - schon früher: Ganz in der Nähe des Nios-Sees, in einem Flußtal am Monoun-Kratersee, starben 37 Landarbeiter am 16. August 1984 einen mysteriösen Erstickungstod.
Kameruns Regierung ließ damals ein internationales Expertenteam zur Klärung des Phänomens einfliegen. Über die Entstehung und die exakte Zusammensetzung der Gase erzielten die Wissenschaftler keine Einigung, wohl aber über den wahrscheinlichen Auslöser des Unglücks.
Eine Theorie besagt, daß das giftige Gemisch aus den Tiefen des noch nicht völlig erloschenen vulkanischen Reservoirs, gelöst in Magma, nach oben wandert und sich blasenförmig im Bett der Kraterseen ablagert.
Nach einer anderen, abgewandelten Version - verfochten vom Leiter des damaligen Teams, dem in den USA forschenden Isländer Haraldur Sigurdsson - gibt der Vulkan, in dessen Krater sich der See befindet, ständig Kohlendioxid ins Wasser ab.
Anders als in Gewässern gemäßigter Klimazonen, wo bei absinkenden Temperaturen regelmäßig ein vertikaler Austausch des Wassers stattfindet, bleiben die Gase in den gleichbleibend temperierten tropischen Gewässern gleichsam am Grund gefangen - und sammeln sich so in den tieferen Wasserschichten über viele Jahre an.
Frei werden sie, wenn das Wasser - etwa durch einen Erdrutsch, ein Erdbeben oder eine Vulkan-Eruption - plötzlich durcheinandergewirbelt wird. Explosionsartig entweicht dann das Gas, so die Vermutung der Wissenschaftler, und legt sich als Giftwolke über die Erdoberfläche. Vor zwei Jahren ereigneten sich in der Region um den Monoun leichte Erdbeben Dorfbewohner berichteten von einem kräftigen Erdrutsch am Krater des Sees. Auch aus der Nios-Region wurde jetzt von leichten Beben berichtet.
Zu den ersten Katastrophenhelfern gehörte ein 17köpfiges Ärzte- und Pflegerteam in der Gefolgschaft des israelischen Ministerpräsidenten Schimon Peres. Mit ihrem Einsatz konnten die Israelis gleich die Nützlichkeit der am Dienstag wiederaufgenommenen diplomatischen Beziehungen demonstrieren (die das schwarzafrikanische Land nach dem arabisch-israelischen Krieg 1973 abgebrochen hatte).
Im Lauf der Woche kamen auch französische und amerikanische Experten an: Mediziner, um die wenigen, noch nicht gleich an Ort und Stelle verscharrten Leichname zu untersuchen und das Todesgas zu analysieren; Geologen, um dem schwer zugänglichen Nios-See sein tödliches Geheimnis zu entreißen.
Die Regierung von Kamerun mochte alle Einwohner aus der Gefahrenzone der unberechenbaren Vulkane evakuieren, aber sie stößt auf Widerstand: Kein Bamileke, kein Fulani verläßt freiwillig die Erde, in die er seine toten Vorfahren gebettet hat.
Daß weiterhin Gefahr droht, lesen Geologen an der Oberfläche des einst kristallklaren "guten Sees" ab: Er ist trüb und rot, Anzeichen dafür, daß es tief unten rumort.
"Einmal ist keinmal", sagt ein britischer Vulkanologe, der die Kamerun-Linie ausgiebig studiert hat. Aber: "Zweimal in zwei Jahren, das ist unendlich viel furchterregender."
[Grafiktext]
KAMERUN Katastrophengebiet Mögliche Ursache des Gasausbruchs aus dem Vulkansee Nios (schematische Darstellung) Kratersee Sedimentschichten eingeschlossene Gase Magma Aus heißer Magma gebildete Gase, zum Beispiel Schwefelwasserstoff, Kohlendioxid und Kohlen monoxid, lagern in den Sedimenten des Krater Sees. Durch schwache Erdstöße kann der See grund rissig werden, und große Gasblasen gelan gen explosionsartig an die Oberfläche des Sees. Giftige Gase, schwerer als Luft, ergießen sich in benachbarten Täler.
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 36/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KAMERUN:
Tödliches Geheimnis

Video 01:30

Unterhaussprecher Bercow Der Brexit-Star in zivil

  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?" Video 01:01
    US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in zivil