24.02.1986

„Für drei Stunden ließ man mich zu Ljussja“

Sacharows Schilderung, wie er die Ausreise für seine Frau erkämpfte *
Schreiben an Freunde in Moskau, von Sacharow im April 1985 als "offener Brief" deklariert, aber erst jetzt aus Gorki herausgeschmuggelt und hier erstmals veröffentlicht:
Liebe Freunde,
ich nehme meinen Hungerstreik von neuem auf, um dem Recht meiner Frau Nachdruck zu verleihen, zur Behandlung ihrer Herz- und Augenkrankheit ins Ausland zu reisen. Mein Hungerstreik soll zugleich ihr Recht unterstreichen, ihre Mutter, Kinder und Enkel nach so langen Jahren erzwungener Trennung wiederzusehen.
Das KGB hat bisher alles in seiner Möglichkeit Stehende getan, um die Ausreise zu hintertreiben. Es hat dafür von ihm abhängige Richter, Ankläger und willfährige Ärzte benutzt.
Ich wurde durch die Tortur der Zwangsernährung dazu gebracht, meinen ersten Hungerstreik am 26. Mai 1984 abzubrechen, einen zweiten habe ich im September 1984 beendet, um meine Frau nach vier Monaten Trennung wiederzusehen. Die Folgen der Qualen, denen ich seitens dieser unter Kontrolle des KGB stehenden Ärzte ausgesetzt war, haben meine Gesundheit schwer angegriffen.
Meine Frau wurde in einer Prozeß-Posse mit falschen Zeugenaussagen und unter Verwendung fabrizierten Materials verurteilt - nur weil sie getreu ihren eigenen Überzeugungen und nach meinen Instruktionen bei der Übergabe des Nobelpreises und in Italien meine Ideen an die Öffentlichkeit gebracht und meine Worte verlesen hat. Sie wurde verurteilt, weil sie seit meiner Verbannung nach Gorki meine Verbindung zur Außenwelt war.
Ihr wurde jegliche medizinische Betreuung entzogen, selbst jene ohnehin schon ungenügende, die sie vorher noch in Moskau hatte.
Ihre Krankheiten, die nach einer schweren Herzattacke im Jahre 1983 auftraten, äußern sich in schweren Störungen der
Herzmuskeltätigkeit, wiederholten schweren Anfällen von Angina pectoris, grünem Star im zweiten Stadium mit zunehmender Einengung des Sehfeldes. Dazu kommen die Nebenwirkungen der Medikamente: Was sie gegen ihre Augenkrankheit verschrieben bekam, wirkte sich negativ auf ihr Herzleiden aus, und die Nitroglyzerin-Medikamente gegen ihr Herzleiden schadeten ihren Augen - ein Teufelskreis für ihre Gesundheit .
Ihr Zustand, der sich innerhalb eines Jahres dramatisch verschlechtert hat, verlangt eine sofortige und intensive Behandlung, die offenkundig in der Sowjet-Union für sie nicht möglich ist. Dazu kommt, daß sie von jeglicher Verbindung mit ihrer Familie in den Vereinigten Staaten und ihren Freunden in der Sowjet-Union abgeschnitten ist.
Wenn man sie nicht ausreisen läßt, wird sie ihre Mutter, ihre Kinder und ihre Enkel nie mehr sehen können. Für uns beide ist das eine noch größere Tragödie als ihre Krankheit.
Daher sehe ich keinen anderen Ausweg, als noch mal einen Hungerstreik zu beginnen, ungeachtet aller Gefahren, die dieser Schritt für mich und in vielleicht noch größerem Maß für meine Frau mit sich bringen wird. Um diesen Hungerstreik zum Erfolg zu führen, brauche ich Eure Hilfe. Ich bin sicher, daß Ihr uns nicht vergessen werdet, vor allem nicht meine Frau, die alles für mich aufgegeben hat.
Setzt Euch dafür ein, daß ihre Verurteilung zurückgenommen oder zumindest zeitweise ausgesetzt wird. Setzt Euch dafür ein, daß meine Frau die Erlaubnis erhält, auszureisen und sich so lange im Ausland aufzuhalten, wie dies für ihre Behandlung notwendig ist, die höchstwahrscheinlich eine Herz- und eine Augenoperation notwendig machen wird, aber die es ihr auch ermöglicht, ihre Mutter, Kinder und Enkel zu sehen.
Ich bitte Euch inständig, alle Eure Anstrengungen auf dieses eine Ziel zu konzentrieren, auf die Ausreise meiner Frau. Die Frage meiner eigenen Situation braucht jetzt nicht aufgeworfen zu werden. Rettet uns! Hoffnungsvoll Euer Andrej Sacharow
Sacharow begann den angekündigten dritten Hungerstreik am 16. April 1985. Fünf Tage später wurde er wieder in die "Semaschko"-Klinik in Gorki zwangseingewiesen, wo er schon im Sommer 1984 qualvoll zwangsernährt worden war. In einem Brief an die Familie beschreibt er die erneute Tortur der Zwangsernährung:
Vom ersten Tag, dem 21. April, an bis zum 11. Juli wurde ich zwangsernährt. Während dieser Periode und auch während einer späteren konnte mein Widerstand oft nur symbolischer Art sein.
Manchmal war die Zwangsernährung äußerst qualvoll. Ich wurde gefesselt und so brutal gegen das Bett gedrückt, daß ich blaue Flecken im Gesicht bekam. Mit einem Löffel öffnete man mir gewaltsam den Mund, mit einem anderen stopften sie mir das Essen hinein. Dabei wurde mir die Nase mit der Hand oder einer Klammer zugehalten.
Ich habe mich immer geweigert zu essen, wenn die "Futterbrigade" nicht in voller Besetzung anrückte oder wenn sie mich nicht auf der Station hatten. Zweimal zerrten sie mich mit Hilfe von KGB-Wachen auf die Station.
Während der ganzen Zeit hatte ich keine Ahnung, ob irgend jemand außerhalb der Sowjet-Union überhaupt von meinem Hungerstreik wußte.
Am 11. Juli unterzeichnete Sacharow ein Papier, daß er wieder essen werde, weil er "es nicht länger ertragen konnte, von Jelena getrennt zu sein und nicht zu wissen, wie es ihr geht" (Sacharow).
Zwei Wochen blieb er bei seiner Frau. "das war die Zeit zum Leben, das gab uns die Kraft für einen neuen Anfang" (Sacharow). Während dieser Zeit drehte das KGB heimlich Filme von den Sacharows und lancierte sie als Beweiß, wie gut es den Verbannten ginge, in den Westen. Es war dies wenige Tage vor der Helsinki-Jubiläumskonferenz, auf der die Menschenrechte in der Sowjet-Union erörtert wurden.
Aber noch immer gab es keine Ausreiseerlaubnis für Jelena Bonner, die Sacharow "Ljussja" nennt. So begann Andrej Sacharow am 25. Juli seinen vierten Hungerstreik. Zwei Tage später war er wieder in der altbekannten Klinik, die immer neue Schikanen bei der Zwangsernährung fand. Sacharow:
Während der Zwangsernährung verlor ich ständig an Gewicht. Mein Normalgewicht beträgt 77 bis 80 Kilo. Als ich am 11. Juli entlassen wurde, waren es knapp 66 Kilo. Mein geringstes Gewicht erreichte ich am 13. August mit 62,8 Kilo.
Daraufhin gaben sie mir subkutane Spritzen in die Schenkel und verabreichten mir durch Kanülen in die Venen Lösungen von Glukose- und Protein-Präparaten. Ich erhielt 15 Spritzen und zehn Tropflösungen. Diese enorme Menge führte dazu, daß meine Beine wie Polster anschwollen und ständig schmerzten.
Am 23. Oktober hörte ich mit dem Hungerstreik auf. Am 24. Oktober bekamen wir die Ausreiseerlaubnis für Ljussja.
Das Härteste während der ganzen Zeit war die zehnmonatige Trennung voneinander, die Isolierung. Für Ljussja war die Einsamkeit fast unerträglich. Sie war nicht im Hungerstreik, nahm aber noch mehr ab als ich.
Die ganzen zehn Monate müssen wir aus unserem Leben streichen, so als ob es diese Zeit nie gegeben hätte.
Wie es endlich zur Ausreiseerlaubnis für Jelena Bonner kam, schildet Sacharow in einem Brief an die Stief- und Enkelkinder in Amerika vom November 1985, dessen Original die Adressaten nie, eine Kopie erst jetzt auf Umwegen erreichte:
Zweimal (am 31. 5. 1985 und 5. 9. 1985) kam ein Vertreter des KGB der UdSSR, S. I. Sokolow (anscheinend ein sehr wichtiger Mann) zu mir ins Krankenhaus. Im Mai unterhielt er sich auch mit Ljussja.
Das Gespräch im Mai verlief sehr schroff. Er sagte, daß meine Bitte nach einer Ausreiseerlaubnis von Ljussja nicht erfüllt werden könne. Er gab mir zu verstehen, daß ich meine öffentlichen Auftritte und Erklärungen revozieren müßte. Die zwei Tage vor seinem Besuch war ich im vollen Hungerstreik. Man hatte mich auch nicht zwangsernährt, wohl in Erwartung des Besuches.
Bei dem Besuch im September teilte mir Sokolow mit, daß man Gorbatschow mit dem Inhalt meines Briefes an ihn vertraut gemacht hat und daß er den Auftrag erteilt hätte, eine Antwort vorzubereiten.
Sokolow ersuchte mich, ein Schreiben aufzusetzen, in dem ich anerkannte, Geheimnisträger zu sein, sowie meiner Frau das Verlangen zu übermitteln, sie solle versprechen, im Ausland nicht mit Vertretern der Massenmedien zusammenzukommen und an keinen Pressekonferenzen teilzunehmen.
Zu diesem Zweck ließ man mich für drei Stunden zu Ljussja, und wir erfüllten diese Forderungen. Ich schrieb, daß ich die Begründung, weswegen man mich nicht ausreisen lassen könne, anerkenne - daß ich nämlich in der Vergangenheit Zugang zu besonders wichtigen militärischen Geheimnissen hatte und einige davon bis zum heutigen Tag Bedeutung haben könnten. (Ich mache darauf aufmerksam, daß diese Formulierung der in meinem Brief an Gorbatschow entspricht und weder mit meiner Verbannung nach Gorki zu tun hat noch mit meiner Isolierung, die ich nach wie vor als ungerecht und ungesetzlich ansehe.)
Nach dem zweiten Besuch vergingen 48 bange Tage und Nächte der Erwartung ... alles andere wißt Ihr!
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THE OBSERVER, London, 1986.

DER SPIEGEL 9/1986
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