11.08.1986

WIEDERVEREINIGUNGSchroffer Gegensatz

Eine von Bonn geheimgehaltene Denkschrift zu Stalins Wiedervereinigungsangebot vom Frühjahr 1952 wird jetzt, nach Ablauf der Sperrfrist, veröffentlicht. *
Zeitlebens, das tausendjährige Reich ausgenommen, fühlte sich der deutsche Diplomat Richard Meyer von Achenbach als treuer Diener seines Staates.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges vertrat er, 29 Jahre alt und noch AA-Lehrling, des Kaisers Interessen an der Gesandtschaft zu Peking, "unentgeltlich". Heimwärts zu den Fahnen zog der Freiwillige mit der Bahn und schließlich mühselig auf einem norwegischen Handelsschiff als Kohlentrimmer, unter falschem Namen. Vier Monate dauerte diese elende "Schipperei und Schlepperei" fürs Vaterland.
Botschafter Meyer war, wie es die Diplomatie verlangt, verschwiegen, diskret, loyal, und er war ein Konservativer. Als er 1956 in Schweden starb, blieb eine 46 Seiten starke Politanalyse, die er im Auftrag der Bundesregierung erarbeitet hatte, im Familienbesitz. Bis heute, dreißig Jahre lang, blieb sie gesperrt - so, wie es generell üblich ist für den Aktenbestand offizieller Archive.
Auch von Amts wegen war Meyers Papier zum Geheimdossier erklärt worden. Es rüttelte so heftig an Bonner Positionen, daß es schnellstens im Tresor verschwand - ein nüchternes Plädoyer für die Aussöhnung mit den Sowjets und für die Wiedervereinigung. Jetzt wird die Schrift publiziert _(Richard Meyer von Achenbach: ) _("Gedanken über eine konstruktive ) _(deutsche Ostpolitik. Eine unterdrückte ) _(Denkschrift aus dem Jahr 1953". ) _(Herausgegeben von Julius H. Schoeps; 132 ) _(Seiten; 19,80 Mark. Erscheint Ende ) _(August im Athenäum-Verlag, Frankfurt. )
. Herausgeber Julius H. Schoeps, Historiker und Politologe an der Universität Duisburg: "Bisher war nur am Rande bekannt, daß es auch einige Berufsdiplomaten gegeben hat, die der Adenauerschen Deutschlandpolitik kritisch gegenüberstanden."
Im Frühjahr 1952 hatte Josef Stalin die Wiedervereinigung Deutschlands, freie Wahlen und den Aufbau deutscher Streitkräfte angeboten; Bedingung: Neutralisierung Gesamtdeutschlands. Aber
immer noch rätseln Politiker und Historiker über den Hintersinn der Moskauer Noten: Waren sie nur ein Manöver, um die Verhandlungen über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und den Deutschlandvertrag zu sabotieren? Oder meinten es die Russen wirklich ernst, wollten sie sogar das Faustpfand DDR preisgeben? Ist also damals, wie heute noch gefragt wird (SPIEGEL 4/1986), eine Chance vertan worden?
Konrad Adenauer, der CDU-Kanzler, wußte, was er wollte: Westintegration und Wiederaufrüstung. Amerika sei, erklärte er im Bundesvorstand seiner Partei, "in den atomischen Waffen Sowjetrußland weit voraus". Unter dem Schutzschirm amerikanischer A-Waffen lebe Deutschland "jetzt in Ruhe". Außerdem, befand der Regierungschef, könne "ein solches unstetes Land" wie die Sowjet-Union niemals "Hüter einer Neutralität Deutschlands sein".
In dieser Phase deutsch-deutscher Nachkriegspolitik suchte Adenauers Staatssekretär Walter Hallstein nach einem neutralen Szenebeobachter. Er fand ihn in dem sachkundigen Richard Meyer von Achenbach, bis Ende 1935 Ministerialdirektor und Chef der Ostabteilung im Reichsaußenministerium, dann von den Nazis gefeuert.
Meyer verzichtete im Interesse seiner "Unabhängigkeit" auf ein Honorar, bat aber um eine Aufwandsentschädigung von 8000 Mark; Hallstein zahlte 5000 Mark.
Ein knappes Jahr arbeitete der Diplomat an seinem Thesenpapier. Nachdem er es abgeliefert hatte, machte sich in der Kanzler-Umgebung Entsetzen breit. Meyer stelle sich, urteilte Adenauer-Intimus Herbert Blankenhorn kurz und knapp, "in schroffen Gegensatz" zur Politik der Regierung, da er "die aus dem Osten drohende Gefahr offenbar als verhältnismäßig gering" einschätze. Umgehend ordnete er an, das Papier dürfe "dritten Personen nicht zugänglich gemacht" werden,
Meyer hielt in seiner Denkschrift zwar auch "Wachsamkeit" vor den Russen "für erforderlich" und plädierte für die weitere "Aufrüstung des Westens". Das Gerede von einer "unmittelbaren militärischen Bedrohung" durch Moskau aber tat er als "Propaganda des Westens" ab, die "zeitweise wohlüberlegt entfacht und zweckgebunden gesteuert wurde". Stalins Politik sei nämlich "vornehmlich defensiv".
"In doppelter Hinsicht" sei Moskau "an einem Ausgleich" mit Bonn interessiert, analysierte Meyer: "einerseits zwecks Herstellung normaler politischer und wirtschaftlicher Beziehungen, andererseits zwecks Verhinderung einer politischen und militärischen Integration Deutschlands in den Westen". In der "Kombination deutscher militärischer Tüchtigkeit und amerikanischer Ausrüstung" sähen die Sowjets eine "gefährliche Bedrohung".
Der Gutachter entwarf ein Kompromiß-Programm, "eine Synthese zwischen den für die Unabhängigkeit, die Freiheit und die Sicherheit Gesamtdeutschlands unabdingbaren Forderungen und den von der Sowjetunion für ihre Sicherheit als notwendig erachteten Bedingungen": *___freie Wahlen, Bildung einer freien gesamtdeutschen ____Regierung, Verzicht auf Deutschlandvertrag und auf ____Beitritt zur damals geplanten Europäischen ____Verteidigungsgemeinschaft, Verbot von Militärbündnissen ____mit einem der früheren Kriegsgegner; *___Abzug der Besatzungsmächte aus der Bundesrepublik und ____der DDR; *___Aufstellung einer deutschen Nationalarmee; *___Regelung der deutschen Ostgrenze unter Vorbehalt ____späterer friedensvertraglicher Änderung; *___Garantievertrag zwischen den vier Großmächten zum ____Schutze eines neutralisierten Gesamtdeutschlands.
Meyers Denkschrift zirkulierte, nach der offenbar von Adenauer verlangten Indizierung, nur in kleinstem Kreis. Eine Durchschrift erhielt lediglich Heinrich von Brentano, damals Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion.
Welche Sorgen den alten Adenauer in jener Zeit umtrieben, hat erst kürzlich der deutsche Historiker Josef Foschepoth _(Während einer Außenministerkonferenz der ) _(Montan-Union-Staaten 1953 in Rom. )
enthüllt. Er entdeckte in London eine geheime Notiz des britischen Staatssekretärs im Foreign Office, Sir Ivon Kirkpatrick, die er nach einer "höchst vertraulichen" Mitteilung des damaligen deutschen Botschafters Hans von Herwarth angefertigt hatte. Der Kanzler, heißt es da, zeige sich "äußerst besorgt, daß sich eine künftige deutsche Regierung, wenn er von der politischen Bühne abgetreten sei, zu Lasten Deutschlands mit Rußland verständigen könnte. Folglich sei er der Meinung, daß die Integration Westdeutschlands in den Westen wichtiger als die Wiedervereinigung sei".
Adenauer bat um strengste Diskretion. Wenn "seine Ansichten jemals in Deutschland bekannt würden", hätte dies "katastrophale Folgen für seine politische Position".
Richard Meyer von Achenbach: "Gedanken über eine konstruktive deutsche Ostpolitik. Eine unterdrückte Denkschrift aus dem Jahr 1953". Herausgegeben von Julius H. Schoeps; 132 Seiten; 19,80 Mark. Erscheint Ende August im Athenäum-Verlag, Frankfurt. Während einer Außenministerkonferenz der Montan-Union-Staaten 1953 in Rom.

DER SPIEGEL 33/1986
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