24.02.1986

„Wir sind die Herren, das Land ist unser“

Südafrika und die Angst der Buren vor der Zukunft (III) / Von Erich Wiedemann *
Wenn Danny die "Klippies" nicht gefunden hätte, dann wären die Fremden nicht nach Oranje-Transvaal gekommen. Dann hätte es zwischen Engländern und Buren keinen Krieg gegeben. Dann wäre Südafrika vielleicht noch heute das gelobte Land des weißen Mannes.
Aber es mußte kommen, wie es kam. Danny Jacobs aus Hopetown am Oranje-Fluß mußte 1867 auf der Farm seines Vaters die Diamanten finden, weil Gott es so im "groote skeppingsplan", dem großen Schöpfungsplan, vorgesehen hatte. Alles auf Erden ist Ergebnis göttlicher Vorsehung. So steht es im Buren-Katechismus.
Von einem der Steine war an einer Ecke ein stecknadelkopfgroßes blitzendes Stück abgesplittert. Pat O''Reilley, ein Freund von Dannys Vater, meinte, es könne vielleicht ein Schmuckstein sein, ein Diamant zum Beispiel. Sie lachten ihn aus. In Südafrika waren noch nie Diamanten gefunden worden.
Aber O''Reilley war ein gebildeter Mann. Er wußte, daß Diamanten härter sind als Glas. Er nahm den Klunker zwischen Daumen und Zeigefinger und zog ihn einmal kräftig über Jacobs Küchenfenster. Resultat: Das Fenster war hin, aber O''Reilley hatte den Beweis: In Südafrika gab''s Diamanten.
"Eureka", wie sie den Stein nannten, wog 21 Karat. Er brachte einen Erlös von 10000 Goldmark. Im Herbst nach dem Fund warf der Innenminister der Kapkolonie ihn triumphierend auf den Kabinettstisch und rief den Kollegen zu: "Meine Herren, das ist der Fels, auf den der Erfolg Südafrikas künftig gebaut wird."
Nicht nur der Erfolg, auch das Elend und der Hauptgrund für die Balkanisierung Südafrikas. *___Der erste Versuch der Buren, ihrer Volksgemeinschaft ____eine staatliche Form zu geben, war 1843 gescheitert. ____Die Republik Natalia am Indischen Ozean wurde vier ____Jahre nach ihrer Gründung von den Briten heim ins ____Empire geholt. *___Der Oranje-Freistaat, der 1854 proklamiert worden war, ____hielt sich etwas länger. Er wurde nach der Entdeckung ____der Diamantenfelder von den Briten teilweise annektiert ____und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem ____autonomen Appendix der Kapkolonie. *___Die Republik Südafrika, wie Transvaal sich nannte, ____erhielt von London ihre staatlichen Weihen im Januar ____1852. Beim Run auf die Gold- und Diamantenfelder des ____Witwatersrand kam ihr die Unabhängigkeit 1877 wieder ____abhanden. Doch der Wahlsieg der britischen Liberalen ____brachte erneut die Wende. Premier William Ewart ____Gladstone gewährte den Transvaal-Buren im August 1881 ____die "Selbstverwaltung unter der Oberhoheit Ihrer ____Majestät", bevor der "Burenkrieg" wieder Remedur schuf.
Der Diamantenboom spülte die alten Strukturen über den Haufen. Dealer und Digger aus Europa, Australien und Amerika fielen ins Hochveld ein wie die Heuschrecken ins Maisfeld. In Kimberley, nicht weit von der Stelle, von der die Konzernspitze der De Beers Consolidated Mines später ihr Milliardenimperium regierte, haben die Digger ein eindrucksvolles Monument der Raffgier hinterlassen: einen Krater von zwei Kilometern Durchmesser und bis zu 400 Meter Tiefe - das größte mit Muskelkraft geschaffene Loch in der Geschichte der Menschheit.
Der Oranje-Freistaat war ein Tüttelchen-Staatswesen. In Transorangia, wie er zunächst hieß, gab es keine Straßen, keine Steuern, keine richtige Regierung und außer dem im Bedarfsfall zusammentretenden "burger krygsraad" auch keine residente Instanz, um den Autoritätsanspruch des Staates durchzusetzen.
Ein paar Jahre ließ London die Buren gewähren. 1848 überbrachte dann ein Bote aus Kapstadt eine Erklärung von
Gouverneur Sir Harry Smith, die die ausgewanderten Untertanen der Königin, wie es hieß, wieder "unter die Gesetze und Befehl" Ihrer Majestät" stellte. Aus Transorangia wurde die "Orange River Sovereignty"
Der Buren-Führer Andries Pretorius rief den "krygsraad" zusammen und zog mit 1200 Reitern in Bloemfontein ein, um die britischen Beamten aus ihren Kontoren zu vertreiben. Das Verhandlungsangebot an Kapstadt enthielt die Mahnung, die Buren "nicht weiter und weiter in die Wildnis zu treiben".
Sir Harry war ein schneidiger Kolonialist. Undenkbar, daß er sich dazu herabgelassen hätte, mit einem Haufen analphabetischer Viehtreiber über den Rechtsstatus von Ihrer Majestät Kolonien zu verhandeln. Er ließ 800 Mann berittene Artillerie ausrücken und auf Bloemfontein marschieren.
Die Oranje-Buren waren nicht aus dem gleichen Holz wie die Voortrekker, die zehn Jahre zuvor am Blutfluß die 25fach überlegene Zulu-Armee zu Paaren getrieben hatten. Ehe es zu Feindseligkeiten kommen konnte, hatten sich die meisten in die Büsche verdrückt. Der kümmerliche Rest wurde in der Schlacht von Boomplats aufgerieben.
Der Gouverneur wollte den rebellischen Pretorius in Ketten nach Kapstadt bringen lassen. Doch eine neue Wende zum Liberalismus in der englischen Innenpolitik brachte ihn um seinen Triumph. Die Liberalen fanden, daß es für den britischen Löwen an der Zeit sei, die Brocken, die er in fünf Kontinenten wahllos verschlungen hatte, erst mal zu verdauen. Sir Harry erhielt Order, wenigstens den Transvaal-Buren bis auf weiteres die Herrschaft über ihren sogenannten Staat zu überlassen.
Die Transvaaler hat ten immerhin einen richtigen Staat mit einem richtigen Grundgesetz, das der Verfassungsbeauftrag te, Schullehrer Jaco bus Groenendal, an hand der amerikani schen und der franzö sischen Verfassung entworfen hatte. Es war nicht mehr die Ur fassung, weil der Volksrat dem Meester Groenendal den ersten Entwurf zusammenge strichen hatte. Die Landesväter meinten, daß Schlagworte wie "Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit" unter den obwaltenden Umständen doch leicht unangemessen verbreitert werden könnten. Sie wollten eine Demokratie, gewiß - aber natürlich nicht für die Kaffern.
Mit der Selbstverwaltung der Buren war es vorbei, als Transvaal wirtschaftlich für die Briten interessant wurde. Plötzlich rührte sich in London wieder das Mitgefühl für die unterdrückten Schwarzen. Der Gouverneur in Kapstadt ließ erst die Schlürfgebiete im Oranje-Freistaat besetzen und ein paar Jahre später auch Transvaal annektieren.
Die Eroberer brauchten nicht einen Schuß abzugeben. Die Wehrbauern wehrten sich nicht. Sir Theophilus Shepstone ritt Ende Januar 1871 an der Spitze von 25 berittenen Polizisten und einigen Beamten nach Pretoria und erklärte die "Südafrikanische Republik" zur britischen Kronkolonie. Es ging alles so glatt, daß der Verdacht der Mauschelei nie ausgeräumt werden konnte, der Verdacht, daß sich die Briten das Wohlverhalten der Buren durch Zugeständnisse in der Rassenfrage erkauft hatten.
In der Erklärung, die der britische Kommandeur nach seinem Einzug in Pretoria verlesen ließ, hieß es: "Für Weiße und Farbige gilt gleiches Recht. Aber dies Prinzip beinhaltet nicht die Verleihung gleicher Bürgerrechte wie das Wahlrecht für Wilde oder andere bürgerliche Privilegien, die mit ihrem unzivilisierten Status unvereinbar sind."
24 Jahre zuvor hatte der Duke of Newcastle anläßlich der Gewährung der Selbstverwaltung am Kap im Namen der Queen feierlich erklärt: "Es ist der ernste Wunsch der Regierung Ihrer Majestät, daß Ihre Untertanen ohne Unterschied der Klasse und Hautfarbe durch einen Bund der Treue vereinigt sein sollen." Ein schöner Traum. Die Koexistenz war im Völkerbiotop Südafrikas nach den Gesetzen des Haifischpools geregelt: Die großen Fische fraßen die kleinen, die kleinen die ganz kleinen.
Das heißt, auf die menschliche Fauna übertragen: Die Buschmänner kujonierten die Hottentotten, die Bantu die Buschmänner und Hottentotten, die Buren die Bantu und die Briten die Buren.
Und wenn die Opportunität es so wollte, dann wurden auch schon mal zwei Fische von einem kleineren satt, wobei dann der größere Fresser oft nachträglich auch noch den anderen fraß.
Doch es gab noch Patrioten in Transvaal, die sich der Freßgemeinschaft mit den verhaßten Briten nicht ergeben wollten. Der angesehenste war Paul Krüger, genannt Ohm, ein Nachfahre brandenburgischer Auswanderer und Veteran des großen Trecks, der es mit frommer Haltung und patriotischen Reden zum Vizepräsidenten der Republik gebracht hatte. Ohm Krüger hatte den Britenhaß mit der Muttermilch in sich aufgesogen. Für ihn war jedweder unnötige Kontakt mit dem Erbfeind beinahe Hochverrat.
Ohm Krüger war ein kompromißloser Fundamentalist. Er glaubte - 300 Jahre nach Kopernikus - noch daran, daß die Erde eine Platte sei. Geschriebene Texte konnte er nur Buchstaben für Buchstaben entziffern. Doch im Vergleich zur Mehrheit der Bevölkerung, die überhaupt nicht lesen und schreiben konnte, war er fast schon ein Intellektueller. Denn er kannte große Teile der Bibel auswendig - die wichtigste Voraussetzung für eine politische Karriere in Transvaal.
Krüger hatte neun Söhne und sieben Töchter gezeugt, in den Schlachten gegen Zulu, Xhosa und Ndebele wehrhaft seinen Mann gestanden und mindestens 10000 Hektar Land urbar gemacht. Nun hatte er nur noch ein Lebensziel: Die Briten mußten raus aus dem heiligen Land der Afrikaner, damit die Ordnung
zwischen Herrn und Knecht wiederhergestellt werden konnte.
Es fügte sich, daß die britische Demokratie eben wieder mal einem liberalen Wellenkamm zustrebte, als Ohm Krüger beschloß, das Vaterland vom britischen Joch zu befreien. Premier Gladstone wollte das Buren-Problem friedlich lösen. Er ließ Krüger und seinen Generalkommandanten Piet Joubert im Juni 1880 nach Kapstadt einladen, um über eine Föderation der Kapkolonie mit den Buren-Territorien zu verhandeln.
Krüger und Joubert fuhren auch hin. Der Sache des Friedens wäre allerdings mehr gedient gewesen, wenn sie daheim geblieben wären. In fataler Fehleinschätzung der Schwierigkeiten, die Gladstone bei der Durchsetzung seiner liberalen Positionen in England hatte, schlugen sie die Verhandlungsbasis mit Maximalforderungen kurz und klein. Sie wollten alles oder Krieg.
Auf der Paardekraal-Farm von Andries Pretorius kam es kurz vor Weihnachten zum Schwur. 5000 entschlossene Buren legten zum Zeichen ihrer Kampfbereitschaft jeder einen Stein auf einen großen Haufen. Dann sprachen sie im Chor: "Im Angesicht Gottes schwören wir feierlich, daß wir bis zum Tode kämpfen werden, um die Freiheit unserer Republik wiederherzustellen."
Es wäre wohl auch ohne Kampf gegangen. Aber die Buren-Führer hatten kein Empfangsteil für die Signale, die die liberale Regierung in London aussandte.
Sir Percy Fitzpatrick, ein Johannesburger Unternehmer und Politiker, schrieb damals über das Naturell des typischen Afrikaaners: "Man kann ebensowenig in seine Mentalität eindringen wie in die eines Asiaten oder Orientalen. Es gibt Augenblicke, in denen er gegen jeden uns bekannten Verstand zu handeln scheint. Er handelt dann mit einer langsamen, blinden Beharrlichkeit, durch nichts abzulenken oder aufzuhalten. Ein Verhalten, das man sonst nur bei Großwild beobachtet." Genau so war Ohm Krüger.
Die folgende Phase der burisch-britischen Beziehungen, namentlich die Schlacht von Majuba dokumentiert auf britischer Seite eine Großmut, die sich nur eine Weltmacht leisten kann, ohne fürchten zu müssen, als schwächlich ins Gerede zu kommen. Genaugenommen war es keine Schlacht, sondern eine barbarische Schlächterei. Im Morgengrauen des 27. Februar 1881 überfiel eine burische Übermacht auf dem Majuba-Plateau in den Drakensbergen ein Detachment schottischer Füsiliere im Schlaf und metzelte sie gnadenlos nieder. Ergebnis: 92 Tote, 134 Verwundete.
Großbritannien schrie nach Rache. Doch Premier Gladstone behielt die Contenance. Er wollte sich sein Konzept nicht durch eine Horde kulturloser Mordbrenner durchkreuzen lassen. Statt Revanche zu üben, schloß er mit den Buren einen Vertrag, der ihnen - wieder mal - weitgehende Selbstverwaltung unter der Oberhoheit der britischen Krone zuerkannte. Majuba blieb für die Buren ohne Folgen.
Drei Jahre später, nachdem er zum Präsidenten aufgerückt war, setzte Krüger eine Reihe von Vertragserweiterungen durch. Transvaal durfte sich wieder "Südafrikanische Republik" nennen, die Hoheitsklausel wurde gestrichen. Und was besonders wichtig war: Großbritannien verzichtete auf seine Schutzmachtrolle gegenüber den Schwarzen.
Transvaal wäre jetzt beinahe wieder ein souveräner Staat gewesen, wenn nicht die Digger gewesen wären. Jeder größere Gold- oder Diamantenfund spülte neue Ströme von Glücksrittern über die heilige Scholle. In Johannesburg, der "City of Gold" , lebten, außer Schwarzen, fast ausschließlich Zugereiste.
1895 stellten die Transvaal-Buren nur noch ein Drittel der weißen Bevölkerung. Die anderen zwei Drittel waren "uitlanders", die anders lebten, dachten und fühlten als die "Afrikaaner". Sie hatten keine patriotischen Gefühle. Sie wollten sich amüsieren und schnell reich werden. Für den frommen und asketischen Ohm Krüger, der auf Staatsempfängen warme Milch statt Champagner servieren ließ, waren sie "ein neuer Fluch - Baal, Moloch, Mammon".
Wenn der Präsident aus dienstlichem Anlaß mal nach Johannesburg verschlagen wurde, ließ er keinen Zweifel daran, was er von diesem Pfuhl hielt. Er erlaubte sich, eine gemischtstämmige Bürgerversammlung mit den Worten anzureden: "Ihr Volk Gottes, ihr altes Volk des Landes, ihr Fremden und Neuankömmlinge, ja ihr Diebe und Mörder."
Ebenso klar gegliedert war die Welt des neuen Kap-Premiers Cecil Rhodes. Nur daß dessen Welt andere Pole hatte als die Welt des Ohm Krüger. Auch Rhodes teilte die Menschheit in Herren und Knechte, bei ihm rangierten bloß die Briten obenan und die Buren gleichauf mit den Kaffern. Er war fest davon überzeugt, daß einem Volk nichts Besseres geschehen könne, als unter dem Union Jack zu leben. Deutsche und Amerikaner ließ er gerade noch als herrschaftsfähig gelten. Alles übrige aber war für ihn rassischer Schrott.
Cecil Rhodes'' Werteskala stimmte mit der Ohm Krügers in einem wesentlichen Punkt überein: Die Schwarzen kamen ganz zum Schluß. Für Krüger waren sie die Nachkommen Hams, des mißratenen Sohnes von Noah, den der Herr dazu bestimmt hatte, "ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern" zu sein (1. Mose 9, 25). Rhodes'' Auserwählt heitskomplex wurzelte in dem wissenschaftlich bemäntelten Rassismus Nietz sches und Darwins. Rhodes und Krüger waren, geistesgeschichtlich gesehen,
keine Außenseiter: Die Gleichwertigkeit der Rassen war im 19. Jahrhundert noch nicht entdeckt. Der große Hegel etwa, der "allen Menschen an sich" die Freiheit wünschte, sprach den Negern "Ehrfurcht und Sittlichkeit" rundheraus ab und hielt sie deshalb auch keiner "Entwicklung und Bildung für fähig".
Ähnlich dachten selbst gestandene Internationalisten wie Karl Marx und Friedrich Engels. Marx wußte von den Nordafrikanern, sie seien "eine furchtsame Rasse ... sehr grausam und... von sehr niedriger Moral". Folgerichtig fand Engels auch, die Eroberung Algeriens durch die Franzosen sei "ein wichtiger und glücklicher Umstand für den Fortschritt der Zivilisation".
Zum Vergleich: Es war die Epoche, als in Großbritannien Kinder zehn Stunden am Tag in Bergwerken malochten und in Rußland Leibeigene die Arbeit von Zugochsen verrichteten. Und Afrika war auch nicht eben ein Hort von Humanität, schon gar nicht die rosarote Idylle der edlen Wilden, die von der weißen Konquista aus ihrem Paradies vertrieben wurden. Die Geschichten von Sklaverei und Massenkannibalismus waren keine Erfindungen fabulierfreudiger Missionare. Afrika bot in der Tat reichlich Raum für das Sendungsbewußtsein europider Kulturträger, eben für Leute wie Paul Kruger und Cecil Rhodes.
Der Imperialist Cecil Rhodes war ein Kerl wie ein Tropengewitter, einer von jenen Männern, die aus der britischen Krämer- und Heringsfängernation eine Weltmacht gemacht haben. Er war unberechenbar in seiner Macht- und Geldgier. Er fegte weg, was ihm in den Weg kam, jeder Zoll ein Macher. Als er mit 28 Jahren sein Studium in Oxford abschloß, gehörte ihm die Aktienmehrheit der De Beers Consolidated Mines, der damals wie heute größten Diamantminengesellschaft der Welt.
Rhodes war ein glühender Imperialist - zu einer Zeit, als "Imperialismus" noch keine Schmähvokabel war. Die Welt sollte britisch werden, das war sein kategorischer Imperativ. Er träumte von der Ausdehnung der britischen Herrschaft über ganz Afrika und Südamerika, das Heilige Land, das Euphrattal, die noch nicht besetzten Pazifikinseln, den Malayischen Archipel, die Küsten Chinas und Japans und der Rückgewinnung Nordamerikas. Und er träumte davon, Kairo und Kapstadt durch eine Eisenbahnlinie zu verbinden, die ausschließlich über britisches, Territorium verlief.
Es waren zum Teil sehr unkaufmännische Träume. Denn die afrikanischen Kolonien waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für die Kolonisatoren Zuschußgeschäfte. Aber in patriotischen Dingen kannte Rhodes nur schwarze Zahlen.
Die Kap-Kairo-Bahn haben die Briten nie zustande gebracht. Doch in der Kette der britischen Besitzungen zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und dem Mittelmeer klafften gegen Ende des letzten Jahrhunderts nur noch zwei Lücken. Die eine Lücke waren die beiden Burenrepubliken Oranje und Transvaal, die andere war Deutsch-Ostafrika.
Buren und Deutsche begriffen ihre gemeinsame Rolle als Hindernis auf dem Weg des-Cecil Rhodes zur Herrschaft über die östliche Hälfte Afrikas als eine programmatische Schicksalsgemeinschaft. Aber die Gefahr eines massiven deutsch-burischen Brückenkopfes war doch wohl eher das Produkt einer britischen Einkreisungsneurose.
Kanzler Bismarck war Eurozentrist. Er wollte die Stellung des Deutschen Reiches in Europa nicht wegen einer
emotional aufgeblasenen, aber wirtschaftlich und militärisch unsinnigen Allianz mit irgendwelchen Vettern aus Dingsda gefährden.
Nur, Bismarck konnte seine Kaufleute, die ihn immer wieder vor vollendete kolonialpolitische Tatsachen stellten, auch nicht daran hindern, riesige Investitionen nach Transvaal zu schaufeln und mit den Holländern zusammen eine Eisenbahn zwischen dem Witwatersrand und Portugiesisch-Ostafrika zu finanzieren, deren Bau den Briten als feindseliger Akt erschien. Der Kanzler konnte auch seinen Kaiser nicht daran hindern, in schwülstigen und für die Briten hochprovokativen Elogen die Blutsbande zwischen Deutschen und Buren zu preisen.
Mit der sogenannten Krüger-Depesche lief der Kaiser zur Tiefstform auf. Anlaß war ein mißglückter Putschversuch, mit dem Kap-Premier Rhodes die Macht in Transvaal an sich bringen wollte. Doch die Putschisten, die er zum Jahreswechsel 1895/96 nach Transvaal einschleusen ließ, liefen in eine Falle. Putschführer Dr. Leander Starr Jameson wurde später zur Aburteilung an Großbritannien ausgeliefert. Komplotteur Rhodes mußte zurücktreten.
Wilhelm II. fand es angemessen, Ohm Krüger am 3. Januar 1896 zur erfolgreichen Niederschlagung des Putschversuchs mit folgenden Worten zu gratulieren: "Ich spreche Ihnen Meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, daß es Ihnen, ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren, mit Ihrem Volke gelungen ist, in eigener Tatkraft gegenüber, den bewaffneten Scharen, welche als Friedensstörer in Ihr Land eingedrungen sind, den Frieden wiederherzustellen."
Ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren ... das hieß auf gut deutsch: Wenn ihr uns gerufen hättet, dann wären wir gekommen und hätten die Briten vertrimmt.
Die Krüger-Depesche war eine tragische Dummheit, weil sie dem naiven Freund-Feind-Schema der Buren die Hoffnung einpflanzte, die Großmacht Deutschland werde ihnen beistehen, wenn es ernst werde. Mit dem großen Bruder im Kreuz, so glaubte Krüger, könne er schon mal einen Gang gegen den Erbfeind riskieren. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Denn die Deutschen hatten ganz andere weltpolitische Prioritäten.
Die materiellen Impulse waren nicht unerheblich. Die Buren wollten ungestört ihren Kohl anbauen - aber unter Beibehaltung des Herr-Knecht-Prinzips, das zwei Jahrhunderte ihren Wohlstand gesichert hatte. Für den britischen Imperialismus-Exegeten John Hobson waren die Gier der Minenmagnaten nach immer mehr Claims, die unselige Verquickung von Politik und Kapital, wie sie sich in Cecil Rhodes verkörperte, wesentlich für den Ausbruch des Krieges.
Die Historiker sind sich bis heute nicht einig über die Bewertung der moralischen Positionen am Vorabend des Burenkrieges. Die gefräßige Weltmacht, die fremde Völker im Dutzend unter ihre Herrschaft gezwungen hatte, stand gegen das tapfere kleine Bauernvolk, das mit der Waffe in der Faust seine Freiheit verteidigt. Doch die Freiheit, die die Buren meinten, basierte auf der Unfreiheit ihrer Heloten. Und die Briten wollten eben nicht nur mehr Macht für die Queen, sondern auch mehr Demokratie für die Schwarzen. Mit einem Wort: Freiheitliche Unterdrücker gegen Freiheitskämpfer, die unter anderem für ihr Recht auf Unterdrückung kämpfen.
Die Buren fühlten sich stark. Der Krügerismus, wie der amtierende Kap-Gouverneur Lord Alfred Milner ihn nannte, hatte nach der Wiederwahl Paul Krügers zum Präsidenten von Transvaal auch die Kapkolonie erfaßt. Bei den Wahlen im britischen Kapstadt hatte sich der radikalburische "Afrikaner Bond" als erste Kraft am Platze etabliert.
Ein Brückenschlag zwischen Kapstadt und Pretoria war keine leere Vision mehr. Für Lord Milner gab es nur zwei denkbare Lösungen: "Reform in Transvaal oder Krieg". Und so, wie das Selbstverständnis der zwei rivalisierenden Parteien ausgeformt war, schloß sich die erste Möglichkeit von selbst aus. Generationen, so sagte 1896 der britische Kolonialminister Joseph Chamberlain, würden nicht ausreichen, "um die Glut zu löschen, die dieser Brand hinterließe". Doch da war die Glut schon einige Generationen alt.
Der Mechanismus der Zwangslaufigkeiten war nicht zu stoppen. Das letzte Gespräch zwischen Lord Milner und Präsident Krüger im September 1899 dauerte nur wenige Minuten. Milner sagte, die Buren sollten sich nicht so störrisch verhalten. Man wolle ja zunächst nichts als das Wahlrecht für die "uitlanders". Daraufhin brach Paul Krüger in Tränen aus und schluchzte: "Ihr wollt nicht das Wahlrecht, ihr wollt mein Land" Vier Wochen später brach der Krieg aus.
Die Buren waren den Briten zwar im Verhältnis von eins zu drei, später sogar von eins zu fünf unterlegen. Aber sie hatten den Briten voraus, was landläu fig als Kampfmoral bezeichnet wird, obwohl es mit Moral nichts zu tun hat.
Der junge Winston Churchill, der den Burenkrieg als Berichterstatter der Londoner "Morning Post" mitmachte, hat den Gegner für seine Zeitung so porträtiert: "Am frühen Morgen durch den Regen reitend ... jeder von ihnen ein Scharfschütze, jeder von ihnen gewohnt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen... Sie verlassen sich auf zwei Dinge: auf ihre eiserne Kondition und darauf, daß ihr Gott des Alten Testaments die Amalekiter schlagen und in alle Winde zerstreuen wird."
Außerdem hatten sie moderne Waffen: Krupp-Kanonen, Mauser-Gewehre, Haubitzen und Festungsgeschütze vom Typ "Long Tom", die als Pianos oder landwirtschaftliche Maschinen getarnt, auf deutschen Handelsschiffen durch die britische Seeblockade geschmuggelt worden waren.
Die Burenhudelei der Europäer, vor allem der Deutschen und Holländer, nahm nach den forschen Vorstößen der Buren gegen Mafeking, Ladysmith und Kimberley in den ersten Kriegsmonaten psychotische Züge an.
Die Pastoren hielten Dankgottesdienste für burische Siege ab, die Kinder spielten Engländerschießen, die Poeten sangen Hohelieder auf die tapferen Vettern am Kap und die deutschen Freiwilligen, die die Engländer das Fürchten lehrten.
Der Kriegerdichter Fritz von Straaten reimte über den "Lorbeerkranz unvergänglichen Heldentums, den sich die deutschen Freiwilligen in Südafrika geflochten": _(Aus "L''Assiette au beurre". ) _____" Schuß krachte auf Schuß in die Feinde hinein, wie im " _____" Herbststurm der Bäume Blätter, so fielen sie in den " _____" englischen Reih''n vor dem eisernen Hagelwetter. Die " _____" unseren standen wie Fels im Meer umbraust von brandenden " _____" Wogen. Da sank es, da kracht es, da zischt es daher, " _____" herab in feurigem Bogen. "
Im Jahr darauf krachte und zischte es aus der Gegenrichtung. Die Buren konnten vortrefflich reiten, schießen und stechen. Aber sie wußten nichts von der klassischen Kriegskunst. Im März 1900 wurde die Oranje-Hauptstadt Bloemfontein, im Mai die Transvaal-Hauptstadt Pretoria von britischen Truppen besetzt.
Der Krieg war damit noch nicht beendet. Er nahm nur andere Formen an. Die Buren formierten sich zu kleinen mobilen Feierabendkommandos, die - häufig in Bratenrock und Zylinder- nach Werwolf-Muster den Briten das Leben sauer machten.
Die Briten reagierten brutal. Die zweite Phase des Burenkrieges ist nach einhelligem Urteil der Historiker die unrühmlichste Phase der britischen Kolonialgeschichte. Der liberale Oppositionsführer Henry Campbell-Bannerman sagte Anfang 1901 in einer Unterhaus-Debatte über die britischen Südafrika-Greuel: "Ein Krieg, der mit so barbarischen Methoden geführt wird, ist kein Krieg mehr."
Lord Horatio Kitchener, der Oberkommandierende der britischen Truppen, befand die Einwände der Zivilisten für unmilitärisch und mithin für nichtig. Für ihn waren die Buren "unzivilisierte Wilde mit einer dünnen weißen Tünche", die er zu zähmen hatte. Und da sich die Buren den Mitteln der herkömmlichen Kriegführung entzögen, müsse man sie, so sagte er, "wie wilde Tiere in Käfige treiben".
Das war beinahe wörtlich zu verstehen. Kitchener ließ fast den gesamten Oranje-Freistaat und das südliche Transvaal mit Stacheldrahtverhauen in eine monströse "Burenfalle" verwandeln, die Farmen dazwischen niederbrennen und Frauen und Kinder in "concentration camps" zusammentreiben. Zum Jahreswechsel 1900/01 war das Land der Buren, wie Lord Milner sagte, "praktisch eine Wüste".
Die britischen Konzentrationslager am Kap waren ein böser Auftakt für das 20. Jahrhundert. Damals war es nur schwer vorstellbar, daß der Terminus irgendwann mal etwas noch Infernalischeres bezeichnen könnte.
Die englische Philanthropin Emily Hobhouse berichtete Anfang 1901 über die Zustände im Zeltlager Bloemfontein:
"Ein sechs Monate altes Baby, das sein Leben auf den Knien der Mutter aushaucht... zwei oder drei andere todmatt und krank ... Nächstes Zelt: Ein 21jähriges Mädchen sterbend auf einer Bahre. Der Vater, ein großer freundlicher Bure, kniend daneben, während seine Frau im Nebenzelt zusieht, wie ihr sechsjähriges Kind stirbt und ein anderes von fünf Jahren dahindämmert. Dies Paar hat schon drei Kinder im Lazarett verloren. "
Drei Monate später notierte Emily Hobhouse gleichfalls in Bloemfontein: "Jetzt sind hier 4000 Menschen ... Gestern kam ein neuer Transport mit 600 Menschen auf dem Bahnhof an, viele in offenen Guterwagen ... Es war bitterkalt, und es hatte die ganze Nacht geregnet... Eine Frau sagte uns, sie seien seit zwei Tagen unterwegs, ohne etwas zu essen. Ihre Kinder weinten vor Hunger. "
Nach dem Frieden von Vereeniging, in dem sich die Buren im Mai 1902 der Oberhoheit des britischen Königs unterwarfen, brachte Lord Kitchener auf einem Abschiedsbankett einen respektvollen Toast auf die Besiegten aus. Alles in allem, so sagte er, halte er sie für eine männliche Rasse.
Es war wohl derselbe Respekt, der die Briten veranlaßt hatte, im Burenkrieg keine Neger, Inder oder Farbigen einzusetzen. Bei allem, was sie von den Buren trennte, wollten sie ihnen doch die Demütigung ersparen, vor "bruinmense" die Waffen zu stecken. Am Tag, als er sich nach England einschiffte, richtete Lord Kitchener eine Versöhnungsadresse an die Unterlegenen: "Buren und Briten arbeiten jetzt zusammen, müssen nun zusammenarbeiten, um den Schaden zu beheben", sagte er. Und: Immerhin hätten sie einen guten Kampf gehabt. Wörtlich: "They had a good fight." Sportlich geht die Welt zugrunde.
Der Friede von Vereeniging war Schöpfung und Sündenfall zugleich. Die Briten hatten die Macht, Südafrika den Weg in eine mehrrassische Gesellschaft, etwa nach brasilianischem Muster, zu ebnen. Aber sie machten keinen Gebrauch davon. Aus Rücksicht auf den lädierten Stolz der Buren wollten sie mit Reformen warten, bis der "Ozean des Hasses" ausgetrocknet sei, wie Lord Milner es nannte.
Natürlich wollten sie Rassengleichheit. Aber sie wollten aus übergeordneten Gründen auch Ruhe am "Kap der Stürme" - notfalls das zweite zu Lasten des ersten.
Aus der Rassengerechtigkeit wurde nichts. 1906 und 1907 wurden Transvaal und Oranje autonom, 1910 bildeten die zwei Burenrepubliken zusammen mit Natal und der Kapkolonie die Südafrikanische
Union. In Kapstadt und Pretoria übernahmen die "bittereinders" die Macht, die Generale Louis Botha, Jan Smuts und James Hertzog, die - im Gegensatz zu den "hensoppers", den Händehochs - bis zum bitteren Ende gekämpft hatten. Wieder eine verpaßte Gelegenheit.
Die Buren brauchten weniger als ein halbes Jahrzehnt, um die bis dahin liberale Kap-Provinz und die Provinz Natal auf ihr Gesetzniveau herunterzunivellieren. Am 31. Mai 1910, dem achten Jahrestag des Friedens von Vereeniging, trat die neue Verfassung in Kraft, in der die Ungleichheit der Rassen konstitutionell festgeschrieben wurde.
Die Ausführungsbestimmungen kamen später. Die Apartheid, zu deutsch schlicht "Trennung", wurde in vollem Umfang erst vierzig Jahre danach Gesetz. Doch die Rahmenrichtlinien hatte Jan Smuts, vormals Troupier in Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika, schon im Mai 1917 definiert. Die zwei wichtigsten Grundsätze: "Es darf keine Blutsvermischung zwischen den Farben mehr geben, zweitens müssen die Weißen ihr Verhalten auf ... dem granitenen Fundament des Kodex der christlichen Moral aufbauen." Christliche Moral hat keinen Gebrauchsmusterschutz.
Die Moral von der Geschichte war damals, was sie - freilich mit der Tendenz zum Besseren - bis in die Gegenwart hinein geblieben ist: Die Schwarzen sollten für die Weißen arbeiten, wo sie benötigt wurden, und sich im übrigen möglichst unsichtbar machen.
Lord Milner schrieb später an seinen Amtsnachfolger, er hätte dem Frieden von Vereeniging niemals zugestimmt, wenn er "die zügellosen Vorurteile fast aller Weißen gegenüber Konzessionen an die Schwarzen geahnt hätte". Dabei waren sich die englisch- und afrikaanssprachigen Südafrikaner, die einander sonst frenetisch haßten, in der Rassenfrage einig. Südafrika war white man''s country. Und so sollte es bleiben.
Britischer Liberalismus ist eine Schönwetter-Ideologie. Gegenüber der Außenwelt hat sich die Schicksalsgemeinschaft der Kap-Engländer stets als Bollwerk des Liberalismus gegen die Kräfte der finsteren burischen Reaktion angebiedert. Wenn sie wirklich so liberal wären, wie sie tun, dann hätte die Nationale Partei nicht jahrzehntelang mit Zweidrittel- und Dreiviertelmehrheit regieren können. "Die party is die volk en die volk is die party", steht auf der Fahne der Nationalen. Und dabei sind auch die Engländer nicht ausgeschlossen. Wenn''s gegen die Schwarzen geht, stehen Afrikaaner und "uitlanders" zusammen.
Auch der große Mahatma Gandhi, der sich als eine Art Ehrenbrite verstand, weil er auf britischer Seite als Freiwilliger am Burenkrieg teilgenommen hatte, ehe er sich an der Befreiung der Natal-Inder versuchte, hielt nichts von der Gleichheit der Rassen. In seiner Welt gab es nur Briten, Inder und Barbaren. "In diesem Land der schwarzen und weißen Kaffern", sagte er 1914 bei seiner Abreise aus Südafrika, "wird man die Sprache der Freiheit niemals verstehen." Fraglich, ob der Mahatma sie selbst restlos verstanden hat.
Die Schwarzen hatten, abgesehen von einer Handvoll freisinniger anglikanischer und katholischer Pfarrer, keine Lobby. Rassendiskriminierung galt vor weltlichen Instanzen noch nicht als Sünde.
Auch bei den Sozialisten ging Klasse vor Rasse. Als 1922 marxistische Gewerkschafter zum Aufstand gegen die Gleichmacherei mobil machten, weil die Johannesburger "Chamber of Mines" einige Berufsgruppen, die bis dahin den Weißen vorbehalten gewesen waren, für Schwarze und Mischlinge öffnete, zogen burische Politruks mit Transparenten durch Johannesburg, auf denen zu lesen stand: "Proletarier aller Länder, kämpft für ein weißes Südafrika."
Der große Wladimir Iljitsch Lenin war im übrigen der Ansicht, daß man das südafrikanische Proletariat "nicht auch noch mit Demokratie oder überhaupt Politik behelligen" solle.
Während des Johannesburger Arbeiteraufstandes rückte weißes Militär mit Artillerie gegen kommunistische weiße Arbeiter vor, um die Rechte der schwarzen Hilfsarbeiter zu schützen. Das steht beides nicht in der Großen Sowjetenzyklopädie.
Die Grundkonstellation hat sich bis heute nicht verändert. Die wesentlichen Impulse zur Demontage der Apartheid kamen stets von der Industrie und nicht von Regierung oder Gewerkschaften. Südafrika ist das einzige Land der Erde, in dem die Industrie links von der Regierung steht.
Politischer und wirtschaftlicher Trend waren von Anfang des Jahrhunderts an gegenläufig. Wie sich Südafrika gleichzeitig ökonomisch zur Industriegesellschaft
vorwärts- und sozial zur Sklavenhaltergesellschaft zurückentwickeln konnte, ist freilich eines der ungelösten Rätsel des 20. Jahrhunderts. Die These, daß Freiheit und Wohlstand korrespondierende Größen seien, ist am Beispiel Südafrikas jedenfalls nicht zu erhärten.
Die vitalsten Motoren der Rückwärtsentwicklung waren die "Nederduits Gerevormeerde Kerk" und der "Broederbond", eine verschworene Geheimgesellschaft, die, ohne Verfassungsauftrag, seit annähernd fünfzig Jahren die Richtlinien der Politik bestimmt. Alle wichtigen Entscheidungen, die die dominierende Nationale Partei im Parlament forcieren will, müssen zuvor im Bundesrat des Broederbonds vorentschieden werden.
Der Bruderbund mit seinen heute 12000 Mitgliedern in Regierung, Verwaltung, Kirche und Industrie ist die stärkste Kraft im Burenstaat. Er hatte die Macht, die Rassengesetze gegen den Willen der wirtschaftlich Mächtigen durchzusetzen. Er hat auch als einziger die Macht, ihre Demontage durchzusetzen. Der heutige Präsident, Pieter Willem Botha - Mitgliedsnummer 4487 - hätte seine Apartheid-Reformen nicht wagen dürfen, wenn der Bund nicht seine Zustimmung dazu gegeben hätte. Allerdings: Das Schisma, das die Nationale Partei in eine "Erleuchtete" und eine "Verkrampte" Fraktion gespalten hat, ist auch dem Bruderbund nicht erspart geblieben.
Der Bruderbund wurzelt tief in der Feindschaft gegen die "Engelse", die Nachkommen, der britischen Kolonialherren, die Anfang des Jahrhunderts zwar weit weniger als die Hälfte der weißen Bevölkerung stellten, aber überall den Ton angaben. Die Bundesbrüder wollten los von England. Das Statut von Westminster, das Südafrika 1931 formell die vollständige Unabhängigkeit innerhalb des Commonwealth zusprach, war ihnen nicht genug.
Die Geschichte der Buren, "das höchste Kunstwerk des Baumeisters der Jahrhunderte", wie es der spätere Premier, Pfarrer Daniel Malan, nannte, konnte nicht vollendet werden, solange eine Fraternisierungspartei wie die verhaßte United Party im Lande regierte.
Der Chef der United Party, Jan Smuts, ein enger Freund Winston Churchills, hatte zwar in den ersten Jahren der Unabhängigkeit entscheidend daran mitgewirkt, die Weichen für den Rassenstaat zu stellen. Aber er wollte auch die Versöhnung mit den Briten. Das war für die radikalen Buren Verrat.
Die Polarisierung zwischen gemäßigten und radikalen Buren war perfekt, als das Parlament in Kapstadt 1939 mit 80 gegen 76 Stimmen Südafrikas Eintritt in Englands Krieg gegen die Deutschen beschloß.
Die radikalen Buren, unter ihnen der spätere Premierminister John Vorster formierten sich in der "Ossewa Brandwag" zu einer "Art Gestapo", wie es Jan Smuts nannte. Sie sprengten Hochspannungsleitungen, überfielen Polizeistationen und sabotierten Nachschublieferungen für die kämpfende Truppe.
Vorster, damals Ossewa-General, definierte 1941 die geistigen Wahlverwandtschaften unter den Widerständlern so: "Man kann das antidemokratische Prinzip Diktatur nennen, wenn man will... In Italien heißt es Faschismus, in Deutschland Nationalsozialismus, in Südafrika Christlicher Nationalismus."
Sieben Jahre später, in den Parlamentswahlen von 1948, eroberte der Christliche Nationalismus die Macht in Südafrika. Pastor Malan, der Vorsitzende der Nationalen, rief am Tag nach der Wahl unter dem Jubel seiner Getreuen: "Ab heute ist Südafrika wieder unser. Gebe Gott, daß es immer unser bleibe." Apartheid Stunde Null.
Im nächsten Heft
Rohstoff-Blockade: "Millionen deutsche Arbeitsplätze in Gefahr" - Strategische Vorratslager für den Krisenfall - Kann Südafrikas Wirtschaft ohne die westlichen Multis überleben?
[Grafiktext]
SÜDAFRIKA ZU BEGINN DES BURENKRIEGES
[GrafiktextEnde]
Aus "L''Assiette au beurre".
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 9/1986
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