24.03.1986

UNTERNEHMENIrgendwo ein Leitbild

Deutschlands ganzer Computer-Stolz, die Paderborner Firma Nixdorf, muß ohne ihren Gründer auskommen. Die Nachfolge hat der verstorbene Chef gut vorbereitet. *
Die Gäste trugen Stetson-Hüte und Sheriff-Sterne, Dave Dudley machte Country-Musik, und ein Cowgirl schwang das Lasso: Im "Nixdorf-Saloon" war Highlife.
Kurz vor Mitternacht hörte die Band mitten im Song "Souvenirs, Souvenirs" plötzlich auf. Die Western-Show, die der Computer-Hersteller letzten Montag zur Hannover-Messe "CeBit" für seine Geschäftsfreunde in Szene gesetzt hatte, ging jäh zu Ende: Der Chef der Firma, Heinz Nixdorf, 60, war beim Foxtrott im Zirkus-Zelt mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen.
Mit dem plötzlichen Tod des "ideenreichsten und erfolgreichsten Unternehmers der Bundesrepublik" (so Bundespräsident Richard von Weizsäcker) verloren die Deutschen jenen Mann, der ihnen zuweilen noch die Hoffnung vermittelt hatte, sie seien im Wettbewerb um die aussichtsreichen Computer-Märkte Japanern und Amerikanern nicht ganz hilflos ausgeliefert.
Lange vor den cleveren College-Boys aus dem kalifornischen Computer-Tal Silicon Valley hatte Nixdorf seinen Aufstieg begonnen. In einem Keller in Essen baute der Physikstudent ohne Abschluß, Sohn eines Bahnarbeiters, 1952 seinen ersten Rechner. Letztes Jahr machte die Nixdorf Computer AG einen Umsatz von fast vier Milliarden Mark und beschäftigte über 23000 Mitarbeiter.
Andere Vorzeige-Unternehmer der Wirtschaftswunder-Ära wie der Versandhändler Josef Neckermann oder der Wienerwald-Wirt Friedrich Jahn mußten längst schmählich ihre abgewirtschafteten Firmen verlassen; doch Nixdorfs Computer-Reich wuchs munter weiter, in Sprüngen von 20 Prozent jährlich.
Wirtschaftsblätter kürten Nixdorf zu Deutschlands Hoffnungsträger" und zum "Manager des Jahres". Die Rolle machte dem Westfalen sichtlich Spaß. Im Klartext sagte er jedem die Meinung.
Die Bundespost, hielt er dem Minister Christian Schwarz-Schilling auf offenem Podium vor, sei ein Unternehmen mit "500000 Lahmärschen". Den Elektro-Konzern Siemens, seinen Konkurrenten im Computer-Geschäft, verspottete er als Subventions-Empfänger. Und der Nation als solcher beschied er: "Die Deutschen arbeiten wenig, feiern oft krank und haben zuviel Urlaub."
Mit solchen Sprüchen, auch mit seiner tief verwurzelten Angst vor "den Russen", kam Nixdorf zumindest bei den mittelständischen Firmenchefs, die seine besten Kunden waren, gut an. Kompakte Bürocomputer für diese seelenverwandte Klientel, eine 1966 begonnene Modellreihe 820, waren der erste große Verkaufserfolg und die Grundlage für den Ausbau des Geschäfts.
Längst hatte die Firma Konzern-Format erreicht - der Nixdorf-Umsatz liegt
etwa gleich mit dem des Computer-Geschäftsbereichs von Siemens-, da pflegte der Chef noch immer instinktsicher den Stil des gediegenen Mittelständlers "Er selbst war sein bester PR-Chef", urteilt ein Pressechef aus der Branche bewundernd. "wirklich unverwechselbar und irgendwo ein Leitbild".
Dank der hervorragenden Öffentlichkeitsarbeit, die der Chef selber besorgte, setzten die Kunden wie bei sonst keinem Unternehmen dieser Größe die Person des Gründers mit der Firma selbst gleich. Der plötzliche Tod der Leitfigur bewirkte einen ersten Schock. Die Nixdorf AG ohne Heinz Nixdorf - wie soll das gehen?
Am Tag nach dem Tod des Chefs sackte die Nixdorf-Aktie um 23 Mark ab. Doch tags darauf wurde das Papier schon wieder höher notiert.
Anders als viele Gründer-Unternehmer hat Nixdorf nicht wie im Glauben an die eigene Unsterblichkeit geherrscht. Mitte der siebziger Jahre hatte er schon einmal einen Herzinfarkt. Nur weil seine Frau das Auto, in dem sie gerade fuhren, rechts rum ins Krankenhaus" (Nixdorf) steuerte, kam Heinz Nixdorf wohl mit dem Leben davon.
Seither hat er systematisch einen Nachfolger aufgebaut: Klaus Luft, 44, Nixdorfs Stellvertreter im Vorstand, wird nach dem Willen des Gründers zum neuen Vorstandschef gewählt, am 7. April.
Der Nixdorf-Nachfolger war Ende der sechziger Jahre von der ziemlich glücklos mit Computern operierenden Uhren-Firma Kienzle gekommen. Nixdorf vertraute ihm bald das US-Geschäft und die Finanzen an. Beide Bereiche liefen nicht gerade bestens: Das Geld war wegen der andauernden Expansion knapp, bis Nixdorf 1984 an die Börse ging und frisches Kapital von mehr als eine halbe Milliarde Mark bekam. Die Nixdorf-Geschäfte in Amerika brachten dreistellige Millionenverluste ein und sind bis heute nicht recht rentabel.
Doch Nixdorf kreidete seinem Zögling Luft den Mißerfolg in den USA nicht an. Wichtig war, daß er mit dem jungen Mann konnte: Luft hat - in gezähmter Form - einen ähnlich rauhbeinigen Ton wie sein verstorbener Boß. Einige zarter besaitete Manager waren dem nicht gewachsen und verabschiedeten sich - Gelegenheit für Luft, in den letzten Jahren den Vorstand mit Leuten seiner Wahl zu besetzen: Arno Bohn, 38, für den Vertrieb in Europa; Hartmut Fetzer, 45, für die Entwicklung.
Nur ein Ressort hatte sich der Alte bis zuletzt freigehalten: die Produktion. Bis in die Details bestimmte der Tüftler, wie es in den Fabriken auszusehen hat. Eine seiner Ideen war ein 60-Zentimeter-Raster für alle Bauten. Den deutschen Facharbeiter (Nixdorf: "Den besten auf der Welt") verschonte er bei seinen Rundumschlägen, bei seinen Arbeitern fühlte er sich in seinem Präzisionsfanatismus verstanden.
Die eigentliche Stärke der Firma sehen Branchenkenner allerdings nicht in der Güte der Produkte, sondern im Verkaufen. Kaum ein anderer Computer-Hersteller hat die Vertriebs- und Service-Mannschaft so ausgebaut wie Nixdorf. 55 Prozent der Belegschaft sind in diesen Bereichen tätig. Allein zur "Ce-Bit"-Messe in Hannover waren 1250 Nixdorf-Leute angerückt.
Die computerscheuen Mittelständler, mit denen Nixdorf im Bundesgebiet 30 Prozent seines Umsatzes macht, brauchen Hilfe und Zuspruch von diesen Experten. Dies war das Erfolgsgeheimnis. Die Oberaufsicht über diese Truppen führte schon bisher der neue Mann an der Spitze. "die Hauptstärke von Nixdorf ist Vermarktung", meint Gerhard Adler von der Berater-Firma Diebold, "und das ist Luft'
Doch auf die Dauer werden Marketing-Künste allein auch nicht reichen. Das Mittelfeld der Computer. Nixdorfs Domäne, wird enger- Personal-Computer reichen bald an die Leistungen der Nixdorf-Rechner heran, die Großen der Branche sind längst in den früher vernachlässigten Bereich eingestiegen. Und allseits fallen die Geräte-Preise.
Nixdorf ist zwar auch nicht mehr allein auf die angestammte Kundschaft der Klein- und Mittelbetriebe angewiesen. Banken, Versicherungen und Kaufhäuser benutzen Schalter-Terminals. Geldausgabeautomaten oder Computer-Kassen von Nixdorf. Gerade aber die Großkunden sollen bald zum nächsten Technologie-Sprung ansetzen: dem Zusammenbau aller Kommunikations-Techniken
- von Telephon. Fernschreiber, Computer bis zur Bildübertragung - in einem Netz.
Weltweit kooperieren die großen Computer- und Telephonfirmen, um diese neue Technik in den Griff zu bekommen. Nixdorf verkündete vorlaut, die kleine Firma beherrsche das schon.
Doch in aller Diskretion hatte der Computer-Bauer erst mit Siemens, dann mit Bosch Kooperations-Gespräche aufgenommen, beidesmal freilich ohne Ergebnis. Bei der Paarung Siemens-Nixdorf hatte das Kartellamt frühzeitig abgewinkt. Bosch-Manager Marcus Bierich und der eigenwillige Heinz Nixdorf fanden keinen Draht zueinander.
Ohne den knorzigen Westfalen kann der neue Nixdorf-Chef Luft womöglich unbeschwerter über ein Zusammengehen mit anderen Firmen verhandeln. Von den Familien-Erben, denen wohl zwei Drittel der Nixdorf-Aktien zufallen, sind Querschüsse nicht zu erwarten: Die drei Nixdorf-Söhne sind nicht in der Firma, sondern in computerfernen Berufen tätig.
Allzuschnell wird Luft bei der Partnersuche allerdings kaum aktiv werden können, das sähe sehr nach Ausverkauf des Erbes aus. "Im nächsten Jahr", mutmaßt der Berater Adler, "tut sich da erst mal gar nichts."

DER SPIEGEL 13/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMEN:
Irgendwo ein Leitbild

  • Die wichtigsten Zahlen zum Brexit: Ohne Abkommen kaum Gemüse
  • Flugzeug-Simulation: Im Notfall machen wir alles falsch
  • Bohrlochunglück: Spanien bangt um Zweijährigen
  • Brexit-Abstimmung: May warnt vor Auseinanderbrechen Großbritanniens